Der glücklichste Tag

DER GLÜCKLICHSTE TAG

Drehbuch eines Kurzspielfilmes

Renata Borowczak-Nasseri

1.  AUSSEN. HINTERHOF EINES ZWEIFAMILIENHAUSES.  TAG

1. Mai, 1986. BURG. Sachsen-Anhalt

Monika (6), blondes, welliges Haar, saubere, weiße Bluse, dunkelblauer Rock, weiße Kniestrümpfe, rote Sandalen, um den Hals ein rotes Pionier-Tuch, sitzt auf einer Bank im Hof, neben ihr ein kleines Kätzchen mit zitternden Beinchen. Monika streichelt das Kätzchen und flüstert in sein Ohr.

MONIKA

Ich krieg heute ein Eis und Zuckerwatte, weißt du? Mama hat gesagt: ich darf dich nicht auf den Schoss  nehmen, sonst machst du mir die Bluse dreckig!

Plötzlich, durch ein  angelehntes Fenster des heruntergekommenen, winzigen Einfamilienhauses, hört man einen Streit. Monika setzt die Katze vorsichtig neben der Bank ab, ihre Gesichtszüge sind plötzlich angespannt. Sie geht zum Fenster, legt die Hände auf das Fensterbrett, zieht sich hoch, versucht durch das Fenster ins Innere des Zimmers zu schauen. Monika hört einen kurzen Aufschrei, hört jemandem weinen. Sie zieht sich mit aller Kraft hoch:

***

Monikas MUTTER (28), sehr hübsch und schwarzhaarig, in einer rosafarbenen Bluse und weißem Rock, steht in der Ecke des Zimmers, eine Hand auf der Wange, Augen und Gesicht vom Weinen nass und gerötet. Auf dem Tisch eine Wodka-Flasche, zwei leere Gläser. Monikas VATER (30),  in einem schmutzigen Unterhemd, sitzt am Tisch. Zwischen Mutter und Vater steht HERMANN (32) in Milizuniform, versucht zu schlichten. Der Vater trinkt ein Glas Wodka auf Ex.

VATER

(provozierend)

Ist mein Geld, das ich hier vertrinke! Was dagegen?! He!?

Der Vater gießt Wodka in Hermanns Glas.

VATER

Trink! Sind wir Kumpels, oder was?

Hermann zögert kurz, dann kippt er den Alkohol herunter. Die Mutter schaut den Vater herausfordernd an.

MUTTER

Du hättest nie heiraten sollen, nie ´ne  Familie haben! Du hast es versprochen!

Die Mutter stürzt nach vorne, greift zur Wodkaflasche, der Vater stellt sich ihr in den Weg, sie ringen miteinander, Hermann greift ein.

Monikas Augen weiten sich vor Entsetzen, sie atmet unruhig, die Finger rutschen vom Fensterbrett ab. Monika stürzt auf den trockenen Sandboden im Hof. Sofort steht sie auf und klopft den Sand vom Rock ab. Plötzlich greift jemand ihre Hand. Monika richtet sich auf, schaut hoch – es ist die Mutter, ihr Gesicht ist immer noch verweint, die Lippen zusammengepresst. Die Mutter zieht Monika hinter sich her, zum Gartentor, auf die Straße.

2. AUSSEN. 1. MAI FEST. MARKTPLATZ IN. TAG

Stände mit Zuckerwatte, Bier und Eis. Jugendliche in weißen Hemden, Pionieruniformen und roten Halstüchern spazieren, stehen Schlange, manche halten rote, manche DDR-Fahnen, rote Papiernelken, rote Luftballons in den Händen. Dazwischen ältere, festlich gekleidete Leute,  ein paar russische Soldaten, manche sichtbar angetrunken.

Hinter den Bäumen auf einer Anhöhe sieht man die Burg, von dort her hört man Marsch-Musik herüberklingen. Monika und ihre Mutter stehen vor einem Eisstand. Die Mutter ist in Gedanken versunken, das Gesicht traurig, sie hält Monikas Hand. Plötzlich wird sie von einem der russischen Soldaten geschubst. Der SOLDAT (20) betrachtet die Mutter von Kopf bis Fuß, ihre weibliche Figur, die langen, schwarzen, glänzenden Haare.

