Immer Montags: Der polnische Adel… (5)

Wir begannen vor vier Wochen und werden noch ein paar Montage Fragmente eines Texts von Stanislaw K. Kubicki lesen, gespickt mit Anekdoten und Familiengeschichten aus der Welt, die es nicht mehr gibt. Wenn im Text von “Kubicki” aber auch ggf. von “Staś” die Rede ist, gemeint ist der Maler, der Autors Vater war. “Janina” ist wiederum die ältere Schwester des Autors, die Malers Tochter. Und “Kubicka” ist die Mutter, Margarete Kubicka, ebenfalls eine Malerin. Der Herr Slaski, von dem in diesem Abschnitt die Rede ist, ist nicht mit Administratorin dieses Blogs verwandt. Er gehört der sog. großpolnischen Linie und „meine” Slaskis (ich bin nur eine Eingeheiratete) stammen ursprünglich aus Masowien und danach, jahrhunderte lang, lebten sie in Kleinpolen.

Der Polnische Adel aus dem Blickwinkel eines 1936 10-jährigen deutschen Knirpses

Familie Mycielski (4) und Herr Slaski

Eines Tages erschien ein Herr Slaski, der Schwager der Mycielskis. Er hatte die einzige Schwester der drei Brüder geheiratet und war – wie alle ernstzunehmenden Männer der Familie – über 2 m groß. Dem eiferten auch seine zwei Söhne nach. Die Frauen fielen etwas kleiner aus und blieben bei über 1,90 m stehen. Wer kleiner war, war angeheiratet.

Dieser Slaski nun, – dessen Vorname mir entfallen ist, – war ein netter Mann, mit dem ich auch zur Jagd fuhr. In meiner Erinnerung ist noch ein großer Hirsch, der reglos in Waldesnähe in einem Roggenfeld stand und uns ansah. Wir saßen im Landauer. Slaski schoß. Der Hirsch blieb stehen. Erst dachte ich, der wäre gar nicht echt, dann aber trabte er doch gemächlich dem Walde zu. Damit war die Jagd zu Ende. Allen ging es weiterhin gut und wir waren zufrieden.

Zuweilen – wenn Józiu aus irgendwelchen Gründen nicht zum Spielen da war, durfte ich mir selbst einen zweirädrigen Wagen anspannen lassen und durch die Gegend kutschieren. Ich fragte dann die Hunde des Hofes, wer mitkommen wolle. Die meisten wollten. Die Großen liefen nebenher, die Kleinen machten es sich auf der Bank neben mir bequem, nur die Mittelgroßen sprangen ständig auf den Wagen und wieder herab, oder liefen zwischen den Beinen des Pferdes. Die Landleute kannten die Kutsche und wußten, daß derzeit ein kleiner deutscher Bengel zu Gast war. Sie grüßten und zogen dazu die Mützen, was mir peinlich war.

Dann kam ich zu einem weitläufigen Feld, auf dem mächtig was los war. Dort wurde das Korn gleich auf dem Acker gedroschen und in Säcke gefüllt. Um die Maschine herum entstand eine Feinstaubwolke von Hecksel. Dort traf ich Onkel Wojciech – wie ich ihn der Einfachheit halber inzwischen nennen durfte – und wir fuhren zum Schloß zurück.

Da ich ein relativ ruhiger aber nicht langweiliger Geselle war, und zudem früh genug aufstand, durfte ich eines Tages mit Onkel Wojciech nach Rawicz fahren. Das lag gut 30 km entfernt, also 60 hin und zurück, zuviel für Pferde und Kutsche. Deshalb bestellte der Onkel ein Taxi, mit dem ein fester Preis ausgemacht wurde, d.h. eine kleine Person mehr fiel nicht mehr ins Gewicht. Das Ganze war für mich 1937 durchaus ein Ereignis, denn auch zu Hause in Berlin war Autofahren in unseren Kreisen noch immer ein Zeichen von Luxus.

