Immer Montags: Der polnische Adel… (2)

Wir begannen vor einer Woche und werden noch Montage lang Fragmente eines Texts von Stanislaw K. Kubicki lesen, gespickt mit Anekdoten und Familiengeschichten aus der Welt, die es nicht mehr gibt.

Wenn im Text von “Kubicki” aber auch ggf. von „Staś” die Rede ist, gemeint ist der Maler, der Autors Vater war. „Janina” ist wiederum die ältere Schwester des Autors, die Malers Tochter. Und „Kubicka” ist die Mutter, Margarete Kubicka, ebenfalls eine Malerin.

Der Polnische Adel aus dem Blickwinkel eines 1936 10-jährigen deutschen Knirpses

Familie Mycielski

Die Freundschaft der Familien Mycielski und Kubicki war schon seit Generationen solide, die der Ur-Großväter-Generation recht intensiv, die unseres Großvaters Witalis mit seinen Generationspartnern unter den Mycielskis allerdings etwas gelockert, dafür aber die der beiden Staś’s – der nun folgenden Berichte – schon seit ihrer Jungend wieder sehr kompakt. Man traf sich vor dem Ersten Weltkrieg auch in Berlin, denn die Mycielskis besaßen damals eine Wohnung am Kurfürstendamm.

Kubicki verbrachte die kulturell und politisch aufregenden zwanziger Jahre in Berlin, doch die Beziehungen rissen deswegen nicht ab. 1922 besuchte Staś Mycielski die Familie im Atelier im Tiergartenviertel und brachte – ganz Junggeselle – der gerade einmal dreijährigen Tochter Janina rote Bälle zum Jonglieren mit, und – wohl wirklich etwas verfrüht – Cognacbohnen. Sie genoß diese, sich von oben bis unten beschmierend, und demonstrierte damit eine durchaus bemerkenswerte Trinkfestigkeit, denn sie reagierte auf den Alkohol offensichtlich überhaupt nicht.

1933 kamen die Nazis, und im September 1934 emigrierte Kubicki dann nach Polen und fand dort sofort wieder Kontakte zur Familie Mycielski. Schon im  Dezember vermeldete er seiner Frau nach Berlin:

Die Feiertage über werde ich wahrscheinlich bei Władek Mycielski ver­brin­gen, der mit seiner Frau, die krank ist, und seinen Kindern zu Hause bleibt.

Damit begann eine bis zum Kriegsbeginn reichende Aera, in der die Mitglieder der Familie – vor allem die Brüder Stanisław und Wojciech – ihm mezaenatisch zur Seite standen, indem sie ihm Domizile in Posen und auf dem Lande sicherten.

Staś’s Gut – Kobylepole – grenzte östlich an Posen und ist heute nur noch ein Bezirk der ausgeuferten Stadt. Dort lebte er mit seiner Mutter, einer eleganten Frau, die es verstand, Natürlichkeit und Damenhaftigkeit in so lockerer Weise miteinander zu verbinden, dass Janina sie sich zum Vorbild erkor.

Zur Zeit des Großvaters der drei Mycielski-Brüder wurde das Schloß einmal – aus welchen Gründen auch immer – zum Seuchenlazarett umfunktioniert. Als es dann wieder frei gegeben wurde, ließ es der alte Graf total abreißen und baute ein neues im italienisch-klassizistischen Stil.

In dem Park errichtete Vater 1936 auf Bitten von Staś My­cielski das nebenstehen­de Denkmal für den 1935 verstorbenen Marschall Piłsudski. Im Hintergrund sind noch Turm und ein Hauch des Schlosses zu sehen.

pomnikpilsudskiSeiner Frau schrieb er Ende 1936 nach Berlin:

Das Denkmal in Kobylepole ist schon lange fertig und enthüllt. Die Zeitungen in Warschau, Krakau und Posen haben darüber berichtet, haben Photographien und Zeichnungen gebracht – leider habe ich nichts aufgehoben – nur vom Illustrierten Krakauer Kurier habe ich einige Abzüge bekommen, von denen ich Dir einen sende. Das ganze Ding ist karminrot mit grauen Gesimsen und Einfassungen, mit grün patiniertem Blech gedeckt und vorn mit Rasen eingefaßt. Das beste aber ist, daß man mir dafür einen wirklich anständigen Orden – Polonia restitue – angeboten hat, den ich dankend abgelehnt habe.

Dafür traf er sich lieber mit dem Hellseher des Marschalls, einem Herrn von Ossowiecki!

Hielt sich unser Vater in Posen auf – was häufig der Fall war – wohnte er auf Kobylepole. Selbstredend stand ihm dort ein kleines Appartment zur Verfügung.

Insgesamt schien sich der Vater nach der Emigration in Posen schnell wieder eingelebt zu haben, traf die alten Bunt– und Zdrój-Freunde Skotarek und Wroniecki wieder und wurde umgehend in den Vorstand des Posener Schriftstellerverbandes berufen. Für den Januar wurde er daselbst zu einem Vortrag über Kunst verpflichtet, und publizierte bereits Artikel und Gedichte. Außerdem hatte er eine Einladung vom Vizeminister Piasecki nach Warschau und wollte sich dort mit Wacław Berent treffen, dem er schon geschrieben hatte. Keine schlechte Bilanz für zwei Monate.

Kubicki traf in Posen in Windeseile auf alte und neue Freunde. Der älteste war wohl der Musikprofessor v. Kamiński, mit dem er sich während der Berliner Studienzeit in Charlottenburg eine Bude geteilt hatte. Von Kamiński war ein Professor, wie man ihn besser nicht karikieren konnte. In seinem Arbeitszimmer mußte man über Stöße vom Mamunskripten steigen, – und er war ständig beschäftigt.

