Weshalb nehmen wir es an?

Der Text ist vor drei Jahren entstanden und zig mal zu verschiedenen Redaktionen geschickt. Meistens ganz ohne Reaktion, aber auch da, wo man, angeblich, Interesse zeigte und etwas tun wollte, passierte gar nichts.

Offensichtlich nehmen wir es an, weil es uns überhaupt nicht interessiert.

Ewa Maria Slaska

Pavel S., geboren 1982, ist von der Geburt her ein Spastiker, einer, der unter spastischen Tetraparese leidet, einer Krankheit, die sich geistig und somatisch äußern kann, und die bei ihm, zum Glück, nur körperlich in Erscheinung trat. Diese „nur“ reicht aber vollkommen, um das Leben eines Menschen tief und unreparabel zu beeinflussen, im Grade, von dem wir, die Gesunden, überhaupt nichts wissen wollen, da die spastische Tetraparese eine Lähmung aller vier Gliedmassen bedeutet. Und dies bedeutet wiederum, dass der Mensch nie allein, ohne fremde Begleitung sein Leben gestalten wird. Nie – auch ein Wort, von dem wir, die Gesunden, keine Ahnung haben. Eine Hilflosigkeit, die einem würgen wird. Mich auf jeden Fall.

Er wurde aber als Kind sehr geliebt und wirkt heute ausgeglichen und gelassen ironisch.  Man hatte ihn fürs Leben erzogen, für Teilnahme und Teilhabe an sozialen, kulturellen und politischen Prozessen, die unsere Gesellschaft aufbauen und prägen oder aber dekonstruieren und degradieren. Ein normaler Bürger halt, mit Handicap zwar, aber bewusst und engagiert.

Er ging zuerst in eine Grundschule für Körperbehinderten, nach der 5. Klasse wechselte in eine „normale“, wo er nächste vier Jahre verbrachte. Dann kamen weitere vier Jahre in einer, ebenfalls „normalen“, Oberschule, anschließend zwei Jahre Berufsförderung, ein in Berlin und ein in München und letztendlich drei Jahre Ausbildung zur Bürokraft, die er mit Ausbildungszeugnis erfolgreich abgeschlossen hat. In dieser Zeit verbrachte er auch acht Jahre in einem Behinderten Sportverein, währenddessen er an zahlreichen Schwimmwettbewerben teilgenommen hat und etliche Medaille gewann.

2006 endete der Bildungsweg. Er kam zurück nach Berlin, war ein Jahr arbeitslos und suchte in dieser Zeit sowohl die Arbeit als auch die Wohnung. Beides gelang fast gleichzeitig und kam noch dazu mit der Zuerkennung des Pflegedienstes. Jetzt ist der Weg, auf dem er gelernt hatte, ein vollwertiger Bürger dieser Gesellschaft zu sein, abgeschlossen. Er kann zwar nicht ohne Hilfe leben, braucht eine ständige Lebens-Begleitung und eine besonders eingerichtete Wohnung, aber diese Umstände berücksichtigend, ist er jetzt ein vollberechtigter Mitglied der Gesellschaft. Mit Rechten und Pflichten, wie jeder Andere. Er arbeitet, wohnt, lebt. Beruflich kann er alles, was mit dem Büro zu tun hat: Datenverarbeitung, Internet und Emails, Telefon- und Faxdienst, Personalwesenpflege, Schriftverkehr. Dazu noch Englisch. Er reist gern, hört gern Musik, pflegt gesellschaftliche Kontakte durch das facebook, lässt sich ab und zu ins Kino begleiten.

Jetzt, drei Jahre später, ist er ein Rentner. Drei Jahre hatten gereicht, um aus einem engagierten und arbeitswilligen Menschen einen Menschen am Abstellgleis zu machen. Und, um es nach Heine zu wiederholen, dies hat mit ihren Taten die Gesellschaft getan. Mit einer, oder vielleicht zwei, Redewendungen. Es ist halt so. Und – es ist gang und gäbe. Beides bedeutet fast das gleiche. Beides weist Einen, der rebelliert, sanft aber entschieden ab. Es ist halt so, die Rebellen haben hier nicht zu suchen. Der Gehorsam ist Der Wert, der unterstützt wird. Nicht die Kritik, egal konstruktiv oder nicht. Es ist gang und gäbe.

