Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

Auch dieser Text wurde im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB) 2007/2008 veröffentlicht und auch er ist im Internet nicht vorhanden.

Dorota Cygan

Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

Na, dann iss was, es hat doch keinen Sinn zu hungern, die zwei Würste vorher waren wohl ein Witz und die kleine Suppe auch eher dünn, das bisschen Schokolade und Eis tagsüber brauchst du gar nicht zu zählen, wo kämen wir denn hin, wenn alle ab jetzt nix mehr essen, ach was, Orangenhaut ist erblich und von Rettungsringen sollen die da nicht reden, wenn sie selber Augenringe haben, diese Arbeitsfetischisten und Zeitungsfreaks, selbsternannte Ernährungsberater im hysterischen Krampf auf der Suche nach Themen und  druckreifen Ratschlägen, die sich möglichst in Versform zu geflügelten Worten reimen und dauerhaft einprägen sollten, vergiss sie, iss was, der Abend ist noch lang, es geht nichts über ein Stück Schokolade, geistige Nahrung braucht mal auch eine konkrete Grundlage, allein ist sie bloß Ersatz, nee, stimmt gar nicht, ist nicht die zweite Tafel, der kleine Riegel zählt ja nicht, na dann nimmst du dir gleich alles Wichtige vor, was gestern liegen geblieben ist, ja, den alten Artikel auch, der vorige Woche hätte abgegeben werden können, wenn er nicht so offensichtlich unvollkommen gewesen wäre, machst halt ein paar Striche, hier und da ein Komma, eine treffende Metapher, subtile Pointe, streust ein paar Gedankenblitze und fertig, Magenkrämpfe haben noch keinem beim Schreiben geholfen, kein Wunder, dass du nichts zustande bringst, wenn der Bauch schnalzt und der Darm pfeift, für einen genialen Wurf brauchst du Energie, und wenn sie erst mal da ist, kannst ja gleich die Notizen vom vorigen Jahr suchen, liegen wohl unterm Bett, sicherlich runtergerutscht beim Nickerchen, ja, alles verstaubt sofort, diese Umweltverschmutzung, da waren doch, weißt du noch, ein paar geniale Ideen für drei neue Artikel, könnte man gleich einen ersten Entwurf machen und am Wochenende den Rest, ja vielleicht am besten gleich zwei, wenn man schon in Fahrt ist, dem Prof würden sie sicher gefallen, wenn er sie schwarz auf weiß vor sich hat, so bloß erzählt mag er sie nicht mehr, er sei schon zu alt, meinte er letztens, ja, Geschriebenes hat schon was, beruhigende Buchstabenreihen in klarer Abgrenzung vom Hintergrund, guter Kontrast, Schärfe der Argumentation und disziplinierte Gedankenführung, Ordnung des Gemachten,  fertiggestellte und abgeschlossene Größe, die – in Worte gebannt – nie mehr wachsen, geschweige denn über den Kopf hinauswachsen kann, tote Materie, die sich nicht verselbständigen kann, um in der Nacht herumzuspuken, ja, es hat schon was … wie auch diese Milka mit Joghurt-Füllung, gar nicht schlecht, viel Milch und Fruchtgeschmack, wie damals, als noch keine Diss im Raum stand, als Fahrradfahren und Fußballspielen zur normalen Fitness und die ersten peinlichen Gedichte zur gewöhnlichen Selbstprofilierung  gehörten, ach, eigentlich ist es wie gestern, kein großer Zeitsprung, immer noch derselbe Geschmack und dieselben Pickel, wenn du dich zusammenreißt, sieht man weder den Bauch noch die seichten Stellen im Textgefüge, noch ist alles möglich, jetzt um den Jahreswechsel hast du doch alles Vergangene weit hinter dir zurück gelassen, es holt dich nicht so schnell ein, nimm jetzt den richtigen Anlauf und dann fließen die Gedanken nur so hin, geordnet, gefügig und soooo schön, dass man sich nicht satt sehen kann – die längst überfälligen Sätze, endlich zu Papier gebracht, markieren die Grenze zum Neuen, und hinter dieser Grenze erstreckt sich eine weite Fläche ungeahnter Möglichkeiten, – die Freiheit, alles essen, denken, verbrechen, lieben und hassen zu können, was das Herz begehrt, vor lauter Übermut eine, zwei, drei oder vier weitere Dissertationen zu schreiben, ohne dass das Gefühl eigener Omnipotenz angesichts solch totaler Lebensentwürfe schwächelt, mehr noch –  ich sage dir, du wirst es noch heute schaffen, du wirst noch in dieser Nacht zu schreiben anfangen, du wirst Schriftstellerin, es ist die Geburtsstunde deines Genies. Du wirst es.

P.S. Hiermit schreiben wir einen Wettbewerb aus: Gesucht wird ein würdiges Pseudonym für die werdende Schriftstellerin ohne Werk. Gestiftet wird ein Preis in Höhe von 5 Euro für seriöse Vorschläge. Die Autorin tauscht die Urheberrechte für den vorliegenden Text gegen ein Radio oder eine psychedelische CD, die sie davor bewahrt, in der Stille ihres Arbeitszimmers Texte von solch peinlicher Offenheit zu produzieren, nur um die klirrende Stille der schalldichten Wohnzelle zu übertönen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Dorota Cygan i oznaczony tagami . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

2 odpowiedzi na „Von der Polyphonie des inneren Monologs oder Wenn das Radio fehlt

  1. ewamaria2013 pisze:

    Ich habe dem Text einen „Like” zugefügt, um zu zeigen – ich, Ewa Maria Slaska, Administratorin und Autorin dieses Blogs, mag den hier publizierten Text von Dorota Cygan. Ich wollte somit betonen, dass wir zwei Frauen sind.
    Seit ein paar Tagen bemühe ich mich, für Dorota einen Status als Autorin zu bekommen, leider bis heute vergeblich, obwohl wir alles, was unsererseits erforderlich, gemacht haben.
    WordPress, der Dorota nicht als Autorin eingesetzt hatte, erlaubte sich aber nach dem Veröffentlichen dieses Textes, eine ironische Email mit der Bemerkung, dass ich – haha! – so egozentrisch bin und mich selber mag.
    Haha!
    Danke WordPress!

    • Dorotek pisze:

      Unterm Bett fand ich gerade einen alten Text von Kurt Tucholsky (Titel: VORSÄTZE)- und will ihn Euch nicht vorenthalten. Gedanklich gehört er irgendwie in diese Reihe:
      „Ich will den Gänsekiel in die schwarzen Fluten tauchen. Ich will einen Roman schreiben. Schöne, wahre Menschen sollen auf den Höhen des Lebens wandeln, auf ihrem offenen Antlitz soll sich die Freiheit widerspiegeln…
      Nein, ich will ein lyrisches Gedicht schreiben. Meine Seele werde ich auf sammetgrünem Flanell betten, und meine Sorgen werden kreischend von dannen ziehen…
      Nein. Ich will eine Ballade schreiben. Der Held soll auf blumiger Au mit den Riesen kämpfen, und wenn die Strahlen des Mondes auf seine schöbe Prinzessin fallen, dann…
      Ich will den Gänsekiel in die schwarze Flut tauchen. Ich werde meinem Onkel schreiben, dass ich Geld brauche.”

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s