Immer Montags: Der polnische Adel… (1)

Montage lang werden wird jetzt Fragmente eines Texts von Stanislaw K. Kubicki lesen, gespickt mit Anekdoten und Familiengeschichten aus der Welt, die es nicht mehr gibt. Merkwürdigerweise werden im Text auch Slaski & Co vorkommen, meine Schwiegermutter meint jedoch, dass es nicht „unsere Slascy” sind, sondern die aus Großpolen, die nicht zur Familie gehören, da unsere allesamt, obwohl sie nach dem Krieg in Großpolen wohnten, aus Kleinpolen stammen.

Wenn im Text von „Kubicki” die Rede ist, gemeint ist der Maler, der Autors Vater war.

Der Polnische Adel aus dem Blickwinkel eines 1936 10-jährigen deutschen Knirpses

Der alte Taczanowski

Den alten Grafen Taczanowski habe ich natürlich nicht mehr kennen gelernt; er dürfte in den Zwanzigern das Zeitliche gesegnet haben. So kann ich nur weitergeben, was in der Familie so kursierte. Die Verbindung der Familie Kubicki zum alten Taczanowski ist mir unbekannt, verlief aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über unseren Großvater Witalis.

Stanisław Kubicki, mein Vater, verbrachte als Oberschüler und junger Mann etliche Urlaube auf dem Gut des alten Grafen in Ostrowo. Von dort meldete die lokale Presse mitunter sensationelle Ereignisse, beispielsweise, daß der junge Kubicki auf seinem Pferd stehend durch die Stadt geritten sei. Das las auch Großvater Witalis, der not amused war, weil solchen Kindereien weniger zugeneigt als der alte Graf, der selbst Gegenstand etlicher skandalöser Ereignisse gewesen sein soll.

Taczanowski war enorm reich und soll in Pariser Casinos einige seiner Güter verspielt haben, angeblich nur, um den Prince of Wales auszustechen. Schließlich sei er teilentmündigt worden, um wenigstens etwas für die Erben zu retten. Ostrowo war darunter.

In Posen stand er einmal – so die Fama – vor Gericht, weil er mit seinem Monokel im Auge und in gebückter Haltung, um besser sehen zu können, die nackten Fesseln – mehr war eh nicht entblößt – einer Dekorateuse im Schaufenster inspiziert hatte. Den Richter, der ihn einen „alten geilen Bock“ nannte, verklagte er angeblich wegen „alt“ – „geil“ blieb hingegen unbeanstandet.

Noch deftiger war ein Ereignis auf einer Fahrt von Posen nach Berlin. Er, der Graf, kannte die Strecke und wußte, daß der Zug in Bentschen einen längeren Aufenthalt haben würde. Also zog er schon mal eine Zigarre aus seinem Etui und bereitete sie vor. Ein Mitreisender beschwerte sich, daß er im Nichtraucher paffen wolle. Der Graf bemerkte zurecht, daß er das ja gar nicht tue, doch der andere insistierte: „Aber Sie machen doch die Anstalten dazu.“ Die Bahn hielt, der Graf stieg aus und qualmte – wie gewohnt – auf dem Perron; der andere holte sich eine Zeitung. Als der Zug wieder anfuhr, breitete dieser sein Journal aus, und der Graf empörte sich nun seinerseits lauthals, „Es sei doch ungeheuerlich, hier im Abteil scheißen zu wollen.“ Der andere war entsetzt. Wie er denn darauf käme? Und der Graf beteuerte: „Aber Sie machen doch die Anstalten dazu.“ Das mag sich ziemlich stark anhören, aber der Graf war so gebaut, daß die Dinge als glaubhaft kolportiert werden können.

Seinen vermutlich letzten Urlaub in Ostrowo verbrachte Kubicki im Sommer 1914. Er berichtete darüber seiner späteren Frau:

[…] Hier ist alles sehr feudal, der alte Graf mit Monokel – schreib durchaus „Comte” auf die Adresse, die Leute legen Wert darauf. Außer dem Alten, zwei Söhne und eine Tochter (verheiratet) mit zwei allerliebsten Kindern. Schöner Park, Wald und angenehme Gegend. Schloß ist altertümlich, ein Teil barock, der andere gotisch; ich wohne wie im Kloster im gotischen Flügel. Ich schreib alles so durcheinander, daß Du Dich kaum zurecht finden wirst, schadet nichts!

Ich hab’ noch eine Bitte: schick’ mir doch sofort folgende Bücher, wenn Du sie nicht selbst brauchst:  Strindberg die 4 Bde. / Bierbaum „Stilpe“, „Irrgärten und Reife Früchte“ [gemeint ist wohl: „Irrgarten der Liebe“] / Wyspianski (was da ist) / Ibsen die 3 Bde. (einen hat Janek). Ich will Propaganda für Moderne machen. […]

Kubicki fühlte sich dort also durchaus zuhause.

Der alte Graf war im übrigen dafür bekannt, ein Gourmet par excellence gewesen zu sein. Wenn das Essen besonders gut war – so wurde berichtet – ließ er die Köchin kommen, schnalzte deutlich mit der Zunge und schnipste links mit Daumen und Zeigefinger: „Vorzüglich!“ war sein höchstes Lob. Als die Köchin eines Tages einen Briefträger heiratete, setzte er, um seine Fee nicht zu verlieren, durch, daß dieser nach Ostrowo versetzt wurde.

Der Graf soll schließlich beim Verzehr einer besonders leckeren Birne verstorben sein. Als er zubeißen wollte, bemerkte er auf ihr eine aggressive Wespe, die ihm unmittelbar – noch bevor er den Mund schließen konnte – in den Rachen stach. Der schwoll an, und der Graf erstickte. Eine scheußliche Vorstellung. Gott verzeihe diesem Original alles…!

Fortsetzung folgt


Frühere Bezüge auf diese Erinnerungen befinden sich in den Publikati-onen von Lidia Głuchowska:

1. Avantgarde und Liebe. Margarete und Stanislaw Kubicki 1910-1945. Gebr.-Mann Verlag. Berlin 2007
2. (Trans)regionalne uniwersum. „Rodzinna Europa” i Paneuropa – arystokracja i awangarda = (Trans)regionales Universum. „Familie Europa” und Paneuropa – Aristokratie und Avantgarde. Pro Libris 2 (31) (2010), S. 6-12.
3. Worek cukru, czyli o awangardzie i nie tylko artystycznych cudach współpracy polsko-niemieckiej = Ein Sack Zucker. Über die Avantgarde und die nicht nur künstlerischen Wunder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Pro Libris 3 (28) (2009), S. 70-81.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Stanislaw K. Kubicki i oznaczony tagami . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Jedna odpowiedź na „Immer Montags: Der polnische Adel… (1)

  1. Anne Schmidt pisze:

    Liebe Ewa, vielen Dank dafür, dass du sogar an deinem Geburtstag meine kleine Welt erweiterst u. erhellst. Hoffentlich geht es dir gut u. du kannst feiern bis du zur Lesung aufbrechen musst. Ich wäre so gerne gekommen, aber leider haben wir für heute abend Karten für "Lassalle" im Grips. Liebe Grüße u. die besten Wünsche Anne

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s