SOLDAT
(russisch)

Kakaja krasavica, ja bym tak s taboj, uh!
(Was für ne Puppe, ich würde mit dir, uh!)

Monika schaut den Soldaten neugierig an. Er trägt einen Bürstenschnitt, Soldatenstiefel, eine grüne Uniform, das Hemd ist auf der Brust aufgeknöpft. Er ist groß und kräftig gebaut. Der Soldat stellt sich neben die Mutter, zwei andere russische SOLDATEN lachen auf,  der Soldat lacht laut mit. Die Mutter hält krampfhaft Monikas Hand, zieht sie mit sich, sie entfernen sich schnell von dem Eisstand.

SOLDAT
(russisch)

Kakaja delikatnaja, poszla ty, poszutit nie moschna!
(Was für eine Mimose, geh doch, man kann nicht mal einen Witz machen!)

MONIKA
(kann kaum mit der Mutter Schritt halten)

Mutti, und mein Eis? Du hast es doch versprochen! Ich will mein Eis!

Die Mutter stellt sich in die Schlange vor dem Zuckerwattestand.

MUTTER

Willst du nicht eine Zuckerwatte? Die ist schön süß.

Monika klatscht in die Hände und springt vor Freude in die Luft. Plötzlich wird sie ernst.

MONIKA
(resolut)

Gut, dass Vater doch nicht mitgekommen ist.
Er hätte eh alles versoffen.

3. AUSSEN. AN DEM FLUSS. NACHMITTAG

Monikas Finger sind klebrig von der Zuckerwatte. Die Mutter steht am Fluss, beugt sich vor, nimmt zwei Hände voll Wasser und wäscht Monikas Hände.

Ein junges, verliebtes Paar geht Händchen haltend an ihnen vorbei, verschwindet in dem nahegelegenen Wäldchen.

Die Mutter nimmt Monikas Hand, geht in Richtung eines Waldpfades. Monika schlurft ihr hinterher. Einer ihrer weißen, vom Staub schmutzigen Kniestrümpfe ist heruntergerutscht.

MONIKA

Mama, meine Beine tun weh. Ist Vater schon… Dürfen wir schon nach Hause?

MUTTER
(leise, mehr zu sich selbst als zu Monika)

Ja, ich glaube, ich  hoffe… wir können.

MONIKA

Und singst du mir das Soldatenlied?

MUTTER

Das ist doch für Jungs, Moni, nicht schon wieder!

MONIKA

Bitte, Mama, bitte!

MUTTER
(singt)

Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee,

MONIKA
(singt mit)

Ich fahre einen Panzer ratata, ratata. Ich fahre einen Panzer ratatata
Wenn ich groß bin, gehe ich zur Volksarmee, ich steige in ein Flugzeug…

Monika und die Mutter verschwinden hinter der Kurve.

4. AUSSEN. WALDPFAD, IN DER NÄHE DER LANDSTRASSE. ABENDDÄMMERUNG

Monika und die Mutter gehen den steilen Weg hinauf. Aus einiger Entfernung hört man Geräusche von fahrenden Autos.

MONIKA

Mama, ich kann nicht mehr.

MUTTER

Noch ein paar Schritte, du bist doch kein Baby mehr, ich trag dich bestimmt nicht Hucke Pack!

Plötzlich das Geräusch eines auf den Boden geschmissenen Fahrrades. Monikas Hand wird aus der Hand ihrer Mutter gerissen. Alles passiert sehr schnell.

