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Aśka & Renka
oder Johanna Rubinroth und Renata Borowczak-Nasseri
oder Metropolinnen / Metropolki

Sie schreiben über sich selber auf ihrer Homepage:
„… zwei Polinnen in Berlin. Die Küche ist der wichtigste Raum unserer Wohnung. Hier geht es hoch her. Wir braten nicht nur polnische Bouletten, hier wird vor allem diskutiert. Wie ist das zum Beispiel mit der Verteilung von arm und reich – wie kann man überleben am Rand der Gesellschaft? Und wie steht es mit Helmut, dem argwöhnischen Nachbarn, und der deutsch-polnischen Völkerfreundschaft? Wie…”
Als der Aufruf kam, 2011 für den Wetbewerb vom Polnischen Rat in Berlin, über Erinnerungen an den „Kriegszustand” in Polen und Hilfe aus Berlin zu schreiben, schrieben sie…

Weil das war so: Wir sitzen in dieser unserer psychodelischen Küche, Renka raucht diese dünne weiße Zigarette, und Aśka glotzt in diese ihre „Kauf-dich-glücklich“-Prospekte.

Und Aśka blättert bis in die Spielzeugabteilung, als ihre Augen werden plötzlich ganz weich:  Renka, guck, Barbies! Ich habe auch, als Kind, so eine Barbie bekommen. Sie war in einem Spendenpaket: normal, diese blonde Super-Puppe, in einem rosa Koffer, mit drei Kleidern zum Wechseln, und einem kleinen Plastik-Hund, und das in diesem kommunistischem Polenland!

Und auf einmal weiß Renka bescheid: Heiliges Recht hast du, ich auch! Schokolade aus Deutschland habe ich bekommen, damals in diesem Kriegszustand! Der Pfarrer hat in der Kirche Pakete verteilt,  und da waren die Lions, diese Schokoriegel mit Karamel, das sich göttlich an die Zähne klebt und auf der Zunge dreht!

AŚKA: Du Renka, mit meiner Barbie war ich noch drei Monate der Star im ganzen Dorf!

RENKA: Und ich, Aśka, die Verpackung von meinem Lion, die hab ich aufgehoben, um immer wieder zu riechen daran.

Und Aśka sagt: Wir wollen auch spenden, auch wenn wir selber leben am unteren Rand der sozialen Gerechtigkeit! Komm Renka, machen wir so ein Paket, mit Barbie, Schokolade, und andrem Essen. Und schicken es zu den Ärmsten der Armen, am Besten zu dem Hunger nach Afrika. Weil Renka eins sage ich dir: jedes arme Kind einmal im Leben hat so was verdient!

Aber Renka sagt: Aśka, Wann hat dein Konto das letzte mal Kasse gesehen, wenigstens einen Eurocent?

Aber Aśka muß helfen, kann jetzt nicht aufgeben, und schon stehen wir, vor diesem Bankomaten, und warten und beten, und wir haben Glück, weil wirklich – da kommt es – das erlösende Rattergeräusch. Und wir gehen raus, ganz glücklich, mit einem 50-Euro-Schein in der Hand.

Und wir gehen in dieses Ihre „Befriedige-alle-deine-Konsum-Wünsche“-Kaufhaus und müssen blinzeln, so viele Sachen gibt es da. Und wir streiten:

RENKA: Wir müssen diese Lions kaufen.

AŚKA: Nein, diese Barbie.

RENKA: Nein, erst das Essen, dann die Barbie, wenn was übrig bleibt.

Und Renka sagt: Du, Aśka, guck, wie wir uns daran gewöhnt haben, an dieses Übermaß. Erinnerst du dich, wie das damals war, als dieser General Jaruzelski, dieses kommunistische Oberhaupt, in der schwarzen Brille, uns mit dem Kriegszustand beschert hat, das war auch direkt vor Weihnachten – da gingst du in so ein Laden rein: alle Regale leer, und nur auf einem Brett stand Essig, oder höchstens Senf. Und das monatelang.

Und wir laufen durch dieses Riesenkaufhaus, und wir packen in den Einkaufswagen Schokolade, die mit den Rosinen und Zucker zwei Kilogramm.

Und auf Aśka flüstert: Ich weiß noch, wie ich das trockene Brot unter dem Wasserhahn naß gemacht habe, und mit Zucker bestreut, das war unsere made-im-Kommunismus-Süßigkeit. Du, und in dem Paket aus Deutschland, da waren warme Unterhosen. Und eine Winterjacke obendrauf. Komm, so was nehmen wir auch.

RENKA: Nach Afrika warme Unterhosen? Aśka, hör auf. Nehmen wir lieber doch mit so n Schweinefleisch in Soße in der Dose.

Aber  Aśka läuft schon zu dem bunten Obst-Gemüse stand, starrt die Früchte an, und haucht: Du Renka, für mich der Westen, damals, das war ein Zauberwort, und schmeckte nach rosa Kaugummis und Bananen!

Aber auch Renka hat ihre Erinnerungsvision an dem Gemüsestand; weil einmal Renka sollte Butter kaufen, und normal, es gab nur so was grünes rundes, wie Bälle, und es sah aus wie geschwollene Gurken. Und Renka hatte furchtbare Angst – kaufen, oder nicht kaufen. Zum Glück hat die Nachbarin gesagt: Nimm, was es gibt, weil morgen gibt es vielleicht gar nichts.

