Staub. Die Erbse. Alles blüht.

Agnieszka Dębska

Staub

Ich lag halb auf dem Sofa und las ein Buch. Hin und wieder nippte ich an meinem Weißwein. Es war ein schöner Tag, aber das Buch stimme mich traurig. Vielleicht als Resultat davon, fing mein Inneres an zu knurren. Es machte schon immer laute Geräusche, ganze Welten lebten darin. Singende Sägen, ein klappernder Storch, knarrende Dielen, so etwas eben.

Diesmal war es anders. In mir explodierten Bomben. Ich hörte, wie sie einschlugen. Nicht das Pfeifen, bevor sie den Boden berührten, es war die Explosion, die Wucht der umher fliegenden Partikel. Ich hatte nie Bomben fallen gehört, außer in Fernsehen, doch das Geräusch war eindeutig. Langsam verhallte es. Dann kamen die Maschinengewehre; sie schossen kurze Salven ab, abgehackt und unerbittlich. Eine weitere Bombe fiel, Gebäude stürzten zusammen. Ich sah, wie jemand gebückt über den Platz lief, schemenhaft zu erkennen inmitten der Wolken aufgewirbelten Staubs. An der Oberfläche, wo die Sonne auf die feinen Partikel traf, leuchtete er kupferfarben, fast golden, wie ein Heiligenschein für diese unheilige Stätte. Irgendwann kamen die Schüsse nur noch vereinzelt. Nach einiger Zeit schließlich legte sich der Staub und ich erhob mich vom Sofa. Es war der 15. Mai 2012 und der Krieg verlangte nach Nahrung.

Die Erbse

Ich saß in der Bahn und schaute allen Menschen ins Gesicht. Es waren nicht viele, es war Dienstag Nachmittag, die Luft drückend heiß. Ich war an diesem Tag wie auf Wolken gewandert, wie in Watte gepackt. Die Sitze waren aus Stoff, man blieb nicht an ihnen kleben. Ich fragte mich, wie viel fremden Schweiß sie aufgesogen haben, das nun in meine Poren drang; meine Beine waren nackt. Ich wollte mich anfassen, dort in der Bahn, mit den Menschen drin. Meinen Körper ertasten, mir selbst genug sein. Eine Königin, von Geburt Gnaden.

Ich wollte, dass jemand meine Gedanken fühlt. Ein einziger Mensch auf der Welt, meinetwegen. Ich müsste nicht sprechen, nicht schreiben, nicht malen. In meinem Kopf würde alles entstehen, und so auch im Kopf dieses Menschen. Welten ohne Anfang und ohne Ende, Blitze am Tag und erotische Spiele.
Ich schaute die anderen Fahrgäste an. Ich sendete jedem: Kannst Du Mich Fühlen?
Dem Mann, der trotz Hitze Krawatte trug, dem kleinen Mädchen, das an der Haltestange leckte. Die Frau in Blau ignorierte mich völlig, das junge Paar fühlte nur einander.
Wenn ich mal groß bin, sagte das kleine Mädchen, werde ich Prinzessin.
Unter all der Watte spürte ich etwas hartes. Nicht jedes Mädchen wird Prinzessin, dachte ich. Nicht jede Prinzessin Königin.

Alles blüht

Es war einer dieser Vorsommertage, die Sonne schien, die Luft roch risch.
Sie war auf dem Balkon, als das Telefon klingelte; sie ging hinein. Unter ihren Fingernägeln war Erde.
“Hallo?”
Stille.
Sie trat wieder hinaus. Wenn es keinen Frost gibt, dachte sie, kommen bald die Tomaten.
“Hallo”, sagte sie zum letzten Mal.
Alles blühte. Die Leitung war tot.
Wenn es keinen Frost gibt, denke ich, wird man sie bald riechen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Agnieszka Dębska i oznaczony tagami . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

2 odpowiedzi na „Staub. Die Erbse. Alles blüht.

  1. Anne Schmidt pisze:

    Ich liebe deine Poesie. Anne

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s