Rajecka und andere

Ewa Maria Slaska

Polnische Künstlerinnen von der Teilung Polens bis heute

Im Gegensatz zu vielen anderen Lebensbereichen – wie etwa Landwirtschaft, Hauswirtschaft, Fabrikarbeit und Handwerk, aber auch Politik, Kultur oder der Einzelhandel – in denen Frauen sehr oft gleichberechtigt mit Männern tätig waren, existierten bis 19. Jahrhundert Bereiche, zu denen den Frauen der Zugang rigoros verwehrt war: dazu gehörten traditioneller Weise die Kirche aber auch die Wissenschaft, Medizin und die bildende Kunst. Der Kunstbetrieb war bis Ende des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich eine reine Männerdomäne. Die Möglichkeiten sich dort auszuprobieren oder das Kunst-Handwerk zu erlernen waren für Frauen stark begrenzt und standen im Prinzip nur Ehefrauen und Töchtern der Künstler zur Verfügung. Seltener Frauen aus adeligen Familien. Mitgliedschaften bei Gilden und Akademien waren ebenso begrenzt oder gar unmöglich. Die Ergebnisse der künstlerischen Tätigkeit von Frauen wurden oft dem Mann oder Meister der Künstlerin zugeschrieben. In den Ländern wo Malerei hoch geschätzt wurde – Italien, Niederlande, Spanien – gab es schon in der Renaissance und Barock eine kleine Anzahl von Malerinnen, die sogar internationale Anerkennung bekommen https://i2.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/9e/Rajecka_A_girl_with_a_dove.jpg/199px-Rajecka_A_girl_with_a_dove.jpghaben wie z.B. Sofonisba Anguissola in Spanien und Italien, Artemisia Gentileschi in Italien oder Maria Sibylla Merian in Deutschland und Holland. Aus Polen ist bis zum 19 Jahrhundert nur eine einzige bildende Künstlerin bekannt, die zudem nicht in Polen sondern in Frankreich tätig war: Anna Rajecka (1762-1832), eine Rokoko-Zeichnerin. Vermutlich eine uneheliche Tochter des letzten polnischen Königs, Stanisław August Poniatowski.

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MurzynkaEine dem Thema „Polnische Künstlerinnen“ gewidmete Ausstellung 1991 Nationalmuseum in Warschau und die dazu gehörige Publikation erwähnen aber als Pionierin der polnischen Kunst, eine Künstlerin, die fast Hundert Jahre später geboren wurde: Anna Bilińska-Bohdanowiczowa (1857-1893), eine Doktorstochter aus Ostpolen. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – ein historischer Moment des Bruchs in der bisherigen Tradition, eine Zeit als Frauen das erste Mal in der europäischen Geschichte Kunst studieren durften. Anfangs nur in privaten Schulen bekannter Maler oder als deren Einzelschülerinnen. Allmählich entstanden Frauenkunstschulen und Frauenklassen in renommierten Kunstschulen.1897 hat die erste anerkannte Akademie den Frauen die Tore geöffnet. Es war die Pariser Ecole des Beaux Arts.

Es wurde möglich für eine Frau, Künstlerin zu werden, obwohl es immer noch nicht einfach war. Es brauchte Durchsetzungsvermögen, finanzielle Mittel und Unterstützung der Familie, um dieses Ziel zu erreichen. Auch nach dem Studium war das Leben einer Künstlerin im 19. Jahrhundert nicht leicht. Sie hatte immerzu mit Widerständen zu rechnen und oft leidete sie Armut und Einsamkeit. Dies war auch das Schicksal von Anna Bilińska. Zeitlang lebte sie an der Armutsgrenze, aber sie konnte Künstlerin werden.

