Immer Montags: Der polnische Adel… (7)

Wir begannen vor ein paar Wochen und werden mindestens noch ein paar Montage Fragmente eines Texts von Stanislaw K. Kubicki lesen, gespickt mit Anekdoten und Familiengeschichten aus der Welt, die es nicht mehr gibt. Wenn im Text von “Kubicki” oder “Vater” die Rede ist, gemeint ist der Maler, der Autors Vater war.

Der Polnische Adel aus dem Blickwinkel eines 1936 10-jährigen deutschen Knirpses

Tante Helena Mycielski

Auf Wydawy wohnte – wie schon angedeutet – auch eine ledige alte Tante aus dem Hause Mycielski, namens Helena. Sie mußte schon weit in den Siebzigern gewesen sein, und erhielt gewissermaßen ihr Gnadenbrot auf dem Gut. Ihr Domizil war die kleine Villa gleich vorn bei der Einfahrt zum Schloß, in der sie äußerst sparsam und zurückgezogen lebte.

Tante Helena war – gelinde gesagt – schon etwas aus der Zeit. Zudem waren ihr kleine Jungs nicht geheuer. Deshalb störte es sie nachhaltig, wenn ihr Großneffe Józiu und ich an ihrem Haus im Spalier herumkletterten. Sie erwehrte sich dessen, indem sie uns eine kleine Dusche aus ihrer Gießkanne zukommen ließ. Józiu behauptete nun aber stante pede, die Großtante habe uns mit Jauche überschüttet, und machte damit aus einer Bagatelle einen Eklat – jedenfalls in den Augen der Großtante, denn alle anderen interessierte die Affaire gar nicht. Józiu blieb harttnäckig bei seiner Behauptung, obwohl ich – mit mehr Mitleid für die alte Dame – wahrheitsgemäß erklärte, dass es wirklich sauberes Wasser gewesen sei, das mitnichten gestunken habe.

Innerhalb der Familie war die Aktion längst als Bagatelle abgetan. Ob Józiu nun behauptete zu stinken oder nicht, war allen egal. Aber ich war ein Gast. Und da sich zu der Zeit auch meine Mutter auf dem Schloß befand, sah sich Tante Helena genötigt, bei ihr noch eine gesonderte Entschuldigung anzubringen. Also kündigte sie sich bei Mutter förmlich an, kam in passender dunkler Kleidung und beteuerte wiederum nachhaltig, daß sie wirklich klares Wasser über uns vergossen habe. Józius Anschuldigung wurmte sie entsetzlich, trotz aller meiner Eide. Deshalb beteuerte sie – als meine Mutter längst abgereist war – auch meiner acht Jahre älteren Schwester Janina gegenüber noch einmal, daß es reines Wasser gewesen wäre. Und um ihr besonderes Wohlwollen auszudrücken, schenkte sie Janina vor unserer Heimreise im August noch ein großes, mehrere Jahre altes Schokoladen-Osterei. Das Ei stieß dem deutschen Zoll zwar etwas auf, löste aber nur Verwunderung und keine Weiterungen aus.

Wie schon gesagt: Tante Helena lebte außerhalb der Zeit. Als sie eines Tages ins Poniecer Krankenhaus eingeliefert werden sollte, tauschte sie eine gewisse Menge Geldes in kleine Münzen. Befragt, was das solle, beteuerte sie, das Kleingeld den Straßenjungen zuwerfen zu müssen, wenn sie auf der Trage liegend ins Hospital befördert würde. Was außerhalb ihrer Vorstellungen lag: Sie wurde im Krankenwagen ins Hospital gegebracht.

Großtante Helena litt übrigens häufiger unter einer ekligen Migraine, die sie allerdings sehr probat selbst behandelte. Mit einer großen Schere pflegte sie die Kopfschmerzen erinfach oberhalb der Haare abzuschneiden.

