„Einsame Wörter“

Ich lade Autoren ein,  ihre Texte an diesem Blog zu veröffentlichen. Als erste hat Dorota Cygan, Linguistin, auf diese Einladung reagiert. Sie stellte mir ihren Text „Einsame Wörter“ zur Verfügung, der zwar im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB) 2005/2006 veröffentlicht wurde, den man aber im Netz nirgendwo findet.

Dorota Cygan
„Einsame Wörter“ oder Von der Poesie des Deutschunterrichts

Dichter sind sie eigentlich, ja, Dichter, ohne es zu wissen. Ausländer, die sich mühsam in das steife Korsett der deutschen Syntax zwingen, dafür aber in der Wortbildung in vollen Zügen die Freiheit genießen und sich manchmal bis in die sprachliche Anarchie vorwagen. Solange, bis die Lehrer, trostlose Besserwisser, ihnen den anarchischen Spaß vertreiben und das Richtige beibringen. Bis dahin ist es aber, Gott sei Dank, ein langer Weg, auf dem ein aufmerksamer Pädagoge (kein Sprachmoralist) manch eine Perle aufzulesen vermag. „Einsame Wörter“ – ich fand diese Verbindung in einem zu korrigierenden Beitrag und konnte mich nicht entscheiden, ob mich die frappierende Schönheit dieser Wortkombination mehr entzückt oder die tiefe Wahrheit über die existentielle Lage der besagten Wörter. Wenn man statt „einzelne Wörter“ – „einsame Wörter“ schreibt, ist man doch einen gewaltigen Schritt weiter als die nüchternen Linguisten, die ein Sprachphänomen, eben ein einzelnes Wort, isoliert betrachten wollen. Man ist mit dieser Kombination in einem einzigen (nicht einsamen!) Schritt direkt auf der existentiellen Ebene. Denn: Ist nicht alles Einzelne nicht auch ein wenig einsam? Liegt nicht ausgerechnet darin, in dieser misslichen Ausgangssituation das Bestreben der Wörter begründet, sich zu Paaren, Dreieckkombinationen und Ketten zu schließen? Weil man nämlich als Wortkette eine ernst zu nehmende kommunikative Einheit zu bilden vermag und einen gewissen Anspruch auf größere Ausdruckskraft gewinnt? Sicher ja, deshalb sei hier etwas zur Verteidigung der armen „einsamen Wörter“ gesagt, die sich, wenn sie einzeln auftreten müssen und keinen Schutz des ganzen Kollektivs von weiteren Wörtern genießen können, gar nicht trauen, als Einzelne zu bestehen und ihre Wahrheit laut zu verkünden. Diese „einsamen Wörter“ seien hier mal in Schutz genommen. Sie sind aussagekräftiger als Wortkaskaden. Und vor allem: Sie sind die BASIS. Ohne sie wäre ja nichts mit Deutschlernen. Als ich (bitte verzeihen Sie mir diese persönliche Einlage) vor einigen Jahren meine ersten Wörter der deutschen Sprache aufschnappte, besetzten sie, langsam aber sicher, alle Winkel meines Gehirns und ließen wenig Speicherplatz für Matheformeln und Geschichtsdaten. Nachts krochen sie hervor und meldeten sich ununterbrochen – alle einzeln, ohne jeden Zusammenhang. Ich träumte Wörter, immer nur Wörter. Sie waren nicht wegzukriegen aus dem Gedächtnis. Sicherlich ging es Größeren dieser Welt ähnlich, wenn ich in dem Zusammenhang Arno Schmidt zitieren darf, der mal schrieb: „Vielleicht bin ich von Mutter Natur ausdrücklich als 1 Gefäß für Worte angelegt.“ Doch diesen Satz kannte ich damals nicht. Und irgendwann aber traten die Wörter glücklicherweise aus der Isoliertheit (oder Vereinzelung) heraus und begannen Zusammenhänge zu bilden. Dass es jetzt, nach vielen Jahren, hauptsächlich auf die Zusammenhänge ankommt, soll uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass einzelne, zunächst einsame Wörter die eigentlichen Bausteine des gesamten Sprachgebäudes sind. Bei aller Liebe für komplexe Redewendungen serviere ich im Deutschunterricht deshalb Wörter gerne auch einzeln, und zwar sowohl den Anfängern in meinem Deutschkurs, als auch den fortgeschrittenen Studenten, die sich ihre poetischen Kombinationen selbst erfinden dürfen und sie mir dann auch bitte schenken sollen. Aus all den Geschenken wird vielleicht eines Tages ein kleines poetisches Brevier entstehen – aus Wörtern nämlich, die entgegen der herrschenden Konvention etwas willkürlich nebeneinander aufgestellt werden und einen Hauch des Neuen, Kreativen haben. Zum Beweis dafür, dass in ausländischen Lernenden manchmal Dichter stecken.

Für die „einsamen Wörter“ sei der Autorin jenes Beitrags, den ich korrigieren sollte, an dieser Stelle herzlich gedankt. Diese Wörter ruhen jetzt in der privaten Schatzkammer und glänzen dort – sogar in guter Gesellschaft.

Übrigens hat auch die StaBi Anflüge sprachlicher Kreativität: Dort stand vor ein paar Jahren auf einem Verbotsschild: „Die Tische und Stühle dürfen nicht verrückt werden.“ Der Satz gehört ja auch in die Schatzkammer, oder? Ob er wohl von einem Dichter stammt?

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Dorota Cygan i oznaczony tagami . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

3 odpowiedzi na „„Einsame Wörter“

  1. Anonim pisze:

    Dorotko, bardzo mi się Twój tekst podobał. Zbieraj dalej takie perełki aż uzbierasz na sznur pereł.

    • Dorotek pisze:

      Hej! Gdybym nie byla kompletna balaganiara, to moglabym Ci teraz ad hoc z woreczka wyjac jedna czy druga taka perelke. Ale gdzie te karteczki … porozrzucane po katach? Spontanicznie przychodza mi do glowy tylko dwie kreacje: „legendenumgewittert” zamiast „sagenumwoben” tudziez „legendenumwoben”. I druga: „bruchteilhaft” zamiast „bruchstückhaft”. Ach, na koniec jeszcze jedna z gatunku Bewerbungsprosa: „Ich bin flexible Teamfähigkeit” napisal jeden moj uczen w liscie motywacyjnym. Mialam ochote go usciskac.

  2. Anonim pisze:

    „Es gibt einsame Wörter…” http://dadsdiary.de/2013/01/28/dadsdiary-077/ und Danke!😉

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s