Was nicht im Lebenslauf steht

Dorota Cygan stellte uns wieder einen ihrer Texte zur Verfügung, der zwar auch, wie die anderen, schon im Jahrbuch des Internationalen Studienzentrums Berlin (ISB), diesmal 2002, veröffentlicht wurde, den man aber auch im Netz nirgendwo findet.

Dorota Cygan

Was nicht im Lebenslauf steht
Eine Glosse zum Fragebogen-Unwesen im Dritten Reich

In vielem war das Dritte Reich kaum zu überbieten, doch die Maßnahmen zur Disziplinierung und Gewissensprüfung des Subjekts bildeten hinsichtlich ihrer Zahl  sicherlich den absoluten Gipfel. Von den „harten“ Maßnahmen ganz abgesehen, waren die „weichen” Mittel, Einzelne für das Regime zu gewinnen, recht vielfältig und raffiniert. Unter vielen sei hier eine genannt, die die gesamte Nation umfasste: der Fragebogen. In Tausenden von Varianten entworfen, umspannte er wie ein engmaschiges Netz auf vielfache Weise die ganze Nation, weil die erwünschten Informationen von unterschiedlichen (miteinander aber eng verflochtenen) Stellen erhoben wurden. Doch was für widerspenstige Geister zur Qual oder sogar Falle werden konnte, hat bei manchen linientreuen Schriftstellern einen gewissen Selbstbestätigungseffekt erzeugt: Der eigene literarische Erfolg, vielfach in den Fragebogen (etwa der Reichsschrifttumskammer)* zu Protokoll gegeben, hat manchen bestätigt, wenn nicht sogar beflügelt. Und er hat manch einen dazu angeregt, den eigenen Werdegang und Schaffensweg nicht in langweiligen Lebensdaten und Auflagenzahlen auszudrücken, sondern zumindest in Form einer literarisierten Autobiografie dem Volke zu schenken. So haben in vielen Fällen die nach dem damaligen Verständnis „politisch korrekten” Schriftsteller ihren Leistungen einen vergoldeten Rahmen gegeben und ganze Ketten hochtrabender Sinnsprüche mit den schillernden Diamanten ihrer schriftstellerischen Erfolge besetzt. In diesen unzähligen Lebensgeschichten und Lebensbildern fanden sich Angaben über Auszeichnungen, Ehrungen, Abzeichen, Preise, Filmprojekte und Rundfunksendungen, vor allem aber Lebensweisheiten, die zu einer Devise für die Leser werden konnten. Diese erfüllten vorzüglich ihre Vorbildfunktion und dienten unterschwellig der Selbstbeweihräucherung – freilich mit der fatalen Folge für das Bewusstsein, dass der auf den Sockel gestellte Schriftsteller tatsächlich begann, sich selbst für ein Monument zu halten. Es ist aus heutiger sicht nicht sehr schade darum, dass etwa in den biografischen Zeugnissen des führenden Schriftstellers und Dramaturgen des Dritten Reiches Gerhard Schumann beispielsweise irgendeine gewöhnliche Lohnabrechnung nicht erwähnt oder eine 1941 erlittene Verwundung nicht präzisiert wird als Granatsplitter im Gesäß. Schade nur für den Betroffenen, dass in all den selbst verfassten und selbstbezogenen Lobhudeleien sein Sinn für das Normale verloren ging. So zeigt es sich manchmal, dass ihm sein Ruhm schwer zu schaffen machte: “Dichtertöchter” habe er laut seinen eigenen Worten gezeugt und nicht gewöhnliche Töchter.
schumann-dokumenty

