Die ewige Jüdin

Dies ist mein Text, der sehr alt ist, der irgendwo schon ein paar Mal publiziert wurde, ich weiß aber nicht mehr wo, und den es auch auf Polnisch gibt, aber auch das weiß ich nicht – wo. Ich publiziere hier das, was ich in meinem Computer gefunden habe.

Ewa Maria Slaska

Es ist ein melancholisches Kind gewesen, das mit starker kindlicher Sicherheit wußte, es  sei nicht geliebt. So ist es im Leben. Ein Wesen, das nicht schön ist, verdient es nicht, geliebt zu werden. Es scheute  sich, angeschaut zu werden und wußte zu gut, daß die Schuld nur es zu tragen hatte, die Schuld, ein Mensch zu sein, der nicht schön ist. Schönheit schien ihm mit der Güte vergleichbar und mit ihr verwechselbar zu sein. Sie war eine Gnade, ein Glück, oder vielleicht, wer weiß, auch ein Preis für bestimmte Verdienste, ein Preis, der ihm verwehrt blieb.

Es war ein Mädchen. Es mochte keinen Sport. Ihr Körper ekelte sie. Sie lehnte ihn ab. Sie schämte sich, ihn zu besitzen. Ihre Kindheitsphilosophie war sehr einfach, aber messerscharf und logisch:  Eine Lebensaufgabe eines Körpers ist es, geliebt zu sein. Nur Schönheit kann geliebt werden. Schönheitslose Körper liebt man nicht und daher leben sie vor sich hin, ohne Zweck.

Das Mädchen wollte geliebt werden. Für ihre Schönheit geliebt. Ihre Mutter sollte sie lieben. Nur sie zählte.

Das Mädchen ist aber ein kluges Kind gewesen. Es hate sich eine Ersatzschönheit ausgedacht und sie hieß: Leistung. Es waren gute Leistungen, die ihm immer wieder die ihm so notwendige Anerkennung seiner Mutter brachten. Klug zu sein und dadurch doch eine Art Liebe zu gewinnen, war sein einziger Lebenstrost. Er war aber sehr dürftig. Miserabel. Sie war nicht die wahre Liebe und nur sie zählte.

So ist das Kind zuerst ein kluges Kind, später ein kluger Mensch geworden. Alle sagten, es sei sehr kluger Mensch. Klugheit brachte ihm Anerkennung. Es wollte sie aber nicht so. Nicht statt Liebe. Nicht statt die wahre Liebe. Das Gefühl nicht wahr geliebt zu sein blieb irgendwo im Hinterkopf und mündete – unvermeidlich sogar – in Wertlosigkeitsgefühl. Das Kind war kein Kind mehr aber wie ein Kind wußte es, daß die Liebe die durch Klugheit errungen ist, nicht die wahre Liebe sei. Die wahre Liebe wäre die, welche der Schönheit gewidmet wäre, und gerade diese blieb ihm vorenthalten. Und ohne Liebe hatte das Leben keinen Sinn. Der Mensch war eine Frau. Die Frau wollte sterben, weil es eine einzige logische Lösung ihres Dilemmas war. Die Idee eines Selbstmordes wurde ihr zur treuesten Begleiterin.

Mindestens sechsmal hat die Frau versucht, sich umzubringen.

Ironie ersetzt das Gefühl der Wertlosigkeit nicht. Natürlich nicht. Und man ist auch nicht schöner mit ihr. Und sie liefert auch keine Erklärung, weshalb man zum Sterben häßlich gewesen bin.

Bis es der Frau eines Tages alles klar wurde.

1985 emigrierte die Frau aus Polen nach Berlin. Eines Tages nach ihrer Ankunft, wachte sie mit einer unschlagbaren Sicherheit auf. Jetzt endlich wußte sie, wer sie war. Kam es mit einem Traum zusammen oder wußte sie es schon irgendwie vorher? Jetzt wußte sie es aber mit unlogischer Sicherheit. Sie saß auf ihrem Bett, schaute abwesend aus dem Fenster und sagte:

Ich bin eine Jüdin.

