Immer Montags: Der polnische Adel… (3)

Wir begannen vor zwei Wochen und werden noch ein paar Montage Fragmente eines Texts von Stanislaw K. Kubicki lesen, gespickt mit Anekdoten und Familiengeschichten aus der Welt, die es nicht mehr gibt.

Wenn im Text von “Kubicki” aber auch ggf. von “Staś” die Rede ist, gemeint ist der Maler, der Autors Vater war. “Janina” ist wiederum die ältere Schwester des Autors, die Malers Tochter. Und “Kubicka” ist die Mutter, Margarete Kubicka, ebenfalls eine Malerin.

Der Polnische Adel aus dem Blickwinkel eines 1936 10-jährigen deutschen Knirpses

Familie Mycielski (2)

Auf Wydawy verbrachte ich nun Mitte der Dreißiger etliche meiner Oster-, Sommer- und Oktoberferien. Schwester Janina, – fast 8 Jahre älter und schon eine junge Dame, – vergnügte sich derweil bei der Gräfin Żółtowska, beziehungsweise den Damen Turnow und Slaska, wo sie junge Leute traf, mit denen sie Tennis spielen konnte. Besonders Frau Turnow hatte es Janina angetan, denn auch sie verband – wie die alte Gräfin Mycielska – Leichtigkeit und Natürlichkeit mit einer ausgeprägten Damenhaftigkeit. Sie lebte mit ihrem Mann und den Kindern auf Winnogóra, einem stattlichen Schloß und einem sehr großen Park mit einem See.

Ich – beständig auf Wydawy – fühlte mich dort bald wie zu Hause. Vater zog sich – wenn ich Ferien hatte – mit mir nach dort zurück, und erledigte literarische Arbeiten für den Posener und Gnesener Rundfunk sowie das Posener Theater. Er hatte im Schloß ein festes Refugium.

wydawy-mapaDas Gut liegt unmittelbar südlich der Kleinststadt Poniec und ist von dem Ort nur durch die Bahngleise getrennt. Der Zaun, der das Bahngelände absichert, bedingte, dass man trotz des – Luftlinie gemessenen – kurzen Weges mit der Kutsche vom Bahnhof abgeholt werden mußte. Man fuhr dann etwa 700 m bis zur Straße nach Bojanowo und danach auf der entgegengesetzten Seite des Zaunes wieder zu­rück.

Rechts und links neben der Einfahrt zum Schloß lagen – wie der Karte zu entnehmen – zwei Häuser: Die Küche und das Domizil der Tante Helena Mycielska. Das Schlößchen, mehr eine große Villa, steht zu den beiden Gebäuden quer und schaut mit der Vorderseite auf den Park. Die Rückseite ist dem Hof mit den Stallungen zugewandt. Die Getreidespeicher befanden sich rechter Hand, vor den Obst- und Gemüsegärten. Rechts und links vom Schloß verliefen Wege mit alten Bäumen, wobei der linke sehr bald in den rechten einmündete, der – an einem Teich vorbei – bis zu einem Kleinsthügel führte, in  dem die gräf­lichen Hunde begraben lagen.

wydawy-zamekDas Schlößchen hat zwei Stock­werke, ein sym­pathisches Walm­­­dach und zu beiden Seiten einen häßlichen flachen Anbau, der aber zusätzlichen Wohnraum ein­brachte.

Dauergäste auf Wydawy waren damals der jüngste der Mycielski-Brüder Władysław und seine Familie, bei denen Vater 1934 noch Weihnachten verbracht hatte. Die Familie bestand aus seiner Frau Róża und den Kindern Józef (gerufen Józiu), etwas älter, und Krystyna (gerufen Krysia), etwas jünger als ich.

Alle waren 1935 – kurz vor meinem ersten Aufenthalt – dort eingetroffen. Der ältere Bruder Stanisław hatte sie von ihrem Gut nahe Posen – jeder der drei Brüder besaß demnach ein eigenes Gut – verwiesen. Sie fanden bei dem gutmütigen zweiten Bruder Wojciech auf Wydawy Asyl, vielleicht auch ein Bißchen mit dem Hintergedanken, an den langen Abenden in der langweiligen Gegend nicht so allein zu sein.

Róża hatte offenbar etwas zu anspruchsvoll gelebt und das eigene Gut stärker belastet als erträglich. Stanisław übernahm nun die Verwaltung und Entschuldung, aber eben ohne die Familie – bitte schön. So bewohnte diese jetzt auf Wydawy zwei geräumige Zimmer in dem linken häßlichen Anbau. Zu erreichen waren die Räume durch das Eßzimmer, das drei hohe Fenster zum Park hatte. Hinter diesem Eßzimmer gab es noch einen nur wenig benutzen Raum, eine Art Bibliothek, in dem wir an kühlen Herbsttagen vor dem Kamin saßen, vorn schwitzten und hinten froren.

