Alles ist eine Reise

Der nächste Text, der 2011 zu dem Wettbewerb „Danke Berlin” zugesandt wurde.

Zbigniew Milewicz
Alles ist eine Reise

Es gibt Menschen, die mehr als andere reisen. Wenn man nur in Gedanken reist, weiß man natürlich nicht, ob ein Ziel, das man sich vorstellt, erreichbar ist. Dafür lassen sich die Ziele ohne Probleme und so wie man möchte, ändern. Im wahren Leben allerdings geht das nicht so einfach.

Als Journalist in den 70er Jahren in Oberschlesien habe ich mich vorwiegend in einem klapprigen Bus oder einer Straßenbahn fortbewegt. Für weitere Reisen nahm man den Zug zweiter Klasse und für ganz besondere Anlässe diente der “Wolga“ der Redaktion, der von dem käseblassen Herrn Twarog gesteuert wurde oder man fuhr mit dem „Fiat 125 P“, den der junge Waclawek bewegte, zu dessen Hauptaufgaben eigentlich die Belieferung des Chefredakteurs mit Weißwein zählte. Zu besonderen Anlässen zählten vorwiegend die regionalen Parteikonferenzen, Wirtschaftstreffen und Besuche „wichtiger“ Partei-Genossen aus Warschau, aber zu Letzterem wurde ich nur sehr selten delegiert. Die Themen um die Politik wurden nur den vertrautesten Personen des Bosses übertragen und zu diesen gehörte ich keinesfalls.

Ich lieferte vorwiegend Informationen für die zweitrangige Stadtkolonne der Zeitung und Krimigeschichten aus dem Untergrund unseres wunderlichen Lebens. Es gab aber auch sogenannte SOS-Reportagen, mit denen versucht wurde, bedürftigen Menschen zu helfen. In der Kattowitzer Tageszeitung „Dziennik Zachodni“, kurz „DZ“, (dt.) „Westliche Tageszeitung“ – („WT“ klingt jedoch fast wie WC, deshalb bleiben wir deshalb lieber beim Original-Namen), bei der meine journalistische Karriere 1971 begann und neun Jahre lang ausübte, kamen  viele Notrufsignale an. Viele Leser schrieben oder riefen an und baten in verschiedenen, meistens jedoch sozialen Dingen, um Hilfe. Ich gehörte zu den Reportern, die sich bemühten, mit ihren Reportagen den Geschädigten zu helfen.

Eine der sozialen Plagen Oberschlesiens in den 70er Jahren war die massive Umweltverschmutzung, die jedoch ein Tabu-Thema für Journalisten war. Die offizielle Aussage der Regierung war, dass die Wirtschaft blühe und die Leute glücklich und gesund leben. Die Wahrheit sah jedoch anders aus. Die Förderung von Kohle, die Produktion von Eisen, Stahl und Chemikalien liefen zwar auf vollen Touren, jedoch waren die Technologien sehr veraltet und um die Ökologie kümmerte sich niemand im Betrieb.

Eines Tages, als ich Themen für die Stadtkolonne suchte, fragte ich beim Veterinäramt an, welche Krankheiten aktuell am häufigsten bei Haustieren festgestellt und behandelt werden. Beantwortet wurde die Frage mit Hundestaupe, Augenleiden und Bleivergiftung. Vorwiegend traten diese Leiden bei Patienten aus Szopienice auf. Fleißig habe ich diese Informationen notiert. Ich wusste, dass es sich um den Kattowitzer Bezirk handelt, in dem die Sonne auch beim schönstem Wetter nie zu sehen war und in dem die Industrie am stärksten die Umwelt verschmutzte. Die zulässigen Werte wurden dort um mehrere tausend Male überschritten.