Sie war eine Jüdin, weil ihre Mutter eine Jüdin war. Niemand hatte es ihr gesagt. Sie auch nicht. Vor allem sie nicht. Nie hatte sie ein Wort darüber verloren, nie weder bewußt noch aus versehen sich in dieses Thema verirrt. Die Frau war aber sicher, dass es so war und sie es nie vergaß. Wie ein Aufseher mußte sie über ihre Gedanken, Worte und sogar Träume herrschen und übte eine nie endende Kontrolle aus. Auch über ihre Kinder. Und sie dachte, die Tatsache wäre mit dem Schweigen verloren und vergessen. Als ob sie nie existierte. Trotzdem war die Frau todsicher, dass sie es jetzt weiß. Endlich. Sie sind beide Jüdinnen, obwohl die Mutter keine seien wollte, und die Fraue es sogar nicht wußte, dass sie eine seien könnte.

Sie rückte 40 Jahre zurück.

Die Mutter lag im Krankenhaus. Das Kind wurde gerade geboren. Das Kind, das ein Mädchen war.

Es sah sich mit den Augen seiner Mutter: ein kleines Wesen. Es sah genauso aus wie sie.

In der ersten Stunde nach der Geburt sieht man jene Familienähnlichkeit am besten. Ein paar Stunden später sieht ein Säugling aus wie alle anderen, aber in dieser ersten Stunde der Erkennung ist vor allem und nur das zukünftige Antlitz sichtbar.

Eine Frau erlebt nach der Geburt ihres Kindes eine Minute des transzendentalen Glücks.

Bei der Mutter ist es auch so gewesen.

So entsteht Liebe. Sie liebte das Kind.

Zur selben Zeit mußte sie aber erkannt haben, das das Kind all die Eigenschaften aufwies, die sie am liebsten für alle Ewigkeit vergessen hätte. Die Mutter, die keine Jüdin sein wollte, brachte ein jüdisches Kind zur Welt.

So entsteht Ablehnung. Das Mädchen wurde abgestoßen.

Es wurde geliebt und abgestoßen zugleich und niemand konnte den beiden helfen. Dem Kinde nicht und seiner Mutter nicht.

Das Kind war für sie eine ewige Gefahr gewesen. Seine Nase, seine Augen, Ohren, Haare, seine Haut und seine Augenbrauen konnten alle Mutters Mühe zunichte machen. Ihre eiserne Konsequenz zählte im Angesicht des Aussehens des Kindes nicht, es hätte sie immer preisgeben können, sie verraten, aus ihrer Bahn stoßen und zurück in die Hölle bringen können.

Sie mußte das Kind, das sie geboren hat, lieben, sie wollte es, und doch sie konnte es nicht. Und dies hatte das Kind seine ganze Kindheit gespürt.

Die Mutter vollbrachte eine unvergleichbare Leistung. Sie hatte es geschafft, ihr Kind wie ein abstraktes Wesen lieben zu können, obwohl sie seine körperliche Existenz nie völlig akzeptiert hatte. Deshalb wuchs das Kind mit einem Gefühl auf, einen durchaus gehaßten Körper zu besitzen.

Es wollte seine Schwester sein.

Die Schwester war doch keine besondere Schönheit. Sie sah hübsch aus, aber ihre Schönheit, so wie sie die ältere Schwester voller Neid empfunden hatte, lag vor allem in ihrer polnischen Akzeptabilität. Dies hat das Kind hochgepriesen. Seine eigene Häßlichkeit bezog sich unbewußt auf das Jüdische, Nicht-Polnische an ihm.

Nur es wußte es nicht. Es wußte aber, dass es gefährlich und hassenswert ist, scheußlich auszusehen. Und immer wieder versuchte es, seine Häßlichkeit zu töten.

Was dann für die Welt draußen nach Selbstmordversuchen aussah.

Dabei wollte es sich nur polonisieren. Als eine Leiche, wenn es so sein will. Noch heute kann man sicher sein, das Kind, das Mädchen, die Frau wäre eine wunderschöne polnische Leiche gewesen, wenn es ihr gelungen wäre, sich umzubringen

Mit dem Beginn des Krieges hörte die Mutter auf zu wachsen.

