Eine alte Dame und das Boxen

RIMG0077Gestern habe ich beim Boxen gelesen, heute kann man es selber lesen und, falls gewünscht, selber boxen…
Ich danke Werner Kastor für seine wunderbare Idee, das Boxen und das Lesen zu verbinden🙂
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Photo: Krzysztof Pukański 28. Juni 2013 Ufer Studios

Ewa Maria Slaska, Eine alte Dame und das Boxen

Ich habe eingeheiratet in die Geschichte Polens. In vielerlei Hinsicht. Nehmen wir zum Beispiel Palatinen oder gar „comes palatinen“, das heißt Pfalzgrafen – also die „im Palast bzw. bei Hofe“. Die Familie meines Mannes gehörte seit dem 12. Jh. zu den polnischen Pfalzgrafen, dh. wäre der König krank oder tot, oder außer Landes, würde ein Pfalzgraf seine Funktion ausüben. Es wurde mir so nebenbei beim ersten Besuch bei der Geschlechtsältesten mitgeteilt. Nicht etwa, um damit zu protzen, um Gottes Willen! Einfach so. Allerdings war das verlorene Liebesmüh, weil ich zwar das Wort  kannte, aus dem Lateinischen, aber nicht wusste, was es wirklich bedeutet. Irgendwelche alte Römer…

Und das war so.

Vor dem ersten Besuch bei der Pfalzgräfin musste ich ernsthaft überlegen, ob ich tatsächlich nur eine Viertelstunde bleiben soll, da es immer hieß: „der erster Besuch darf nicht länger als 15 Minuten dauern, die Frau behält ihren Hut an und zieht nur die Handschuhe aus“.

Es war im kommunistischen Polen. Hut und Handschuhe wirkten – so wie sie waren – total altmodisch. Oder provinziell, wenn man`s will. Erst später, als ich schon zur Familie gehörte, wurde ich – wohlgemerkt von einer Familienschneiderin! –  belehrt, dass ab Mitte August ein Filzhut zu tragen wäre und Lederhandschuhe. Kein Organzakleid, sondern Tweed und dünne Wolle.

Phi, Organzakleid. Handschuhe glaceé. Filzhut. Ich saß an einem Biedermayer-Tisch, nippte den Tee aus breiten Porzellantassen und schaute die Frau, die mir gegenüber saß, im Geiste mit breitgeöffnetem Mund an. Solche Frauen gab es einfach nicht. Ihre Adlernase, die hohe Stirn, grüne Augen, weißer Spitzenkragen am schwarzen Seidenkleid, eine Kamee…

Ich habe meinen Mann an der Uni kennengelernt. So wie es sich gehört. Er war Bruder meiner Studienkommilitonin gewesen. Mädchen aus einem Adelshause lernten so ihre zukünftigen Ehemänner kennen. In der Bibliothek und nicht in der Diskothek.

Es ist mehr als 40 Jahre her. Ich weiß nicht mehr, weshalb ich bei diesem ersten Besuch total allein war. Aber ich war allein. Und unvorbereitet. Weder auf die Schwiegermutter meiner Schwiegermutter, noch auf das Abendbrot, und am wenigsten auf Boxen und Geschichte Polens.

Mindestens eine Sache hat sich an dem Abend sofort geklärt: Mir wurde gleich gesagt, dass ich zum Abendessen bleibe. Die Sache mit den 15 Minuten. Dies hätte auch geholfen, was ich mit dem Hut und den Handschuhen hatte machen sollen. Vorausgesetzt, ich  hätte welche angehabt… Nun, ich blieb also zum Abendbrot.

Schon um das Abendbrot zu beschreiben, muss ich weit ausholen. Und danach wieder einmal, noch weiter. Zum Essen gab es Brot und Butter, und Wurst, und Schinken, und Sülze, und Kessler…  Fleisch und Wurstware. Und Fleisch und Wurstware. Und Fleisch… Über dem Tisch ein Kelim, drauf die Säbel und Ahnen-Porträts, deren Augen mich vorwurfsvoll anschauten. Zu recht. Ich gehörte nicht hierhin. Ich war fremd. Jüdisch. Blasphemisch. Anarchistisch. Linksorientiert. Frech. Das alles wusste ich noch nicht, nicht desto trotz  warf es einen langen Schatten auf die Gegenwart und Zukunft.

Nach dem Essen schaltete die Großmutter das Radio an. Wir sollten versuchen, etwas über Boxen zu erfahren!