In Großaufnahme Monikas verdutztes, erschrockenes Gesicht:

***

Das Hinterrad des Fahrrades dreht sich schnell, rattert. Ein kräftiger Rücken, umspannt von einem grünen Soldatenhemd, Bürstenschnitt. Die Mutter liegt rücklings auf dem Boden. Der entblößte, weiße Oberschenkel der Mutter. Der von Anstrengung gerötete, fleischige Nacken des Soldaten. Das entsetzte Gesicht der Mutter. Aus der aufgeplatzten Lippe der Mutter rinnt Blut. Die Hand des Soldaten zerrt den weißen Rock hoch. Ein Strumpfhaltergürtel kommt zum Vorschein. Der Mund der Mutter vom Schrei verzerrt. Die Hand des Soldaten presst sich auf ihren Mund, ihr Schrei verstummt.

Monika steht daneben, wie versteinert,  die Augen weit aufgerissen.

MONIKA

Mutti! Mutti!

Plötzlich stürzt  sich Monika auf den Soldaten, sie schlägt mit ihren kleinen Fäustchen auf seinen Rücken und auf seinen Kopf ein. Der Soldat verscheucht sie wie eine lästige Fliege. Monika erblickt sein Gesicht und erkennt ihn. Es ist der Soldat, den sie auf dem Markt gesehen haben. Der Soldat versucht die Mutter auf den Mund zu küssen, die Mutter tritt um sich, ringt mit ihm. Monika rennt in Panik um das auf dem sandigen Boden liegende Paar herum.

MONIKA

Mutti! Mutti!

Plötzlich hört Monika das Motorengeräusch eines auf der Landstraße fahrenden Autos, sie lauscht, schießt hoch, läuft in Richtung Landstraße.

Die kleinen Füße in den roten Sandalen und den weißen, staubigen Kniestrümpfen wirbeln Staub auf. Monika atmet schwer, läuft aber weiter. Sie läuft den Weg hoch in Richtung Landstraße. Man hört wieder den Motor und das Fahrgeräusch eines auf der asphaltierten Landstraße fahrenden Autos. Monika stolpert, stürzt auf die Knie, steht sofort wieder auf, läuft weiter, läuft schneller, läuft, läuft…

5. AUSSEN. AM STRASSENRAND. LANDSTRASSE. ABEND

Monika kommt auf der Landstraße angelaufen. Sie schaut nach links, nach rechts: die Straße ist leer. An der Landstraße entlang führen Gleise, ein Zug nähert sich, Monika springt hoch, winkt hektisch. Monika sieht im Fenster des Zuges eine Frau, ihre Blicke treffen sich, die Frau winkt zurück, lächelt, der Zug rauscht vorbei, verschwindet. Monika lässt die Arme sinken. Plötzlich hört sie das Geräusch eines Automotors, ein Wartburg kommt um die Kurve gefahren. Monika winkt hastig, aufgeregt.

MONIKA
(schreit)

Meine Mutti, meine Mutti!

Der Wartburg, mit einer vierköpfigen Familie an Bord, fährt vorbei ohne anzuhalten, verschwindet hinter der Kurve. Monika schaut prüfend in Richtung des Waldpfades, von hier aus kann sie die Mutter nicht sehen. Sie schaut wieder auf die Landstraße. Am Straßenrand fährt ein MANN (55) auf einem Fahrrad. Monika läuft auf die Straße, fast vor das Fahrrad.

MONIKA
(schreit aufgelöst)

Meine Mutti, meine Mutti, da ist ein Mann, da ist ein Mann, da!

Der Mann hält an. Monika zeigt Richtung Pfad.

MANN

Was ist los?! Was ist los meine Kleine?

MONIKA

Meine Mutti, da, auf dem Boden. Sie ist da! Und ein Mann! Er tut ihr weh!

Monika rennt los, zu dem Pfad. Nach ein paar Schritten hält sie inne, dreht sich zu dem Mann um. Der Mann folgt ihr, das Rad schiebend. Monika beruhigt sich, läuft weiter, der Mann steigt auf das Fahrrad, überholt Monika. Schnell fährt er den Pfad hinunter.

6. AUSSEN. PFAD. ABEND

Monika läuft auf die Mutter zu. Der Mann mit dem Fahrrad steht neben der Mutter. Die Mutter verschämt, die Lippe aufgeplatzt, das Gesicht blutverschmiert, schüttelt den Staub und das Gras vom Rock ab. Der Soldat ist verschwunden. Monika schmiegt sich mit dem ganzen Körper an die Mutter. Die Mutter umarmt Monika, greift  ihre Hand, streichelt ihr zärtlich das Haar, küsst sie auf beide Wangen.

