Hosstegori, Ard, Arrusi

Persische Gattin

Heiraten auf Persisch

Man kann in Iran auf viele Weisen heiraten. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, aber nicht immer ein Einmaliges. Die Iraner dürfen ja mehrere Frauen haben. Man muss sich allerdings an die Regeln halten. Den Iraner fällt es nicht sonderlich schwer, denn sie lieben ihre Regeln. Falls allerdings jemand es wagt, aus der Reihe zu tanzen, muss er mit einer gnadenlosen Kritik und scharfen Zungen rechnen, und zwar Jahre, manchmal auch Jahrzehnte danach.

Das Heiraten fängt an mit:

Hosstegori – es ist ein kleines Fest, nur die engste Familie ist dabei. Der Bräutigam in spe, begleitet von seinen Eltern, kommt ins Haus seiner Auserwählten. Früher hat das Mädchen ihren Zukünftigen bei dieser Gelegenheit das erste Mal flüchtig gesehen. Er dürfte auch ein Blick auf sie erhaschen, in den paar Sekunden, in denen sie ihm den obligatorischen Tee (Tschai) serviert hat. Heutzutage kennt sich das junge Paar schon, zumindest in den meisten Fällen. Das wichtigste ist – die Eltern des Mädchens müssen einverstanden sein. Nicht ohne Bedeutung ist die Höhe der Mehrije. Mehrije ist eine Art Geldanlage für die Braut, für ihre Zukunft. Falls die jungen Leute heiraten, muss der Ehemann seiner Gattin zu jedem Zeitpunkt die Summe der Mehrije auszahlen können, falls sie diesen Wunsch äußert. Falls er es nicht tut, wandert er ins Gefängnis. Und es geht hier um keine symbolische Summen: 500 Seke (Goldstücke) ist oft der Standard. Für dieses Geld kann eine Frau bis Ende ihres Lebens, in Iran, fast sorglos leben. Am häufigsten wird die Zahlung der Mehrije in dem Fall einer Scheidung verlangt, aber manchmal will die Frau das Geld ohne Grund, einfach so!

TanzenVor allem die Mutter der Braut ist daran interessiert die höchst mögliche Summe für ihre Tochter auszuhandeln. Mich selbst hat man auch gefragt, welche Mehrije ich haben möchte. Überrumpelt habe ich geantwortet: ich will gar nichts! Geld von meinem Mann zu verlangen, nur weil er mich heiratet, fand ich irgendwie komisch. Das geht aber nicht – war die Antwort –  Mehrije muss sein, mindestens Nabot (Zukerkristalle) und Koran. Ich antwortete: ich möchte aber kein Zucker und mit dem Koran, da bin ich mir auch nicht so sicher…. Mein Mann meinte – sie mag Rosen. Ich habe zugestimmt und so wurden 500 rote Rosen zu meiner Mehrije. Ich kann sie jede Zeit von meinem Mann verlangen. Die versammelten Frauen waren mit meiner Entscheidung nicht besonders glücklich. – Du verdirbst unsere Preise! – hat mir eine von ihnen zugezischt.

Nach Hosstegori kommt Ard.

Ard ähnelt unserer europäischen, standesamtlichen Eheschließung. Die Ehe kann hier für immer oder auf Zeit geschlossen werden. Die Ehe auf Zeit heißt Sirkhe und kann ab einer Minute bis 200 Jahre dauern. Diese Art Ehe wurde eingeführt wegen der unehelichen Kindern. Falls die Eltern nicht geheiratet haben, und infolge ihres Verhältnisses ein Kind zur Welt gekommen ist, wird das Kind nicht automatisch zu einem iranischen Bürger erklärt, denn das Kind nimmt immer die Nationalität des Vaters an. Wenn man aber keine Sicherheit hat, wer der Vater ist…

In der Schah-Zeit war Sirkhe verboten, nach 1979 wurde sie wieder zugelassen. Im Islam sind bis zu 40 Zeitehen für jeden Mann möglich. Früher, als die Perser viele neue Länder und Territorien erobert haben, war die Zeitehe sehr praktisch. Bei den Schlachten, im Kampf wurden ja die männlichen Gegner ausgerottet, die Frauen blieben alleine zurück. Die Perser haben sie also geheiratet, damit sie einen sicheren Hungertot nicht sterben müssen und dank der Sirkhe in Einverständnis mit dem islamischen Glauben.

