Irland

Ein Hirsch auf einem Hügel, dann Schwane, dann eine Landschaft, alles kitschige Bilder, die in vielen polnischen Dorfhäuser hängen. Unter den Bilder die Titelsequenz und der Titel:

Irland
Ein Kurzfilmdrehbuch von
Renata Borowczak-Nasseri

Die Kamera fährt von dem Bild mit dem Hirsch auf einem Brunftplatz zurück und eröffnet auf:

INT. WOHNZIMMER EINES POLNISCHEN DORFHAUSES. ABEND.

maryjkaHALINA (42), Lockenwickler im Haar, in einem billigen dekoltierten Kleid,  marschiert mit einem Lappen in der Hand ins Zimmer. Neben dem Blid mit dem Hirsch  hängt ein Bild mit Mutter Maria. Halina wischt Staub ab, dann geht sie zu der gegenüberliegenden Wand, die kein Fenster hat und wischt Staubt von einem TV-Flachbildschirm ab. Das Bildschirm ist gross, fast wie die Wand. Dann umkreist Halina einen altmodischen, wackeligen Tisch mit Strickserviette darauf, und Plastikblumen in einer Vase und kommt zu einem Komputer, der mit einer Kamera ausgestattet ist. Mit einer sehr zärtlichen Geste, noch zärtlicher als bei dem Bild der Mutter Maria, wischt sie von dem Bildschirm den Staub ab. Der Komputer ist an, Skype ist an, und Halina schaut sehnsüchtig den Bildschirm an. Sie schaut zu einer großen Wanduhr. Es ist 5 nach Acht. Halina merkt in einem Spiegel an der Wand die Lockenwickler in ihrem Haar. Noch mit dem Lappen in der Hand reisst sie ungeduldig die Lockenwickler vom Kopf, macht ihr Haar zurecht. Sie summt ein Lied, lächelt sich in dem Spiegel an. Plötzlich dreht sie sich hastig um und rennt zu einem verglastem Schrank in welchem eine riesige Stereoanlage und ein paar Parfümfläschen stehen. Sie holt ein Parfüm in einer billig wirkenden Flasche heraus und perfümiert sich hinter den Ohren, dann großzügiger in ihr Dekoltee. Sie springt zu dem Komputer, merkt den Lappen in der Hand und versteckt ihn hinter dem Komputer. Sie starrt den Bildschirm an. Niemand ist online. Sie wird unruhig, summt wieder das Lied. Schaut wieder zu der Uhr und hält es nicht aus. Sie greift zum Telefon, das neben dem Bildschirm steht. Sie wählt lange, es ist eine lange Telefonnummer. Sie wartet,  jemand meldet sich, er lässt Halina nicht zu Wort kommen.

HENRYK

Was rufst du denn an, aus dem teurem Telefon, ich dusche gerade, ich arbeite doch den ganzen Tag!

Henryk hat aufgelegt und Halina hat es nicht geschafft, etwas zu sagen. Sie sitzt vor dem Bildschirm und starrt das Telefon an. Sie fängt wieder zu summen an, aber ihre Stimme bricht ab. Zögernd wählt sie wieder, in dem Moment erscheint Henryk auf dem Bildschirm.

HENRYK
(redet sofort los)

Du machst mir so einen Druck, ich bin gerade von der Arbeit gekommen.

Halina starrt  benommen den Bildschirm an.

 HENRYK
(weiter)

Du kannst es kaum erwarten und ich bin müde, verdammt!

 HALINA

Aber du warst im Komputer immer um 7 Uhr und jetzt ist schon fast 9. Zwei Stunden habe ich gewartet, aber ich kenne mich damit nicht aus (zeigt auf den Komputer), und wahrscheinlich ist das meine Schuld, habe was verstellt,  entschuldige… wenn du willst, nehme ich Überstuden in der Küche und zahle das teure Telefon.

HENRYK
(beschämt)

Gut, gut, ist schon gut.

HALINA

Und du bist nicht sauer.

 Henryk schüttelt den Kopf.

Halina küsst erleichtert den Bildschirm, redet zuerst zögernd, dann immer schneller.

HALINA

Ich war heute in der Kirche, habe das rote Mäntelchen, was du geschickt hast Zosia angezogen und die Kaczmarska, du weisst, die über der Kneipe wohnt, hat sooo geglotzt. Und weisst du, was der Pfarrer bei der Predigt gesagt hat? Was für ne Schande, die Grzeszczyk, die mit zwei Kindern, die hatte was mit dem Lehrer, den Jungen, ja, und sie ist mit ihm abgehauen, in die Stadt, hat zwei Kinder allein gelassen. Der arme, alte Grzeszczyk. Was macht er bloss alleine mit den Kindern? Anständige Menschen würden so was nie tun, nicht wahr?

Henryk murmelt etwas unter der Nase, was man nicht verstehen kann.

HALINA
(weiter)

He…Wieso redest du so leise? Was ist los?

HENRYK

Ich habe Kopfweh Halina,…  wir müssen ernsthaft miteinander sprechen.