Die Gräfin Róża war irgendeine Fürstentochter und mit Władek gewissermaßen eine kleine Mesalliance eingegangen, aber eben nur eine kleine, denn die Mycielskis ließen sich angeblich bis über das Jahr 1000 hinaus zurückverfolgen. Różas Jugendzeit muß schon sehr feudal gewesen sein. Sie erzählte zuweilen davon, beispielsweise, dass es vor ihrem Schloß einen See gab, auf dem mehrere, auch mit Bäumen bepflanzte schwimmende Inseln dümpelten. Wenn eine anlandete, mußten die Bediensteten sie wieder zurückstoßen. So habe sich das Panorama ständig verändert.

Róża war polyglott. Immer wieder telephonierte sie mit ihrer Tante, der ehemaligen östereichischen Kaiserin Zita, oder mit ihrem Vetter, dem italienischen König Vittorio Emanuele in Rom. Sie parlierte fließend ita­lienisch, französisch und deutsch. Dennoch bescheinigte ihr meine tiefbürgerliche preußische Mutter einen Dienstmädchencharakter, denn sie lauschte an Türen. Dabei war Róża nur von Natur aus etwas neugierig.

Ich jedenfalls pflegte ihr gegenüber trotz Mutters Urteil nicht die geringsten Vorbehalte. Vielmehr schätzte ich ihre Warmherzigkeit, mit der sie auch mich in die Kinderschar einbezog. Als ich einmal Heimweh bekam, weil die Mutter schon vorzeitig nach Berlin zurückgefahren war, gab sie mir ein paar Groszy für Sahnebonbons, die man in einem Lädchen am Bahnübergang erwerben konnte. Allerdings verminderte sich mein Heimweh dadurch nur wenig, denn ich aß die Dinger für mein Leben gern. Kurz gesagt: ich bekam weitere Groszy. Heute ist mir das fast etwas peinlich, weil ich damit vermutlich der Entschuldung der Familie entgegen gearbeitet habe.

Vor dem Schlößchen gab es eine kleine, besonders gepflegte Anlage mit einem Hauch von Versaille. Das Schlößchen lag minimal erhöht. Davor war die Wagenauffahrt. Aber noch bevor der weitläufige Park begann, gab es eine Komposition mit einigen geschwungenen Rabatten voller Fleißiger Lieschen, umrahmt von wadenhohen kleinen Hecken. Ein Treppchen von vier Stufen führte da hinunter. An schönen Sommertagen saßen dort Władek und Róża, die Sonne genießend, miteinander plaudernd oder lesend, oft Krysia mit Hündchen Finek und ihren Puppen zu ihren Füßen.

Krysia spielte nicht so gerne mit Józiu und mir. Wir waren ihr zu wild. Als wir einmal zu dritt auf den Dachboden des Schlößchens stiegen, scheuchten wir Fledermäuse auf, die wirr um uns herumflatterten. Für Józiu und mich war das lustig und kein Problem. Sein Haupt war praktisch kahl geschoren und meine Haare waren kurz. Krysia aber hatte langes, gelocktes, goldenes Haar, in dem sich einige Fledermäuschen verfingen. Sie kreischte entsprechend laut und nachhaltig. Es gab Vorwürfe, und wir sahen ein, dass Abenteuer besser ohne Mädchen zu bestehen sind.

Józiu war dabei risikofreudiger als ich. Er wollte einmal unbedingt aufs Dach des Schlößchens klettern, was mir etwas zu gefährlich erschien, doch meine Ehre verlangte es, mitzumachen. Gottlob erschien justamente Vater Władek und holte uns mit dem Versprechen herunter, ins städtische Schwimmbad nach Poniec zu gehen.

Oft spielten wir auch mit den Gärtnersjungen und den beiden schwarzen Doggen – Dama und ihrem Sohn Rex – Fußball. Beide Hunde waren ‚mächtig gut’. Dama ließ keinen Ball durchs Tor, Rex gab aber leider den Ball nicht wieder ab, wenn er ihn einmal ergattert hatte.

Ein Vorzugsspielplatz war der modderige Teich am Park, der trotz seiner Kleinheit noch eine Insel besaß, auf die wir unbedingt übersetzen mußten. Entsprechend dreckig kamen wir zurück, und Vater Władek versprach uns, am nächsten Tag in ein nahegelgenes Schwimmbad an einem See zu fahren.

Fortsetzung folgt


Frühere Bezüge auf diese Erinnerungen befinden sich in den Publikationen von Lidia Głuchowska:

1. Avantgarde und Liebe. Margarete und Stanislaw Kubicki 1910-1945. Gebr.-Mann Verlag. Berlin 2007
2. (Trans)regionalne uniwersum. „Rodzinna Europa” i Paneuropa – arystokracja i awangarda = (Trans)regionales Universum. „Familie Europa” und Paneuropa – Aristokratie und Avantgarde. Pro Libris 2 (31) (2010), S. 6-12.
3. Worek cukru, czyli o awangardzie i nie tylko artystycznych cudach współpracy polsko-niemieckiej = Ein Sack Zucker. Über die Avantgarde und die nicht nur künstlerischen Wunder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Pro Libris 3 (28) (2009), S. 70-81.

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