Ein anderer Gott

Brygida Helbig

Kuchen zum Geburtstag

Man sagt,  viele Deutsche glauben nicht mehr an Gott.  Ich glaube das nicht. Sie glauben nur an einen anderen Gott.

Es fing wie immer unschuldig an. Ein runder Geburtstag von meinem Liebsten näherte sich unbarmherzig. Ich habe gehofft, dass dieses Jahr alles anders sein würde als sonst. Aber nein, ein paar Tage vor dem Fest rief seine Mutter bei uns an: Was möchtest Du denn für einen Kuchen zum Geburtstag, Ralf? Auch seine Schwester verkündete, einen leckeren Kuchen für ihn backen zu wollen. Scheibenkleister, da war er wieder, das Phantom, das mich seit Jahren verfolgt, der Gott aller Deutschen – der selbstgebackene Kuchen. Er packte mich wie jedes Jahr am Kragen, weckte Panikgefühle und Zerrissenheit zwischen zwei widerstrebenden Kräften. Zum einen fühlte ich mich als Frau sofort herausgefordert:  Ich darf ja beim Kuchenbacken nicht schlechter als andere Frauen abschneiden. Ein tief verwurzelter, auf dem Mist jahrhundertealter patriarchaler Unterdrückung gewachsener Frauenstolz wurde angestachelt. Andererseits ahnte ich aber, dass dieses Gebäck-Gefecht mit Mutter und Schwester meines Mannes doch absurd ist und dass ich mich mit den anderen zwei Frauen vielmehr solidarisieren und versuchen sollte, den Zwang zum Kuchen zu unterwandern, den Götzen von seinem Thron zu stürzen.

Und überhaupt: Ist es der Fürsorge für einen einzigen Mann nicht etwas zu viel? Und wozu denn überhaupt drei Kuchen für fünf Familienangehörige, die nach einem üppigen Mittagessen sowieso keinen Hunger mehr haben? Da geht es offenbar um etwas anderes als darum, dass wir alle satt und zufrieden sind. Es geht darum, dem Mann und allen Anwesenden zu beweisen, wie wir ihn lieben und was für vollwertige Frauen wir sind.  So oder so, am heiligen Kuchen darf in Deutschland nicht gerüttelt werden. Daran hängt die Identität einer ganzen Nation, die sich in manchen Dingen immer noch nicht zu entspannen vermag, auch wenn sie überall auf der Welt krampfhaft Entspannung sucht.

„Warum bäckst Du nicht auch einmal selbst einen Kuchen für sich? Oder mit mir zusammen?“, fragte ich meinen Liebsten. „So wie wir Frauen für uns selbst zum Geburtstag einen backen?“  Betretenes Schweigen. Jetzt denkt er, ich, schlaue polnische Frau, die gern untätig auf dem Sofa liegt und sich die Fingernägel lackiert, will keinen Kuchen für ihn backen – eine Schande, die der Gotteslästerung gleicht. Wenn  es keinen kulturellen Zwang gäbe, wenn auch Ralf für mich ab und zu einen Kuchen backen würde, so hätte ich es auch gern gemacht. Doch in Deutschland ist der Kuchen eine höchst verfängliche Sache – Abgründe tun sich auf, wenn man anfängt, an dieser Stelle zu graben. Der selbstgebackene, heute noch am besten naturbelassene Bio-Kuchen ist ein Fetisch. Frauen bauen sich da selbst eine Falle. Wer als Frau Gäste einlädt und ihnen keinen handgemachten Kuchen vor die Nase setzen kann, hat sich kompromittiert.  Es gibt kaum schlimmere Peinlichkeiten hierzulande.

Manche sagen, die polnischen Frauen wären im Vergleich zu den deutschen hinterm Mond, was die Emanzipation betrifft. Doch der Kult des deutschen Kuchens beweist eindeutig das Gegenteil. In Polen ist nichts weiter dabei, wenn man seine Gäste mit einem gekauften Kuchen konfrontiert. Es gilt sogar mitunter als schick, Kuchen von einer guten Konditorei aufzutischen. Diese Sitte scheint aus der Tradition des polnischen Adels zu kommen, genauso wie der Handkuss.

Die erste Begegnung mit dem deutschen Frauenbild hatte ich bereits 1984, kurz nachdem ich aus Polen nach Deutschland übersiedelte. Da wohnte ich einer Hochzeit bei. Die Schwester der Braut besang deren Vorzüge mit dem Spruch: „perfekt im Kochen und Backen“. Dann wurde ich zu einem Geburtstag meiner damals 19-jährigen Freundin nach Wanne-Eickel eingeladen. Für sechs Gäste hat ihre Mutter fünf verschiedene Kuchen hingeschmissen. Sie leuchteten wie Monstranzen auf dem Altar und wir verneigten uns ehrfürchtig vor ihnen und vor der Priesterin. Auf unseren polnischen Partys gab es damals nur spärlich belegte Schnittchen und diese bereiteten wir ohne Beistand unserer Mütter zu. Spätestens ab dem 18. Geburtstag galt es als uncool, Mütter für die Organisation unserer Geburtstage zu engagieren, eher sah man zu, dass diese so wenig wie möglich vom Geschehen mitkriegten.

Später übersiedelte ich nach Berlin und dachte, hier in der Hauptstadt wird alles anders sein. Ich trat einem privaten Frauen-Literatur-Zirkel bei. Wir trafen uns abwechselnd bei jeder von uns und jedes Mal mussten mindestens zwei verschiedene, selbstverständlich selbstgebackene Kuchen auf den Tisch. Als ich an der Reihe war, habe ich einen Kuchen aus Stettin mitgebracht und frech behauptet, ich hätte ihn selbstgebacken. Die Frauen knallten eine ordentliche Portion Schlagsahne drauf und waren überglücklich.

[Ich habe teuflisch gelacht.]

***
Über die Autorin – HIER lesen

Advertisements

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Brygida Helbig i oznaczony tagami , , , . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Jedna odpowiedź na „Ein anderer Gott

  1. Anne Schmidt pisze:

    Hallo, ich habe nich vor ca. 28 Jahren an Öko-Karottenkuchen gewagt, null Lob geerntet u. hinfort meine Finger von Teig u. Creme gelassen. Die Torten meiner Mutter, die als einzige Tochter ihrer Familie das Backen bei Nonnen gelernt hatte, waren zu sehr mit respektvoller Erinnerung behaftet, als dass ich weiterhin gewagt hätte, ihre Kunst übertreffen zu wollen. Aber meine Kinder (30 Jahre alt), die von mir nie mit Kuchen verwöhnt worden waren, begaben sich als Schüler in einen ehrgeizigen Wettstreit um die beste Geburtstagstorte mit Freunden für Freunde. Auch für meinen Mann u. mich backen sie einen Kuchen, was mir immer viel Arbeit u. Geld er-/gespart hat. Inzwischen gestehen sie verschämt, dass sie manchmal auf Backmischungen zurück greifen, aber für mich nur auf ökologische. Auch bei ihnen ist inzwischen die Zeit knapper als das Geld geworden, aber für Eltern u. beste Freunde wird eine Nachtschicht eingelegt. Ich bewundere sie dafür u. betrachte einen von Sohn o. Tochter gebackenen Kuchen als Gottesgeschenk. Anne

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s