Das Thema ist ohne Probleme durch die verschiedenen Stellen der Redaktionsleitung gerutscht und mit einem Haufen anderer Themen auf dem Schreibtisch des Zensors in der Druckerei in der Liebknechtstrasse gelandet. Dieser genehmigte die Veröffentlichung des journalistischen Materials mit einem Stempel oder wies die Veröffentlichung ab. Entscheidend war, ob das Material politisch korrekt war und frei von Zynismus und Spott dem System gegenüber. Natürlich las der Beamte die Texte vor seiner Entscheidung. Jedoch konnte er nicht alle Texte gründlich lesen, sonst hätte er den Drucktermin nicht einhalten können. Eine harmlose und kurze Information über Haustierleiden in Kattowitz las er intuitiv frei. Das Mädchen, das als Botin in dieser Nacht in der Druckerei für die Zeitung arbeitete und dem Zensor Staszek Zarod die Druckfahnen brachte, sagte dem technischen Redakteur Kazio Skotnicki –  und er erzählte es mir später -, dass der Beamte schon eine kräftige Fahne gehabt hatte, als er den Text las. Die Zensoren, ich selbst habe den Job fast ein Jahr lang von 1969 bis 1970 ausgeübt, tranken Unmengen Alkohol, die Journalisten zwar auch nicht weniger, aber in diesem Fall stand die Flasche auf dem Schreibtisch des „Entscheidungsrichters“ und hat der oberschlessischen Ökologie geholfen, die Tür zu öffnen.

Die intelligenten Leser lasen unsere „DZ“, und am nächsten Morgen bekam ich in der Redaktion für meinen bösen Scherz auch den entsprechenden Lohn. Gleich wurde ich auf den roten Teppich des Hephaistoses vorgeladen. Der Chefredakteur der „DZ“, Bronislaw Schmidt–Kowalski, trug den Spitznamen wegen seines Namens, weil er hinkte und, wie der griechische Gott, groß und streng war. Sehr dick und bekannt als ungezähmter Choleriker saß er mir in seinem Sessel gegenüber, mit der Miene eines Menschen, der gerade an akuten Magenschmerzen leidet.

„Sie wollten wohl“, sagte er zu mir, „dass ich mein Job verliere. Selbst der Propagandasekretär aus dem Woiwodschafts-Parteikomitee rief mich an und rüffelte mich wegen Ihrer Hundescheißgeschichte. Mehrere Mütter aus Szopienice, die das gelesen haben, meldeten sich telefonisch beim Komitee und fragten, ob ihre Babys auch in Gefahr sind und an Bleivergiftung erkranken werden. Die Babys werden in Kinderwagen auf der Straße, auf  der gleichen Höhe wie die Hunde gefahren. Die Mütter haben natürlich ein gutes Recht zu solchen Bemerkungen, aber von einem Journalist mit gewisser Berufserfahrung darf und muss sogar eine politische Verantwortung verlangt werden, für das, was er schreibt. Sie sind also schuldig, dass ich jetzt im Dreck stecke und vor den Genossen aus dem Komitee wie ein Scheißkerl kriechen muss. Sie bekommen also für diesen unverantwortlichen Text einen Verweis der in Ihrer Personalakte vermerkt wird!“

Die Rede – bunt geschmückt mit kräftigen Schimpfwörtern, die ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen werde – war damit beendet. Außer den üblichen Entschuldigungen, habe ich nichts gesagt. Beide wussten wir mehr als gesagt wurde, aber die Regeln des falschen Spiels, der kommunistischen Scheinheiligkeit, mussten beachtet werden. Schweigend ging ich dann zum Ausgang. In der Tür stoppte er mich mit den für seine Art typisch lässig ausgesprochenen Worten:

– Und nachmittags gehst du zur Kasse, dort bekommst du eine Prämie von 300 Zloty…

Leicht geschockt habe ich mich umgedreht und schaute ihn an. Er grinste und sagte:

„Das war eine gute journalistische Leistung!“

„Danke Chef“, murmelte ich froh und vergas zugleich alle Schimpfwörter, die gefallen sind.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich nicht bemüht hatte, das Vertrauen der Redaktionsleitung zu gewinnen. Ich meldete mich manchmal zu Themen aus den so genannten höheren Etagen und sogar auf die Liste der Parteikandidaten ließ ich mich eines Tages einschreiben. Kurze Zeit später aber wurde ich wegen antisowjetischer Witze aus dieser Liste gestrichen. Komisch, alle in unseren Redaktion haben solche Anekdoten öffentlich erzählt, aber die Strafe dafür bekam nur ich. Einen entsprechenden Strafantrag stellte Genosse Ryszard Maleczek, der die schärfsten Politwitze kannte. Über ihn wurde erzählt, dass er Mitarbeiter des Geheimdienstes SB war. Vielleicht war es die Wahrheit, vielleicht auch nicht. Möglicherweise wurde so geredet, weil er mit einer Staatsanwältin verheiratet war – übrigens eine sehr anständige Frau, die enge Kontakte zu höheren Kreisen der Miliz pflegte. Aus diesen Kreisen brachte er manchmal verschiedene Kriminalgeschichten, so wie ich auch. Es konnte also sein, dass er mich aus reinen Konkurrenzgründen erledigen wollte. Der Hephaistos nahm den Antrag an, aber aus der Redaktion feuerte er mich nicht.

