Pierogi w Café Freysinn

freysinnberlin
Café und Bistro im Brunnenviertel, Berlin-Mitte

freysinnCafé und Bistro Freysinn
Jasmunder Straße 5 | 13355 Berlin
Inhaberinnen: Ann-Kathrin Mätzold, Marta Susid
E-Mail: info [at] freysinn.com

Ja? Was ist das? Produktplacement? Werbung? Gar vielleicht – bezahlte? Nein, nein… Hier lesen wir heute – Nicola Caroli und ich. Um 18 Uhr.  Wir lesen auf Deutsch. Im Rahmen des Projekts Woche der Sprache und des Lesens im Wedding 2013. 

Und hier kleine Leseprobe von mir, die auch erklärt, weshalb man nach der Lesung polnische Pirogge essen kann. Überhaupt ist das Essen im Café Fraysinn hervorragend! Echt hervorragend!

Ewa Maria Slaska, Die Persona von Bergmann

„Drei Wochen. In drei Wochen kann man ganz viel schaffen. Was hast du zu verlieren?”
„25 Tausend Euro!!!”
Ich entschließe mich Pierogi vorzubereiten. Ich bin eine Polin, und angesichts einer Katastrophe fängt eine echte Polin an, zu kochen. Es darf etwas nahrhaftes sein und am liebsten auch etwas arbeitsaufwendiges und zeitraubendes. Und ich ahne schon die Ausmaße der Katastrophe… 25 Tausend Euro!
Zuerst kocht man das Sauerkraut. Bis es weich und samten wird. Mit Kümmel, Majoran und Pfeffer. 25 Tausend Euro, verdammt noch mal!
Ich ziehe einen Leinenbeutel aus dem Küchenschrank. Es duftet herrlich nach Weihnachten, Lagerfeuer im dunklen, weißen Wald und Faschingszug auf Schlitten. Die getrockneten Steinpilze.
„Was machst du?! Ich rede mit dir, und du beschäftigst dich mit deinen Pilzen.”
Gerade deshalb denke ich, aber ich sage es nicht. Einem Genie sagt man sowas nicht.
„Ich höre dir zu, Liebling.”
Herrlich duften meine Steinpilze. Ich fühle mich glücklich. Im Hinterkopf wächst zwar die winzige Frage, ob das alles gutgehen wird, ob es nicht zu voreilig ist, schon heute zu sagen, ich sei glücklich. Angesichts einer Katastrophe gehe ich heute noch gern in die Küche und bereite Pierogi vor, währenddessen der Mann an meiner Seite mit seinen intellektuellen Aufgaben ringt. Ich tue es gern, ich bin aber vorsichtig… ach was, es ist schön…
Ich lasse das Wasser kochen, tue die schönen, weissen, breiten Pilzscheiben darein und lasse sie im bedeckten Topf eine Stunde lang schwach sieden.
„Eine von den beiden Frauen ist 40, schön, reich und intelligent…”
„Sprichst du vielleicht von mir? Ausser reich stimmt alles. Ist sie auch in ihrem Beruf erfolgreich?”
„Joanna!!!”
„Ja, ja.”
„Der ganze Film spielt in einer Nervenklinik.”
„War es nicht schon mal in einem Film?”
„Alles war schon mal… ”
Das stimmt.
Ich hacke eine üppige Zwiebel klein und brate sie in der Butter. Herrlich!
„Sie leidet unter unerklärbarer Todesangst. Es beeinflusst sie, die Familie, die Karriere ihres Ehemannes. Carolina…”
„Wer ist Carolina?”
Peter nimmt meine Frage nicht wahr: ” … und ihr Ehemann entscheiden gemeinsam…”
Eine Frau und ihr Mann entscheiden selten gemeinsam. Das sagt mir meine Erfahrung. Aber Peter hat wohl andere Erfahrungen angesammelt. „…dass ob sich Carolina untersuchen lässt. Sie bleibt in einer Klinik. Lediglich die Beobachtungen werden durchgeführt. Dadurch schafft man für den Film eine metaphorische Situation: es spielt sich weder medizinisch noch psychotherapeutisch etwas ab, trotzdem bleibt die Hauptfigur in der Anstalt.”
„Und wozu?” frage ich.
„Wie wozu?”
„Wozu soll sie im Krankenhaus leiden? Zuhause hätte sie besser gehabt. Möchtest du probieren, wie die Pilze schmecken?”
„Mein Gott, Joanna, ich rede mit dir über ernsthafte Probleme und du…”
Oho!
„Ich höre dir doch mit äußerstem Ernst zu.” Ich zerkleinere die Steinpilze. „Wieso leidet sie eigentlich unter Todesangst?”
„Wie wieso? Was meinst du?”
„So wie ich es sage: Wieso hat sie Angst vor dem Tod?”
„Jeder hat doch Angst vor dem Tod.”
„Ich nicht.”
Ich gieße den Pilzsud ins Sauerkraut. Jetzt wird es gekocht, bis das sie bräunlich wird. Kochen ist vielleicht ein Schutzwall gegen die Angst. Man schafft die Welt, das All, was weiß ich…, es gibt bei Italo Calvino eine Frau N-gdx-zungh, eine nichtexistierende Existenz in dem Knollen des Alls vor dem Urknall, die eines Tages sagt: ach Kinder, ich hätte euch so gern köstliche Pasta zubereitet. Pastateig und Pierogiteig bereitet man auf ähnliche Weise zu. Mehl, Ei, Salz und Wasser. Und viel menschliche Mühe beim Kneten. Man knetet und knetet, eine demiurgische Aufgabe, und dann rollt man und wälzt, und rollt, und bei jeder Bewegung der Teigrolle wächst das All unter den Händen der Frau N-gdx-zungh.
Ich setze den Wassertopf auf.
„OK OK, sie hat Angst. Und?”
„Ihr Zustand verschlechtert sich.”
„Warum?”
„Sie ist krank. Sie weiß es aber nicht.”
„Unmöglich. Eine Krankheit, die in einer deutschen Klinik unerkannt bleibt?”
„Gehirntumor?”
„Der wird doch entdeckt.”
„Vielleicht nicht. Wenn er sich in den Falten verbirgt.”
„Na gut…”
Ich schneide kleine Kreise aus dem gerollten Teig, fülle sie mit Sauerkraut-Zwiebel-Pilz-Mischung und verklebe ihre Ränder zum Halbmond. Kosmische Formen. Alles lässt sich kosmisch auslegen, man braucht nur seinen Willen, um die Welt als das All zu sehen und nicht als Jammertal.
„Zuerst unternimmt Carolina noch Versuche gegen ihre Angst zu kämpfen oder sie zu erklären…”
„Warte doch mal, ihre Angst sei ist durch ihre Krankheit bedingt, sie braucht keine intellektuelle Erklärungen.”
„Sie weiß es nicht. Für sie ist sie unerklärbar. Sie ist eine intelligente Frau, die glaubt, ihre Angst intellektuell zu erfassen zu können. Erst später, schon im Krankenhaus, unterliegt sie der Angst und spürt, wie sie sie langsam wegfrisst.”
Ich werfe die erste Portion der Pierogi ins kochende Wasser hinein.