Sie war 14 Jahre alt gewesen als der Krieg begann, und all die Kriegsjahre durch sah sie weiterhin wie ein 14-jähriges Mädchen aus. Klein, zierlich, ohne Busen. Mit etlichen Pubertätspickeln in ihrem Gesicht. Mit rabenschwarzem Haar, das sich nie in Ordnung bringen ließ. Keine Schönheit, da die Schöne in ihrer Familie ihre Mutter gewesen war und nicht sie. Was noch Jahrzehnte später das Leben des Kindes, des Mädchen, der Frau stark beeinflussen sollte.

Sie stammte aus einer wohlhabenden durchaus polonisierten jüdischen Familie, die seit Generationen berühmte Ärzte aufweisen konnte. Sie wohnten nicht in einem jüdischen Viertel Warschaus, sie sprachen kein Wort Jiddisch. Sie waren Polen und polnische Patrioten.

In der Familie, sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits war eine Universitätsbildung eine Selbstverständlichkeit gewesen, wobei die Frauen auch einbezogen waren. Es gab eine Tante Irmina, die jüngste Schwester der Großmutter, die hatte schon vor dem Kriege ein Doktordiplom in Botanik vorzuweisen. Nach dem Kriege sollte sie eine gewisse Berühmtheit in dem Bereich Gras- und Mooskunde erlangen und verfügte über eine Professur. Auch Flechten, Marchantiazeen und Lebermoose, sowie verschiedenste Arten von Pilzen gehörten sehr stark zu  ihrem Metier.

Deshalb wollte das Mädchen zuerst unbedingt eine Gärtnerin werden, danach eine Biologin, wobei aber die Tierkunde selbstverständlich ausgeschlossen bleiben mußte. Sehr enttäuscht stellte das Mädchen fest, dass sich das Kadaversezieren von der Naturwissenschaft nie (zumindest am Anfang) ausschließen lassen konnte und die bloße Vorstellung, eventuell einen Frosch töten zu müssen, ließ es für die recht harmlos wirkende Archäologie entscheiden. Es blieb aber immer bei der Erde und ihre Hände waren fortwährend schmutzig. Dafür sei die Position des Uranus in ihrem Astrogramm verantwortlich.

Die hübsche Großmutter Róża hatte schwarze Haare, zarte Gesichtszüge und grüne Augen. Sie war nicht nur schön, sondern auch begabt und intelligent. Sie dichtete fachmännisch und malte kleine Stilleben. Das alles war aber (natürlich) nicht professionell. Ernst dagegen studierte Róża Chemie in Lausanne. Es soll einmal ein Foto aus dem Universitätslabor gegeben haben: etwa zwanzig junge ernste Männer, in schwarzen Gehröcken – die Herren Studenten und eine junge, ernste, schwarzhaarige Studentin mit großen Augen – die schöne Großmutter. Im Lausanne verliebte sich Róża in einen polnischen Ingenieur. Auf Gegenseitigkeit. Fest entschlossen zu heiraten, kehrten sie zusammen nach Warschau zurück, wo der junge Galan erkennen mußte, dass seine Familie mit seiner zukünftigen Ehefrau gar nicht einverstanden war. Das Ringen um die Ehe dauerte eine geraume Zeit, so einfach war der Liebende nicht klein zu kriegen, aber letztlich beugte er sich dem Vorurteil seines polnischen Adelsgeschlechts und ließ sich doch von Róża trennen.

Róża geriet in eine schwere Depression, wollte nicht mehr studieren, nahm ab, bekam fortdauernd Migräne und versuchte ihr Leben mit bloßem Dasein und Durchdasfensterschauen zu erfüllen. Sie war schon 30, als ihr Vater sie fast gewaltsam gezwungen hatte, den jungen, dynamischen, vitalen Doktor Dawid zu heiraten. Dann hat sie zuerst Halina und drei Jahre danach Jakub geboren.

Róża war schwach, zerbrechlich, krank und melancholisch, und – wie es sich die Familienlegende wünschte – in ihrem Herzen katholisch. Vielleicht wäre sie schon für ihren jungen polnischen Geliebten bereit gewesen, sich bekehren zu lassen, wenn es etwas geholfen hätte. Sie mußte es aber schon zu gut gewußt haben, dass es sowieso nichts geändert hätte. Für die Polen wäre sie doch weiterhin eine Jüdin gewesen und dazu noch eine Neophytin, getaufte Jüdin, ein Wesen, das in Polen nie Ansehen gewonnen hätte. Als sie im Herbst 1943 an einer Lungenentzündung starb, soll sie – schon in ihrem Sterbebett liegend – sich einen katholischen Priester geholt haben, der sie getauft hatte.