MANN

Alles in Ordnung? Hat er Ihnen was angetan?

Die Mutter schüttelt heftig den Kopf, verneint.

MANN

Ich begleite sie bis zur Landstraße,
man muss die Miliz verständigen… eine Anzeige erstatten, oder so…

Die Mutter schüttelt heftig den Kopf. Die Mutter, Monika auf dem Arm, geht  den Pfad hinauf. Der Mann, den Kopf gesenkt, schiebt sein Fahrrad, läuft nebenher. Sie schweigen.

7. AUSSEN. STRASSE. ABEND

Der Mann steigt auf das Fahrrad, entfernt sich. Die Mutter schaut hinter ihm her, setzt Monika vorsichtig auf dem Gehweg ab.

DIE MUTTER

Monika, jetzt kannst du selber laufen…
komm her, ganz nah zu mir, verdeck mich ein bisschen,
damit man den schmutzigen Rock nicht so sieht.

Bluse und Rock der Mutter haben Grasflecken und sind staubig.

MUTTER
(leise zu Monika)

Komm dichter `ran, dichter `ran.

Monika gehorcht schweigend, versucht so dicht wie möglich an der Seite ihrer Mutter zu gehen.

MUTTER
(flüstert vor sich hin)

Die Nachbarn, die Nachbarn… wenn sie das sehen…

8. AUSSEN. HOF DES EINFAMILIENHAUSES. ABEND

Monika und die Mutter sitzen dicht nebeneinander auf der Holzbank im Hof. Die Mutter bewegungslos, leicht nach vorn gebeugt, mit stumpfem Gesichtsausdruck.

Der Vater, zerzaustes Haar, das Gesicht von Alkohol und Schlaf gerötet, läuft vor der Bank auf und ab, wie ein Tiger im Käfig. Plötzlich bleibt er stehen, beugt sich zur Mutter herunter.

VATER
(zu der Mutter)

Sagst du`s mir endlich, oder nicht?!

Monika schmiegt verschreckt die Wange an den Arm der Mutter, lugt ängstlich zum Vater hoch. Der Vater greift Monikas Arme, zieht sie an sich heran, schaut ihr prüfend in die Augen.

VATER
(gespielt zärtlich)

Monika, sag dem Papi, was ist mit Mutti passiert?…

(plötzlich wird seine Stimme ganz scharf)

Na los!

(er schüttelt Monika kräftig)

Rede endlich!

Monika schüttelt den Kopf, schweigt beharrlich, dreht den Kopf zur Seite. Die Mutter starrt apathisch ihre Hände an, die auf ihrem Schoss liegen. Der Vater hebt die Hand, wie zu einem Schlag. Monika folgt dieser Handbewegung mit erschrockenem Blick.

VATER
(schreit die Mutter an)

Wer hat das getan?! Wo?!

MONIKA
(hastig)

Er hatte ein Fahrrad, so ein Mann! Ein Soldat!
Und… er hat Mutti auf den Boden geschmissen.

Monika spielt die Situation nach, der Vater packt sie wieder an den Armen, schüttelt sie leicht.

VATER

Wo? Monika, wo ist das passiert, mein gutes Mädchen, wo war das?

MONIKA

Am Fluss, im Wald.

Die Mutter schluchzt leise.

MUTTER

Er hat mir nichts getan… wegen dem Strumpfhaltergürtel… er kam nicht ran. Frag den Schmidtke, der hinter der Kaserne wohnt. Monika hat ihn geholt… dann ist der abgehauen. Frag ihn, wenn du mir nicht glaubst…

VATER
(zu Monika)

Moni, war das ein Soldat?