Das Fest aller Feste ist für die Iraner – die Arrusi,

also – die Hochzeit. Jedes Mädchen in Iran träumt von einer Hochzeit in Weiß, und da unterscheiden sich die iranischen Mädels von den europäischen ganz und gar nicht – und wenn Eine sagt, sie macht sich nichts daraus – lügt sie. Der einzige Unterschied ist, dass ein europäisches Mädchen sich überhaupt nicht vorstellen kann mit welchen Pracht und Prunk so eine persische Arrusi gefeiert wird, außer es hat´s  gesehen.

Heute heiraten Mehdije und Ahmed. Der wichtigste und schönste Tag im Leben des jungen Paars ist vor allem anstrengend. Bei Morgendämmerung rennt Mehdije zum Schönheitssalons. Diese spezialisieren sich in Hochzeits-Make-up und Hochzeits-Frisuren. Sobald die Kosmetikerinnen und Friseurinnen erfahren, dass es sich um eine Hochzeit handelt, steigen die Preise bis ins Unendliche. Ich habe gehört, manche Bräute sagen, dass sie Geburtstag feiern wollen, damit sie nicht so viel bezahlen müssen. Das Make-up ist stark, glitzernd, provokativ, nichts mit der unschuldigen, natürlichen Braut, so was ist kein Modetrend in Iran. Was interessant ist – die Männer werden auch geschminkt. Ahmed kriegt zwar nur etwas Puder, Lippenglos und seine Augenbrauen werden depiliert, aber ich habe schon einen iranischen Bräutigam gesehen, dessen Augen stark geschminkt, Lippen karminrot angemalt und die Haare auf den Tokyo-Hotel-Leader frisiert waren, ein echter ästhetischer Horror.

Fotografen und die Braut

Auch das Make-up von Mehdije, der heutigen Braut, hält sich in Rahmen, sie behält immerhin ihre natürliche Haarfarbe – schwarz, und ich kann nur drei verschiedene Lidschatten auf Ihren Augenlieder zählen, aber ich habe schon eine Braut gesehen, deren lange Locken platinblond, wie bei Pamela Anderson gefärbt wurden, die Augenbraue abrasiert und darauf gemalt, und die Lippen in Feuerwehr-rot geschminkt wurden.

Das Prinzessin-Kleid wartet schon auf Mehdije und es ist wirklich sehr schön, ähnlich wie in Polen oder Deutschland, schulterfrei, mit kleinen glitzernden Steinchen besetzt, mit Schleppe, auf dem Kopf ein Schleier. Sie sieht umwerfend aus, und ich beneide sie ein bisschen, da ich keine Arrusi in Weiß hatte.

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Den ganzen Vormittag und halben Nachmittag verbringt das junge Paar mit einem Fotografen und einem Kamera-Team. Die arbeitslosen Filmemacher in Iran haben ihre Nische gefunden. Der Film mit Mehdije und Ahmed wird am Ende über drei Stunden dauern, er wird mit der Musik von Modern-Talking, iranischem Pop, den ominösen Klängen von Enya und zahlreichen filmischen Effekten: Überblenden, Ausblenden, Zeitluppen, Zeitraffen, sowie Bilder in Sepia im Still der 30-er Jahre und dramatischen schwarz-weiß, untermalt. Die Dreharbeiten beginnen mit einer spektakulären Autofahrt durch Teheran. Die Hupe und die Lichthupe werden ununterbrochen von dem Fahrer betätigt, der Wagen ist, genau wie so oft in Europa, mit Blumen und weißen Schleifen geschmückt, und was vor allem wichtig ist: es ist ein Nissan, also ein ausländisches Auto, und kein produzierter in Iran und sehr populäre Pride, der allem Anschein nach, aus Plastik gebaut wurde und aussieht wie aus den 80-er Jahren.

Das Paar und Fotografen

Danach geht es zu einem Park und an der kitschigen Romantik wird es hier nicht gespart. Mehdije und Ahmed werden von den Fotografen und Kameraleuten dazu ermutigt:  hinter sich her durch die Grünanlage zu rennen, sich im Laub auf dem Parkrasen zu wälzen, die Blätter von den Kleider abzuschütteln und es noch mal zu wiederholen, sich auf den Treppen einer kleinen Pagode zu strecken, sich sentimental aus den halbgeschlossenen Augen anzustarren, die Lippen an die Lippen den anderen zu nähren, aber um Gottes Willen nicht küssen! Noch sind sie ja nicht verheiratet, und was nicht geht, geht es halt nicht! Casablanca kann man hier nicht nachmachen. Schade um die Kunst!