https://i0.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/08/Bozna%C5%84ska_Girl_with_chrysanthemums.jpg/191px-Bozna%C5%84ska_Girl_with_chrysanthemums.jpgRajecka und Bilińska sind kaum bekannt, selbst in Polen wird sie nicht jeder Kunsthistoriker kennen. Wenn man einen kunstinteressierten Polen fragt, welche Künstlerin die erste in Polen war, werden die meisten Olga Boznańska (1865-1940) nennen, erste, die jedoch besser in Europa als in Polen bekannt war. 1912 bekam sie der französischen Verdienstorden der Ehrenlegion. Eine Impressionistin und später auch Malerin des Jugendstils, Autorin eindrucksvoller Porträts. Polnische Lexika behaupten, dass sie zu den besten Künstlerinnen Europas der Epoche zählte, aber in dem „Künstlerinnen“-Kompendium aus dem Prestel Verlag wird sie nicht erwähnt.
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Ein Name, der weltweit und immer in solchen Auflistungen erwähnt wird, ist Tamara Łempicka (1898-1989). Eine Künstlerin, die merkwürdigerweise in Polen bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts keine Beachtung fand. Bis heute trifft man polnische Kunsthistoriker, die ihre Existenz ignorieren oder sie als „Modezeichnerin“ abtun. In der Tat, wie Rajecka, war Łempicka in Polen nie tätig. Das Zentrum ihres Lebens war Paris. Ihre Gemälde im unverkennbaren Stil zierten Seiten der Hochglanzmagazine, Kalender, Postkarten, sie sind Ikonen der 20er-Jahre. Man zählt sie zum „luxuriösen Art deco“. Sie ist eine Malerin der Moderne und Ikone der modernen Frau.

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https://i0.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/9f/Stare_Miasto_Stryjenska_02.jpg/181px-Stare_Miasto_Stryjenska_02.jpg1918, am Ende des Ersten Weltkriegs und nach über 120 Jahren Teilung ist Polen wieder unabhängig. Die führende Kunstrichtung des neuen Staates war die traditionelle romantische Kunst, gebunden ans polnische Geschichtsverständnis, polnische Folklore und den polnischen Symbolismus. Klassische Vertreterin der folkloristischen Kunstrichtung ist Zofia Stryjeńska (1891-1976).

In Europa sind die 20er und 30er des 20. Jahrhunderts die Zeit der Avantgarde, die Zeit der Hoffnung, den Träumen von einer Neuen Gesellschaft und darin auch einer Neuen Kunst. Sie sollten frei sein, sowohl die Menschen als auch die Kunst. Die polnische Kunst weist auf einige Künstlerinnen der Avantgarde: Teresa Żarnowerówna (1895-1950), Hanna Rudzka-Cybisowa (1897-1988) und Katarzyna Kobro (1898-1951). Interessant ist aber, dass sie alle zugleich Ehefrauen /Partnerinnen wichtiger Künstler der polnischen Avantgarde gewesen sind. Die polnische Kunsthistorikerin, Dr. Lidia Guchowska, sieht darin ein Zeichen für eine neue Epoche. Sie erkennt die Entstehung des Modells eines Künstlerpaars als kleinster Einheit eines fruchtbaren, effektiven, erfolgreichen Künstlerkollektivs. (Auf dem Foto Katarzyna Kobro)

Die jüdisch-polnische Grafikerin, Vertreterin des Konstruktivismus, Teresa Żarnowerówna war Partnerin des Künstlers Mieczysław Szczuka. Sie war eine überzeugte Kommunistin, was man in ihrer Kunst gut erkennt. Nicht umsonst war die Avantgarde auch die Kunst des Manifestes und des Plakativen.