Boxen? Boxen? Eine total verpönte Sache. Eine brutale Männerangelegenheit für die Unterschicht, Schweiß, Blut, Sand. So waren die Zeiten. Sogar den Rocky gab es noch nicht. Der Film war erst 1976 Kassenschlager und gewann im Folgejahr drei Oscars.  Es war aber erst der 1. Oktober 1975. Muhammad Ali kämpfte gegen Joe Frazier.

„It’s gonna be a thrilla // and a chilla // and a killa // when I get the gorilla // in Manila“  – das war gerade dieser Kampf.

Bist du für Clay oder für Frazier? – fragt die elegante alte Dame, indem sie mir den Tee aus der Porzellankanne „Maria weiß” eingoss. Rosenthal, sagte sie. Offensichtlich hatte sie die Tatsache nicht wahrnehmen wollen, dass Cassius Clay  Mohammedaner wurde und jetzt Muhammad Ali hieß. Die weiße Maria war ein Hochzeitgeschenk… Irgendwann sollen wir es besitzen. Be-sitzen ist jedoch ein weites Feld. Jetzt sitze ich nur, ohne Be-, auf einem Biedermeier-Sofa, mir ist nach Pipi, habe aber keine Mut, danach zu fragen. Wie fragt man so was?

– Clay, antwortete ich.
Ja nie jestem Filip Clay, ja nie jestem Doris Day, ja nie jestem także Frank Sinatra – sang polnischer Liedermacher Bohdan Łazuka vor über zehn Jahren. 1967 als ich noch in der Schule war. Ich bin kein Philip Clay, ich bin keine Doris Day, ich bin gar kein Frank Sinatra…  Damals dachte ich, dass Łazuka über den Boxer Clay, also zukünftigen Muhammad Ali singt. Erst viel später wurde mir klar, dass Filip Clay ein französischer Sänger war.  Irrungen, Wirrungen …
Eine Stunde lang versuchen wir in BBC Berichte aus Araneta Coliseum zu erhaschen. Heute lese ich, dass in die ganze Welt gesendet wurde. Aber ob es in Polen zulässig war? Ich bezweifle es. Natürlich hätte Muhammad Ali in der VR Polen beliebt sein müssen – als derjenige, der gegen den Vietnamkrieg protestierte. War er es aber? Ich habe keine Ahnung und das  Internet hilft nicht dabei. Erst ein Boxen-Journalist hat mich darüber informiert, dass er tatsächlich der Regime-Liebling war. Nicht aber so Liebling, dass man seinen Kampf zeigte. Der Radioempfang war erbärmlich, es knirschte und rasselte. Der Kampf selbst entsprach all dem, was ich vom Boxen dachte. Blut, Schweiß, Ekel. Am Ende sagte der Reporter über Fraiziers Auge, „Jesus! Dieser Ali, ein richtiger gorilla in Manila“.

Ich glaube, ich hätte selber nicht gewagt, zu fragen, wie es möglich war, dass die feinste und vornehmste Dame, die ich je in meinem Leben traf – bis heute! – sich fürs Boxen interessierte. Aber gemeinsames Boxenzuhören hat uns näher gebracht. Nach dem Kampf, der… – übrigens, wer hat eigentlich damals gewonnen? Weiß es jemand? Ja klar, Muhammad Ali. Nein, nicht Frazier. Es gab 14 Runden!  Während des Berichts ging die Dame mal Pippi, d.h. ich konnte es auch. Und nach dem Kampf machte sie das Fenster auf und sagte, ich darf RAUCHEN!  Danach redeten wir miteinander. Stundenlang. Im Laufe dieses Abends, der allmählich Nacht wurde, erfuhr ich das ganze Ausmaß der Geschichte, in die ich einheiraten mochte, wollte, sollte, Angst hatte …

Sie hat ihren Mann schon vor dem Krieg geheiratet. Er war ein polnischer Offizier, sie ein Mädchen aus einem vornehmen adeligen Haus, Schwester seines Militärkameraden. Sie haben sich bei einer Hochzeit kennengelernt und als er um sie warb, haben sie bei einem Sommerspaziergang gemeinsam die Sternschuppen fallen sehen. Er dachte sich dabei, dass er sie gern heiraten würde. Und so kam es.  Sie haben ein Gut gekauft oder er hat es bereits gehabt, das weiß ich nicht mehr, und dort gewirtschaftet.  Nach dem Krieg mussten sie vor den Sowjets fliehen. Das Gut war sowieso hin wegen der sog. Boden-Reform. Sie landeten 400 Kilometer weiter, in Großpolen, wo er seit Januar 1946 Direktor der Staatlichen Landsgüter (Państwowe Nieruchomości Ziemskie) in Posen wurde. Nach zwei Jahren wurde er inhaftiert.  1949 begann ein Schauprozess gegen die ehemaligen adligen Guts- und Landbesitzer.  1951 wurde er zu 10 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Saß in Gefängnissen in Posen und Warschau und danach  in Wronki, wo einst auch Rosa Luxemburg gesessen hatte. Danach arbeitete er im Bergbau Andaluzja in Schlesien. Entlassen 1956, wurde er kurz danach rehabilitiert. Vom Entschädigungsgeld hat die Familie einen Fernseher gekauft. Einen der ersten, die man in der Volksrepublik Polen erwerben konnte. Das erste Mal in der VRP gab es ein TV-Programm am 25. Oktober 1952 um 19 Uhr – eine halbe Stunde Musik und Ballett. Aber es hat gedauert, bis sich das Volk einen Fernseher kaufen konnte.

