Sine

Der erste Text kam am Montag.
https://ewamaria2013texts.wordpress.com/2013/03/04/kommunikationsmittel/
Ab heute aber sollen wir Beiträge der
Persischen Gattin regelmäßig zum Sonntag bekommen. „Frau zum Sonntag” so zu sagen.

Sine bedeutet Brust

Im Dezember sind in Iran alle sehr traurig und weinen ständig, weil in diesem Monat Imam Husain (626 – 680) ermordet wurde. Husain war der Enkel des Propheten Mohammed und ist eine Zentralfigur des schiitischen Glaubens (fast alle Iraner sind Schiiten). Seine Gegner haben Husain in der Schlacht bei Karbala ermordet, er hatte 33 Speerwunden, 34 Schwertwunden und unzählbare Pfeiltreffer erhalten.

Plac Imama HusainaMahnoz, die Frau des Cousins meines Mannes entscheidet sich, mich, eine polnische Katholikin, also eine Ungläubige, zu den religiösen Festivitäten mitzunehmen. Sie heißen Sine, was Brust bedeutet, weil sich die Frauen und Männer (getrennt natürlich) auf die Brust schlagen, um der Trauer Ausdruck zu verleihen.

Mahnoz ist eine attraktive, schlanke Frau in den Fünfzigern, und obwohl sie weder lesen noch schreiben kann und aus einem kleinen Dorf im Norden Irans stammt, ist sie immer sehr elegant und geschmacksvoll gekleidet. Jede Kudamm´er Elegantin könnte sich eine Scheibe von ihr abschneiden.

Und auch an diesem Morgen kommt sie in einer olivenfarbenen Hose, einem eleganten beigen Mantel und einem dazu passenden seidenen Kopftuch und vor allem nicht in Schwarz, der Farbe der Trauer. So ziehe ich auch helle Hose und einen hellen, leichten Mantel an. Und ich bin erleichtert, da mein schwarzer Wintermantel sehr warm ist, und aus Erfahrung weiß ich, dass ich den Mantel die ganze Zeit anbehalten muss. Obwohl man die Wohnungen in Iran im Winter, wie verrückt heizt, und die Temperatur in den Räumen oft fast 40 Grad übersteigt, behalten die Frauen in der Öffentlichkeit immer ihre Mäntel an, aus moralischen Gründen. Man kann sich leicht vorstellen, wie man dabei schwitzt.

uliczka do niego dochodzaca Der Cousin Agha Abbas kutschiert uns, und nach einer halben Stunde parken wir vor einem prachtvollen Haus in einer der meist angesagten Gegenden in Teheran. Das Haus ist vierstöckig und sieht, wie ein kleiner Palast aus. Vor gewaltigen Türen hat man riesige Vorhänge angebracht. So gelangen wir zuerst in eine Schleuse, eine Art Zwischenraum, wo die Frauen ihre Schuhe ausziehen und in dafür speziell vorbereitete Plastiktüten verstauen. Ich schaue mich nach Mahnoz um, und erkenne sie nicht wieder. Sie trägt nicht mehr ihren beigen Mantel, sondern einen  schwarzen Tschador. So ähnelt sie, all den Frauen, die das Gebäude stürmen und wie schwarze Krähen aussehen. Ich fühle mich unwohl in meiner hellen Kleidung, ich gehöre einfach nicht dazu!

Stragan przy placu Imama HusainaAber Mahnoz schubst mich nach vorne und so betreten wir den komplett mit Perser Teppichen ausgelegten Raum, von der Größe eines Fußballfeldes. Überall an die Wände angelehnt sitzen, etwa 200 Iranerinnen, Junge, Alte, kleine Mädchen, alle in Schwarz und alle flüsternd. Ein leiser Gemurmel erfüllt den Raum. Wir setzen uns in die Ecke auf dem Teppich und Mahnoz fängt sofort mir zuzuflüstern an: Die Gastgeberin ist eine Araberin aus dem Irak, und ihr Mann ist sehr reich, in den weiteren 4 Stockwerken wohnt die Familie. Sie sind unbeschreiblich reich.