Und den Rest kann man heute um 18.00 Uhr hören. Und danach köstliche Pierogi bestellen. Ach, wie schön, dass es Oktober gibt, und Pilze, und gutes Essen, und überhaupt…

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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4 odpowiedzi na „Pierogi w Café Freysinn

  1. Julita pisze:

    Zapraszasz „na pierogi”, przyszłam, usadowiłam się wygodnie, bum.
    Dokonałaś jednak niezwykłej rzeczy – kolejny raz sięgnęłam po „Personę”. Dawno chciałam to zrobić.
    „Ekran migoce, biały i głuchy. Zapada ciemność – litery przemykają przez ostatnią klatkę filmu”.

  2. ewamaria2013 pisze:

    Ach, po „Personę”, kiedyś uwielbiałam Bergmanna…

  3. Anne Schmidt pisze:

    Wie schade, dass ich heute Abend schon 2 Termine habe. Ich wäre so gerne gekommen. Anne

  4. dorotek pisze:

    Ich muss hier mit schwacher Stimme leider protestieren: Schutzwall gegen die Angst ist nicht Kochen, sondern Essen! Ich folge dem Prinzip seit vielen Jahren – mit dem Erfolg, dass ich nicht mal mehr Angst habe, zuzunehmen. Diese Angst habe ich wohl mit-gegessen. Essen bevor die Angst uns frisst – das könnte ein schönes Motto für das beginnende akademische Jahr werden. Leider nicht mehr für mich. Ich bringe einige Kilos zuviel auf die Waage – und das verdanke ich nicht zuletzt den Verführerinnen, die über das Essen schreiben. Und das auch noch öffentlich vorlesen! Eure Schuld. Und Sühne? – Liebe Ewa, vielleicht werde ich mich mit der Genugtuung abspeisen lassen, dass Du mir mal wieder Pierogi kochst…

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