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Dann geht es zu dem gemieteten Festsaal. Mehdije und Ahmed steigen aus dem Auto, und vor ihnen direkt auf der Straße wird ein braunes Lämmchen mit einem Messerschnitt durch die Kehle, also nach Halal-Vorschriften, geopfert (auf diesen Brauch könnte ich persönlich verzichten, so sehr tat mir das Lämmchen leid). Das Blut fließt über den Gehweg, die Braut hebt geschickt das weiße Kleid und springt drüber, der Bräutigam hinter ihr her. Im Eingang wartet schon die Familie (es ist eine kleine Hochzeit, nur 200 Leute), das Paar wird mit unzähligen Geldscheinen förmlich überschüttet. Sie gehen aber unbeirrt weiter und betreten den festlich geschmückten Saal. Mehdije und Ahmed zünden eine Kerze von dem Koran an. Sie setzen sich an zwei Thronen. Vor ihnen mehrere Tische – bedeckt mit Musselin, auf den Tischen stapeln sich Blumen und Früchte, Nüsse, Perlenketten, Hirtin-Figürchen, kleine Spiegel in goldenen Rahmen, idyllische Bildchen, Ketten aus raren Muscheln.  In der Mitte auf einem silbernem Tablett liegen Eheringe und steht ein Schälchen mit Honig, daneben Nabot –  damit das gemeinsame Leben süß wird. Über die Köpfe des Paares wird ein goldenes Tuch ausgebreitet, das von etwa zehn jungen Frauen gehalten wird. Eine Auserwählte darf zwei Zuckerköpfe über das Tuch reiben – damit das Leben des Paares wie Zucker schmeckt.

Ahmed nimmt den Koran und schlägt es auf. Ein Mulla liest eine Art Eheversprechens. Mehdije sagt als erste: Bale – Ja. Die Frauen jubeln. Nun ist Ahmed an der Reihe und auch er sagt  mit einer etwas zitterigen Stimme: Bale. Alle klatschen. Ahmed schließt den Koran und küsst Mehdije auf den Mund, das erste Mal – zumindest theoretisch. Das Paar unterschreibt den Ehevertrag, und es ist nicht eine Seite wie bei uns, sondern gleich ein ganzes Buch. Die Eheringe werden ausgetauscht. Im Hintergrund singt die Band schon: Man tora micham! – Ich will dich! Mehdije taucht den kleinen Finger in die Schale mit Honig und hält ihn Ahmed hin. Ahmed leckt den Honig ab, dann ist er an der Reihe und Mehdije muss ablecken. Ich weiß selber nicht, ob es auf mich leicht erotisch oder unhygienisch wirkt.

Dann kommen die Geschenke – es ist eine wahre Zeremonie, bei welcher alle zuschauen müssen. Ich werde wieder etwas neidisch, als ich sehe, was Mehdije alles kriegt, und muss auf meinen biederen Modeschmuck starren. Also sie bekommt: goldene Ohrringe mit echten Perlen, einen Armband dazu, eine Kette, eine Uhr, noch mal Kette, und noch mal Ohrringe – alles aus puren Gold. (Ahmed bekommt übrigens fast denselben Satz). Danach kommt Geld oder Goldstücke (Seke). Eine Tante verkündet über ein Mikro, wer und wie viel dem jungen Paar geschenkt hat. Danach erfahre ich – eine iranische Hochzeit ist ein „Null-Summe-Spiel”, meistens das ganze Geld, welches ausgegeben wurde (und es ist ein kleines Vermögen) wird durch die Geschenke wieder reingenommen.

Mit einem Blumenstiel

Das Ritual mit dem Geld wiederholt sich gleich wieder, denn das Paar erhebt sich und geht durch den Saal zu der Tanzfläche, dabei begrüßt sie jeden Familienmitglied persönlich. Der Geldregen fällt wieder auf sie.

Der erste Tanz beginnt: Mehdije und Ahmed schwingen die Hüften, die Mutter der Braut überschüttelt das Paar mit Geldscheinen. Da wurde wahrscheinlich der Tresor einer iranischen Sparkasse gänzlich leergefegt.

Nach dem ersten Tanz, wie auf Befehl, rennen alle auf die Tanzfläche und fangen an sinnlich, rhythmisch, einfach grandios zu tanzen, egal ob jung oder alt, die Iraner haben es einfach im Blut. Lichter pulsieren, ein künstlicher Nebel erfüllt den Saal, und ich habe den Eindruck, ich bin in einer Berliner Disco, wäre da  dieser orientalische Rhythmus nicht gewesen.

Etwas später erfahre ich, dass man eigentlich auf dieser Weise nicht feiern darf, dass es verboten ist und die Familie musste ordentlich schmieren, damit Frauen und Männer zusammen sind. Normalerweise erscheint der Bräutigam nur kurz bei den Frauen, danach geht er zu den Männer und die Festlichkeiten finden getrennt statt. Es ist etwas trist: Frauen tanzen mit Frauen, und Männer mit Männer in getrennten Räumlichkeiten.