Ungeachtet ihrer Vogeligkeiten war sie aber eine hochgebildete, in der Weltliteratur beschlagene Frau, die unter anderem Homer ins Polnische übersetzte.  Und diese Tante Helena führt nun unmittelbar zu dem Kapitel der Czartoryskis über.

Die Czartoryski’s

Die Fürsten Czartoryski waren noch reicher als der Graf Taczanowski vor seinen finanziellen Eskapaden, aber offenbar aus soliderem Holz. Sie waren – wie man so sagt – steinreich, und die Fama berichtet, sie hätten 1815 Talleyrand rund 10 Millionen Louisdor geboten, wenn es ihm gelänge, auf dem Wiener Kongreß Polen wiedererstehen zu lassen. Bekanntlich glückte das nicht, aber hätte es geklappt, wären die Czartoryskis ohne Zweifel die neuen polnischen Könige geworden.

Wie gesagt, sie waren ungeheuer reich. Herr von Finck erzählte mir in den Neunzigern, dass sein Onkel vor dem Ersten Weltkrieg Vermögensverwalter der Czartoryskis gewesen sei, und der habe erzählt, dass man auf einer Reise von Warschau nach Moskau – mit der Kutsche, versteht sich – jeden Tag auf einem anderen Besitz der Czartoryskis habe übernachten können.

Ihre Bedeutung für Polen war immens; in Rußland hatten sie aber trotz ihres Reichtums offenbar keine einflußreiche Rolle gespielt. Jedenfalls be­rich­tete mir mein guter alter Freund und Kollege, der Fürst Wladimir Alexandrowitsch Tschelischtschew, der sich später Lindenberg nannte, dessen Patentante aber nicht weniger als die Schwester der Zarin war, dass er – wie seine Eltern – den Czartoryskis nie begegnet sei, was soviel bedeutet wie, dass diese am Zarenhofe nicht verkehrten.

In den 30. des XX. Jahrhunderts hatten die Czartoryskis ihren Stammsitz anscheinend im Warthegau, jedenfalls nicht weit vom Gut Wydawy des Grafen Wojciech Mycielski entfernt. Die Folge waren häufige ge­genseitige Besuche.

Es waren der Czartoryskis drei, die Brüder Adam – so etwas wie der Chef des Hauses, Roman – der Langweiler und Stanisław – der Charmante.

Dem ersten Czartoryski, dem ich begegnete, war Roman, der Langweiler. Da ich als Knabe meine Ferien vorwiegend auf Wydawy verbrachte, ergab sich für mich die Gelegenheit, diesen Teil der Czartoryskis als ersten in Augenschein nehmen zu können. Roman galt im Übrigen auch als ungemein humorlos. Das stimmte aber nicht so ganz. Zumindest entfaltete er mir gegenüber so etwas wie einen gnädigen Charme.

Eines Tages wurde sein Besuch angekündigt, und Vater belehrte mich, dass ich den Herrn Fürsten mit „Durchlaucht“ anzusprechen habe. Das Wort gefiel mir aber ganz und gar nicht; Es klang in meinen Ohren zu sehr nach „Durchfall“, und ich erklärte deshalb unwiderruflich: „Pfui Deibel. Das sag ich nicht!“ Alle – das heißt in diesem Fall: die Grafen Wojciech und Władysław Mycielski, die Gräfin Róża und natürlich Vater und Mutter – waren nunmehr gespannt, wie ich die Situation händeln würde. Also begrüßte ich den bedeutenden Sproß der Familie Czartoryski am kommenden Morgen mit: „Guten Tag, Herr Fürst.“ Obwohl das unvermeidlich nach der Begrüßung einen jüdischen Handlungsreisenden klang, nahm der Fürst die Titulierung nicht im Geringsten übel, sondern sogar lachend entgegen. Also hatte er doch Humor. Die anderen waren offensichtlich nur nicht fähig, diese Saite in ihm zum Klingen zu bringen.

