Maikäfer, flieg…

Der Text von Pfarrer Luther wurde zum Wettbewerb zugesandt, den 2011 Polska Rada w Berlinie / Polnischer Rat in Berlin zum Thema „Polenhilfe” veranstaltete.

Pfarrer Axel Luther
Persönliche Erinnerungen an den 13.12.1981

Am 16. Dezember 1981 erlebten wir einen wunderschönen Wintertag. Wir fuhren auf der Autobahn in Richtung Stettin. Der erste Schnee bedeckte  die Landschaft ringsum. Die Bäume am Wegesrand waren von einem wunderbaren Raureif überzogen und glänzten im Licht der untergehenden Wintersonne. Wer könnte sich dem Zauber dieser winterlichen Landschaft entziehen?

Bis zur Autobahn-Ausfahrt Penkuhn war die Fahrbahn geräumt, dann aber fuhren wir auf einer Piste ohne Spur. Merkwürdig, ist denn niemand heute vor uns hier gefahren?

Es war schon dunkel, als wir am Grenzübergang nach Stettin ankamen. Die „Grenzorgane” der Sowjetzone (offiziell hieß sie „Deutsche Demokratische Republik” – aber wer konnte das aussprechen?!) ließen uns ohne große Kontrolle passieren – anders als sonst. Bald wurde mir klar: Sie dachten sich: Schön blöd, wenn ihr wirklich fahren wollt…

Auf der polnischen Seite erwartete uns Militär. Der Offizier kam zum Schlagbaum, überrascht, erstaunt, ein wenig ungläubig. Ich zeigte unsere Pässe samt Visa. Dann sagte er: „Czy panstwo wie ze mamy stan wojenny we Polsce? Wissen Sie, dass wir in Polen Kriegszustand haben? Sie sind seit Tagen das erste Auto aus dem Westen.”

Bei uns war in den Nachrichten am Abend des 13. Dezembers von „Ausnahmezustand” die Rede. Am 14. Dezember hatte ich problemlos das Visum für die Einreise bei der Polnischen Militärmission in der Lassenstraße in Berlin-Grunewald abholen können. Aber nun, hier in Kolbaskowo, hieß es plötzlich und zu unserer Überraschung „stan wojenny – Kriegszustand”. Da kann einen doch jeder Leutnant an die Scheunenwand stellen, dachte ich sofort. Aber mein lieber Freund Hans-Joachim Dunkel rechts neben mir auf dem Beifahrerplatz sagte in aller Seelenruhe: „Wir fahren.”

Der polnische Offizier fragte nach dem „Warenbegleitschein” (das polnische Wort weiß ich nicht mehr). Etliche Tafeln Rittersport-Schokolade und diverse Gläser Pulverkaffee genügten, dass der Schlagbaum hochging.

Und nun fuhren wir bei dichtem Schneetreiben über die Oderbrücken – mutterseelenallein. Nie habe ich im Scheinwerferlicht so große Schneeflocken fallen sehen.

Es ist ja nun nicht mehr weit bis zur Abfahrt nach Stettin. Zur ulica Energetikow wollten wir. Aber an der Ausfahrt standen mehrere Panzer. Die Soldaten wärmten sich in dieser Winterkälte an einem offenen Feuer und winkten uns erstaunt zu. Hier fuhren keine Autos mehr. Die Ausfahrt war gesperrt. Aha, dachten wir, Kriegszustand.

So fuhren wir weiter durch die Nacht. Die dicken Schneeflocken wurden vom Scheibenwischer unermüdlich fortgewischt. Wir fuhren durch verschlafene Dörfer und Städtchen – nirgendwo eine Menschenseele. Über Plathe und Naugard ging es bis nach Köslin. Dort bogen wir ab nach Norden in Richtung Strachmin. Hier hofften wir, Quartier zu finden. Unsere liebe Lübarser Nachbarin Loni Kalies war hier geboren, ihr Bruder Albert wohnte immer noch hier. Als wir am Hof der Tante, die wir gut kannten, endlich hielten, herrschte eine Ruhe wie „im tiefsten Frieden”. Die Hunde kläfften lange, bis die Oma endlich vorsichtig die Tür des alten Bauernhauses einen Spalt öffnete. Erst als sich ihre Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten und sie meine Stimme erkannte, öffnete sie die Hoftür für den unerwarteten Besuch aus Berlin.