Was ist also passiert? Es ist der 1. August 2007. Pavel beginnt eine Arbeit. Sein Arbeitsgeber waren die Berliner Werkstätten für Behinderte in Berlin-Wedding mit dem Hauptsitz Westhafenstr. 4. Einsatzort: Eine Aussenstelle der Werkstätten für Behinderten, Zeiss-Ikon Betrieb in der Goerzallee in Zehlendorf. Ein Betrieb also in dem man Geld vom Staat kassiert, dass man die Behinderten beschäftigt.

Am ersten Tag meldet sich Pavel bei der Arbeit und erfährt – von einem Gruppenleiter aber auch von einer Sozialarbeiterin – dass seine Toilettengehzeiten auf 8.00 Uhr und 12.00 festgelegt sind. Das geht bei einem Spastiker nicht. Und wenn ich darüber nachdenke, bin ich der Meinung, dass es bei einem normalen Menschen auch nicht geht. Wie kann man auf Kommando pinkeln? Oder ebenfalls auf Kommando den Stuhlgang drei Stunden anhalten? Dies war vielleicht in den Zeiten des wütenden Kapitalismus gang und gäbe, in den „Modernen Zeiten“ mit Charlie Chaplin gibt es zwar davon keine Rede, aber sich Ähnliches vorstellen kann man schon. Da sind aber 80 Jahre her und  man hat inzwischen ein paar Errungenschaften des Sozialen Staats entdeckt und auch praktiziert. Z.B. die Idee, dass der Arbeitnehmer ein Mensch ist und somit den menschlichen Nöten und Bedürfnissen ausgesetzt. Wie Pinkeln.

Was einem normalen Menschen nur schwierig erscheinen mag, ist für einen Spastiker das Unmögliche. Er kann nicht auf Kommando, und verlangt man es zu heftig, dann erlöst man bei ihm noch Angstzustände, die in Depression führen.

Er weißt es. Er weißt, dass er es nicht schafft. Er weiß, dass er auch die Ratschläge – sich bei Schwierigkeiten eine Windel zuzulegen – nicht annehmen wird. Es ist ein Höhn. Mit dem Ratschlag fühlt er sich gedemütigt und erniedrigt, und er möchte wie ein Mensch arbeiten und behandelt werden. Er ruft bei Kumpel aus den Ausbildungszeiten und bei anderen Werkstätten in ganz Deutschland an. Er möchte wissen, wie es gehandhabt wird. Was er erfährt, erschreckt. Es ist überall so. Es ist gang und gäbe in all solchen Betreiben, wo die Behinderten arbeiten. Es ist halt so! Trotzdem schreibt er an die Leitstelle des Betriebs und der Werkstätten und schildert die Situation. Benutzt die Worte, die ihm als Bürger zustehen, wie Menschenwürde.

Theoretisch gewinnt er. In einem klärenden Gespräch erfährt er plötzlich, dass es doch in dem Betreib keine festgesetzte Toilettengehzeiten gibt. Er darf aufs Klo, wann er will. Er fühlt sich in seinem Verlangen, wie ein Mensch behandelt zu werden, bestätigt. Wenn man sich wehrt, gewinnt man. Mensch-zu-sein muss man sich als Behinderte hart erkämpfen.

Die Freude dauert jedoch sehr kurz. Weil spätestens nach drei Wochen normalisiert sich die Situation im Betrieb wieder und er darf nicht mehr aufs Klo, wann er will. So also geht man mit den Rebellen um. Man lässt denen ein Gefühl, dass sie gewonnen haben und dann neutralisiert man es mit dem alltäglichen Kram. Und mit diesen zwei Redewendungen, die er nicht mehr hören kann: wieso regst du dich so auf, es ist halt so! Und zwar überall.

Bei ihm endete es so, wie es enden musste – irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Irgendwann ging es in diesem Betrieb gar nichts mehr. Er bekam einen heftigen Nervenzusammenbruch, wurde entlassen und in die Rente geschickt. Mit so einem, der nicht auf Kommando pinkeln kann, kann diese Gesellschaft offensichtlich nichts anfangen.

Es ist jetzt ein Jahr her. Die Sache ist bei ihm immer noch heiß. Immer noch fragt er sich und die Umgebung, wie ist es möglich? Weshalb musste er wegen Pinkeln, nur wegen Pinkeln, in die Rente? Er ist doch nicht der Einzige in Deutschland. Weshalb wehren sich die Anderen nicht? Weshalb nehmen sie es an?

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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