Kommunikationsmittel

Aus den Erzählungen der Persischen Gattin:

Seit einigen Monaten bin ich mit einem echten Perser verheiratet und bin nun die persische Gattin geworden. Erstaunlich, was das Leben manchmal mit sich bringt… In kurzen Erzählungen werde ich verschiedene Aspekte meiner Besuche in Teheran beschreiben. Und damit ich nichts auslasse, unterteile ich meine Geschichten in thematische Kapitel.

Kapitel 1: Kommunikationsmittel

Flugzeug:

Etwa 6 Stunden dauert die Reise nach Teheran, und es gibt nichts außerordentliches daran, außer einer Sache:  kurz vor der Landung am Flughafen Imam Khomeini in Teheran weckt mich nicht die Ansage des Bordpersonals, sondern eine heftige Geräuschkulisse: ein aufdringliches Rascheln verschiedener Stoffe. Ich schaue mich noch verschlafen um, und sehe, dass alle Frauen im Flugzeug von irgendwo ein Schaal oder Halstuch hergezaubert haben, die sie jetzt synchronmassig, wie auf Befehl,  über die meist glänzendschwarze oder blondgefärbte Haare, die an das Fell eines Kamels erinnern, werfen. Mein Mann hält mir mein Halstuch hin und flüstert: es wird Zeit, zieh das an, sonst kommen die Revolutions-Wächter (meist alte Frauen in schwarze Tschadors gehüllt, die über das islamische Moral wachen) und holen dich ab. Obwohl mein Mann sich bemüht, dass es nicht bedrohlich klingt, weiß ich, dass dies keine leeren Worte sind.  Und ab diesem Zeitpunkt ist das violette Halstuch mein ständiger Begleiter. Ehrlich gesagt habe ich nichts gegen das Kopftuch, da die meisten  Hauptstadt-Perserinnen ihre Kopftücher so, wie die großen Stars in Cannes in einem Cabrio, oder zur Goldene-Palme Verleihung tragen, was sehr schick aussieht, wäre da nicht diese kleine Tatsache, dass ich echt schlecht höre. Die Stimmen drängen sich nun kaum durch den Stoff meines Kopftuches und ich fühle mich, als ob ich unterm Wasser wäre.

Bus:

Die Busse sind in Teheran sehr modern und in zwei Abteilungen geteilt. Die Frauenabteilung befindet sich vorne – unmittelbar hinter dem Busfahrer und beträgt etwa ein Fünftel der Busfläche. Die riesige Männerabteilung ist im hinteren Teil. Zwischen den Zonen gibt es eine Stange, die man aus moralischen Gründen nicht überschreiten darf. Der Frauenabteil wird sehr schnell brechend voll. Ich stehe wie eine Sardine in der Dose, zwischen den Perserinnen in schwarzen Tschadors, (die wir intern „Zelte” nennen,) oder der in bunten Mäntelchen, die unbedingt über das Popo reichen und es bedecken müssen, und bunten Kopftüchern. Ich schaue zu meinem Mann rüber, der sich bequem auf einem Sitz gemacht hat und staune, der Männerabteil ist fast leer! Ich muss ganz politisch unkorrekt an die Filme über das Warschauer-Ghetto denken, mit welchen die uns in Polen zur Kommunismus-Zeit in der Schule gefuttert haben. Da standen auch die Juden in den Straßenbahnen, zusammengequetscht und die Deutschen haben sich breit gemacht. Ich nehme mir vor, einen Brief an Ahmadinejad zu schreiben. Ja, ja das ist echt möglich, denn Ahmadinejad hat gesagt, dass jeder ihm einen Brief schreiben darf, wenn er etwas benötigt oder etwas ändern will. Mit den Änderungsvorschlägen da hat sich niemand getraut, aber die Iraner haben ihm durchaus geschrieben, dass sie einen Kühlschrank, oder Teppich, oder Monatsticket brauchen, und viele davon haben diese Sachen tatsächlich gekriegt. Plötzlich – eine Unruhe und Flüstern unter den Frauen, die haben es gecheckt, dass ich Ausländerin bin, schauen mich, wie ein UFO an und flüstern aufgeregt untereinander. Es ist mir etwas peinlich, aber ich kann es ihnen nicht übel nehmen, denn die Touristen sich so selten in Iran blicken lassen, wie Afrikaner in der 80. in Polen: Man sichtet uns Touristen zwar ab und zu auf den Teheraner Straßen, aber wir sind eine Rarität und ein Gesprächsstoff der Extra-Klasse bei dem Abendessen jeder iranischen Familie. Ratz Fatz wird für mich ein Platz frei gemacht und ein Höflichkeitsritual, der ” Tarof”  heißt, beginnt. Das Ganze ist sehr zeitaufwendig  und verläuft nach einem festen Muster, der ungefähr so aussieht: Eine Zelt-Frau erhebt sich und sagt zu mir: bitte liebe Frau, setzen sie sich, bitte, bitte. Daraufhin antworte ich ungefähr so: Ihre Hände sollen nicht weh tun, bleiben Sie doch bitte sitzen. Die Zelt-Frau staunt kurz, dass ich ihr auf Persisch antworte, aber sie sammelt sich schnell und fährt unbeirrt mit dem Tarof fort:  Aber nein, liebe Frau, setzen sie sich doch, ihre Hände sollen Ihnen nicht weh tun, ich würde mich für Sie opfern. Und daraufhin, bin ich gezwungen zu sagen: aber nein, danke schön, ich opfere mich für Sie, Ihre Hände sollen nicht weh tun… Und das ganze wiederholt man drei Mal! Und erst danach darf ich ihren Platz annehmen, sonst wäre ich für sie, wie jemand aus dem Busch, grob und komplett unerzogen.