Auch zu Jerzy Hulewicz – der seinen Grundbesitz der Kunst, dem Verlag Ostoja und der avangardistischen Zeitschrift Zdrój geopfert hatte – nahm er wieder Kontakt auf, auch wenn sich mit den Jahren unterschiedliche Anschauungen über die Kunst eingestellt hatten.

hrabiamycielskiWenn wir – Vater und ich – in Posen weilten, wohnten wir allerdings nicht in Kobylepole, sondern im Hotel oder – ich einmal – bei seiner Schwester Hania. Bei Staś Mycielski waren wir nur gelegentlich. Er erschien mir groß, fast etwas massig, und war an mir völlig desinteressiert. Ich nahm es nicht übel, sondern einfach hin. Das war mit Wojciech Mycielski ganz anders. Der war schlanker als sein Bruder, drahtig elegant, und sah ein wenig aus wie König Edward der VIII. von England, nur etwas besser. Auf dem Bild nebenan ist er überzeugender getroffen als auf dem Photo mit Hans von Riesen [darüber weiter]. Interessant daran ist nur, dass beide sich kannten. Vater war aber auch mit Hans von Riesen eng befreundet. Dieser heiratete eine Schülerin der Kubicka und lud mit seinem Bruder Alexander 1927 den weltberühmten Suprematisten Kasimir Malewitsch nach Berlin ein. Der wohnte bei ihnen. Beide waren in Moskau aufgewachsen und sprachen perfekt russisch. Vater nahm mich später, als 4-6jährigen Knopp, mehrfach zu von Riesens mit.

Aber zurück nach Posen. Noch im Dezember 1934 nistete sich Vater auch auf Wydawy ein. In einem Brief berichtet er seiner Frau nach Berlin:

Mein ständiges Quartier ist ziemlich weit weg von Posen, auf dem Lande bei dem Bruder von Staś. Meine Adresse: Poniec Wojciech hr. Mycielski – maj. Wydawy.

Das Mäzenatentum der Brüder griff also schon sehr früh.

Graf Wojciech war fürsorglich um Kubickis und seiner Familie Belange bemüht. 1935 wurden die Nürnberger Rassegesetze erlassen, und Muttter mußte als Lehrerin und Beamtin nachweisen, dass sie und ihr Mann „arisch“ seien. Dazu brauchte sie auch die Unterlagen aus Polen. Aber Kubicki nahm solche Dinge nicht so ernst und ließ sie erst einmal schmoren. In einem Brief von 1936 schrieb er:  „Außerdem fragte ich eine Nichte meines Vaters [eigentlich ja wohl dann seine Kusine] aus, aber die hatte keine Ahnung von Zeit und Aufenthaltsort meines Großvaters, außer daß er in Sohrau einige Jahre lebte und dort eine Baronin Schlaterbach heiratete, darauf (wann?) nach Posen ging.“ Mehr Aufwand schien ihm die Sache nicht wert zu sein. Deswegen gar Kontakt mit seiner Schwester Hania und seinem Bruder Jurek aufzunehmen, dazu hatte er absolut keine Lust.

Statt dessen plante er mit der Kubicka – die wegen des Ariernachweises schon Ostern 1935 nach Posen kommen wollte – eine Reise nach Winnogora zur Frau von Turnow, mit der er sich gleich 1935 angefreundet hatte, und dann nach Krakau, wo er hoffte den Baron Puget als Cicerone anheuerm zu können. Auch wollte er sie mit der Frau Połczyńska bekannt machen, deren Sohn der bekannte Weltreisende Aleksander Janta-Połczyński war. Und natürlich wäre da auch noch die Gräfin Żółtowska, die er gerade in Wargowo aufgesucht habe, und die die Mutter unbedingt kennen lernen müsse.

briefmycielskiAußerdem war ich mit dem polnischen Admiral zusammen und sah Frau von Unruh, der wir in Poznan durchaus einen Besuch machen müssen. So plauderte er über die brennenden Probleme hinwig. Die ernsten Dinge ig­norierte er oder überließ er dem Grafen Wojciech. Der half der Mutter einstweilen mit einer Ei­des­stattlichen Erklärung aus, die den deutschen Beamten si­cher impo­niert haben dürfte, denn auf dem Briefkopf war vermerkt:

Wojciech hr. Mycielski

MAJĘTNOŚĆ PONIEC

was so viel bedeutet, wie „Wojciech Graf Mycielski – Herr vom Gut Poniec“. Und obendrein hatte der Brief auch noch ein gräfliches Dienstsiegel, auf dem stand: „Wydawy * Powiat Gostyński *“ [Wydawy * Kreis Gostyń *].

Das half vorübergehend.

Fortsetzung folgt


Frühere Bezüge auf diese Erinnerungen befinden sich in den Publikati-onen von Lidia Głuchowska:

1. Avantgarde und Liebe. Margarete und Stanislaw Kubicki 1910-1945. Gebr.-Mann Verlag. Berlin 2007
2. (Trans)regionalne uniwersum. „Rodzinna Europa” i Paneuropa – arystokracja i awangarda = (Trans)regionales Universum. „Familie Europa” und Paneuropa – Aristokratie und Avantgarde. Pro Libris 2 (31) (2010), S. 6-12.
3. Worek cukru, czyli o awangardzie i nie tylko artystycznych cudach współpracy polsko-niemieckiej = Ein Sack Zucker. Über die Avantgarde und die nicht nur künstlerischen Wunder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Pro Libris 3 (28) (2009), S. 70-81.

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