cybisowaHanna Rudzka-Cybisowa war eine Repräsentantin des Kapismus (auch bekannt als Polnischer Kolorismus). Ziel der Koloristen war eine Änderung des Kunstverständnisses in Polen. Eine malerische Entscheidung des Bildes sollte das Hauptziel des Schaffens ohne Beachtung politischer oder gesellschaftlicher Kontexte sein. Man glaubte an eine „ewige Kunst“und Unabhängigkeit in der Malerei. Der Name Kapismus ist ein interessantes Novum in der Kunstgeschichte, da er die Buchstaben K und P verwendet. Das Kürzel KP steht für das „Pariser Komitee“. Der 1923 von dem Maler Józef Pankiwicz gegründete Verein war ein Hilfskomitee für Kunststudenten, die nach Paris auswandern. Das Komitee entstand als Protest gegen die Linie der nationalen Kunst in Polen. Wie die Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, versprach man sich von Paris etwas, was es in der Heimat nicht gab: die Möglichkeit moderne Malerei auszuüben: Expressionismus, Kubismus, Konstruktivismus – Kunstrichtungen, die offiziell in Polen keine Beachtung fanden. Die Kapisten siedelten nach Paris über, darunter auch Rudzka Cybisowa.

Katarzyna Kobro war eine polnische Bildhauerin deutsch-lettischer und russischer Herkunft; eine naturalisierte Polin. Sie vertrat den Konstruktivismus und revolutionierte die polnische Bildhauerei.

Art deco im Stile von Tamara Łempicka vertraten auch andere, weniger bekannte polnische Malerinnen: darunter Halina Dąbrowska (1898 -?) und Maria Ewa Łunkiewicz-Rogoyska; ihre Kunst thematisierte, wie die von Łempicka, die Menschen der modernen Zeit.

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Die Kunst der polnischen Künstlerinnen nach dem Zweiten Weltkrieg kann man als „ringen“ bezeichnen. Ringen mit verschiedenen Aspekten des modernen Lebens und der Existenz als Künstlerin.

https://i2.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/60/Maria_Jarema_Polish_sculptor.jpg/197px-Maria_Jarema_Polish_sculptor.jpgErstes Beispiel dieses Ringens sieht man in der Kunst von Maria Jaremianka (1908-1958). Sie war bis Ende des 2. Weltkrieges eine Bildhauerin und danach Malerin. Sie malte abstrakte Bilder wobei die abstrakte Malerei im stalinistischen Polen verboten war. Es war die Zeit des Sozialrealismus, die Kunst hatte realistisch zu sein.

Helena Malarewicz-Krajewska (1910-1998) war eine polnische Malerin, eine aktive Verfechterin und Vertreterin des Sozialrealismus. Auch dies kann man als Ringen bezeichnen – Ringen mit der kleinbürgerlichen Kunst. Zum Gunsten der Malerin muss man sagen, dass sie in dieser Kunstrichtung schon vor dem Krieg gearbeitet hat, also in der Zeit als es nicht politisch konform war.
https://i2.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/5d/Kuran-romanc1.gif/97px-Kuran-romanc1.gif

Zwei Grafikerinnen – Maria Hiszpańska-Neumann und Irena Kuran-Bogucka ringten lebenslang mit dem Trauma des Krieges. Egal welche Themen sie unter ihre Meisel nahmen, ist der Krieg direkt oder indirekt in ihrer expressionistischer Graphik präsent.

Auf dem Foto – Graphik von Irena Kuran-Bogucka zum Gedicht von Federico Garcia Lorca, Romanze vom Monde

Die berühmtesten Bildhauerinnen dieser Zeit waren /sind Magdalena Abakanowicz (geb.1930) und Alina Szapocznikow (1926-1973). Magdalena Abakanowicz ist https://i1.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/03/Abakany_Cytadela_Poznan.jpg/180px-Abakany_Cytadela_Poznan.jpgwahrscheinlich die berühmteste polnische Künstlerin aller Zeiten. Beide setzen/setzten sich in ihrer Kunst mit dem Körper auseinander. Bei Abakanowicz ist es ein anonymer Körper als nichts bedeutender Bestandteil der Masse, bei Szapocznikow – der kranke Körper, zerstört und vernichtet durch Schmerz, reduziert zu einer Hülle. (Auf dem Foto Skulptur von Magdalena Abakanowicz – Nierozpoznani / Unerkannten)

Es gab in dieser Künstlerinnengeneration drei, die ausdrücklich mit ihrem weiblichen Dasein ringten. Sie waren die ersten Vertreterinnen einer bewussten weiblichen Perspektive auf die Kunst in Polen.

https://i1.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/92/Samoidentyfikacja-1980.jpg/320px-Samoidentyfikacja-1980.jpgEs sind Ewa Partum (geb. 1945) – berühmt durch ihr Nacktfoto auf der Straße / Natalia LL (geb. 1937), die sich mit ihrer weiblichen Träumen auseinandersetzt und Maria Pinińska-Bereś (1931-1999), deren weiche, immer in Rosa, Objekte an die weiblichen Körperteile erinnern.

