Expressionistische Märchen? (1)

Lidia Głuchowska

Berlin und andere Welten. Das hier und das ausserhalb davon… – Aquarelle von Inge Denker

Inge Denkers Werk ist poetisch und zart, von sensibler Einfindungskraft und liebevoller Hinwendung zur Natur und zur menschlichen Lebenswelt, zugleich aber hartnäckig insistierend auf die hinter der Idylle sich verbergenden Leiden. Zwischen leuchtender Strahlkraft und melancholischer Stimmung changierend, sind ihre Bilder auf keinen einfachen Nenner zu bringen. Auf den ersten Blick nehmen sie den Betrachter ihrer Schönheit wegen ein, dem zweiten Blick offenbaren sie untergründige Ambivalenz. Keine heile Welt wird gezeigt, aber eine Welt, die geliebt zu werden verdient, die des sorgenden Schutzes, ja der Rettung bedarf.

Verena Krieger, Zur Kunst von Inge Denker. In: Inge Denker. Aquarelle. Federzeichnungen. Lübeck 2004. ISBN:  3-00-014400-5.

Siehe auch: www.ingedenker-aquarelle.de

IngeAbb1Kleine Straße im Mondlicht, 1987

Verschwommene Farben, voll Licht, füllen Inge Denkers Bilder mit poetischen Gefühlen und einem Hauch von Nostalgie. Es sind Stadt- und Straßenansichten, flüchtige Erinnerungen aus unzähligen Spaziergängen – zumeist durch Berlin, manchmal durch Lübeck, seltener durch andere Orte. Gesehen, erlebt, festgehalten schaffen sie einen Gedankenraum für den Betrachter, der sie mit einem Blick erfassen und mit eigenen Gefühlen nacherleben kann.

IngeAbb3-4Erwachende Stadt, 1988 /Stadt unter der Nacht, 1987

Ein fester Bestandteil vieler Bilder ist Wasser – schon in der Textur vom Aquarell so sinnlich erlebbar, doch auch – mal als Regen, häufiger als Fluß oder die See – als das Element, das das Bild des Urbanen und der Landschaft belebt, das Natürliche, das die Festigkeit der Mauern durchbricht, das die Bewegung der Gedanken, der Schritte, des Winds in vielen Stadtecken spüren läßt.
In mehreren Ausführungen präsentiert die Malerin das Porträt einer Stadt (z.b. 1991), mit ihrem Großstadtfieber und ihrem Großstadtvulkan (1991, 1993), mit ihrem Tango-Boulevard (1996), ihrem Hohelied (1991) und ihren Engeln sogar – das facettenreiche Berlin – Berlin- grenzenlos (1993)…

Das gesamte Werk erweckt das Gefühl des Vertrauten, Bekannten und bleibt doch geheimnisvoll – fern von jedem journalistischen Dokument, gefiltert durch Fantasie und  subjektives Erleben.  Zum topographisch Konkreten tragen sprechende Titel bei, die die Routen der Malerin markieren, eine Stadt- und Landkarte mit Bildern und Schildern, ja Rufnamen, bestücken: die Rote Stadt (1987) und Stadt mit zwei Sonnen (1993). Doch es gibt hier auch den Kietz, den sie aus der Nahsicht betrachtet, wenn sie durch seine Straßen zieht und dort nicht selten anhält (z.B. Eckkneipe in Kreuzberg, 1995).

IngeAbb2-5Eckkneipe in Kreuzberg, 1995 / Müll im Hinterhof, 1995

Auf den ersten Blick scheint das Humane aus all den leeren Straßenzügen verschwunden zu sein, doch lüften diese Bilder den Atem der Malerin und des Betrachters, glühen mit deren Wärme und Sehnsucht, verzeichnen das Nachdenken, manchmal unbestimmte Hoffnung, ein anderes Mal wohl auch die Drohung des Beengtseins, und dann auch wieder einen hellen Traum. Wie eine Metapher menschlicher Gefühle wirken diese Häuser, offene Perspektiven weisen der Menschen Weg (Erwachende Stadt, 1988; Stadt in Erwartung, 1989; Trunkene Stadt; Toteninsel I und II, 1987).