Auf das Überzeitliche und Ewige bedacht, versetzte Schumann in seinem Schaffen das politische Drama mit sittlichem Pathos und war bemüht, dem Ganzen eine gleichnishafte Deutung und klare Botschaft zu verleihen. Dieser Kunstgriff wäre ihm wohl so wie vielen seinen regimetreuen Zeitgenossen auch in Bezug auf die eigene Biografie beinahe geglückt, und wir hätten heute nichts als makellose, glatte Konstrukte aus beschönigten Fakten und Wunschbildern, wenn nicht (Ironie der Geschichte?) ausgerechnet die um den Ruhm ihrer Dichter bemühten nationalsozialistischen Kulturbeamten selbst alle Dokumente und ihren ganzen Schriftverkehr aufs penibelste archiviert hätten. Und wenn dieses Material, von allen Kriegswirren verschont, nicht in den Beständen des Bundesarchivs gelandet wäre, sehr zum Leidwesen der einstigen Größen. Über den hoch gefeierten Schriftsteiler Gerhard Schumann, Gauleiter der NSDAP Württemberg, Chefdramaturg des Württembergischen Staatstheaters und schließlich SS-Untersturmführer, haben sich dank der Pedanterie der Beamten u.a. Fragmente eines interessanten Schriftwechsels erhalten, der an dieser Stelle herangezogen sei. Im Februar 1939 wandte sich nämlich Schumann, nachdem er, wohl ein wenig verdutzt, seinen Namen unter einem unbekannten Gedicht abgedruckt vorfand, an den Hauptschriftleiter der Zeitschrift ,,Der Sturm” mit der Bitte um Aufklärung, wer der Autor des Gedichts sein möge, denn es handle sich sichtbar um ein Plagiat: Diese Verse stammten mit Sicherheit nicht von ihm, Schumann. Den Ernst der Lage   eingeschätzt, wandte sich daraufhin die Schriftleitung dieser Zeitschrift ihrerseits gleichzeitig an den Autor und an die Reichsschrifttumskammer. Diese, da sie Chaos und Willkür nicht duldete, forderte umgehend den ominösen Autor des Gedichts mit größtem Nachdruck auf, unverzüglich der Reichsschrifttumskammer beizutreten und überdies zu dem Vorfall Stellung zu nehmen. Dessen Antwort kam prompt und versetzte alle Beteiligten in Staunen. Der Aufgeforderte schrieb nämlich folgendes:

„An die Reichsschrifttumskammer!

Ich erhielt lhr Schreiben vom 25. Februar 1939 und möchte Ihnen mitteilen, dass ich erst 16 Jahre alt bin. Als eifriger Leser des ,,Sturms” kam ich auf den Gedanken, das Gedicht „Regeln für Theaterbesucher” an die Redaktion desselben zu senden. Ich fand das Gedicht in einem alten Notizbuch meines Vaters, wo er auch selbst seine selbstverfassten Gedichte hinein schrieb, und war fest überzeugt, dass er das selber verfasste. Hatte ja auch keine Ahnung, dass es mir vom ,,Sturm” honoriert würde und habe das Honorar umgehend zurückgesandt. – Da ich wirklich nicht wusste, dass das Einsenden von Schriftsachen zum Eintritt in die Schrifttumskammer verpflichtet, bitte ich Sie herzlich, es mir nicht anrechnen zu wollen. Ich bin noch Schüler und so vollständig meinen Eltern abhängig. Es wäre mir daher schrecklich, wenn sie durch mich in Unannehmlichkeiten gerieten. – lch werde bestimmt nie wieder nicht von mir verfasste Artikel einsenden und bitte nochmals um gütiges Nachsehen. Heil Hitler! Gerhard Schumann”.

Im Post Scriptum desselben Briefes deutete aber der junge Schumann vorsichtig die nächste Publikationsabsicht an:

lch habe einen Artikel über die moderne Magie verfasst, den ich gern drucken lassen möchte. Da ich mich schon jahrelang damit befasse, ist er bestimmt fachmännisch. Bitte teilen Sie mir mit, ob dies zum Eintritt in die Reichsschrifttumskammer verpflichtet oder wie hoch die Befreiungsgebühr sein müsste. Muss man in der Reichsschrifttumskammer Beitrag zahlen und wie hoch ist dieser?