In der Scheune stand unser Volkswagen-Bus in Sicherheit, wir waren längst todmüde. Aber dann saßen wir im Wohnzimmer des Bauernhauses.

Inzwischen kam auch Albert, und die Hausfrau brachte warme Würstchen, Kartoffeln, Schinken und Brot auf den Tisch. „Mehr haben wir nicht”, sagt sie. Alle schauten wir auf den Fernseher. Ein Offizier verlas eine unendlich scheinende Liste von Namen. „Alle verhaftet!”, flüsterte die Oma. Und dann wurde ein Film über die Niederschlagung des Aufstandes gegen die Sowjetmacht in Ungarn gezeigt. „Das erwartet uns!”, sagte die Oma traurig.

Man hatte uns Betten gemacht, und wir fielen in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen verzauberte das Licht der aufgehenden Sonne die Eisblumen auf dem Fenster in rotgolden leuchtende Bilder. „Pommern”, dachte ich und hörte im Herzen den Klang der Sprache. Wie die Oma hier, die in der Heimat geblieben war, hatte auch meine Oma, die Mutter meiner Mutter, gesprochen. Wie sehr hat sie – in Stolp geboren – ihre Heimat geliebt… Erst viel später habe ich verstanden, was das Kinderlied meinte, das sie mir so oft vorgesungen hatte:

Maikäfer, flieg,
Vater ist im Krieg,
Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt,
Maikäfer, flieg…

Im hellen Licht des klaren sonnigen Wintertages fuhren wir nun zurück. Eine herrliche Winterlandschaft umgab uns. Auf der großen Verbindungsstraße begegneten uns Militär-Fahrzeuge, an wichtigen Straßenkreuzungen standen Panzer: Aber, o Wunder!, niemand hielt uns an. Und dann konnten wir doch nach Stettin hineinfahren. Beim Werftgelände standen sich Soldaten und Arbeiter gegenüber. Und der Pfarrer Gustaw Meyer, der die in der  ulica Energetikow gelegene Gemeinde der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen leitete, sagte uns vorsichtig: „Es ist gefährlich hier… Die Werft ist wie ein Pulverfass!”

Wir luden die Gaben aus, wie am Tag zuvor am Grenzübergang bei der Einreise in die „DDR”, wo uns der Zoll pedantisch kontrollierte. In einer Baracke hatten wir uns bis auf die Unterwäsche ausziehen müssen…

Wir hatten diverse Lebensmittelkonserven mitgebracht, warme Kinderkleidung, gute gebrauchte Schuhe, Schokoladen-Weihnachtsmänner für die Kinder, Tee, Kaffee… Pfarrer Meyer hatte einen Raum, in dem schon andere Geschenke gestapelt waren. Sie sind von evangelischen Gemeinden aus Dänemark und Schweden über die Ostsee nach Stettin gebracht worden. Ein Problem für Pfarrer Meyer war die Verteilung der Spenden. Seine Gemeindeglieder wohnten ja nicht nur im Stadtbereich von Stettin, sondern in der ganzen weiteren Umgebung östlich fast bis Köslin. Polnische Privatautos durften wegen des Kriegszustandes nicht fahren Wie sollte er nun die Spenden an bedürftige Menschen weitergeben?

Pfarrer Meyer zeigt uns natürlich „seine” Kirche und erzählte von seiner Gemeinde und aus seinem Leben. Er war nun über 60 Jahre alt und nach dem Krieg hierher gekommen. Seine Heimat war die große Industriestadt Lodz. Er erzählte uns von dem polnischen evangelischen Bischof Julius Bursche, den die Deutschen nach dem Überfall auf Polen im Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg inhaftiert hatten, wo er – sicherlich auf Grund der schweren Haftbedingungen – zu Tode kam. Pfarrer Meyer hatte den Bischof noch persönlich bekannt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich kaum Kenntnisse über die Evangelische Kirche in Polen. Als Pfarrer Meyer mein großes Interesse bemerkte, schenkte er mir zum Abschied ein interessantes Büchlein von Waldemar Gastpary mit dem Titel „Biskup Bursche i sprawa polska”. Aus diesem Büchlein lernte ich viel über die Geschichte der Evangelischen in Polen.

