Kenia V

Persische Gattin das letzte Mal aus Kenia: Vor der Abreise

Naturpark

Es sind schon fast zwei Wochen vergangen, seitdem wir nach Kenia gekommen sind und ich erwische mich dabei, dass ich davon träume, hier für immer zu bleiben. Für immer den herrlichen Blick auf das Ozean haben, die Lufttemperatur von etwa 28 Grad, und die Sonne die über 300 Tage im Jahr scheint.

Heute fahren wir zu dem Rene Haller Natur Park und ich werde wieder an den unfruchtbaren Boden der Tatsachen geholt. Aus dem Tuc Tuc sehe ich eine mit einer hohen Mauer umzäunte Siedlung. Auf der Mauer hat man Stacheldraht und Glassplitter angebracht, um die wohlhabenden Einwohner vor  Einbrechern zu schützen. Ein Kenianer in Uniform und mit einer Waffe ausgestattet, patrouilliert das Gelände. Für immer hinter einer Mauer mit Stacheldraht zu leben? Eine schauderhafte Vorstellung. Als eine Mzungu, eine Weiße in Kenia hätte ich gar keine andere Wahl. Und so muss ich mich von meinen Träumen, in Paradies zu leben, verabschieden.

Wir steigen aus dem Tuc Tuc vor dem Tor des Rene Haller Natur Parks, der 1999 nach einem Deutschen benannt wurde. Rene Haller war ein bekannter Wissenschaftler, seine Spezialgebiete: Renaturalisierung und Ökologie. Der Abenteurer hat in 50. Jahren in Tansania am Fuß des Kilimandscharo eine Kaffeeplantage aufgebaut, um danach in Kenia bei der Industriefirma „Bamburi Cement” den Posten des Leiters der Landwirtschaftsabteilung zu übernehmen.

Als Rene Haller 1970 das Experiment ” Natur Park” begonnen hat, stand er vor einer einige Quadratkilometer großen Steinwüste. Nach Hunderten von Rückschlägen hat er endlich erschaffen, was heute eine der größten Attraktionen Kenias ist. Eine  Dschungel, in der heute zahlreiche Nilwarane, Krokodile, Zebras, riesige Schildkröten, Antilopen, Affen leben. Vor allem aber die zwei hier lebenden Nilpferde ziehen viele Touristen an. Die Vielfalt an Pflanzen ist atemberaubend.

HipposxEs ist unglaublich, dass das Experiment – ein Paradies mit wilden Tieren und bunten Vögel – geglückt ist, denn das Areal ist nur etwa 500 Meter von der Zementfabrik und etwa 100 Meter von einem riesigen Einkaufszentrum entfernt.

Reifen und GiraffenxSchon vor dem Eingang begrüßen uns zwei frei laufende Giraffen, ein Stück weiter, die Riesenschildkröten, die sich in der Sonne wärmen und uns an starren. Bei dem Eingang zahlen wir die Eintrittsgelder – es sind 15 Euro pro Person, die Einheimischen zahlen aber nur ein Bruchteil davon, sonst wäre der Eintritt für die Mehrheit unerschwinglich.

Ein paar Schritte vor dem Eingangstor entfernt, auf einer schönen Wiese, fotografiert sich eine Hochzeitsgesellschaft. Die Frauen in den bauschigen, mit Glitzer besetzten Kleidern sehen in dieser Umgebung abstrakt aus. Es bringt sicherlich etwas Geld, wenn die reichen Kenianer, ein Teil ihrer Hochzeit hier feiern dürfen.

Krokodil 1xWir gehen weiter einen Pfad entlang zu den Krokodilen, eine Mücke sticht mich, ich töte sie, auf der Haut meines Oberarms merke ich verschmiertes Blut. Bis jetzt habe ich mir keine Gedanken wegen der trophischen Krankheiten gemacht, wir wurden in Deutschland gegen Gelbfieber geimpft und in unserem Koffer liegt eine Packung Malaron gegen Malaria. Jetzt wird mir aber etwas mulmig, was wenn die Mücke infiziert war? Erwache ich morgen mit hohem Fieber, schmerzenden Beinen, zitternd, mit Schweißausbrüchen?

Ich versuche die Gedanken zu verscheuchen und beobachte die Krokodile, die unbeweglich mit geöffneten Mäulern im Grass liegen. Ein Mitarbeiter des Parks kommt auf uns zu und informiert uns, dass gleich die Giraffen gefuttert werden. Wir eilen in die gezeigte Richtung und erblicken die majestätischen Tiere mit den enorm langen Wimpern, ihr Gehege hat keinen Zaun, eine Seite ist mit alten Autoreifen versperrt. Ein Wächter verkauft kleine Tütchen mit Futter, die Touristen futtern die Giraffen selbst.

Giraffe 1xIch erblicke die Tiere, wie sie auf uns zu rennen. Eine junge Giraffe steck ihre Zunge heraus um aus meiner Handfläche das Futter abzulecken. Es ist ein unglaubliches Gefühl die raue Zunge der Giraffe auf meiner Hand zu spüren. Ein kleines Äffchen bettelt um das Futter, ich beuge mich zu ihm, es nimmt das Futter, wie ein Mensch, direkt aus meiner Hand. Ich freue mich wie ein Kind.