RENKA: Und als wir die geschwollene Gurke aufgeschnitten haben, hat sich gezeigt, daß sie innen drin rot sind und süß. Und so hab ich, mit acht, und meine Oma mit 77, zum ersten Mal eine Wassermelone gegessen.

Aber Aśka hört nicht zu, sie driftet zu der Spielzeugabteilung, die Barbiepuppe zu kaufen für das afrikanische Kind, Renka hinterher, und plötzlich bleibt sie stehen: Aśka guck, wie viele Waschmaschinen, normal, wie soll man entscheiden, welche man kaufen soll? Damals im Kommunismus, hat man sich gefreut, wenn man überhaupt eine hatte. Und um eine zu bekommen, in der Schlange mußte man stehen, Tag und Nacht, weil sonst ist der Platz verflogen. Und einmal, da standen wir und zwar eine Woche lang: Morgens mein Bruder, er hatte Schule zur Spätschicht, weil es nur wenig Klassenzimmer gab, wie ich von der Schule kam, hab ich ihn ausgewechselt, am Nachmittag ging Mutter in die Schlange, und Nachts stand Vater, und so die ganze Woche lang. Na und eines Nachmittags haben sie die Waschmaschinen angefahren. Sie haben 18 Waschmaschinen gebracht und stell dir vor: wir waren die 19 in dieser Schlange…

Und wir stehen an der Kasse und die Schlange ist lang, fast wie damals in diesem kommunistischen Polen, weil es gibt hier in Deutschland diesen Konsumwahn, und besonders vor diesen Weihnachten.

Und plötzlich sagt Aśka: Ich weiß nicht wie dieser Krieg ausgebrochen war, weil ich noch klein war. Ich weiß nur, wie ich mit meiner Tante war in der Stadt, um mir diese Okkupation anzuschauen. Soldaten, und Panzer, normal, überall. Und im Bus, eine Frau hat gesagt: „Jetzt werden wir die von „Solidarność” aufhängen“. Und die Augen brannten, von dem ganzen Tränengas.

Aber Renka hat ein Einstein-Gedächtnis und weiß alles ganz genau.

RENKA: Es ist der 13.12 Dezember 1981, ich stehe auf, zu gucken diese Kindersendung, diesen „Teleranek“, und wie immer gehe ich zum Opa, weil Opa und Oma haben über der Diele gewohnt, im gleichen Haus. Und dort auf dem Bildschirm, statt meiner Sendung: ein kahler Typ in großer schwarzer Brille und in Uniform, wie eine riesige schwarze Fliege sieht der aus. Und ich gucke – weil was macht mein Opa? Er steht auf und geht zum Fernseher, und spuckt auf den Bildschirm, auf diesen Fliegenmann. Und meine Oma, angepisst wie eine Messerschmitt, kommt mit einem Lappen gerannt, und reibt. Opa spuckt wieder, und schimpft: „Sie haben uns an die Russen verkauft.“

Und auf einmal sind wir schon an der Kasse angelangt, und müssen bezahlen, mit unserem kostbaren 50-Euro-Schein.

Und Aśka sagt: Weißt du noch? Damals, in Polen, da war alles auf Marken. Und auf ein Kind, auf ein Monat, fiel eine einzige Schokolade.

RENKA: Aha, von wegen, Schokolade, das war ein Schoko-ähnliches-Produkt, das schmeckte wie eine Mischung aus Asche und Mehl.

Und wieder stehen wir auf der Straße, vollgeladen wie die Weiber aus Rußland, mit diesem unserem Carepaket, und hauen in Richtung zu diesem Hilfswerk.

Und dort, die Frau, guckt uns an, und sanft sagt sie: Wir nehmen keine Sachen, wir nehmen nur Geld.

Und wir sehen aus, als ob uns eine Taube auf den Kopf geschissen hätte.

Aber Renka lässt sich nicht beleidigen von der Wirklichkeit und denkt wie immer praktisch: Komm, wir geben alles zurück, holen wieder das Geld, und bringen es her.

Und wieder hauen wir zu dem Kaufhaus, aber an der Kasse Aśka schaut in die Tasche, und, normal, der Bon ist nicht mehr da. Und Renka nervt sich, aber wie, auf maximal: Aśka, oh nein, du hast ihn verloren! Sollen wir die Afrika-Spenden jetzt selber essen?

Aber plötzlich Renkas Blick fällt auf einen Korb, voll mit Essen, und allerlei, und sie liest die riesige Aufschrift: „Kauf eine zusätzliche Packung für die Kinder zu Weihnachten“.

Und Aska guckt, denkt, auf einmal blitzt Intelligenz in ihrem Gesicht, sie lächelt von Ohr zu Ohr, und verkündet: Aber Renka, machen wir, wie da steht! Wieso suchen wir soweit? Die Deutschen haben uns damals gegeben, geben wir jetzt ihnen!

Die Kunst des schönen Gebens wird in unserer Zeit immer seltener, in demselben Maße, wie die Kunst des plumpen Nehmens, des rohen Zugreifens täglich allgemeiner gedeiht.
Heinrich Heine

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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