Ob es wahr ist, was die Legende hier überliefert? Sind Legenden überhaupt dazu da, um wahr zu sein?

Man darf von Glück reden, wenn man sagt, sie ist glücklich von der Welt gegangen, wie ein normaler Mensch in seinem normalen Bett und nich auf einem Lager im Ghetto oder im Transportzug nach Treblinka.

Sie starb, Dawid ging in den Untergrund, und die beiden Kinder wurden – mit gefälschten Papieren und reichlich mit Geld ausgestattet – bei polnischen Familien untergebracht.

Dawid war, wie schon viele vorher in seinem Geschlecht, ein praktizierender Arzt gewesen. Sein Bruder Stefan war Ingenieur und ließ sich noch vor dem Krieg in Frankreich nieder, Tante Irmina war eine Naturwissenschaftlerin, ihr nächster Bruder Szymon, ein Kino- und Radiotechniker, ein Schüler von Marconi.

Wie es sich gehörte, waren Róża und die Ihren eine typische jüdische Familie – reich an Tanten, Cousinen, Verwandten allerlei Grades. Sie waren eher traditionell als religiös, aber durchaus jüdisch und doch polnische Patrioten zur gleichen Zeit. Außer Stefan, der nach Nizza auswanderte und sich während des Krieges samt seiner Kinder mit den französischen Widerstandseinheiten des Maquis zusammengetan hatte, waren alle Familienmitglieder, sowohl die Männer als auch viele Frauen, an der Seite des polnischen Widerstandes aktiv gewesen.

Großonkel Szymon und Großvater Dawid waren Offiziere der polnischen Untergrundarmee Armia Krajowa. Szymon spezialisierte sich auf das Sprengen deutscher Transportzüge, wurde als Soldat festgenommen, in Pawiak inhaftiert und dann nach Stutthof geschickt. Dawid nahm an der Schlacht um die Janowitzer Wälder – Lasy Janowskie – teil und ist dort gefallen. An einem schlichten hölzernen Kreuz mit vielen Namen oder aber nur mit denen für die Kriegszeit angenommenen Decknamen, bei denen man schon nicht mehr imstande war, sie zu entziffern, hat seine Tochter seinen Namen gefunden, der als Doktor Dawid seinem Vaterland mit der Waffe in der Hand diente und zu seiner Ehre gefallen ist.

Sie waren so gut assimiliert und so gut situiert, dass sie alle imstande waren, nicht ins Ghetto zu kommen. Viele von ihnen haben den Krieg überlebt. Irmina hatte aus dem Krieg mit Wanda, einem Adoptivkind herausgekommen, von dem ich immer nur so viel wußte, dass es eine Kriegswaise gewesen sei, vermutlich eines der Zamojszczyzna-Kinder. Vielleicht ist sie aber eine Jüdin gewesen, sie weiß es selber nicht und Irmina ist vor 50 Jahren gestorben.

Die Davids Schwestern, Regina und Jadwiga, nahmen an den Kriegsgeschehnissen in Warschau teil, sie haben während des Augustaufstands 1944 bewaffnet gegen die Deutschen gekämpft, ihre Söhne sind in diesem Kampf gefallen. Beide flüchteten zuerst über die grüne Grenze zu Stefan nach Frankreich, dann nach England und aus England nach Australien. Sie lebten noch lange nach dem Krieg, aber wollten nie mehr nach Europa zurück. Auch zum Besuch nicht.