schumannDie Plagiatangelegenheit hätte sich leicht aufklären lassen, aber die „moderne Magie” wurde für die Reichsschrifttumskammer schon ein wenig zu heikel, schließlich stand der gute Ruf des führenden NS-Schriftstellers Gerhard Schumann auf dem Spiel. Kein geringerer als der Landesleiter der Reichsschrifttumskammer höchstpersönlich sollte folglich für die Belehrung des Jungen zuständig sein, und in der Begründung hieß es: „Es wäre ein unerträglicher Gedanke, etwa den Staatspreisträger Gerhard Schumann mit einem Artikel über die moderne Magie belastet zu sehen. Gez. Dr. Buhl“. Andere Stellen fanden den Vorfall ebenfalls bedauerlich, es hätte ja zur Verwechslung kommen können, und sie griffen zu dem weitaus bewährtesten Mittel: Sie ließen den etwas problematischen jungen Autor – was denn sonst – den Fragebogen der Reichsschrifttumskammer ausfüllen. Von nun an solle er nicht nur datentechnisch erfasst werden, sondern zur leichteren Unterscheidung auch den Zusatznamen ,,Riesa” tragen.

Die Angelegenheit hat also dank dem Einsatz mehrerer Ermittler und Abteilungen der gefürchteten Institution innerhalb eines Monats geklärt werden können, ohne dass einer der Sachbearbeiter  darüber einfach lieber beiläufig die Achseln gezuckt hätte oder die Akten in der Ablage hätte verschwinden lassen.

Was also in keiner der zahlreichen autobiografischen Aufzeichnungen Schumanns je gestanden hatte, ist nun heute zum allgemein zugänglichen Bestand des Bundesarchivs geworden und stellt den umworbenen und gefeierten Autor mit seinen kleinlichen Ängsten um Imageschädigung bloß: Der Nationaldichter Schumann bangt um seinen Ruf und mobilisiert einen ganzen Stab von Beamten, um nicht der Autorschaft eines Aufsatzes über die Magie bezichtigt zu werden. Dabei erscheint er so authentisch, wie ihn die Hochstilisierung zur Dichtergröße durch die Nationalsozialisten niemals zu zeigen vermochte.

Diese unscheinbare Anekdote vermag aber mehr auszusagen als nur den akkuraten Lebenslauf eines vorbildlichen Nationalsozialisten zu korrigieren. Sie sagt nämlich etwas über die Tätigkeit einer Institution aus, die als wichtiges Instrument der nationalsozialistischen Lenkung im Kulturbereich von den Akteuren des Kulturlebens gemeinhin gefürchtet wurde. Sie zeigt vielleicht, dass unter vielen weltanschaulich motivierten und für die einzelnen Betroffenen oft folgenschweren Entscheidungen der Reichsschrifttumskammer – etwa bei Publikationsgenehmigungen oder Berufsverboten – nicht nur unendlich viel verwaltungsnotwendiger Kleinkram stecke, sondern auch – im Kontrast zu dem institutionellen Ernst – manch ein Jux sich verbarg, wie etwa die Geschichte über einen 16-jährigen Plagiator. Bei der Durchsicht derartiger Dokumente fokussieren wir heute, nach über 60 Jahren, unseren Blick auf eher unscheinbare Momente und Angelegenheiten und können über manch einen Fund rätseln oder uns mit schmunzeln an ihm erfreuen. Die nicht hoch genug einzuschätzenden Fragebögen des Dritten Reiches sind ein gutes Gegengift gegen den hochdosierten Ernst der gelackten Schriftstellerbiografien aus dem Dritten Reich. Solche und ähnliche Schriftzeugnisse der Verwaltungspoesie sind eine Quelle für Erforscher der Alltagsgeschichte, die der üblichen groß angelegten Ideengeschichte misstrauen und verschmitzt hinter die offizielle Fassade bzw. in den Keller gucken wollen. Was ist denn authentischer als Menschen mit ihren Rivalitäten, Eifersüchteleien, Scharmützelkriegen um Anerkennung, Einflussbereiche und finanzielle Vorteile?  Umso mehr, als sie in der am stärksten dämonisierten und ideologisierten Epoche der deutschen Geschichte, im Dritten Reich, gelebt hatten. Wir gewinnen – freilich in einem ganz schmalen Spektrum – Einblicke in die Welt der mitwissenden Zeitgenossen und rekonstruieren aus den Fragmenten das Ganze. Auf diese Weise geben wir unserer indiskreten Schnüffelarbeit eine plausible Rechtfertigung… und profilieren uns als Forscher.