Józiu war zu spät dran. Er kam noch aus dem Schloß geschossen, erreichte uns aber nicht mehr. Ich sah ihn im Rückspiegel, nahm aber geflissentlich keine Notiz davon, denn ich wollte das Glück der Fahrt alleine genießen.


Nach Rawicz mußte der Onkel der Steuern wegen. Das Taxi wartete und ich konnte kurz die Stadt inspizieren. Sie war – wie auch viele brandenburgische Orte – weitläufig bebaut. Es gab eben genug wertloses Land. Die Weite steigerte allerdings zusätzlich den Eindruck der Langweiligkeit. Der Marktplatz erschien übergroß, die Häuser waren nur zweistöckig, und rundherum standen kleine Bäume, ich glaube Ebereschen. Obwohl Rawicz nichts Besonderes bot, blieb mir die Ödheit des Ortes über die Jahrzehnte hin im Gedächtnis, und natürlich auch wegen der Ehre, von Onkel Wojciech mitgenommen worden zu sein.
Mit Onkel Wojciech verbinden sich bis heute nur freundliche Erinnerungen. 1937 hatte ich wieder meine großen Ferien auf Wydawy verbracht und mit ihm sein Briefmarkenalbum durchgesehen. Briefmarken entdeckten wir als gemeinsames Interesse.
Wieder zuhause, schickte ich ihm einen Brief und Sammler-Utensilien. Er dankte mir schriftlich. Dieser Brief war natürlich nicht auf einem offiziellen gräflichen Bogen geschrieben:

Wydawy, 16.09.1937

Lieber Staś.


Vielen Dank für Deinen netten Brief und die Markenetuis, die viel besser sind, als die, welche man hier bekommen kann. Heute schicke ich Dir den versprochenen Katalog und in einigen Tagen die neusten polnischen Marken, es sind sogenannte Blocks. Sie werden sehr selten sein, da sie schon heute fast vergriffen sind. – Hoffentlich geht es Dir recht gut, und bist Du immer recht brav, um Deiner lieben Mama stets Freude zu machen. Dein Vater ist seit einigen Tagen in Potrzebowo; ich habe ihm Deine Grüße bestellt, worüber er sich sehr gefreut hat. – Nun leb wohl mein lieber Junge und empfehle mich Deiner Frau Mutter und Deiner Schwester sehr schön.


Dein


W. Mycielski

Frühere Bezüge auf diese Erinnerungen befinden sich in den Publikationen von Lidia Głuchowska:

1. Avantgarde und Liebe. Margarete und Stanislaw Kubicki 1910-1945. Gebr.-Mann Verlag. Berlin 2007
2. (Trans)regionalne uniwersum. „Rodzinna Europa” i Paneuropa – arystokracja i awangarda = (Trans)regionales Universum. „Familie Europa” und Paneuropa – Aristokratie und Avantgarde. Pro Libris 2 (31) (2010), S. 6-12.
3. Worek cukru, czyli o awangardzie i nie tylko artystycznych cudach współpracy polsko-niemieckiej = Ein Sack Zucker. Über die Avantgarde und die nicht nur künstlerischen Wunder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Pro Libris 3 (28) (2009), S. 70-81.

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2 odpowiedzi na „Immer Montags: Der polnische Adel… (5)

  1. Anne Schmidt pisze:

    War der Herr Slaski ein Vorfahre deines Mannes? Anne

    • ewamaria2013 pisze:

      Liebe Anne, lies es nochmals 🙂 – DER Herr Slaski war NICHT der Verwandte der Familie meines Mannes, sondern gehörte der sog. Großpolen-Linie. Er ist Nachkomme von Ludwig von Slaski, 1866–1886 Mitglied des Deutschen Reichstags und zeitlang Vorsitzende der Polnischen Fraktion im Preußischen Herrenhaus in Berlin.

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