Dagny Juel. Ducha. Madonna?

Edvard_Munch_-_Madonna_-_Google_Art_ProjectLidia Głuchowska
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Dagny Juel Madonna

Dagny Juel – Madonna von Munch?

… Auch wenn Munch diese schon zu seiner Lebenszeit verbreitete Deutung geleugnet hat, gestand er trotzdem: „Es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Dagny (…), es gibt eine definitive Ähnlichkeit (…)” und war bereit, auf Wunsch von ihr und ihres Vaters, dieses wie auch andere ihr gewidmeten Bilder aus der Ausstellung in Christiania zu entfernen. Später schrieb er auch: „Ich habe einige Bilder von diesen Leuten gemalt, unter anderen eines, das ich ‚Eifersucht’ nannte (…). Diese Frauenzimmergeschichte hat mir vieles verdorben.” Zahlreiche Metamorphosen von Dagny und Stachu füllen Munchs Bilderwelt als Einkörperungen des psychischen Dramas, welches sich in Folge von Dreieck-Beziehungen ergibt. Munch und Dagny kannten dieses noch aus der Zeit der Christiania-Boheme. Mit seinem Holzschnitt Im Gehirn des Mannes (1897), welcher die Qual der Leidenschaft veranschaulicht, reimt sich ein Fragment Przybyszewskis Romans Über Bord (1896): „War dies Liebe? Er empfand Angst. Wie war es möglich, daß eine Frau im Laufe einer Stunde wie ein Fremdkörper in sein Gehirn glitt?”

Munch, Dagny und Stachu gehörten zu den bekanntesten Figuren des Berliner Kreises um den Schwarzen Ferkel, welcher teils mit der Friedrichshagener Bohème identisch war. Stachu galt dort als „vielleicht der legitimste König der Bohème”, „der letzten Bohème des großen Stils”. Julius Meier-Graefe erinnerte sich an seinen „Kopf eines slawischen Christus, den man sich am Kreuz vorstellen konnte” und meinte : „Stachu machte uns eine Tür auf. (…). [Seine] Lebensweise deckte sich nicht mit dem üblichen Begriff der Boheme. Dafür tändelte er zu wenig. Seine Verluderung übertraf Pariser und Berliner Maß. Wir anderen taten, was wir konnten, aber unsere wildesten Exzesse blieben knabenhaft”.  Er, der „vampyrblasser Stachu” war der „dekadenteste der Dekadenten” unter den deutschsprachigen Schriftstellern der Jahrhundertwende. Munch selbst hebt seine Rolle als „die Seele der breit angelegten aber leider gar zu früh hinschlafenden Zeitschrift Pan” hervor. Dieser markante, polnisch-griechische Titel, geht auf Dagny zurück : „Pan sollte das neue Unternehmen heißen, weil die geheimnisvolle dämonische Urkraft des alten Heidengottes Natur und Kunst miteinander zu verbinden schien. Eine schlaue Norwegerin hatte das Wort gefunden, und sie dachte dabei an ihren polnischen Gatten und daß ‚Pan’ im polnischen Herr bedeutet. Zugleich aber war das Wort eine geschickte Huldigung an Bierbaum, in dessen Gedichten der alte Pan eine so große Rolle spielte (…).”

In seinem berühmter Nachruf an den alten Freund beschrieb Munch noch Stachus Chopinspiel:  „So konnte er (…) auf einmal in Ekstase aufspringen und zum Klavier hinlaufen und in solcher Eile als ob er inneren Stimmen folgte, die ihn riefen. Und während der Totenstille, die nach dem ersten Akkord folgte, die unsterbliche Musik Chopins durch den engen Raum und verwandelte ihn plötzlich zu einem strahlenden Festsaale, zu einer Festhalle der Kunst. Und so tief war seine eigene Benommenheit und mit solcher Meisterschaft gab er die wunderschönen Malereien seines großen Landsmannes wieder, daß er uns im atemlosen Lauschen, fasziniert, Zeit und Stelle vergessend hielt, bis der letzte Ton hinstarb.” Andere Teilnehmer der Ferkeleien waren von seinem charismatischen Seil nicht weniger begeistert, so auch Max Dauthendey: „Das sonst öde Klavier wurde dann zu einer Hölle, die er mit wild tastenden Händen öffnete. Und die Töne fraßen Ordnung und Gesetze aus den Hirnen aller Zuhörer fort, und Töne, Menschen und Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien in den Tönen zu funkeln. Stachu selbst sah Musik – und nicht Literatur – als seine eigentliche Leidenschaft. Dies war wohl der Grund seiner Seelenverwandtschaft mit Ducha (Polnisch: die Seele, ein Kosename, den er Dagny gab). Sie war ja, als sie Munch am 9. März 1893 in den Ferkel-Kreis eingeführt hat, Absolventin des Klavierkonservatoriums, leidenschaftliche Beethoveninterpretin. Sein satanischer Spiel und ihr Salome-Tanz gehörten zu Legenden dieser Zeit. „Das Zusammensein Stachus und Duchas […] war Improvisation von ersichtlicher Willkür”. Als „Zwei-Einheit” galten sie als Verwirklichung des von Przybyszewski gepredigten androgynischen Liebesmythos. Vereinigt im Walztanz hat sie der norwegische Bildhauer Gustav Vigeland dargestellt. Er gestaltete auch eine Büste Stachus und zwei andere, von Dagny und Munch, die er im Eifersuchtsanfall vernichtet haben sollte – so die Geschichte, die ihm zu vielen zählt, die Przybyszewskis Frau verfallen waren. Das berühmte Paar haben auch Julia Wolfthorn, Fidus, Anna Costenoble sowie zahlreiche polnische Künstler verewigt. Ducha und er, „als Außenseiter unter den Außenseitern”, inspirierten auch unzählige Erinnerungen, Gedichte, Romane und Dramen, um nur auf Inferno Strindbergs, wohl das markanteste davon, hinzuweisen.

Der ganze Text mit Fußnoten veröffentlicht:
Lidia Głuchowska, Totenmesse, Lebensfries und Die Hölle. Przybyszewski, Munch, Vigeland und die protoexpressionistische Kunsttheorie. Deshima 1 (2009), S. 93-130.

23.04.2013 – Welttag des Buches / Światowy Dzień Książki

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Jedna odpowiedź na „Dagny Juel. Ducha. Madonna?

  1. ewamaria2013 pisze:

    Na FB Julita pisze: Kaskada informacji, każde zdanie zawiera przynajmniej kilka. A że od pewnego czasu siedzę nad „Listami” Stanisławy Przybyszewskiej, urodzonej niespełna cztery miesiące po tragicznej śmierci Dagny Juel-Przybyszewskiej, to chłonę wszystko, co dotykało jej życia. Określenie „siedzę nad” najpełniej oddaje atmosferę powolnego czytania, odkładania książki, powrotów – głowa pochylona.

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