Auf dem Foto: Ewa Partum, Selbstidentifizierung 1980

Zum Teil gehört zu dieser Gruppe auch Zofia Kulik (geb. 1947), die vor allem durch ihre Galerie der Gesten des weiblichen Körpers bekannt ist.

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Über die moderne polnische Künstlerinnen nach 1989 kann man vor allem sagen, dass sie im Zeichen der Provokation agieren. Wie diese Präsentation und die Ausstellung bezeugt, weder Nacktheit noch sozial-kritische Hinterfragung des nackten Körpers sind in polnischer Kunst wirklich neue und erschienen viel öfter, als die jüngste und jüngere Generation glaubt.

Sie haben einen neuen Zugang zum Körper entdeckt. Mindestens glaubt Dr. Lidia Głuchowska, dass es ein gemeinsamer Nenner der Kunst dieser Frauen ist. Sie ringen mit dem gesellschaftlich zugeschriebenen Genderbedingten Status des weiblichen und männlichen Körpers, setzen sich mit der Problematik der Homosexualität, des Transvestitismus, der Androgynie auseinander, sprechen sich für Freiheit der Lebensformen jeder Menschen aus.

https://i0.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/08/Kozyra_K_Cheerleader_%28cropped%29.JPG/235px-Kozyra_K_Cheerleader_%28cropped%29.JPGAlicja Żebrowska *1956
Katarzyna Kozyra *1963
Barbara Konopka *1965
Monika Zielińska *1972
Katarzyna Korzeniecka *1976
Dorota Nieznalska *1973

Auf dem Foto: Katarzyna Kozyra, aus dem Film „Cheerleader” 2006, aus der Sammlung Zachęta Narodowa Galeria Sztuki 

https://i0.wp.com/upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/6a/Warszawa-rondo_de_Gaulle%60a_palma.jpg/180px-Warszawa-rondo_de_Gaulle%60a_palma.jpgJoanna Rajkowska *1968 / Julita Wójcik *1971 – zwei Künstlerinnen, die Installationen im öffentlichen Raum erstellen und es mit bürgerlichem Engagement  und für gesellschaftliche Teilhabe tun.

Auf dem Foto: Joanna Rajkowska, Grüße aus Warschau (Jerusalemer-Allee), 2005

Sowie

Paulina Ołowska *1976, eine Künstlerin die eine referenzgeladenen Stil-Mix verwendet. Bestandteile dieser Mischung ist die Ästhetik von Andy Warhol, Pop Art und sozialistische Kunst. Sie hat sich aber auch mit der nationalen polnischen Kunst der 20er auseinandergesetzt – eine ihrer Ausstellungen ist der Kunst einer schon hier erwähnten Künstlerin – Zofia Stryjeńska – gewidmet. Im Ouevre einer Künstlerin, die fast 100 Jahre vorher tätig war, faszinierten Ołowska Elemente von Art Deco, Slawische Mythologie und Folklore aus dem Tatra Gebirge. Wie die Künstlerin selbst sagt: „Wenn man beginnt die Sachen herum in der Zeit zu bewegen, beginnen sie plötzlich uns anders als vorher anzusprechen.”

Vortrag für Berliner Fraueninitiative Xanthippe gehalten am 20. September 2013 in der Insel Galerie Berlin; alle Bilder – Wikipedia Commons, außer Rudzka-Cybisowa: http://www.culture.pl/baza-sztuki-pelna-tresc/-/eo_event_asset_publisher/eAN5/content/hanna-rudzka-cybisowa.

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Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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