Ist das nicht schön?


* Reichsschrifttumskammer (kurz RSK) war ein obligatorischer Berufsverband fur diejenigen Schreibenden, die vom schreiben lebten bzw. viel publizierten. Alle anderen waren vor jeder beabsichtigten Publikation gezwungen, eine Befreiung von der Mitgliedschaft zu beantragen – diese wrde in der Regel auch erteilt. Die RSK verpflitete alle ihre Mitglieder, jedes Jahr einen Fragebogen über schrifistellerische Tätigkeit, Einnahmen. Zugehörigkeit zu den Berufsorganisationen und Parteizugehörigkeit auszufüllen.


Die Autorin ist sich natürlich sicher, dass jeder Sterbliche weiß, wer Gerhard Schumann war. Für diejenige, die es jedoch vielleicht nicht so ganz genau wissen, hier ein Link.

Zu sehen ist „…nur noch Niedertracht und Undank rings”, schrieb Gerhard Schumann über die Zeit seit dem Ende des Dritten Reiches.
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Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Was nicht im Lebenslauf steht

  1. Dorotek pisze:

    Faktycznie masz racje: kto dziś wie, kim był Gerhard Schumann? Słusznie, czasy elity nazistowskiej minęły bezpowrotnie i szkoda poświęcać uwagę na te mroczne zakamarki niemieckiej historii. Ale same archiwa to jednak cos pasjonującego.
    Pamiętam jeszcze Bundesarchiv z lat, gdy dostęp był odrobinę tajemniczo-elitarny (1998), a i można było – gdyby ktoś chciał – ukraść jedno czy dwa kompromitujące listy, bo leżały w teczkach nienumerowane, bez żadnego porządku – chronologicznego ani logicznego. I na przykład osobiście wyrzucić do kosza lub – jak kto woli – wpiąć w swoje prywatne archiwum, o którego istnieniu nikt nie wie i się nigdy nie dowie, hehe. Ech, to były czasy. Zbójecko-cygańsko-kowbojskie. Teraz jest wszystko zdigitalizowane, nie ma kontaktu z papierem, i to nawet trochę szkoda, bo np. było widać, przez ile rąk przechodziły takie listy, ile osób stawiało na tych papierach swoje parafki (czyli ile tzw. Stellen musiało przyjąć do wiadomości, zaksięgować i ewentualnie odpowiedzieć na list). Widać było np. także, jaką wartość miał papier – wiele listów urzędowych do użytku wewnętrznego było pisanych na odwrocie innych, starszych pism przeznaczonych do wyrzucenia, zwłaszcza w latach 40, gdy papier był cennym dobrem. Widać po tym np., że odmawianie papieru przez „czynniki oficjalne” na wiele publikacji nie było czystą szykaną wobec pisarzy niepokornych, ale czasami miało konkretną przyczynę w przyziemnej Papierknappheit (tak też się nazywały te oficjalne przyczyny odmowy). A już największym smaczkiem (oczywiście widocznym z reguły nawet na mikrofilmach) były odręczne notatki – skróty myślowe – decydentów opiniujących podania o coś tam – zupełnie nieprzystające do naszych wyobrażeń o tamtych czasach, a jakże przypuszczalnie podobne do analogicznych notatek dzisiaj (typu „podanie o zapomogę odrzucić, element politycznie podejrzany”). I tak dalej, i tak dalej. Setki śladów do odczytania, może materiał na niejeden felietonik. Pozdrawiam, WASZ SZPERACZ

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