Immer Montags: Der polnische Adel… (8)

Wir begannen vor zwei Monaten und kommen heute zum Ende eines interessanten Texts von Stanislaw K. Kubicki. Wenn im Text von “Kubicki” oder “Vater” die Rede ist, gemeint ist der Maler, der Autors Vater war. Auch seine Mutter Margarete war eine Malerin. Übrignes: Merken wir uns, dass der 10-jährige Knirps inzwischen aufgewachsen ist.

Der Polnische Adel aus dem Blickwinkel eines 1936 10-jährigen deutschen Knirpses

Nachtrag

1938 hatten die Nazis die internationalen Spannungen schon so angeheizt, dass an weitere Urlaube auf Wydawy nicht mehr zu denken war. Mit Kriegsbeginn brachen alle Nachrichten ab.

Dann erschien aber Vater im Frühjahr 1940 ganz plötzlich wieder in Britz. Mutter und ich waren gerade unterwegs. Janina, die eigentlich in Heidelberg studierte, war zufällig zuhaus, ließ den Vater ein und legte uns die unfaßbare Nachricht hin: „Vater schläft oben“.

Von der Zeit an – etwa bis zum Spätsommer 1941 – erschien er häufiger und blieb jeweils zwei bis drei Wochen in Britz. Er hatte nie die polnische Staatsbürgerschaft angenommen und konnte nun als Reichsdeutscher für den polnischen Widerstand als Kurier relativ leicht zwischen Warschau und Berlin hinundherpendeln. Dann wurde er Ende 1941 verhaftet. Mutter wurde ihm im Reichssicherheitshauptamt in der Prinz Albrecht Straße noch einmal gegenübergestellt. Danach wurde er wieder nach Warschau verbracht und dort Anfang 1942 von der Gestapo umgebracht.

krosno-sulechow

Ich meinerseits hatte das zweifelhafte Vergnügen, 1944 nach Krossen (Krosno Odrzańskie – ziemlich in der Mitte der Karte, direkt unterhalb der Oder) zur Infanterie eingezogen zu werden, kam letztendlich aber in eine Inspektion nach Züllichau (Sulechów – einige Kilometer weiter östlich, oberhalb des Oderknicks) mit einer monatelangen Ausbildungszeit – sah also von der Front so gut wie nichts.

In dieser Zeit wurde ich mit meinem unvergessenen Freund Gabka zwecks Umzuges eines Offiziers ins Haus der Frau von Zitzewitz abkommandiert. Sie lebte dort mit ihrer reizenden Tochter, einer Gräfin Hochberg, und deren kleinen Kindern. Es war – wie man so sagte – in Züllichau das „Erste Haus am Platze“, was ich aber erst sehr viel später begriff.

Im Gespräch hatte ich von meinen Ferien jenseits der ehemaligen Grenze bei den Mycielskis erzählt, von den Fürsten Czartoryskis, den Slaskis und Niklewiczs. Man lud mich ein, bei freier Zeit ruhig wieder zu kommen, als gern gesehener Gast. Ich wurde ein ständiger. Man parlierte über viele Dinge. Die junge Frau Gräfin malte, und ich schenkte ihr zu irgendeiner Gelegenheit ein wundervolles Büchlein über Franz Marc aus meinem Bücherschrank. Mutter brachte es mir bei einem ihrer häufigen Besuche in der Garnisonsstadt mit. Nur über die aktuelle Politik sprach man nicht direkt. Die blieb stillschweigend außen vor. Man spürte gegenseitig, daß man auf der gleichen Seite, der des Widerstandes, war. Die Bekanntschaft mit Theodor Haubachs war das Äußerste, was man erwähnen konnte. Dann kam der 20. Juli. Der bisherige schneidige Standortkommandant – ein Oberst mit vielen Orden – beging Selbstmord, und es kam ein neuer Oberst, ein ruhiger pommerscher Gutsbesitzer.

Als ich ihn das erste Mal bei Frau von Zitzewitz traf, baute ich sofort ein ‚Männchen’, wie man die militärische Ehrenbezeugung so nannte. Aber der Oberst sagte nur: „Junge! Setz Dich hin und machs Dir gemütlich. Es geht auf Advent zu“.

Und der Krieg ist bald verloren“, sollte er dazu sagen, verschwieg es aber.

Einige Zeit später wurde ich von unserem Hauptmann, einem Nazi, der die Inspektion leitete, dem Herrn Oberst im Offizierskasino mit drei anderen Reserveoffiziersbewerbern vorgestellt, denn wir mußten reihum einmal im Kasino essen, damit man sich ein Bild von unsere Manieren machen konnte. Der Hauptmann meldete, der Oberst befahl: „Augen gradeaus, rührt euch“, kam zu mir, legte seine Hand auf meine Schulter und sagte: „Na wir kennen uns ja schon. Gehen Sie mal zu den jungen Offizieren. Die anderen drei bitte ich an meinen Tisch“.

Der Haupmann schwoll an und zischelte mir noch zu: „Woher kennen Sie den Herrn Oberst?“ Da packte mich der Schwejk und ich sagte – an sich ja wahrheitsgemäß – ich träfe ihn regelmäßig (ich gebe zu: regelmäßig war leicht übertrieben) bei der Frau von Zitzewitz.

Und nun passierte etwas Merkwürdiges. Egal, was ich machte, es blieb ungeahndet. Früher mußte ich regelmäßig nachexerzieren, weil ich ‚Fahrkarten’ schoß oder ähnliches. Es war so auffällig, daß ich eines Tages der Frau von Zitzewitz davon erzählte, die aber zu meiner Überraschung anfing zu lachen. „Wissen Sie das wirklich nicht?“, sagte sie: „Wir führen hier das Erste Haus am Platze, und jeder Offizier wünscht sich, bei uns verkehren zu dürfen. Und Sie, Muschik Kubicki, dürfen, und ihr Herr Hauptmann nicht.“

Sic! Nun wurde mir schlagartig klar, wie international der Adel ist. Über die Czartoryskis, Mycielskis und Slaskis, die ja vor dem Kriege praktisch gleich jenseits der Grenze – gewissermaßen nebenan – wohnten, und mit den von Zitzewitz möglicherweise sogar irgendwie verwandt waren, war ich ein Vertrauter geworden.


Frühere Bezüge auf diese Erinnerungen befinden sich in den Publikationen von Lidia Głuchowska:

1. Avantgarde und Liebe. Margarete und Stanislaw Kubicki 1910-1945. Gebr.-Mann Verlag. Berlin 2007
2. (Trans)regionalne uniwersum. „Rodzinna Europa” i Paneuropa – arystokracja i awangarda = (Trans)regionales Universum. „Familie Europa” und Paneuropa – Aristokratie und Avantgarde. Pro Libris 2 (31) (2010), S. 6-12.
3. Worek cukru, czyli o awangardzie i nie tylko artystycznych cudach współpracy polsko-niemieckiej = Ein Sack Zucker. Über die Avantgarde und die nicht nur künstlerischen Wunder der deutsch-polnischen Zusammenarbeit. Pro Libris 3 (28) (2009), S. 70-81.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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2 odpowiedzi na „Immer Montags: Der polnische Adel… (8)

  1. Anne Schmidt pisze:

    interessante Beziehungen, bes. zwi. Slaski u. Kubicki. Weiss der Herr von der FDP davon? Anne

  2. ewamaria2013 pisze:

    Da, bin ich überfragt, aber ich kann bei Gelegenheit Lidia oder den Autor fragen.

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