1975 stand der Fernseher immer noch da.

Aber Boxen, frag ich die Gräfin, weshalb Boxen? Am längsten saß er in Wronki. Der Zug kam um 12:27 Uhr in Wronki an, die Besuchszeit begann um 17 Uhr. Sie musste fast fünf Stunden totschlagen. Besonders an Wintertagen könnte man sich nicht in einen Park hinsetzen und lesen. Es gab kein Café, nur ein Restaurant, in dem Wodka trinkende Männer saßen. Keine Frau wagte sich allein in den 50ern in ein Restaurant, in der Provinz schon gar nicht. Manchmal gab es im Kino eine Filmvorführung am Vormittag –  für Schulen, das aber sehr selten. Sie hat zig Mal einen Film gesehen, den ich ja auch kannte – September 1939. So war es. Und auch einen über Jungs, die in den Ruinen mit den Blindgängern spielten.

Und da war dort eine Boxhalle! Es war Amateurboxen, drei Runden. Es boxten Buchhalter und Schullehrer. So ein Fight Club in der Provinz vor einem halben Jahrhundert. Die Eintrittskarten waren billig, es war warm, die Leute, offensichtlich gewohnt, dass da Fremde rein kommen, um Zeit tot zu schlagen, friedlich. Irgendwann sickerte es durch, weshalb ihr Mann im Knast saß. Diese Menschen hätten selbst für Diebstahl schon Verständnis, und erst recht für politische Gefangene. Kein Mensch hatte was gesagt, aber es war klar, er war wer, sie war wer, er war ein Held, man hat ihr dünnen süßen Tee angeboten, manchmal sogar belegtes Brot mit Mettwurst und Zwiebel. Sie lernte es zu genießen. Sie mochte es, dort unter diesen einfachen netten Leuten zu sein.

Zu Hause in Posen war das Leben so unerträglich schwer. Die alte Mutter war da, eine kleine Tochter, noch in der Schule, und der Sohn, der jung geheiratet hatte und dann in einem Flugzeugunfall, dem ersten in Polen, ums Leben kam. Übrig geblieben ist die Witwe mit zwei Kindern. Alle wohnten sie zusammen in einer 2-Zimmer Wohnung.  Eine Zeitlang war sie die alleinige Ernährerin in diesem Haushalt, der voller allzu alter, zu kranker oder zu junger Menschen war. Sie war Ehefrau eines politischen Gefangenen, sie hatte keine Arbeit, verdiente das Geld in Heimarbeit, indem sie Pullover und Socken aus Nesselgarn strickte. Und dann irgendwann starb Stalin, irgendwann konnte man hoffen, dass die Gefangenen entlassen werden. Dann, als sie irgendwann beim Boxen zuschaute, kam jemand in die Halle, den sie bereits kannte: Ein  Boxer, der als Kesselarbeiter im Gefängnis arbeitete. Er kam auf sie zu und flüsterte, ihr Mann werde gleich entlassen, und er, der Boxer, werde sie dorthin begleiten. Und so gingen sie zusammen, der Boxer und die Dame…

Sie liebt Boxen. So einfach ist es.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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3 odpowiedzi na „Eine alte Dame und das Boxen

  1. dorotek pisze:

    Przeforsowac cos to niejeden potrafi. Ale przeboksowac literature na ring – to juz wieksza sztuka. A czy powstanie wobec tego tekst o tym, jak pisarz czuje sie na ringu? Prosimy.

  2. Anne Schmidt pisze:

    Neue, alte Welt; total interessant. Möchte ich als Film sehen. Anne

  3. Eine wunderbare Geschichte Ewa, aber den Schluß solltest Du mehr fiktionalisieren.
    herzlich
    Esther

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