Das passierte erst ein etwas später, im Herbst 1979, als ich nicht rechtzeitig aus einem Frankreichurlaub zurückkam. Mein Urlaub habe ich während der Weinlese in der Provence verbracht und wurde danach von meinem Cousin nach Baden-Württemberg zu einem kurzen Besuch eingeladen. Dieser verlängerte sich ein bisschen und so passierte es… Vor der Reise nach Frankreich bevollmächtigte ich schriftlich meine gute Mama, dass sie in einem solchen Fall versuchen sollte, meinen Urlaub in der Redaktion zu verlängern, was normalerweise unproblematisch war. Schmidt–Kowalski war aber noch vorsichtiger als ich und hat den Urlaubsverlängerungsantrag abgelehnt. Es hätte ja sein können, dass ich trotz alledem im Westen bleibe und er dadurch wegen mir schon wieder „im Dreck stehen würde“.

Im Westen war ich zum ersten Mal, die Welt schaute dort ganz anders als im Osten, bunt, reich und schön. Doch dort zu bleiben, kam für mich damals überhaupt nicht in Frage. Durch die Erziehung zu Hause und die patriotischen Traditionen in der Pfadfinderbewegung ZHP, der ich als junger Mann zugehörte, war ich sehr heimatverbunden.

Der liebe Gott belohnte meine Rückkehr in die Heimat und half mir sehr schnell, eine Arbeitsstelle im Schlesischen Rundfunk in Kattowitz zu finden. Das Team der Abteilung Publizistik, wo ich landete, es wurde vom  einmaligen Wacek Horoszkiewicz geleitet, empfing mich sehr kollegial. Es wurde mir eine große Hilfsbereitschaft gezeigt, so dass ich das für mich neue Handwerkszeug schnell beherrschen lernte und einigermaßen hat es dann auch funktioniert. Meine Feuilletons und Reportagen wurden, zwar nicht so oft, aber doch übertragen. Fragen Sie mich bitte nicht, wieso ich so dumm war und nach drei Monaten zurück zur Kattowitzer Presse zurückkehrte. Der Teufel, der mir zu diesem  Schritt riet, obwohl in dieser Zeit viele unserer Journalisten von einer Redaktion zur anderen wanderten, und das fast unbürokratisch, nahm die Gestalt vom Karol Szarowski an, dem Direktor des Schlesischen Presseverlages in Kattowitz. Von ihm wollte ich nur ein Arbeitszeugnis über meinen Dienst im „Dziennik Zachodni“. Es kam aber zu folgendem Gespräch :

„Na, wie geht es Ihnen im Rundfunk?“
„Eigentlich ganz gut, die Arbeit macht mir viel Spaß, ich kann was Neues, Interessantes lernen, die Kollegen sind sehr nett…“
„Aber Sie sind doch ein geborener Pressejournalist!“

Der kleine, grauhaarige Jude war sehr höflich. Es tat ihm sehr leid, dass ich meinen Job in der „DZ“ verloren hatte, angeblich vermissten mich viele Leute im Hause und ganz besonders die Leser. Ich könnte mir überlegen, ob ich nicht zurückkehren möchte zu diesem Verlag.  Er hätte gerade einen freien publizistischen Posten in der „Abendzeitung“…

Die „ Abendzeitung“, auf polnisch „Wieczór“, befand sich nicht im Haupthaus, wo ich so „vermisst wurde“, sondern nebenan, wo immer am 1. Mai und am 7. November, am Tag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, der gleichzeitig mein Geburtstag war, ein überdimensionales Porträt von W.I. Lenin hängte. Ich hätte also stolz sein müssen auf dieses Angebot.  Verdienen könnte ich im „Wieczór“ auch etwas besser als am Anfang im Rundfunk. Die Schmeichelei des Gesprächs hat wohl am stärksten auf mich gewirkt. So eitel oder nur leichtgläubig, naiv, kommen sich die Leute vor…

