Expressionistische Märchen? (2)

Inge_Zuhaus7_8-kleinLidia Głuchowska

Inge Denker über das Heim und mütterliche Träume

Gewoben aus Traum, Wirklichkeit und Erinnerung erscheinen die großformatigen Federzeichnungen Inge Denkers, die sie den weiblichen Visionen von Zuhause, Familie und Mutterschaft gewidmet hat, minutiös angefertigt, doch sehr surreal. Ihre Grundlage waren Erzählungen zahlreicher Frauen, die der Künstlerin ihre intimsten Gedanken und Bekenntnisse anvertraut und ihr Schicksal erzählt haben.

Inge Denker hat zwei ganz unterschiedliche künstlerische Medien zu den ihren gemacht: das Aquarell [dem der vorige Beitrag über die Künstlerin gewidmet war – L.G.] und die Federzeichnung. Beiden ist gemeinsam die Zartheit und – verglichen mit den Dimensionen des Tafelbildes – das eher intime Format (wobei die Zeichnungen mit annähernd Folioformat sogar vergleichsweise groß sind). Sehr unterschiedlich ist dagegen der Entstehungsprozess: während die Federzeichnung in langwieriger Feinarbeit über Wochen, gar Monate hinweg entsteht, muss das Aquarell rasch und in einem Guss geschaffen werden. Dementsprechend sind die graphischen Arbeiten äußerst detailreich und erfordern ein konzentriertes, fast hingebungsvolles Betrachten – wohingegen die Aquarelle unmittelbar und emotional wirken.

Verena Krieger, Zur Kunst von Inge Denker. In: Inge Denker. Aquarelle. Federzeichnungen. Lübeck 2004. ISBN: 3-00-014400-5

Die besprochenen Federzeichnungsreihe ähnelt einer komplexen, mehrstimmigen Erzählung zum gleichen Thema: „Zuhause, Familie und Mutterschaft“, wobei sie auch in mehreren parallelen Varianten davon Zeugnis gibt.

Zuhaus3-4-kleinCharakteristisch dafür sind die Metaphern eines Heims, das einer auf einer sicheren Insel aufgebauten Burg gleicht (Auferstehung der Bäume, 1982). Diese, umkreist vom Meer mit großen Booten, die ebenfalls andere Häuser in sich beheimaten, ist durch weitere kleine Boote mit der Außenwelt und weiteren Inseln vernetzt, die teilweise bereits verlassen und verwüstet sind. Die Burg selbst, durch eine Reihe von Bäumen geschützt, scheint jedoch frei von Gefahr und nur vom Glück erfüllt zu sein. Zumindest für den Augenblick.
Positiv wirkt auch das Bild des Hauses auf einem Riesenkrug über die Welt erhoben (Bildnis einer Mutter, 1982) einerseits mit einem Blick nur auf den fast wolkenfreien Himmel, andererseits durch eine beschützende Wolke von der übrigen Welt abgesondert. Es ist kaum zu sehen, dass in der der Ferne ein ähnliches krugartiges Gebilde schimmert. Im Dialog mit diesem Bild schrieb Vera Hesse ein in seiner Aussage düsteres Gedicht:
Zuhaus1-kleinWolkenortsprache
Heimesfluchtenwind schüttelt
lautleises Wahren

aus seiner Ganzheit
spricht der zerbrochene Krug
trauneinsther randweit

raumweites Ahnen
einer Mutterbildbrücke
hortet noch Fragen

Zuhaus2-kleinaus: Federspurweisen. Federzeichnungen: Inge Denker,
Haikurtios: Vera Hesse. Edition Hentrich, Berlin 2012, S. 1-13.

Optimistisch-konstruktiv scheinen auch die dieser Federzeichnungsserie zugehörigen Darstellungen von Wohnstrukturen zu sein, deren Hauptbestandteil Bäume bilden. Eines davon – ein Riesenbaum auf einem Hügel, umrahmt von Unzahl seiner verkleinerten Kopien, heißt die Baummutter (1981). Ein anderer großer Baum, der in zwischen seinen Ästen eine Mehrzahl von Räumlichkeiten und in seinem Stamm einen beäugten, personifizierten Eingang hütet, wurde sogar Selbstbildnis (1982) genannt. Und in der Tat, nach einer genaueren Betrachtung entdeckt man, dass es versteckt in einem dichten Gewebe anderer palimpsestartig aufgebauter Details auch das Gesicht der Künstlerin in sich birgt.

Weitere zwei Häuser schwimmen auf den Meeresschiffen, wie bebäumte, bewegliche Inseln, denen jeweils ein entwurzelter und wohl hinter das Heck herausgeschmissener Baum angehängt wird. (Frauenarche, Die letzten Vier, beide 1981).

Inge_Zuhaus09kleinDie andere Gruppe von Darstellungen dieser Reihe wirkt etwas weniger ausgeglichen. Eine davon stellt eine Mühle auf einem Hügel dar, der sich über mehreren kleineren Hügeln erhebt, auf denen kleine Häuschen zu sehen sind. Die zierliche dekorierte Mühle gleicht somit etwa einer Dorfkirche, während im Hintergrund auf dem Himmel voller kleiner Wolken auf zweien davon wie andere solche Mühlen in die Ferne schweben (lieber Mühlen bauen, 1981).