Aber zurück zu der Hochzeit von Ahmed und Mehdije. Nach dem Tanzen begeben sich die Braut und der Bräutigam nach draußen und rauchen gemeinsam Schisha und so entspannen sie sich ein wenig.

Kurz darauf folgt die Torte! Zuerst eine junge Frau tanzt mit dem Kuchen (natürlich nicht mit der dreistöckigen Torte), sondern mit einem Mandelgebäck, in der Größe eines Tellers. Die Hüften der jungen Schönheit in einem geschmeidigen grünen Kleid bewegen sich sinnlich. Der Kuchen auf der Handfläche kreist rhythmisch mit den graziösen Bewegungen ihrer Arme. Sie ist eine gute Tänzerin und sie stiehlt der Braut die Show ein wenig, aber es ist zu einem guten Zweck, denn auch sie sammelt für das junge Paar die Scheine.

Die Mutter der Braut bringt ein Teller mit zwei kostbaren, weißen Blüten. Ahmed und Mehdije tauchen die Stiele der Blume in Henna und schreiben gegenseitig ein Zeichen auf die Handflächen. Dann schließen sie die Hände, und verschmieren alles. Ab jetzt sind sie unzertrennlich, auf jeden Fall sie sollen es werden.

Ein anderes junges Mädchen tanzt mit dem festlich geschmückten Torte-Messer. Und auch sie wird mit Scheinen überschüttet, dann übergibt sie das Messer dem Bruder des Bräutigams, er tanzt mit einer ernsten Miene, versucht, so gut wie möglich den Auftrag zu erfüllen und wieder fliegen die Scheine. Der Bruder ärgert den Bräutigam ein bisschen und verzögert die Übergabe des Messers.

Normalerweise gehört der Tanz mit dem Messer der Schwester des Bräutigams. Und falls die Schwester, die Zukunftige ihres Bruders nicht mag, kann der Tanz sehr lange, sogar bis zu einer Stunde dauern. Aber Ahmed hat nun keine Schwester. Endlich übergibt Ahmeds Bruder dem Paar das Messer, die Torte wird aufgeschnitten, aus der Torte schießen Wunderkerzen. Mehdije und Ahmed futtern sich gegenseitig mit der Torte, dann futtern sie ihre Eltern, ihre Geschwister, und alle aus der Familie, die zufällig in der Nähe stehen.

Das gemeinsame Tanzen geht von vorne an. In jeder persischen Familie gibt es eine alte Tante oder einen Onkel, der die Bude rockt. In diesem Fall ist es der Onkel Golem Reza, mit einer weißen Mähne, bringt er ans Licht solch unglaubliche Hüftbewegungen und Vitalität, dass ich staunen muss, dass er schon fast 80 ist.

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Es wird noch lange getanzt, was das Zeug hält, erst danach kommt das Essen. Bis jetzt hat man nur Früchte, süße Plätzchen und die Torte serviert. Das Essen kommt zum Schluss, und es ist ein Zeichen, dass das Fest sich dem Ende neigt.

Aber nicht in den Familien von Ahmed und Mehdije, hier wird es weiter getanzt, gelacht, geredet, gefeiert und das alles ohne ein Tropfen Alkohol. In Polen kann nicht Mal eine Taufe ohne Prozentiges geben. Und bei einer Hochzeit sind sowieso alle vollgetankt. Eine persische Hochzeit ist vollkommen alkoholfrei. Und es ist das Schönste für mich an diesem Fest.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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2 odpowiedzi na „Hosstegori, Ard, Arrusi

  1. Anne Schmidt pisze:

    Noch nie habe ich über eine persische Hochzeit etwas gelesen oder davon gesehen. Ich finde den Bericht so anschaulich, dass ich mir alles bildlich vorstellen kann. Eine Frage bleibt für mich: Ist es normal, dass eine Braut ohne Kopftuch in einem ausgeschnittenen weißen Kleid heiratet? Hätte die Hochzeitsgesellschaft auf Grund dieser Tatsache von Sittenwächtern festgenommen werden können?

  2. ewamaria2013 pisze:

    Jutro – w poniedziałek – po zachodzie słońca zaczyna się żydowska Pascha. Całe święto trwa w tym roku od 26 marca do 2 kwietnia. Pascha / Pesach / Passover to przypomnienie wyjścia z Egiptu pod przywództwem Mojżesza. My napiszemy o Mojżeszu za tydzień.

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