Als die  „Solidarność“ mit ihren revolutionären Parolen in die Öffentlichkeit kam, vertraute ich ihr, wie früher an der Uni der verbotenen „zionistischen“ Ideologie des Märzes 1968. Neben der Redakteurin Marysia Jarochowska, die sich schon in Rente befand,  aber noch Texte schrieb, war ich der Einzige in „Wieczór“, der in die „Solidarność“ eintrat. Ich verdarb damit der Redaktionsleitung die Statistik, mit der sie der Obrigkeit zeigen wollte, dass sie die einzige Zeitung in Kattowitz sei, die frei von Solidarnośćmitgliedern ist. Privat wurde mir mitunter geraten, dass ich mir die Mitgliedschaft vielleicht noch mal überlegen sollte. Beruflich diskriminiert wurde ich jedoch deshalb nicht, ganz im Gegenteil: Ich konnte über die Anomalien des Soziallebens in unserer Region und über die lokalen Prominenten, die schuldig des Machtmissbrauchs waren, scharfe, kritische Texte schreiben. Ich bediente auch die Konferenzen von „Solidarność“. Später fragten mich meine Vorgesetzten halbprivat, wie viele Leute an so einer Konferenz teilnahmen und ich nannte immer eine höhere Zahl, als die tatsächliche. Die hohen Zahlen wurden ohne Enthusiasmus quittiert. Diese Zeit war für mich sehr schön, erlebt mit voller Power und dem Gefühl, das man etwas Gutes tut.

„Sie glauben wirklich daran, was „Solidarność“ sagt und verspricht?“, fragte mich einmal Janusz Durmala, der Chefredakteur von der „Abendzeitung“.

Ich bejahte und er lächelte.

„Es gibt keine Demokratie, vergessen Sie das!“

Heute weiß ich nicht mehr, ob er auch etwas über die Gerechtigkeit gesagt hat, aber wahrscheinlich nicht. Für meine Arbeitsleistungen im „Wieczór“ bekam ich das Silberne Abzeichen für Verdienste für die Kattowitzer Wojewodschaft. Einige Monate später kam meine Entlassung, sowohl aus dieser Redaktion als auch des Verlags. Das Arbeitsgericht bestätigte diese Entscheidung.

Meinen Sommerurlaub 1981 wollte ich wieder in Frankreich verbringen. Mit dem Rest des Alturlaubs konnte ich sieben Wochen lang Ferien machen. Meine Vorgesetzten im „Wieczór“ haben das formell akzeptiert, und Mitte September fuhr ich los. Diesmal reiste meine zweite Frau Mira mit; die Urlaubsreise war wunderschön und führte wieder in die Provence zur Weinlese. Auf der Rückfahrt per Anhalter, irgendwo in der Umgebung von Toulouse, erfuhren wir, dass die Situation in Polen sehr gespannt sei. Es war ungefähr Mitte Oktober. Das französische Fernsehen hat Panzer und Soldaten der so genannten befreundeten Truppen des Warschauer Pakts gezeigt, die zum Einmarsch nach Polen vorbereitet waren.

Aus der nächsten Telefonzelle habe ich meine Mama angerufen. Die Verbindung war schlecht und wurde immer wieder unterbrochen.

„Was ist in Polen los?“ schrie ich in die Kopfhörer.
„Es ist einfach schlecht und wird immer schlechter“, sagte Mama ruhig, aber ich spürte, dass sie sehr gestresst ist.
„Wirtschaftlich oder politisch?“
„Beides“.
„Würdest du uns denn raten, zurückzukehren oder hier zu bleiben?“
„Das müsst ihr beide, Zbysiu, selbst entscheiden…“

Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Ein Gendarm auf dem Fahrrad stoppte neben der Telefonzelle.

„Kommen Sie aus Polen?“
„Ja.“
„Wenn Sie wollen, können Sie hier ein Asyl bekommen, weil in Ihrem Land ein Bürgerkrieg droht und Sie, er schaute auf Mira, wohl ein Baby erwarten…“

Die Schwangerschaft meiner Frau war wirklich schon sichtbar. Ich wusste aber bereits, was ich will.

„Nein Monsieur, vielen Dank, wenn dem Schiff der Untergang droht, dann muss man es retten und nicht weglaufen, antwortete ich mit meinem gebrochenen Französisch.

„Und was meinst du?“, fragte ich Mira.