MONIKA

Ja, ohne Haare und er hatte so ein Hemd und eine Uniform. Wie die in der Kaserne… So Stiefel…

Der Vater steht eine Weile unbeweglich da, die Hände auf Monikas Armen. Plötzlich schaut er sich um, sucht den Hof ab: er sieht den Baum, das Fass mit dem Regenwasser unter der Rinne, die Schaukel. Sein Blick fällt auf ein an die Hauswand angelehntes altes Fahrrad.

Der Vater geht energisch auf das Fass zu, taucht seinen blonden, lockigen Kopf in das Regenwasser, taucht auf, schüttelt sich, wie ein nasser Hund. Das Wasser rinnt seinen Hals herunter, auf das Unterhemd.  Der Vater schnappt sich das Fahrrad, springt auf, verschwindet hinter dem Tor. Das schwere Tor fällt krachend ins Schloss.

9. AUSSEN. HOF DES EINFAMILIENHAUSES. ABEND

Es ist dunkel geworden. Die Holzbank nur von einer Lampe vor der Haustür beleuchtet. Die Mutter sitzt immer noch bewegungslos da, den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Schoss, Monika eng an sie geschmiegt, die Augenlieder fallen ihr zu.

MONIKA
(flüstert)

Mutti, gehen wir ins Haus, mir ist kalt.

Die Mutter reagiert nicht, starrt ihre Hände an, glättet mit einer nervösen Geste ihren Rock.

Plötzlich das Geräusch des auffliegenden Tores. Der Vater kommt mit dem Fahrrad angefahren. Die Mutter zuckt zusammen. Der Vater schmeißt das Fahrrad auf den Boden, in der Hand hält er ein Bündel. Der Vater wirft das Bündel auf den Boden,  der Mutter vor die Füße, setzt sich neben die Mutter auf die Bank, nimmt sie in die Arme.

VATER

Dieses Schwein greift keine Frau mehr an. Ich hab` ihm alle Zähne ausgeschlagen, mit ‘m Fußtritt!

Die Mutter schmiegt sich an den Vater, weint. Der Vater drückt sie an seine Brust, streichelt ihr Haar. Monika rutscht von der Bank, hockt sich neben das Bündel. Es ist das grüne Soldatenhemd, befleckt mit einer braunen Flüssigkeit. Monika greift das Hemd mit zwei Fingern, aus dem Hemd fallen blutige Zähne. Monika zuckt entsetzt zusammen, zieht die Hand zurück, setzt sich schnell zu der Mutter auf die Bank, drückt sich an ihren Rücken. Alle drei: Monika, die Mutter und der Vater verharren eine Weile in der zärtlichen Umarmung.

10. INNEN. MILIZWAGEN. VOR DEM HAUS. NACHT

Monika sitzt auf dem Schoss eines MILIZBEAMTEN (26), lacht. Ihre Hände halten das Lenkrad, sie spielt Autofahren.

MILIZBEAMTER

Und jetzt sanft in die Kurve. Los! Brrr und wir düsen!

Monika lacht vergnügt. Der Milizbeamte schaltet das Fernlicht an, die Straße wird hell.

MILIZBEAMTER

Und jetzt gib Gas und wir fliegen!!!

Der Vater sitzt auf dem Rücksitz. Neben ihm Hermann, der Milizbeamte, mit dem er vor paar Stunden Wodka getrunken hat. Hermann hält einen Notizblock in der Hand, klopft mit einem Stift darauf.

HERMANN

Die Russen sind total sauer.

Hermann nimmt das blutbefleckte Soldatenhemd in die Hand.

HERMANN
Das ist Körperverletzung mit bleibenden Schäden! Jetzt sag mir, ganz ernsthaft, was verdammte Scheiße,  hast du noch mit ihm gemacht?

MILIZBEAMTER

Schrei nicht so rum vor dem Kind!

Monika scheint es nicht zu hören, ihre ganze Aufmerksamkeit schenkt sie den Knöpfen auf dem Armaturenbrett des Milizwagens.

HERMANN
(zum Vater)

Spuck` s endlich aus!

Der Vater zuckt mit den Schultern, aus dem Augenwinkel schaut er zum Hemd.

