Kenia II – Carlos

Persische Gattin in Kenia:

Carlos

Ein Vormittag lang faulenzen wir in der Hotelanlage, doch es wird uns schnell langweilig am Pool und wir beschließen, zu dem naheliegenden Einkaufszentrum zu fahren, wir wollen ein Moskitonetz kaufen. Im Hotel rät man uns, einen Taxi zu nehmen, doch wir wollen so fahren, wie die Einheimischen – und zwar mit einem Tuc Tuc.

Tuc Tuc

Als wir das von den Wächter bewachte Tor der Hotelanlage verlassen, warten schon vor dem Zaun die Beach Boys und bieten ihre Dienste an, sie werden uns gleich einen günstigen Tuc Tuc rufen. Einer davon – er will,  dass will ihn Carlos nennen, obwohl er in Wirklichkeit Hamisi heißt –  möchte uns unbedingt begleiten, so nehmen wir ihn mit dem Tuc Tuc mit. Carlos erklärt, wieso er so heißen wollte:  er mag Fußball spielen, und einer der Spieler, den er verehrt heißt nun Mal Carlos. Alle im Dorf kennen ihn jetzt schon bei diesem Namen, nur seine Mutter nennt ihn noch Hamisi.

Carlos 1

Vor dem abgezäunten Gelände des Einkaufszentrum stehen uniformierte Beamten, mit einem Metalldetektor scannen sie unsere Körper und Taschen. Wir gehen in das Einkaufszentrum rein. Es überrascht uns die Fülle des Angebots – hier gibt es alles, wovon die meisten Kenianer nur träumen können.  Man verkauft überwiegend Produkte aus Europa oder aus der USA, die dementsprechend auch sehr teuer sind, teurer als in Deutschland. Im ersten Stock, in der Möbelabteilung gibt es auch Moskitonetze.  Carlos begutachtet ein großes Bett in Kolonialstill, und staunt,  dass ein Bett 400 Euro kosten kann. Mein Mann klärt ihn auf – das Bett kostet 4000 Euro, und Carlos ist aus dem Häuschen.

Geschäfte (2)

Wir laden Carlos zum Eis essen ein. Im Restaurant wirkt Carlos plötzlich verloren und schüchtern.  Er hat es vom draußen zwar gesehen, aber war noch nie drin. Unter den summenden Ventilatoren sitzen meistens Weiße. Es gibt ein paar Pärchen – das Muster ist gleich: ein Weißer Mann, meistens über 60 in Begleitung einer jungen, viel zu jungen kenianischen Frau, die mit einem traurigen, nachdenklichen Gesicht,  an ihrem Orangensaft nippt und Hamburger mit Pommes verzehrt.

Carlos erzählt, dass er gerne mit den Computer arbeiten würde, aber er besitzt keinen Schullabschluss , obwohl er zur Schule gegangen ist, und ohne einen Abschluss will ihn niemand einstellen. (Es gibt Schulpflicht in Kenia, wer die Kinder nicht zur Schule gehen lässt, zahlt Strafe). Wir fragen, wieso sich Carlos nicht um einen Job in einem der zahlreichen Hotels der Nordküste bemüht – er ist schlau genug, er würde es bestimmt schaffen. Aber um an die heißbegehrten Jobs in den Hotels zu kommen, muss man schmieren. Der Mittelmann nimmt um die 200 Euro, und die hat Carlos nun nicht. Carlos Mutter wohnt in einem Dorf, an der Straße nach Malindi. Er hat zwei kleinere Geschwister und keinen Vater. Die Familie wird von Verwandten unterstützt: sie bringen Essen – Polenta, Erbsen, so leben sie –  er, seine Mutter und seine Geschwister. Der Vater von Carlos ist bei einem Unfall gestorben. Groß gestikulierend erzählt Carlos von dem Unfall – der Vater war  Fahrer eines Jeeps, er brachte die Touristen auf Safari. Eines Tages lief ein Elefant über den Weg, sein Vater wollte ausweichen und dann Bumm! Der Vater war auf der Stelle tot, und zwei englische Touristen mit ihm, nur ein weiterer Tourist hat es schwer verletzt überlebt.

Die Kellnerin mit dem Eis erscheint, von nun an isst Carlos schweigsam, genießt das italienische Eis. Mir bleibt das Eis im Hals stecken, die Geschichte des Unfalls erschütterte mich.

Doch als der Eisbecher aufgegessen ist, sagt Carlos offen und mit einem schelmischen Lächeln –  wenn ein afrikanischer Mann einen vollen Bauch hat, denkt er nicht mehr an die Arbeit. Voller Bauch – sonst gar nichts braucht man um glücklich zu sein. Wir müssen wieder schmunzeln, mein Mann und ich.

Als die Kellnerin mit der  Rechnung erscheint, ist Carlos sehr aufgeregt – 800 Schilling (umgerechnet 8 Euro) für die drei Portionen Eis! Für dieses Geld könnte eine Familie drei Tage lang sich satt essen – Polenta, Gemüse, sogar Fisch! Mir wird es wieder mulmig, als ich es höre. Und ich denke darüber nach, dass es vielleicht besser wäre, Carlos etwas Geld zu geben, statt ihn zum Eis einzuladen. Doch mein Mann ist da anderer Meinung: es wäre abwertend und herzlos, dies zu tun. Carlos hat uns begleitet, so muss er auch mit uns das Eis genießen. Nach weiterem Grübeln muss ich ihm Recht geben, doch das mulmige Gefühl verlässt mich nicht.

Bananenverkäufer

Wir entscheiden uns zurück zum Hotel zu Fuß zu gehen. Meine Füße in den Flip Flops sind in kurzer Zeit mit der matschigen, roten Erbe verklebt, es ist Regenzeit, in der Nacht hat es stark geregnet. An einem Stand, direkt an der Straße, wollen wir ein buntes Tuch kaufen. Der Verkäufer informiert  Carlos, dass das Tuch für in 400 Schilling kostet, und für uns, die Weißen, 600. Jetzt verstehe ich, wieso man uns  – „das weiße Fleisch” nennt, aus welchem man versucht so viel Geld wie es nun geht  auszuquetschen. Carlos ist auch empört – die Preise sollen für alle gleich sein, beteuert er. Er schielt zu einem anderen Stand, auf welchem  grüne, etwa 20 Zentimeter lange Zweige mit spärlichen Blättern liegen. Er begrüßt den Verkäufer, die Jungs scheinen sich gut zu kennen. Ich will wissen wozu diese grünen Zweige gut sind. Es ist Miraa – erklärt Carlos. Man kaut die Zweige, dann spuckt man die zerkaute Masse aus,  es ist, wie bei Zigaretten, das Zeug macht abhängig.

Das bunte Treiben auf den Strassen

Im Hotel angelangt geben wir Carlos etwas Geld –  für die Polenta. Carlos fragt, ob ich etwas Kleidung hätte, was ich ihm geben würde, er würde gerne seiner Mutter  ein Geschenk machen. Obwohl ich nicht sicher bin, ob das Geld für die Polenta bestimmt ist  und nicht für Miraa, und ob die Klamotten tatsächlich bei der Mutter landen, packe ich eine Tüte voll mit Blusen und Pullis und überreiche die Tüte Carlos. Carlos geht, sichtlich zufrieden – heute hat er ein gutes Geschäft gemacht.

Fortsetzung folgt in einer Woche

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