Sie antwortete nichts, nickte nur bejahend mit dem Kopf. Bis heute ich weiß nicht, was sie damals wirklich gedacht hat. Den Satz über das Schiff habe ich den Franzosen noch mehrmals stolz wiederholt, aber sie alle zeigten kein großes Verständnis dafür. Ich dachte damals, sie verstehen meine Sprache schlecht und heute weiß ich, dass für die pragmatische Nation meine Denkweise fremd war.

Anfang November meldete ich mich wieder bei der Zeitung, es gab einiges den Kollegen zu erzählen und auch einiges zu hören. Die westlichen Medien machten keine falsche Propaganda. Am 7. November unter dem Porträt des Revolutionsführers am Kattowitzer Marktplatz habe ich viel Miliz gesehen und ihre Gesichter waren düster.

„Euch habe ich zu meinem Geburtstag nicht eingeladen!“, lachte ich lautlos, so mutig war ich in meinen Gedanken.

Am 13. Dezember, als General Jaruzelski den Kriegszustand erklärte, waren die Eingangstüren zum „Wieczór“, und auch zu anderen Redaktionen geschlossen. Ein Zettel informierte, dass bis auf Widerruf die Zeitung geschlossen bleibt und alle Mitarbeiter beurlaubt sind. Der Verlauf des Kriegszustands in Polen wurde schon so oft und ausführlich und von allen möglichen Seiten beschrieben, dass ich hier nichts mehr von Bedeutung zu sagen habe. Er hat bei jedem Betroffenen eine individuelle Wunde hinterlassen und es waren Millionen Opfer. Es gab einige,  die durch diese Wunden seelisch oder sogar körperlich starben. Es gab in jenem Jahr  nicht viele Familien in Polen, die am Heiligen Abend 1981 fröhlich und entspannt das neugeborene Christkind begrüßten.

Die Ladung zur meiner Verifikation in der „Abendzeitung“ kam schriftlich nach Hause. Jeder von der Redaktion musste sich vor eine spezielle Kommission, deren Aufgabe es war, zu entscheiden, ob der Mensch hier weiterhin arbeiten wird oder entlassen wird, stellen. Die Kommission bestand aus dem stellvertretenden Chefredakteur Antoni Faron und einem unbekannten Geheimdienstler, der offiziell Betreuer der Redaktion war.

„Sie lieben unser System nicht, die Führungsorgane haben schon einige Probleme mit Ihnen gehabt“, sagte der SB-Ek zu mir.
„Wann denn?“ staunte ich falsch.
„Im März 1968, denken Sie an die Bewegung von miesen Intellektuellen und Studenten gegen die Volksmacht. Saßen Sie damals nicht im Knast, im Krakauer Montelupich, wegen Volksverhetzung?“
„Das stimmt, aber das Gericht hat mich später freigesprochen“, berichtigte ich.
„Wir wissen mehr, als Sie denken“, merkte der Betreuer an.
„Außerdem sind Sie ein schwacher Journalist und die Redaktion braucht Sie nicht mehr.
„Und das Abzeichen für Verdienste, das ich kürzlich bekommen habe?“
„Das wurde kiloweise verteilt!“, lachte mich Faron aus.

Mira nahm tapfer die Nachricht zur Kenntnis, dass der Mann, der sein Schiff retten wollte, über Bord geschmissen wurde. Sie hat auch nicht gesagt, dass wir doch in Frankreich hätten bleiben können…

„Wovon haben wir denn damals gelebt?“ fragte mich schon in München mein älterer Sohn Jordan.
„Mama hat im Büro gearbeitet, ihre Eltern haben uns geholfen, meine Mama Nina auch, so viel, wie sie von ihrer Rente abzweigen konnte. Ab und zu kamen Pakete von Verwandten und völlig fremden Leuten aus Deutschland und ich… Ich habe am Anfang zusammen mit meinem Freund Bogdan Szewczenko, der aus dem Fernsehsender entlassen wurde, Schaukeln für Kinder hergestellt. Die haben wir im Keller in Bogdans Haus, in der Nacht, gebaut und am nächsten Tag auf dem Basar verkauft.“
„Habt ihr viel verkauft?“
„Na ja, vielleicht drei Stück…“

Jordan wurde im Mai 1982 geboren, der jüngere Mikołaj kam anderthalb Jahre später auf die Welt, gerade am Nikolaustag. Damals verdiente ich schon mein Brot in der Wochenzeitschrift „Katolik“ in Kattowitz, die speziell für entlassene Journalisten vom katholischen Verein PAX gegründet wurde. Das war eine sehr barmherzige Geste. Dieser Verein diente jedoch sehr loyal dem Staat und erlaubte uns nur brave, zweitrangige Themen. Das Brot war dünn geschmiert, aber fürs Überleben reichte es.