Wir gehen hinter dem Wächter her, jetzt werden die Nilpferde  gefuttert. Man warnt uns das Gehege nicht zu betreten, Nilpferde sehen nur so niedlich aus, sie können aber sehr gefährlich werden. Fast eine Stunde schauen wir verzaubert zu, wie die Hippos das Futter mit den großen Mäulern mampfen, und wie die kleinen, flinken Schurken-Affen ihnen das Essen vor der Nase klauen.

Bombolulu

Am nächsten Tag wollen wir das Bombolulu Kultur Zentrum besichtigen, das 1969 von der Vereinigung der Körperbehinderten gegründet wurde. Auf einem umzäunten Gelände befinden sich Häuser, Werkstätte, ein Kindergarten und vieles mehr, was den vielen behinderten Menschen aus ganz Kenia ermöglicht, ein normales Leben zu führen. Vor allem werden hier blinde und taubstumme Menschen beruflich ausgebildet.

Schmuck-WerkstattxWir zahlen den Eintritt und werden von Mahmud, der fast blind ist und eine dicke Brille trägt, durch das Gelände geführt. Mahmud klagt, dass  die Weltwirtschaftskrise auch diese Einrichtung nicht geschont hat. Vorher haben hier sehr viele Menschen gearbeitet, sie sind nun entlassen worden. Es gibt nicht genug Anfragen nach der Ware, die hier produziert wird. Viele behinderte Kenianer mussten in ihre Dörfer zurück.

Wir besichtigen die Werkstätte und tatsächlich: es wird hier nur wenig gearbeitet. Nur eine Schneiderin näht in einem großen Raum, alle übrigen Nähmaschinen sind unbesetzt. Es gibt nur wenige Kunden die hier Kleidung bestellen. Auch in dem Rollstuhl- und Fahrradwerkstatt sitzen die Arbeiter in den bestellten, aber nicht abgeholten Rollstühlen, und lassen sich gerne, aus Langeweile, von mir ablichten.

Nur in der Schmuck- und Lederwerkstatt läuft die Arbeit wie früher. Schmuck und Lederware finden immer noch ihre Abnehmer. In der Schmuckwerkstatt begeistern mich Ohrringe und Armbänder, die aus Coca-Cola- oder Sprite-Dosen gemacht werden. In der Lederwerkstatt muss ich an das kommunistische Polen denken, als ich auf der Wand ein Bild von Stalin und die Aufschrift: „Quality starts with you!” erblicke.

Quality - LederwerkstattxAuf dem Gelände befindet sich ein Restaurant, Mahmud führt uns dahin und bei den Getränken wird uns eine Tanz-Show angeboten, obwohl wir die einzigen Touristen sind. Etwa 10 junge Kenianer singen und tanzen nur für uns. Es ist schön zu sehen mit welcher Freude, sie ihre traditionellen Tänze vorführen.

Tanzen 1xAli der Kameltreiber

Am Abend gehen wir zum Strand, um uns von dem Ozean und auch von Kenia zu verabschieden. Morgen kehren wir in das kalte, regnerische Deutschland zurück. Ein hochgewachsener Mann fragt mich, ob ich mit seinem Kamel eine Runde drehen möchte, damit das Tier sein Futter verdienen kann.

Ali und Kamel 2x

Ich blicke zu dem Kamel hoch, ich sehe das Brandmall des Besitzers auf der gutmütigen Schnauze und willige ein. Ich schaukele gemächlich auf dem Rücken des Kamels, der Jackie Brown heißt, und mein persischer Mann unterhält sich mit Ali. Ali erzählt, dass er aus Somalia stammt und ist wirklich froh, dass er dem Bürgerkrieg und dem Hunger mit seiner Frau und zwei Kinder entfliehen konnte. Er ist hier zwar nur ein einfacher Kameltreiber, aber muss nicht mehr um das Leben seiner Söhne zittern. Das Kamel gehört ihm nicht, noch nicht, aber er ist zuversichtlich, dass er Jackie Brown, wenn er genug Geld beisammen hat, dem Besitzer abkaufen kann. Ali zündet sich seine Feierabend-Zigarette, blickt zu mir hoch und lächelt breit. Ich schaue zum Wasser und sehe junge Kenianer, die fröhlich im Wasser oder am Strand spielen und möchte dieses Bild von Kenia behalten.

Am nächsten Tag in der Morgendämmerung werden wir mit einem Bus zum Flughafen nach Mombasa gebracht. Ich bin seltsam traurig, als ich aus dem Fenster blicke, und Sätze wie „Afrika wird dich verzaubern” oder „ein unvergessliches Paradies” schießen mir durch den Kopf. Ich ertappe mich dabei, dass ich in Sätzen wie aus einem Reisekatalog denke und schäme mich. Doch genau das empfinde ich – Afrika hat mich verzaubert, verhext, und ich weiß – ich werde wieder kommen.  „Jambo, jambo, Africa yeti, acuna matata”.

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Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Kenia V

  1. Anne Schmidt pisze:

    Schade, dass die Serie beendet ist. Wir waren mehrmals nach Kenia eingeladen, hatten aber Angst hinzufahren. Nun ist mein Wunsch stärker geworden, vielleicht stark genug. Anne

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