Halina wird auf einmal sehr traurig.

HALINA

Aber wir reden doch! … Ach so –  das Geld! Das ist nicht angekommen, seit drei Monaten nicht, wie ich dir gesagt habe. Aber ich habe alle Rechnungen bezahlt (stolz). Habe gespart. Warte mal!

Sie verschwindet aus dem Zimmer. Henryk dreht sich von dem Bildschirm weg, hinter ihm in einem ungemachten Bett liegt eine Gestalt. Die Gestalt erhebt sich, geht auf Henryk zu, schlingt die schlanken Arme um Henryks Rücken. Es ist Sara (29), schwarz und sehr hübsch. Henryk schaut ängstlich in die Kamera:

SARA

Are you going to tell her? You have to tell her, finally.

HENRYK
(küsst Sara schnell in den Nacken, leise mit polnischem Akzent)

Let me do it myself.

Sara verschwindet im Bett und in diesem Moment hört man Halinas Stimme.

HALINA

Schau mal, Strom, Gas, alles… (stolz zeigt sie die Rechnungen in die Kamera), habe gespart.

HENRYK

Es geht nicht darum, Halina…

HALINA
(spielerisch)

Warte, wir reden gleich. Weiss mein Bärchen noch, was er am meisten in der Welt, mag?

Halina springt wieder von ihrem Stuhl, nimmt eine Decke vom Bett, bekreuzigt sich schnell und verdeckt das Bild von Mutter Maria mit der Decke. Sie stellt sich vor dem Bildschirm und mit dem Eifer eines Leiens knöpft sie ihr Kleid auf, und führt eine Art Streptease vor. Henryk wendet den Blick ab, geniert. Halina entkleidet sich jedoch unbeiirt weiter. Man sieht ihren billigen weissen BH aus falscher Spitze. Man sieht, dass sie leichtes Übergewicht hat. Halina ist so in ihren Sexy-Tanz versunken, dass sie erst, als Henryk schreit, die Augen öffnet und aufhört.

HENRYK

Halina hör auf! Hör endlich auf!

Halina bedeckt sich verschämt mit ihrem Kleid.

HALINA

Das wolltest du doch immer, hast darum gebeten.

HENRYK
(senkt den Kopf)

Halina, das ist lächerlich, wir sind erwachsen.

Halina schaut jetzt aufmerksam in die Ecke des Bildschirms, sie sieht die Glut einer Zigarette, einen Frauenarm.

HENRYK

Ich komme nicht zum Osterfest aus Irland, (senkt den Blick) ich komme nicht… In Irland…

Man hört das Weinen eines Kindes.

HALINA
(lauscht)

Es ist Zosia…Warte mal.

Halina geht mit festen Schritten aus dem Zimmer, aber plötzlich bleibt sie im Türrahmen stehen. Das Kind weint noch lauter. Halina atmet schwer, knöpft ihr Kleid hastig zu. Sie stützt ihre Wange an den Türrahmen, die Augen weit aufgerissen…., atmet tief durch,  geht  entschieden in das Kinderzimmer. Nach einer Weile hört das Kind zu weinen auf und Halina erscheint wieder – mit einem Heft in der Hand. Unterwegs zum Bildschirm setzt sie ein Lächeln auf.

Sie setzt sich vor dem Bildschirm und zeigt das Bild, welches Zosia gemalt hat, ein Haus, eine Familie, wie es eine 5-jährige halt malt.

HALINA

In dem ganzen Kindergarten malt sie am Besten, siehst du? Die Erzieherin sagt es. Kannst du es sehen?

Sie nähert das Heft dem Bildschirm.

HENRYK
(nickt)

Küsse die Beiden von mir, Janek auch. Spielt er oft mit dem Komputer?

HALINA

Den ganzen Tag, wenn ich es erlaubt hätte. Er kennt sich gut aus.

HENRYK
(betroffen)

Lass uns morgen reden. Gute Nacht.

HALINA

Ja. Gute Nacht.

Henryk  verschwindet vom Bildschirm.  Halina sitzt noch eine Weile da, den Blick auf das Bildschirm geheftet, dann erhebt sie sich und geht auf das Bild der Mutter Maria zu, zieht die Bettdecke von dem Bild, schau zu ihr hoch..

HALINA

Liebe Mutter wirst du uns helfen?

ENDE

PS: Seitdem die große Arbeits-Emigration der polnischen, vor allem männlichen Arbeiter begann, spricht man von einer erhöhten Scheidungsquote in Polen. Statistiken zeigen, dass unter den 600.000 Paaren, die getrennt leben (meistens er – in England oder Irland, und sie, mit den Kindern, in Polen), nur 200.000 die harte Zeit der Trennung überstehen werden.

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Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Irland

  1. Anne Schmidt pisze:

    Dieses Thema sollte wirklich mehr, als Film z.B. , in die Öffentlichkeit dringen. In dem Film "Schneeweiß u. Russenrot" geht es am Rande darum, dass viele Frauen nach Berlin gehen u. ihre Kinder allein lassen. Anne

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