„Und wenn du damals im Radio geblieben wärst?“, fragte Jordan
„Dort war eine feinere Gesellschaft als in der Presse, aber nach dem 13. Dezember flogen auch dort einige. Man weiß natürlich nicht, was dort mit mir geschehen wäre.“

An einem späten sommerlichen Sonntagnachmittag saß ich mit meinen Söhnen im Wohnzimmer unserer alten Wohnung im Münchener Hasenberg. Vor uns auf dem Tisch lag ein Fotoalbum aus alten Zeiten.

„Wieso trugst du einen weißen Helm?“, interessierte sich Miki, bei seinen deutschen Freunden bekannt als Nico.
„Mamas Vater, dein Opa Marian, arbeitete als Abteilungsleiter in der Grube und hat mich überredet, meine Schreiberei aufzugeben und so ging ich zur Kohle. Durch seine Beziehungen wurde ich Steiger, und die Kerle trugen eben diese weißen Helme. Bald gab es mehr Kohle zu Hause, aber das war nicht meine Welt und nach einem Jahr habe ich den Job aufgegeben. Ich versuchte wieder in  meinen alten Beruf zurückzukehren und eine Zeitschrift mit anderen Leuten zu gründen, aber das hat nicht funktioniert.

Das Fotoalbum war chronologisch geführt. Auf den nächsten Bildern fährt Mira mit mir mit der Fähre nach Kopenhagen. Bereits beim ersten Halt in Hamburg hat ein Dreiviertel unserer Ausflugsgruppe die „große Freiheit“ gewählt. Wir wollten eigentlich das gleiche, nur die Aussicht,  Weihnachten zwischen Fremden zu verbringen, ja, es war schon wieder Dezember, hat uns erschreckt.

Nach dem Winter kommt aber immer ein Frühling und mit ihm eine neue Hoffnung. Im Mai 1988 kam ich nach München und seitdem lebe ich hier. Mira folgte mir mit  den Kindern, die damals 6 und 4,5 waren, im nächsten August. Auf dem nächsten Foto hält ein schlanker, dunkelhaariger Mann im langen Staubmantel zwei Buben, Jordan und Mikolaj, am Kragen in die Luft. Das Foto wurde an der Kirche Santa Monika in Neuperlach, wo einmal  die Polnische Katholische Mission II war, geschossen.

„Den Mantel hast du noch irgendwo im Schrank“, sagte Jordan.
„Stimmt, aber wo sind die dunkle Haare… und ihr könnt mich heute mit den kleinen Fingern in die Luft heben“, jammere ich.
„Bei deinem Gewicht nicht so leicht“, meinte Miki, und wir lachten zusammen.

Die Polnische Katholische Mission II (Nummer I befand sich in München-Maxvorstadt) wurde vom charismatischen Pater Czesław Nowak geleitet. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Kulturleben der polnischen Gemeinde in München.

Es folgen Fotos von der Folklorgruppe „Polonez“, wo ich auch mit meinen Jungs getanzt und gesungen habe. Schöne Krakauer Trachten und aus dem Bergland Zakopane. Im Vordergrund der unermüdliche Zbyszek Sadlak, der die Truppe gründete und leitete. Viele schöne Konzerte haben wir gehabt – in München, im bayerischen Lande, sogar nach Dortmund wurde gereist. Am schönsten und erfolgreichsten waren wir aber vor einigen Jahren auf dem Stadtfest im polnischen Cieszyn in Oberschlesien, am Fluss Olza, hinter dem gleich die Tschechei beginnt. Dort konzertierten wir mit der Teschiner Suite, die sehr professionell und mit großer Liebe von Helenka und Leszek Lehmann, geborene Teschinauer, vorbereitet wurde.