VATER
(leise)

Ich habe ihn am Fluss erwischt. Ich hatte so eine Stinkwut. Nach dem er sie…. Der saß da, ganz ruhig, hat Bier getrunken, der Arsch! Ich bin auf ihn los, damit hat er nicht gerechnet, so ein Bulle, so ein Schwergewicht, um die 100 Kilo…

MONIKA
(ohne das Spiel zu unterbrechen)

Und mein Papa hat ihm alle Zähne ausgeschlagen, mit EINEM Fußtritt!

HERMANN
(zum Vater)

Stimmt das?

VATER

Meine Fresse, ich glaub, alle sind raus, der braucht ne neue Kauleiste!

MILIZBEAMTER

Wenn er mit meiner Uschi so… gut hast du das gemacht! Keine Frage! Ich hätte es nicht besser machen können!

HERMANN
(zu dem Milizbeamten)

Halt den Mund!

VATER

Die Zähne waren in dem Hemd, ich weiß nicht, wo die hin sind, hab ich irgendwie verloren. Vielleicht im Hof…

HERMANN

Scheiß auf die Zähne, jetzt im Dunkeln werden wir sie bestimmt nicht suchen.

MILIZBEAMTER

Wohl kaum!

HERMANN

Da hast du dir schön was eingebrockt.  Mann o Mann, Scheiße. Jetzt musst du die Fresse halten, als ob nichts passiert wäre. Wir warten mal ab. Die Russen haben auch Schiss. Mal ehrlich, wenn die Kleine nicht da gewesen wäre, hätte er sie vergewaltigt.

Hermann streckt seine Hand aus, der Vater ergreift sie, ein kräftiges Händeschütteln unter Männern.

HERMANN

Und deine Moni, Alter, frech und gescheit!  Besser als ein Junge! So eine hätt ich auch gern.

11. AUSSEN. AUF DER STRASSE VOR DEM HAUS. NACHT

Der Vater steigt aus dem Streifenwagen. Der Milizbeamte reicht ihm Monika. Der Vater hebt Monika hoch, wirft sie hoch in die Luft, fängt sie wieder auf. Monika gluckst vor Freunde.

VATER
(stolz)

Mein Blut!

Monika legt die Hände um den Hals des Vaters. Die Milizbeamten im Wagen lächeln und winken. Der Vater, Monika auf dem Arm,  geht auf das Haustor zu. Hermann kurbelt das Autofenster herunter.

HERMANN
(ruft)

Hej, kommst du später zum Goldenen Krug?

Hermann hebt die Hand wie zum Trinken.

Der Vater bleibt stehen, zögert, verneint dann aber mit einem entschiedenen Kopfschütteln.

VATER

Nein! Heute nicht!


Anmerkung der Autorin:

Die Gewalt, vor allem sexuelle Übergriffe, durch die in der DDR stationierten russischen Soldaten, waren nicht nur unmittelbar nach dem Krieg, sondern auch noch in den 80-er und 90-er Jahren an der Tagesordnung. Im Jahr 1989 wurden allein in Burg (Sachsen-Anhalt) drei Frauen vergewaltigt , vier weitere fielen einer versuchten Vergewaltigung zum Opfer, die allein dadurch verhindert werden konnte, dass  Passanten auf sie aufmerksam wurden und die Frauen fliehen konnten.

Die russische Kommandantur unternahm alles, um die Taten der Soldaten zu vertuschen: Die Opfer wurden eingeschüchtert, es gab sogar Bestechungsversuche.

Ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, dem bisher nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Anmerkung der Redakteurin:

Renata Nasseri fertigte im Sommer 2014 einen 14-minutigen-Spielfilm nach dieser Geschichte. Ich war dabei als eine Comparsin. Der Film ist sehr gut. Ich werde Sie am Laufenden halten und sage Ihnen Bescheid, wenn es ein Public Viewing geben wird.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Der glücklichste Tag

  1. To były straszne chwile dla kobiet.W Polsce ukazała się ksiązka, nie pamiętam autorki,ale było tak jak opisujesz.Pozdrawiam,Marysia

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