Eine Frau nähert sich mir, sie ist sehr groß, ihr Rücken breit, wie bei einem Holzfäller. Ihr Gesichtsausdruck, alles andere als freundlich. Na klar, denke ich mir, ich falle auf, wie ein Albinos-Rabe unter diesen schwarzen Krähen. –  Was suchst du hier, wer bist du und zu wem gehörst du? – fragt sie mich. Etwas eingeschüchtert, mit zitterigen Stimme antworte ich in meinem besten persisch.- Man Renata hastam, bo Mahnoz omadam (ich bin Renata und bin mit Mahnoz gekommen). Ich zeige auf meine Begleiterin, und die Gastgeberin lächelt versöhnlich. Uff atme ich erleichtet auf – kein Rauschmiss. Sie küsst Mahnoz und tauscht Höflichkeiten mit ihr, was sehr lange dauert, und so vergessen sie mich für eine Weile. Die reiche Gastgeberin spricht paar englische Worte, und erzählt mir, dass ihre beiden Söhne in Harvard studieren. Man bietet mir einen Glas Tee, köstliche Feigen mit Orangenstreifen gefüllt, begossen mit Schokolade. Kein Wunder, dass die meisten Perserinnen etwas kugelförmig sind. Plötzlich ein schallender Mikro-Geräusch, eine Frau fängt an zu singen, die Geschichten aus dem Märtyrer-Leben des Imam Husain´s, sehr orientalisch und rhythmisch.  Das Mikro ist so eingestellt, dass die Stimme der Sängerin, in dem Raum hallt, es klingt dramatisch und geheimnisvoll zugleich, und ein bisschen auch, wie bei einem Rock-Konzert. Ich schaue mich um, und alle Frauen, wie auf Befehl, fangen an sich gegen die Brüste zu schlagen – Bum, Bum, Bum und dazu zu skandieren – Jo Husain, Jo Husain! Und fast alle weinen, einige leise, und manche ganz laut. Mahnoz flüstert mir zu: wenn du nicht weinen kannst, stell dir vor, jemand aus der Familie ist gestorben, das hilft! Ich schaue mich verdutzt um, eine junge Schönheit, mit einer Haut, wie das Ebenholz, zerkratzt sich das Gesicht.  Die Tschadors fallen in dem ganzen Durcheinander. Die Kleider der Frauen sind zwar alle schwarz, aber oft tief ausgeschnitten, manche mit Glitzern und Pailletten versetzt, wie zur Silvester in einem polnischen Dorf. Na klar denke ich, wo sonst können sie ihre besten Stücke zeigen? Nur unter Frauen, auf einem Fest. Der Rhythmus der orientalischen Klänge  beschleunigt. Zwei alte Frauen, sitzen sich gegenüber – Gesicht ins Gesicht und verpassen sich Ohrfeigen, heftiger und heftiger, sie scheinen sich gegenseitig anzufeuern, welche am härtesten zuschlägt. Junge Frauen springen auf, reißen die Kopftücher von den Köpfen und fangen an zu tanzen. Dann springen sie nach vorne, und nach hinten, die langen schwarzen, roten und blondgefärbten Haare fliegen in die Luft. Und die Frauen springen noch schneller und werfen die Köpfe, wie bei einem Head-Banding während eines Heavy-Metall Konzerts. Sie tanzen bis zur Erschöpfung, mit roten Gesichter, wie Verschwörerinnen eines heidnischen Rituals, wie in einer Gemeinschaftshysterie. Und das alles, um die Trauer nach dem Tod des Imams zu zeigen. Ich stelle mich in die Ecke an der Tür, wo es kühler ist, da die Hitze im Raum, unerträglich wird. Mahnoz schubst mich in Richtung der Frauen – ich soll mit ihnen tanzen? Nein um Gottes Willen. Ich weiche erschrocken zurück. Plötzlich der Gesang bricht ab, die Lichter gehen an. Uff… ich bin gerettet, es ist zu Ende.

tez uliczkaDie Frauen hüllen in Tschadors ihre Körper. Sofre – ein längliches Tischtuch wird auf den Teppichen ausgebreitet, auf dem Sofre werden Getränke gestellt, persische 7Up´s und Colas, die etwas fad schmecken und deutlich übersüß sind. Das Essen – Reis und Lammfleisch – wird in Plastikbehälter serviert. Ich kann keinen Schluck unterkriegen, aber das macht nichts, denn alle Reste werden eingepackt und nach Hause mitgenommen.

Im Auto, auf dem Rückweg, noch etwas benebelt, denke ich über das Ganze nach. Und mir  fehlt ein, dass in Iran erst das Jahr 1391 ist, also ein tiefer Mittelalter. Der Islam ist rund 600 Jahre jünger, als Christentum. Und wenn man bedenkt, was in Europa sich im Jahre 1391 religionsmassig abgespielt hat…  da haben sich doch die Leute aus Buße Monate lang nicht gewaschen und gegeißelt, und Hexen wurden verbrannt… So gesehen ist Sine – das sich bisschen auf die Brust-Klopfen – nicht mehr so skurril.

Alle Fotos: Platz von Imam Husain und Umgebung in Teheran.

Nächste  Woche: Aus den Erzählungen meiner Schwiegermutter (85 Jahre alt) – Das Leben von Kobra Hanum.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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5 odpowiedzi na „Sine

  1. Anne Schmidt pisze:

    sehr interessant. Warte gespannt auf Fortsetzung. Anne

  2. Zbyszek pisze:

    Bardzo egzotyczna wyprawa, hermetyczny świat, w którym za żadne skarby Orientu nie chciałbym żyć. Trochę jednak autorce zazdroszczę tego doświadczenia🙂

  3. Tak, oczywiście, póki jesteśmy gdzie indziej, niebieskie kafle i nazwa Isfahan budzą w nas niezwykłe tęsknoty. Ale zgadzam się z przedmówcą – niezwykłe doświadczenia, a jednak za skarby świata…

  4. Na ja. es ist nicht so schlimm in dem fremden Teheran. Die Iraner und die Polen haben sehr viel gemein sam. Als eine echte persische Gattin, weiß ich, wovon ich rede! Und außerdem unsere Beiden Völker teilen eine wichtige Erfahrung und zwar die einer Diktatur. Aber darüber und noch mehr in den nächsten Folgen… Liebe Anne, ich freue mich wahnsinnig, dass ich in Dir so eine interessierte Leserin gefunden habe!

  5. ewamaria2013 pisze:

    10 marzec 2013
    Szczecińska Manifa Równości!
    Hasło: ,,KOBIETY WSZYSTKICH PŁCI ŁĄCZCIE SIĘ”

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