Der Wichtigste der drei Brüder aber war Adam. Zu ihm pflegte Vater – über die Mycielskis – einen engeren Kontakt. Am 10. Januar 1935 berichtete er in einem Brief an die Mutter, dass er gerade beim Fürsten Czartoryski gewesen sei, und dieser ihm erzählt habe, dass in Berlin-Wilmersdorf ein Bekannter von ihm lebe, dem es schlecht ginge, und dem er etwas helfen wolle. Es handele sich um den Satiriker A.O. Weber, der in der Landhausstraße 2 wohnhaft sei. Kurzum! Mutter möge doch dem Herrn Fürsten gefällig sein und etwas über A.O. Weber in Erfahrung bringen, dessen Bücher offenbar von den Nazis verbrannt worden waren. Dazu empfahl er, in der Sache Hans von Riesen – den engen Freund – zu konsultieren. Der übrigens war im Kriege (d.h. im Ersten Weltkrieg) in einem gleichen Kommando wie Wojciech Mycielski gewesen. Was aus dem Ganzen schließlich geworden ist, muß offen bleiben. Auch in Kubickis Brief an seine Frau vom Juni 1935 schreibt er nur: „…außerdem fahren wir jetzt gleich zum Fürsten Czartoryski… “, kommt aber auf die Geschichte selbst nicht mehr zurück.

Fürst Adam war nicht ganz ‚ungefährlich’. Er war exorbitant an der Politik der gesamten Welt interessiert und hielt alle wichtigen internationale Journale. Fatal war nur, dass er stets mit anderen tiefschürfend und langatmig darüber diskutieren mußte. Da kam ihm Wojciech Mycielski auf dem nahen Wydawy gerade zupaß. Da er dazu neigte, am Telephom stundenlang über die Dinge zu reden, war er zurecht gefürchtet. Die Bewohner Wydawys benutzten schon verschiedene Tricks. War Wojciech erschöpft, übernahm Kubicki den Hörer, und nach diesem Władek. Ahnte man beim Läuten des Telephons rechtzeitig, dass Adam am anderen Ende sein würde, meldete sich manchmal auch die Gräfin Róża, vorgebend, das Stubenmädchen zu sein: „Die Herrschaften sind nicht zu hause,“ flötete sie dann ins Telephon.

Ich war ein Frühaufsteher, was mich mit dem Fürsten in Verwicklung brachte. Eines Morgens nämlich fand ich mich allein vor dem Schloß – noch unschlüssig, wie ich den Tag so beginnen sollte. Fürst Adam Czartoryski war offenbar ebenfalls ein Mann des zeitigen Tages. Jedenfalls war er schon eingetroffen, als ihn noch niemand erwartet hatte. Wojciech Mycielski saß damit in der Falle. Er hatte viel auf den Feldern zu tun und weder Zeit noch Lust, sich mit dem Fürsten zu verplaudern. Der einzige Weg aus seinem Appartment führte aber durch eben den Salon, in dem der Fürst wartete. Wojciech lehnte sich suchend aus dem Fenster im Hochparterre, entdeckte mich, und hatte offenbar genug Vertrauen zu meiner Verschwiegenheit, denn er bat mich, eine Leiter zu holen. So konnte er übers Fenster das Weite suchen. Władek und Róża mußten die Konversation mit Adam Czartoryski allein führen. Ich habe bis heute geschwiegen, denke aber, dass es nach gut 75 Jahren erlaubt sein sollte, die kleine Verschwörung preiszugeben.

Fürst Adam war übrigens nicht der einzige Czartoryski, der gelegentlich Ungemach auf Wydawy verbreitete. Die Mutter Adams war eine weit regelmäßigere Besucherin Wydawys, sehr zum Leidwesen der Tante, der alten Gräfin Helena. Diese bewohnte – wie schon gesagt – die kleine Villa im Park Wydawys, nahe der Einfahrt und der Auffahrt zum Schloß. Sie lebte äußerst sparsam. Schon ihr Treppenhaus signalisierte das, denn es wurde nur von einer einzigen 15-Watt-Birne so gut wie nicht beleuchtet. Beim Betreten des Hauses wurde einem prompt gruselig.