U-Bahn:

Im Gegensatz zu Bus wird die U-Bahn nicht nach Geschlechtern zweigeteilt. Es gibt zwar zwei Waggons im vorderem und hinterem Teil des Zuges, die nur für Frauen bestimmt sind, aber der Rest ist koedukativ. Das wundert mich tierisch, weil es so unlogisch ist. In dem Bus muss alles nach dem Prophet gehen und in der U-Bahn nicht… hmmm, dann ist der Moral auch zweigeteilt. Ich frage meinen Mann wieso das so ist, der weißt es auch nicht.

Das Auto:

Es ist für die Iraner das beliebteste Kommunikationsmittel. Jeder hat ein Auto, oder strebt danach, eins zu haben. Und wenn man bedenkt, dass in Teheran inoffiziell 17 Millionen Menschen wohnen, kann man sich vorstellen, was auf den Straßen los ist. Stau ist ein normaler Zustand, man fährt Stange in Stange und kann buchstäblich unterwegs Blumen aus den Fenstern pflücken, oder von den Straßenhändler gemütlich gekochtes Rote-Bete oder Nun-Homei (persische Windbeutel) kaufen. Die Regierung kämpft mit dieser Lage und jeden zweiten Tag dürfen bis 18 Uhr nur Autos mit geraden oder ungeraden Zahlen in den Nummernschildern fahren. Trotzdem wegen der Pollution werden die Schulen oft, manchmal auch für eine Woche, zugemacht, damit Kinder zu Hause bleiben und den Smog nicht einatmen müssen. Was die Fahrkultur angeht, hat das mit der uns bekannten nichts zu tun. Man fährt über rot, hupend wie wild, biegt abrupt ab, ohne zu blinken, parkt auf dem Gehweg, laut lachend, wenn die Passanten, schreiend, wie ein verscheuchter Hühnerschar in alle Richtungen weglaufen.

Das Motorrad

Ein Motorrad in Teheran zu besitzen gleicht einem Todesurteil. Selber habe ich gesehen, wie bei einem Motorradunfall eine Zelt-Frau in die Luft flog und gegen den harten Straßen-Asphalt prallte. Die meisten Fahrer sind an ihr vorbeigefahren und nicht mal in diese Richtung geblickt.

Das Fahrrad

Das Fahrrad ist den Perser als Kommunikationsmittel komplett unbekannt. Es gibt zwar in Teheran Fahrradverleihe- schicke Häuschen aus Glas, platziert an den Rändern der größeren Teheraner Straßen,  voll mit ganz modernen, schönen, nagelneuen Fahrrädern – ein Geschenk der Regierung, das komplett in die Hose gegangen ist. Man schaut  sich  die Fahrräder an, bewundert sie, fährt aber nicht damit. Weder mein Mann noch ich haben in Teheran je einen Fahrradfahrer gesichtet.

2irankiwokularach

Nächste Woche erzähle ich, wie ich an exklusiven, persischen, religiösen Festivitäten teilgenommen habe. Zusätzlich kommt der 1. Teil aus den Erzählungen meiner geliebten und glorreichen Schwiegermutter –  Monavar (Monavar, rechts im Bild, daneben ihre Schwester, Yazd, Iran 2013)

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Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Kommunikationsmittel

  1. Anonim pisze:

    sehr interessant, die Beschreibung Teheraner Frauen-Alltags.Bin neugierig auf die nächsten Folgen. Anne

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