Keiner aus der Familie ist während des Krieges wie ein Jude umgekommen. Keiner wurde vergast oder wie ein Schlachtvieh ermordet. Sie teilten das normale Schicksal eines besetzten Volkes. Ihres Volkes. Sie waren wie eine ganz „normale” polnische Familie von dem Krieg betroffen worden, haben genauso unter dem Krieg gelitten, sind gefallen, wurden inhaftiert, verbannt und ihres Vermögens beraubt. Glücklich. Glücklich ist die Familie aus dem Krieg herausgekommen, glücklich, weil sie ihn als würdige Menschen bestanden hatten und wenn sie sterben mußten, dann sind sie würdig gefallen. Wie die Polen. Weil sie auch Polen gewesen sind und nicht nur die Juden. Deshalb sind sie wie die Polen gefallen, und ihre Heldentaten dienen der Ehre des polnischen und nicht des jüdischen Widerstandes. Der Preis für das Sterben als Mensch: das Vergessen ihres Judentums. Vollkommenes Vergessen.

Sie haben sich alle, die den Krieg in Polen überlebt hatten und nicht ausgewandert sind, also Irmina, Szymon, die Mutter und ihr Bruder Jakub, nach dem Krieg zusammengefunden und es in ihrem tiefsten Herzen geschworen, sich nie mehr als Juden abstempeln zu lassen. Nie wieder waren sie bereit ihre Stirn der Verfolgung, dem Rassismus, dem Nazismus, dem Haß, dem Mißtrauen und der Erniedrigung zu bieten. Nach so vielen Generationen, die in Polen gelebt und für Polen gearbeitet hatten, ihre jüdische Identität aber immer zu bewahren wußten, waren diese Vier, die den Krieg überlebt hatten, die Ersten, die ihre jüdische Identität gänzlich und bewußt abgelegt haben. Sie wollten sie nicht mehr haben. Sie fürchteten sie, denn sie hatte ihnen nichts gebracht außer Mord, Terror, Angst und Elend.

Da sie schon während des Krieges über gefälschte Papiere verfügten, nach denen sie Polen waren, blieben sie jetzt dabei. Sie waren zuerst Polen aus Überzeugung, dann Papier-Polen, und nun sind sie endgültig Polen geworden. Sie haben Polen geheiratet, sind inzwischen getauft, katholisch, streng gläubig und schlossen damit das Kapitel Judentum ab. Als die Kinder geboren wurden, wurden sie zu polnischen Patrioten erzogen, die ihre Heimat lieben und ihr dienen sollen.

Rigorose Juden werden vielleicht meinen, dass es ein Verrat sei, stolz darauf zu sein, als ein Pole leben und sterben zu dürfen, ein unwürdiger Pakt, den da die Familie mit Polen abgeschlossen hatte für den Preis, ihr Judentum gänzlich zu verschweigen, verleugnen und vergessen zu müssen. Sie meinten dazu, sie seien alle wohl Polen und polnische Patrioten gewesen, die Polen als Heimat geliebt hatten und keine andere kannten. Sie meinten auch, dass diese Selbstverständlichkeit sich als Pole darstellen zu können, nie eine Spur des jüdischen Akzentes oder des jüdischen Benehmens vorzuweisen, ihnen allen zigmal das Leben im Krieg und auch danach gerettet hatte.

Und sie liebten ihre polnische Heimat.

Sie auch.

Heimatliebe. Sie sprachen sehr viel von ihr. Aber die nächste Generation? Das Kind, das Mäschen, die Frau? Sie kannte sie nicht. So ist es: sie kanne sie nicht. Sie ist ein heimatloses Wesen. Sie war es immer.

ISie ist eine Emigrantin, es hat ihr aber keinerlei Mühe bereitet, ihre Heimat verlassen zu müssen. Sie liebe das hier nicht, aber sie hat auch das dort nicht geliebt. Es gibt Menschen mit denen sie sich gut fühlt, es gibt die Sprache, deren sie mächtig ist, es gibt Orte, die sie wunderschön findet, sie kennt ein paar kleine Sehnsüchte, nach einer Landschaft, einer Situation, einer Atmosphäre, aber das Gefühl HEIMAT kennt sie nicht. Sie kann sich mit NICHTS und NIEMANDEM identifizieren, weil sie immer, schon als kleines Kind mit dem Gefühl leben musste, nirgendwohin gehören zu dürfen, nirgendwohin gehören zu wollen. Als Kind war sie mit ihrer eigenen Überfremdung gar nicht einverstanden, sie hätte es so gern wollen gewollt, können gekonnt, es ist ihr aber nie gelungen, weder zu wollen noch zu gehören.