Als die frühe Dämmerung fiel, mahnte uns Pfarrer Meyer zum baldigen Aufbruch. „Seien Sie vorsichtig”, sagte er, „die Soldaten mit den Panzern sind Russen in polnischen Uniformen!” Ein Gerücht, das ihm andere Leute erzählt hatten. Er war sich nicht sicher, meinte aber, es könnte wahr sein.

Nun fuhren wir also mit dem leeren VW-Bus zurück. Am Stadtrand hatten Panzer die Straße verengt. Ich hielt an und fragte einen der Soldaten in meinem holprigen Polnisch, ob dies die Straße nach Kolbaskowo zur Grenze sei. Er lächelte freundlich und sagte: „Prosto!”, also immer geradeaus. Wir hatten den Eindruck, dass dieser Soldat ein Pole war und kein Russe.

Der Grenzübergang wirkte völlig verlassen. Es dauerte einige Zeit, bis ein polnischer Offizier aus seinem geheizten Kontrollhäuschen nach draußen kam. Er blickte kurz auf unsere Papiere, hob den Schlagbaum und wünschte uns „eine breite Straße” – auf Deutsch: Eine gute Reise!

So fuhren wir in der Dunkelheit auf der Autobahn in Richtung Berlin. Ab Prenzlau waren wieder mehr Fahrzeuge auf der Straße. Hans-Joachim und ich waren bester Stimmung und freuten uns über das kleine Abenteuer, das nun hinter uns lag, als uns plötzlich ein Schrecken überfiel: Vor uns fuhr ein russischer Militär-LKW ohne Rücklicht. In dem dunklen Waldstück hätten wir ihn fast übersehen… Am Autobahn-Dreieck Schwanebeck konnten wir fast bis nach Lübars sehen. Aber nun mussten wir noch – wie schon auf dem Hinweg – einen Riesenumweg um Berlin herum bis nach Drewitz, dem einzigen uns möglichen Grenzübergang nach West-Berlin, machen. Dann ging es noch von Süden nach Norden durch die Stadt bis nach Lübars. Vor den Häusern sahen wir beleuchtete Weihnachtsbäume, in den Fenstern weihnachtliche Transparente und hier und da einen Herrnhuter Stern. Wir waren wieder zu Hause.

Glücklich konnte ich meine Frau und unsere Kinder in die Arme schließen. Wir hatten ja aus Polen nicht telefonieren können, und Handys gab es damals auch noch nicht… Umso mehr gab es nun zu erzählen. Ein Satz bleibt mir in Erinnerung: Meine Frau erzählt mir von einer lieben Dame aus unserer Lübarser Gemeinde, die zu ihr gesagt hatte: „Das ist aber ziemlich leichtsinnig von Ihrem Mann, im Kriegszustand nach Polen zu fahren…”Dieser Satz hat damals nicht gerade zur Beruhigung meiner Frau beigetragen.

Es war also doch eine gute Idee, so dachten wir nun, die Gaben vom Erntedankfestaltar zu Menschen in Not zu bringen. Am Erntedankfest 1981, dem ersten Sonntag im Oktober, war uns nämlich dieser Gedanke gekommen. Dank weiterer Spenden hatten wir ja den Bus vollbekommen.

Diese Unternehmung blieb keine „Eintagsfliege”. Im März 1982 fuhr ich mit Wolfgang Qualitz, einem anderen befreundeten Kirchenältesten, einen zweiten Hilfstransport nach Warschau zu den Studenten der Christlich-Theologischen Akademie. Um im Juni 1982 ging es dann, wieder mit Hans-Joachim Dunkel, nach Breslau zu Pfarrer Ryszard Bogusz und der dortigen Evangelischen Kirchengemeinde. So entstand eine Brücke des Friedens („Most pokoju i pojednania”), die bis zum heutigen Tage besteht.  Aber das ist eine andere Geschichte…

Danken möchte ich all den Menschen in Lübars und Umgebung, die durch ihre Gebete, ihre Sach- und Geldspenden und durch persönlichen Einsatz diesen „Brückenbau” ermöglicht haben. Viele Menschen haben uns auf unseren Reisen in unser östliches Nachbarland begleitet. Und wir haben in Polen viele Menschen getroffen, die uns mit großer Freundlichkeit und Herzlichkeit begegneten und immer noch begegnen. Wir sind liebevoll aufgenommen worden und mussten uns schon ganz schön anstrengen, die berühmte polnische Gastfreundschaft ebenso zu erwidern, wenn Gruppen unserer polnischen Partnergemeinde aus der ulica Kazimierza Wielkiego in Breslau zu uns kamen und kommen.