Beide Damen – die Fürstin Czartoryska wie die Gräfin Mycielska – waren gut katholisch und besuchten regelmäßig die sonntägliche Frühmesse, die Fürstin – noch etwas katholischer als die Tante – nüchtern. Die Messe unter knurrendem Magen war dann auch Anlaß für die Frau Fürstin, sich anschließend zum Frühstück bei der Frau Gräfin einzufinden. Es entsprach auch durchaus der Etikette, dem zu willfahren. Dennoch ärgerte es die Gräfin. Sie nämlich – etwas weniger katholisch – frühstückte bereits vor der Messe. Aus der gräflichen Küche bekam sie nämlich täglich ein feudales Dejeunée, von dem sie an solchen Tagen etwas für die alte Fürstin abzweigte, die das dann auch tapfer wegputzte. Tante Helena aber beklagte anschließend, dass die Frau Fürstin auch wirklich alles aufgefuttert habe. Für ein zweites Frühstück blieb an solchen Tagen nichts zurück. Sic!

Die Czartoryskis luden eines Tages den Adel der Umgebung zu einem riesigen Picknick ein. Das wurde zu einem bemerkenswerten Ereignis. Wir fuhren von Wydawy aus mit drei oder vier Wagen los. Einige Kilometer weiter kamen von links und rechts weitere Kolonnen hinzu, und der Korso wurde länger und länger. Schließlich hielten wir in einem Wald. Selbstredend blieben die Bediensteten draußen bei den Pferden und Wagen, wurden aber gut versorgt. Im inneren Zirkel traf sich nur der Hochadel.

Dass ich als gehobenes Neuköllner Straßenkind Zugang hatte, erschien mir bei dem Umgang meines Vaters ganz normal. Im Wald tobte alles durcheinander, der Adel und seine Hunde. Junge Mitglieder der Czartoryskis drehten mit bloßen Händen kleine Bäume aus der Erde und zerhackten sie. Das war kein überzüchteter degenerierter Adel, das waren kräftige, unternehmungslustige Gesellen. Jeder der Gäste hatte etwas mitgebracht, gemeinhin in großen me­tallenen Kannen, wie man sie vom Kuhstall her kennt. Darin waren Suppen, Fleisch, Kartoffeln und Soßen oder auch Gemüse. Eine Kanne mit Roten Beten fiel um, und ein Teil ergoß sich auf den Waldboden. Ich aß Rote Bete für mein Leben ungern, und hatte durchaus kein Verständnis dafür, dass etliche Hunde sich auf das Zeug stürzten und es eifrig auffraßen. Feuer wurde gemacht, Lieder wurden gesungen, und wir kleinen Jungen hatten genug zu tun, alles zu begutachten. Es war Hochsommer und blieb lange hell. So kamen wir noch vor der Dunkelheit – aber rechtschaffend müde – wieder zu Hause an.

Fortsetzung in zwei Wochen, weil es am kommenden Montag unbedingt ein anderer Beitrag kommen muss


Frühere Bezüge auf diese Erinnerungen befinden sich in den Publikationen von Lidia Głuchowska:

1. Avantgarde und Liebe. Margarete und Stanislaw Kubicki 1910-1945. Gebr.-Mann Verlag. Berlin 2007
2. (Trans)regionalne uniwersum. „Rodzinna Europa” i Paneuropa – arystokracja i awangarda = (Trans)regionales Universum. „Familie Europa” und Paneuropa – Aristokratie und Avantgarde. Pro Libris 2 (31) (2010), S. 6-12.
3. Worek cukru, czyli o awangardzie i nie tylko artystycznych cudach współpracy polsko-niemieckiej = Ein Sack Zucker. Über die Avantgarde und die nicht nur künstlerischen Wunder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Pro Libris 3 (28) (2009), S. 70-81.

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