Die Heimat eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin befindet sich lediglich in der Sprache, in seiner, in ihrer Sprache. Das bedeutet, dass sich ihre Heimat, da sie eine Schriftstellerin geworden ist, doch im polnischen Sprachgebiet befinden muss, weil da ihr Freiraum entsteht. Seit zehn Jahren kämpft sie mit der deutschen Sprache, vergeblich versuchend sie zum Gehorsam zu zwingen, sie wird aber nicht wagen, sie als ihre Heimat zu bezeichnen, geschweige denn –  noch weiter gehend – zu behaupten, sie hätte ihr ihre Muttersprache ersetzt. Sie ist sich sogar nicht sicher, ob sie es überhaupt will, dass die deutsche Sprache so in ihr Leben eindringt, oder ob sie tatsächlich eine deutsche Schriftstellerin sein möchte. Sie glaubt, in einem gutgedachten göttlichen Plan, war für sie eher ein Platz unter den jüdischen Schriftstellern vorgesehen. Immerfort aber werde sie nur eine polnische Schriftstellerin sein, die sich vielleicht in der deutschen Sprache auszudrücken vermag. Es hat viel weniger mit den berühmten Problemen der Emigranten aller Couleur zu tun, mit diesem Jammern über Identität und Wurzeln, als mit der Tatsache, dass sie sich nur in ihrer Sprache frei und gedankenlos behaupten kann. Nur, die Archetypen ihrer Muttersprache entsprechen keineswegs ihrer neuen Identität. Sie ist schon deutsch. Weil sie also eine ganz neue Person ist und die ist sie eben in Deutschland geworden. Daher wäre es ihr viel lieber, hätte sie doch sagen können, sie sei in einer universellen Frauensprache beheimatet. Egal ob Deutsch, Polnisch, Englisch oder Hebräisch, sie hätte sich eine zur Verfügung stehende Sprache so bearbeiten können, dass sie sich ihrem weiblichen Drang nach Freiheit beugen würde. Sie hätte vielleicht sogar Fehler machen dürfen, vorausgesetzt, sie hätten ihre Weiblichkeit widergespiegelt. Sie würde zum Beispiel die Weib sagen dürfen, weil sie es unmöglich findet, dass eine feminine Person über das grammatikalische Geschlecht eines Neutrums verfügt. Mädchen, Fräulein, Weib, eine weibliche Triade der geschlechtslosen deutschen Neutralität. Die griechischen Göttinnen – eine Jungfer, eine Nymphe und eine Greisin, Artemis, Hera, Hekate, stehen ihr in der deutschen Sprache nackt vor Augen, mit abgehackten Busen, Köpfen und Hüften, unfruchtbar, leer und gleichgültig neutral, weder für Geburt noch für Tod zuständig.

Wie sie.

Eine Frau, eine Feministin, eine Jüdin. Eine weibliche Triade der Selbstentdeckung ist ihr in Berlin gegeben worden, und sie weiß bis heute nicht, was sie mit dieser Erkenntnis wohl tun soll. Sie erklärt ihr zwar sehr viel, sie kann ihre bisherige Identität viel besser verstehen, aber was soll sie damit in der Zukunft anfangen? Wie wäre es wohl, wenn sie jetzt den göttlichen Plan übernähme, der für ihre Mutter vorgesehen war? So wie sie den Plan ihrer Mutter in Erfüllung brachte. War es für sie geplant, in Berlin zu leben und sich zu bemühen, als deutschsprachige Schriftstellerin aus Polen ihren Fuß zu fassen. Dem jüdischen Gott schreibe man immer zu, er plane besser, größer, umfangreicher. Er ist doch selbst so ehrgeizig.

Ihre Mutter hat geheiratet und somit ist es ihr gelungen, das Leben von Róża endlich zu erfüllen. Sie erreichte eben alles, was Róża nicht bekommen konnte. Sie heiratete einen polnischen Ingenieur aus adligem Hause, ist eine Künstlerin geworden, eine Katholikin, eine Patriotin. Różas gescheitertes Leben ging erst in den Händen ihrer Tochter in Erfüllung.