„Polonez“ schmückte alle größeren kirchlichen Feierlichkeiten in der Santa Monika. Es kommt ein Foto, auf dem ich zusammen mit Adam Dyrko in der Prozession am 3. Mai, dem polnischen Nationalfeiertag, das Bild von der Schwarze Madonna aus Czestochowa, trage. Mit Adam arbeiteten wir vor Jahren zusammen im „Dziennik Zachodni„. Als ich nach München kam, wohnte er längst schon hier. Ohne seine Hilfe wäre es mir schwergefallen, mich durch die Münchener Ämter ohne Sprachkenntnisse durchzukämpfen.

Marysia Mayerhoffer in Krakauer Tracht, auch in der Prozession. Wie viel hat sie mir und meiner Familie am Anfang geholfen, dass vergesse ich nie.  Die Kommunionsfeiern von Jordan und Mikołaj, die Bilder aus der Schule, von den gemeinsamen Ausflügen nach Spitzingsee, Oberammergau, Bad Tölz… Beim Skilaufen mit  den Herrschaften Dziakonski und beim Lagerfeuer mit dem gutem Freund und Seemann Waldek Nowakowski, dem Gründer der polnischen Pfadfinderschaft ZHP in München, wo Jordan und Miki fleißig mitmachten.

Ich liebe meine Kids. Der ältere arbeitet als Immobilienkaufmann in München und studiert gleichzeitig. Mikołaj, der begeisterte Boxer, Läufer und Fitnessfreak erlernte die Geheimnisse des Schmuckhandels und führt heute eine kleine Firma in der Branche. Beide sind befreundet mit polnischen Mädels.

„Papa, was sind wir eigentlich, Deutsche oder Polen?“, hat einmal Mikołaj oder Jordan gefragt, irgendwann am Anfang, als wir noch in einer städtischen Unterkunft wohnten.

„Wir sind Deutsche in Polen“, antwortete ich, aber damals war ich nicht ganz nüchtern.
Ich glaube,  es ist umgekehrt“, meinte Mikolaj oder Jordan

In Frankreich habe ich als Pole ein Asyl abgelehnt. In Deutschland, aufgrund der Vorfahren mütterlicherseits, wurde ich als Deutscher anerkannt, meine Frau und Kinder auch. Für meine deutsche Nachbarn und Freunde bin ich aber ein Pole, so wie in Polen beim Besuch, ein Deutscher. Es wird manchmal harmlos gemeint, dass ich doch schon ein Deutscher sei und so ist es richtig. In meiner Tasche trage ich zwei Pässe, einen polnischen und einen deutschen, einen deutschen und  einen polnischen. In Polen habe ich einige Berufe ausgeübt, aber hauptsächlich war ich Journalist; in München arbeitete ich beim Trockenbau, an Spülmaschinen in Kneipen, im Zug als Minibarverkäufer, als Nachtpförtner im Hotel, als Treppen- und Kloputzer und letztlich als staatlicher Angestellter im Deutschen Patent- und Markenamt. Die Bundeskasse hat mir mein Lohn ausbezahlt. Heute ein Rentner, der aus purer Abenteuerlust jetzt in Berlin wohnt  und ab und zu die Max-Schmeling-Halle mit anderen Fitnessfreaks reinigt, um sich dann einen harmlosen Gogoclub-Besuch, stattliches Essen, oder sogar beides zu gönnen.

Schauen Sie, wie viele Möglichkeiten sich einem Mensch auf Reisen eröffnen. Besonders, wenn man immer Hin-und-Zurück reist, nach Deutschland und Polen, nach Polen und Deutschland, immer dieselbe Strecke. Es kann dann sein, dass man dadurch seine Identität und Zugehörigkeit verliert. Deshalb, seit ein paar Jahren, wenn ich irgendwo eine neue Reise unternehme, dann immer öfters in das alte Großrussland. Es zieht mich dort einfach hin, außerdem möchte ich meine Wurzeln väterlicherseits erforschen. Man fährt dorthin,  um das seelische Gleichgewicht zu spüren und  auch zum West-Ost Brückenbauen. Es lohnt sich, sie zu bauen, auch dann, wenn sie immer wieder zerstört werden, doch immer seltener und das allein stimmt schon optimistisch.

Alles ist eine Reise. Das, was man sieht, und das, was sich versteckt, das, was man berührt, und das, was man erahnt, das Tosen des Wasserfalls und diese leichte Schläfrigkeit, die die Berge umhüllt.
José Saramago: Die portugiesische Reise

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Alles ist eine Reise

  1. Anonim pisze:

    Zbychu pisz dalej najlepiej jako nowele

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