IngeAbb6-7

Kleine Stadt am Wasser, 1996 / Nachtfassaden, 1996

Dem Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit verpflichtet, bleiben diese Werke doch sehr eigen und trotz des allgemein Zugänglichen darin – intim. Vorbilder Inge Denkers waren Ludwig Meidner und Werner Heldt, doch anders als in den Bilder des ersteren von ihnen – wie es Verena Krüger zurecht bemerkt – spiegeln ihre Aquarelle nicht die Apokalypse der Gegenwart, sondern das alltägliche Dasein.  Zuzugeben ist hier jedoch, dass der Alltag der Apokalypse doch manchmal bedrohlich nahe steht. Daher äußert auch ein Teil dieser Bilder Protest gegen die Armut, die Schichtarbeit, die Naturvernichtung, existentielle Unsicherheit. Mit dem nächtlichen Anblick von Schornsteinen, dem Tor der alten Fabrik, dem Menschenzug vor der Frühschicht (1987) oder Müll im Hinterhof (1995) verzeichnen die Aquarelle Inge Denkers ungeschönt und wachsam neben der Geburt der Ökologiebewegung auch noch vor kurzem zahlreiche Friedensdemonstationen, Hausbesetzungen und – Streik (1992).

Kontrapunkt dafür ist die Landschaft – offen, breitatmig, gnädig – eine Spur des Paradieses, eine Zuflucht, ein Ruhepol. Als subjektiv erlebtes Refugium – In der Bucht, Im Norden, Winterlandschaft oder Frühling in Rußland (1988-89), gleich wie die Wolken am Watt (2008) der Abend am Leuchtturm (2002) oder – schließlich – ein Blaues Boot (1995) – locken  sie den durch ihren Anblick leicht verträumten Betrachter auf eine Reise hinter den Horizont, hinter die Stadtgrenze – weg aus der Zeit.

 inge8inge9

Winterlandschaft, 1988 / Boote am Ufer, 1988

Die neueren Aquarelle bringen Fassbareres mit herein – die in der Tinte getauchten Pastellstifte markieren unverwechselbar die Energiewege der Großstadtrhythmen, den genius loci unterschiedlicher Viertel, ihr Unverkennbares, ihre Anziehungskraft (so Berlin-Baustelle I, II, 1987; Altstadt am Wasser; Stadt der Männer, 1998, Stadt der Architekten, 2004 oder auch Klein Manhattan, 1994).

Geboren vor dem Kriege, in Düsseldorf (1936), von der Last des Nationalsozialismus geprägt, bis 1944 in Danzig-Langfuhr und Hilden, studierte Inge Denker Kunst in Düsseldorf und in Wiesbaden, dann reiste sie nach Paris, lebte in Lübeck. Jahrelang, im Berliner Kreuzberg, galt später ihre Zeit auch der Sozialarbeit, dem Großziehen der Kinder und daher dem Broterwerb. Empfindlich, empathisch, diskret veranschaulicht sie in ihrer Bilderwelt unermüdlich aufmerksam den Großstadtalltag in Geschichte und in Gegenwart. Selbst unsichtbar, Fassaden betrachtend, läßt sie in ihren Bildern auch andere sprechen und gleichzeitig – nachdenklich und vertrauensvoll – teilt sie dem Betrachter die eigene Erfahrung mit.

Fortsetzung folgt in einer Woche

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2 odpowiedzi na „Expressionistische Märchen? (1)

  1. Anne Schmidt pisze:

    Liebe Ewa, die Bilder gefallen mir sehr. Ob sie in Groß auch so aussehen? Habe gerade einen Leserbrief zu Alys Kommentar geschrieben. Anne

  2. dorotek pisze:

    Wetten, dass von all den geheimnisvollen und poetischen Aquarellen, die wir hier sehen, den meisten Menschen die „Kleine Straße im Mondlicht” am besten gefällt? Ich kann jetzt leider keine Befragung machen und auch keine soziologische Studie über unsere Sehnsüchte und Träume. Aber ich bilde mir ein, dass jeder, der diese Aquarelle sieht, sich gleich zu einem Spaziergang („raus aus der Realität”) eingeladen fühlt.Warum? Weil der Weg in die Weite (und in die Höhe) weist. Ich kann es mir lebhaft ausmalen, dass derjenige eine Weile noch (solange er zwischen den Häusern läuft) mit den Gedanken bei den Menschen bleibt, um sogleich, hinter dem letzten Haus, ganz frei auszuschreiten und den Fantasien freien Lauf zu lassen. Habe ich nicht recht?
    Gebt es ruhig zu! Ich habe diese wunderschöne Aquarelle jedenfalls schon in meinem Gedächtnis gespeichert – und werde sie mir rausholen, sobald ich mich weg von der Realität wünsche. Macht das mal auch! Ich habe keine Patentrechte auf diese Idee erworben. Nur zu!

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