Die Träume ihrer Mutter verwirklichend übersieht die Tochter aber, dass ihr Leben unerfüllt bleibt. Sie hat ihr Leben auf die Straße ausgesetzt, so wie man ein ungewolltes Kind aussetzt.  Ihr Leben lag da, bis sie es auf dieselber Straße vierzig Jahre später gefunden hatte.

Sie ist eine Jüdin also. Wie schon gesagt – es war davon nie die Rede bei ihr zu Hause. Sie waren Polen und Katholiken, Papi und sie noch besonders patriotisch-aktiv dazu. Sie waren in der Solidarność-Bewegung aktiv, auch im Untergrund, man verfolgte sie und so weiter. Alles in allem – wahre polnische Patrioten. Es ist dabei nichts zu ironisieren. Die Zeiten waren so pathetisch und sie waren die guten Kinder ihrer Epoche. Und plötzlich im Herzen des Engagements wurde sie von einer unerklärlichen politischen und psychischen Müdigkeit überfallen. Sie konnte weder schreiben noch lieben, noch leben, und sie ist zwar als eine polnische Untergrundaktivistin aus dem kommunistischen Polen gegangen, in Wirklichkeit war sie sie aber nicht mehr. Sie war niemand. Eine Hülle, die neuerfüllt sein wollte.

Sie kam nach Berlin und fand heraus, dass sie eine Jüdin bin. Sie weiss nicht, weshalb sie es entdeckt hat. Noch weniger weiss sie, weshalb sie es erst tat, als sie aus Polen und von ihrer Familie fort war, und warum es ausgerechnet in Deutschland stattfand.

Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde – heißt es im Kohelet. Es war die Zeit dafür, das verlassene Leben der Mutter auf dem Weg zu finden und intellektuell zu eigenem zu machen, es aus der Verdammnis zu holen und zum Leben zu motivieren.

Seit diesem Moment sind schon zehn Jahre vergangen, die sie für Entdeckung ihrer Wurzeln gebraucht hat. Sie hat viel nachgeholt, obwohl sie weder Hebräisch gelernt noch Israel besucht habe. Sie ist  immer noch nicht bereit, sich mit einer neuen Welt auseinanderzusetzen, weil sie zuerst in ihrer alten Welt Ordnung schaffen muss. Da sie jetzt alles weiss, konnte sie sich endlich von ihren Ängsten befreien. Sie hat sich mit ihrem Körper versöhnt (was für ein Wort? wieso ver-söhnt? Sie ist doch eine Frau, daher hatte sie sich mit ihrem weiblichen Körper… was? Ver­fraut?) Sie fürchtet sich nicht mehr, unbeliebt zu sein. Sie fürchtet nicht, verlassen zu werden. Sie hörte auf, fortdauernd mit Selbstmordgedanken zu jonglieren und seit ein paar Jahren hat sie keinen Freitodversuch mehr unternommen. Vor allem aber hat sie endlich ihre Mutter und damit auch ihr eigenes Leben verstanden.

Zuerst war sie der Mutter böse. Das Judentum wäre ihr Erbe gewesen und sie meinte, sie hätte das Recht, darüber Bescheid zu wissen. Egal was auf sie in ihrem Leben gutes oder schlechtes zugekommen wäre, es wäre doch ihr Erbe gewesen. Sie trauerte um ihr vorenthaltene Kenntnisse und Möglichkeiten, um die ihr so autoritär aufgebürdete Beschränkung ihres Ichs. Und vor allem trauerte sie um ihre verlorene Kindheit, weil sie sie nicht wie ein Kind sondern wie ein Melancholiker erlebt hatte.

Es dauerte eine Weile, bis sie diese Gedanken fallen ließ. Sie nahm allmählich wahr, was ihre Mutter ihr gesagt hatte: es sei ihr gutes Recht gewesen, ihr Leben so zu gestalten, wie es ihr im Jahr 1945 und all die Jahre danach richtig schien.

Sie lebt seit zehn Jahren in Berlin.

Es war für sie eine entdeckungsreiche Zeit. Vor allem aber erschienen ihr zwei ihrer Entdeckungen buchstäblich „lebenswichtig”: Sie ist eine Jüdin und sie ist nicht tod zu kriegen. Es klingt fast so, als ob sie unsterblich wäre. Eine ewige Jüdin.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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