Einer Mühle ähnelt auch ein verwüsteter Baum, der auf einem gestrandeten Boot wächst und in seinen Riesenästen ganz hoch ein kleines Palais und unten ein großes Haus beherbergt. Doch der Korpus des Hauses fällt gerade ins Wasser um die Insel herum, auf der sich das Boot samt seines Inhalts befindet. Vernachlässigung (1981) heißt das Bild, welches das Ende eines mühsam aufgebauten Glücks zu veranschaulichen scheint.

Inge_Zuhaus10kleinUnd schließlich trägt ein Engel mit dem gebrochenen Hals und den zum Gebet zusammengelegten Händen ein Boot, während er auf seinen Flügeln zahlreiche Bäume, mit den Wurzeln in den Himmel gerichtet stützt, während ein sich aus seinem Körper befreiender Turm ebenfalls Richtung Himmel erhebt. Dazu schrieb wiederum Vera Hesse:

Weltenchaosturm
entankerter Wohnstätten
reißt Behaustsein ein

waldsturzgeflügelt
kniet die Kopfgeburt Engel
Halturmenfügen

einsther kaumweit zeiht
erhandet her Notständen
jetztet Nahortspur (S. 74,75).

Zur Entstehungsgeschichte dieser Werke berichtet Verena Krieger:

Die Federzeichnungen entstanden hauptsächlich in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Der Grund war zunächst sehr schlicht: es mangelte am Geld für teures Papier und Aquarellfarben. Zugleich ermöglichte die Technik ein langfristiges Arbeiten immer dann, wenn gerade einmal Zeit war in dieser Lebensphase, die von vielen Verpflichtungen neben der Kunst geprägt war. Doch neben solchen praktischen Aspekten eröffnete die Federzeichnung spezifische Gestaltungsmöglichkeiten, die Inge Denker in ihrem Sinne zu nutzen wusste. Ihre Zeichnungen haben eine Doppelstruktur: einerseits handelt es sich um ein „Gewimmel“ einer Vielzahl von Einzelmotiven, die sich nur bei längerer und genauerer Betrachtung erschließend ins Surreale tendieren. (…) Andererseits sind diese Motive in eine Metastruktur eingebunden, die, meist, symmetrisch aufgebaut, eher den Eindruck einer klaren Ordnung erzeugt. Reale Größenverhältnisse werden dabei spielend außer Kraft gesetzt. (s. 6-7)

Inge_Zuhaus11kleinDiese Visionen vom Zuhause sind nicht einfach zu deuten, bleiben oft unklar, geheimnisvoll, obwohl dem Betrachter immer durch symbolische Zeichen einen gewissen Zugang zu deren Inhalt gewährt wird. Die bildliche Erzählung von Familie und Mutterschaft wird hier – wie ein menschlicher Weg – mehrfach verzweigt und immer wieder vom Neuen begonnen. Zusammen scheinen die Bilder Inge Denkers im Dialog mit den Gedichten von Vera Hesse zur Konklusion der Unmöglichkeit eines stabilen Zuhauses zu führen, egal mit welch extremer Mühe frau dieses Gewebe von Traum und Wirklichkeit schafft. Ist es aber wirklich so? In den noch viel zahlreicheren Zeichnungen, die hier nur beispielhaft aufgeführt wurden,  gibt es nur einige wenige Analogien und Wiederholungen. Die  polyphone Vielfalt dieser berichteten und dann bildlich rekonstruierten oder eher neustrukturierten Erinnerungen ergibt keine eindeutige Aussage.

Und während der pessimistische Ton der Gedichte beinahe eindeutig bleibt, bringt die surreale Welt der Federzeichnungsreihe weit Ambivalenteres zum Ausdruck. Sie läßt durchaus etwas Hoffnung auf das Glück, das die Frau – mindestens zeitweilig – von der Welt schützen und wie ein Baum wachsen lassen kann.Und eine Auseinandersetzung mt diesen visuellen Rätseln ist einen nicht nur intellektuelle, sondern auch geistige Übung.

Siehe auch: http://www.ingedenker-aquarelle.de

Fortsetzung folgt in einer Woche

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Informacje o ewamaria2013

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Jedna odpowiedź na „Expressionistische Märchen? (2)

  1. lidia gluchowska pisze:

    In Wirklichkeit sehen diese Zeichnungen noch viel schönen und Interessanter aus. Sie sind groß und selbst die feinsten Details kann man genau erkennen. Somit lässt sich auch das persönliche Schicksal der jeweiligen Erzählerin gut nachempfinden.
    Dieser Text kann nur einen ungefähren Einblick darin geben….
    Danke, Inge, für diese fabelhaften und doch so ernsthaft wahrgenommenen Bildgeschichten.
    Danke, Ewa, für diese Publikationsreihe.
    Lidia

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