Rückblickend denke ich in großer Dankbarkeit an die vielen Menschen in Deutschland und Polen, die an diesem Brückenbau mitgewirkt haben. Einige sind schon heimgegangen: Meine lieben Freunde und Kirchenälteste Wolfgang Qualitz, Hans-Joachim Dunkel und Gerhard Neuendorf aus Lübars und Edward Mosz und Prof. Dr. Jan Pellar aus Breslau und Pfarrer Andrzej Hauptman aus Zabrze. Ich danke den Mitgliedern der Gemeindekirchenräte aus Lübars und Breslau und vielen weiteren Weggefährtinnen und Weggefährten auf diesem Weg des Friedens, der Versöhnung und der herzlichen Freundschaft.

Gefreut habe ich mich, dass unsere beiderseitigen Bemühungen auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden: Dem evangelischen Pfarrer und nunmehrigen Bischof Ryszard Bogusz hat der deutsche Präsident das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verliehen. Stellvertretend für die vielen Menschen in meiner Lübarser Gemeinde, die sich an diesem Werk der Versöhnung beteiligten, hat mir der polnische Staatspräsident Lech Kaczynski, der leider beim Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben gekommen ist, das Goldene Verdienstkreuz der Republik Polen verliehen. Der Bundespräsident hatte mir zuvor auch das deutsche Bundesverdienstkreuz überreicht.

Wichtig ist mir auch, dass unser „Brückenschlag” eine ökumenische Weite hat, die auch die Katholische und die Orthodoxe Kirche einbezieht. Ein besonderes ökumenisches Erlebnis war für mich die Einladung des katholischen Metropoliten von Breslau, Erzbischof Henryk Kardinal Gulbinowicz zum Eucharistischen Weltkongress der Katholischen Kirche in Breslau im Jahre 1997. Auch ich empfing den Bruderkuss des damaligen Papstes Johannes Pauls II. Als er meinen Nachnamen hörte, musste er schmunzeln und sagte: „Gott wird ihnen vergeben”, und fügte dann ernsthaft hinzu: „Wir sitzen als Christen doch alle in einem Boot!”

Die Erinnerungen des Stettiner Pfarrers Gustaw Meyer hatten noch ein Nachspiel. Acht Jahre später fanden unser polnischer Gastpfarrer Andrzej Hauptman aus Zabrze – auch er ist, leider schon viel zu früh, verstorben – und ich im Konzentrationslager Sachsenhausen die Zelle, in der der polnische Bischof Julius Bursche gefangen lag. In einem großen Festakt, gestaltet von dem polnischen evangelischen Landesbischof Jan Szarek und dem Berlin-Brandenburgischen Bischof Martin Kruse, wurde eine Gedenktafel zur Erinnerung und zu Ehren von Bischof Bursche angebracht.

Aus dem spontanen und naheliegenden Gedanken vor 30 Jahren, nicht nur den Frieden zu predigen, sondern auch im Sinne der Bergpredigt Jesu Christi (Matthäus-Evangelium Kapitel 5 Vers 9) „den Frieden zu tun” hat sich für mich eine Lebensfülle eröffnet, von der ich zunächst nichts erahnen konnte – damals am 13. Dezember, dem 3. Adventssonntag des Jahres 1981, als ich von der Nachricht überrascht wurde, dass General Jaruzelski in Polen den Ausnahmezustand (so hieß es in unseren Nachrichten) ausgerufen hatte.

Heute bin ich dankbar für den großen inneren Reichtum, der mir im Miteinander mit deutschen und polnischen Menschen geschenkt geworden ist. Ich empfinde dies als reichen Segen Gottes.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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