Go down, Moses…

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Moses – Ein Experiment
von
Barbe Maria Linke

Was für ein Roman! Man mag es nicht glauben, dass die in Berlin lebende Autorin Barbe Maria Linke – 1944 in Köslin/Pommern geboren, in der DDR aufgewachsen, Theologiestudium an der Humboldt-Universität Berlin, oppositionelle Arbeit in der DDR, Mitbegründerin der Gruppe ‚Frauen für Frieden‘, 1983 Ausreise nach Westberlin, Arbeit in der Klinikseelsorge und in der politischen Bildung, seit 1993 freiberuflich arbeitend, Gedichte, Essays, Erzählungen verfasst, mit Moses ihren Debütroman vorlegt. Ein Roman, der sprachlich und gestalterisch die Grenzen des literarisch Alltäglichen sprengt, inhaltlich eine hochintellektuelle und doch für jeden Leser nachvollziehbare Auseinandersetzung um die „Frage von Zuneigung und Wahrhaftigkeit, von der Erfahrung menschlicher Grenzen und von der Umkehrung des Gesetzes in Liebe“, wie die Autorin es selbstformuliert.
Zentraler Protagonist des Romans ist zum einen Moses, der aus seiner dreieinhalbtausend Jahre alten Geschichte, die im Roman in Episoden immer wieder eingewoben ist, hinauskatapultiert wird und sich plötzlich in einem Flugzeug Richtung Schweiz wiederfindet.
„Ein Traum im Traum, gibt es das?“ Er drückt den Kopf an die Lehne, grinst seine Nachbarin an. „Sie sind ja ein Poet“, sagt sie und lächelt. „Wer soll ich sein?“ Genau das weiß er nicht mehr. Das ist ja das Erregende an diesem Experiment. Das also die Ausgangssituation. Ein Experiment, bei dem der Betroffene nicht weiß, was die Absicht des Experiments ist, warum Jahwe ihn von seiner Aufgabe der Herausführung seines Volkes aus Ägypten plötzlich in eine andere Zeit hineinversetzt.
Moses trifft im Flugzeug bereits auf die zweite Protagonistin des Romans, Kati, Theologiestudentin und Redakteurin aus Bern, die ihn zu sich nach Hause einlädt. Beide entdecken ihre Zuneigung füreinander. Moses unterliegt rasch der Versuchung, die neue Lebenssituation für das gelobte Land zu halten. Er reißt die Arme hoch, was für ein Leben! Tag für Tag musste ich für andere da sein. Was sag ich? Jahr für Jahr. Unzählbare Jahre. Jahrzehnte, in denen er unterwegs war, ohne das Ziel zu erreichen. Nicht weniger Kati, die sich fasziniert zeigt von der gelebten Moses-Gestalt. Wozu habe ich Theologie studiert? War es Neugier, Wissbegier? Im Grunde hoffte ich, hinter die Buchstaben vorzudringen. Es ist mir nicht geglückt. Nichts habe ich von dem Mythos begriffen, den der ausstrahlt, der in weißem Hemd und dunklen Jeans vor mir steht.
Doch Moses täuscht sich, als ihn seine Zuneigung zu Kati und seiner neuen Lebenssituation zu der Aussage treiben lässt: Es gibt kein Davor, kein Danach, weiß er, als wäre eine Tür aufgesprungen. Es gibt nur diesen Augenblick. Nur er ist wirklich.
Doch ihrer beider Geschichte und Realität ermöglicht vorerst keine tiefe Lebensgemeinschaft. Sie gehen auf Distanz zueinander, erfahren Geschichte und Realität auf neue Art und Weise. Moses erfährt über Simon, den Schmied, über die unfassbaren Verbrechen im Holocaust. Kati gerät über die Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit ihres Vaters sogar in eine Identitätskrise.
In einem Gespräch schlussfolgert Moses: „Das Böse besitzt Macht über uns, und gleichzeitig ist es ein Teil von uns. Es geht darum, das zu erkennen.“ Moses weiß, wovon er redet, ist er doch in seiner eigenen Vergangenheit zum Mörder geworden.
Im Roman spitzt sich das Geschehen dramatisierend zu. Kati stürzt während einer Feier in Berlin, wohin sie mittlerweile gegangen ist, von einem Balkon, wird aufgrund ihrer psychischen Verfassung in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Moses findet sie nach einer verzweifelten Suche schließlich in einer Reha-Klinik. Gemeinsam kehren sie in die Schweiz zurück. Kati befreit sich von ihrer Identitätskrise durch einen Brief an den Vater. Erst danach steht der Verbindung der beiden nichts mehr im Weg.
„Dann feiern wir ein Fest, wie du es dir wünschst. Wichtig sind nicht der Ort, nicht das Land in dem wir leben werden. Wichtig ist, dass du geborgen und ohne Angst bist.“
Ein Roman, dessen komplexe, mehrschichtige Handlung und bis ins letzte sprachliche Detail durchkomponierte Gestaltung faszinieren – selbst Randfiguren sind feinfühlig und empfindsam dargestellt – führt jeden Leser an die Fragen eigener Verantwortung gegenüber sich, gegenüber dem Partner/der Partnerin, gegenüber der Gesellschaft, dem historischen und aktuellen Geschehen, ohne dabei das faszinierende Handlungsgeschehen des Romans aus den Augen zu verlieren.
Bleibt die abschließende Frage: Was ist es nun für ein Experiment, das uns gezeigt wird? Vielleicht ein theologisch-philosophisches Experiment zur Bewusstwerdung von wirklicher Humanität – der eines Moses, de reiner Kati und der von uns Lesern?
Ein Roman, der sicherlich viele Diskussionen und Gespräche anregen wird.

Alfred Büngen
Leiter des Geest-Verlags

***

Ein Textfragment:

„Wenn alles ein Traum war bislang, was ist jetzt?” „Realität“, antwortet die Junge Frau.

Wenn sein Körper auch derselbe geblieben ist, so scheint sich der Geist verjüngt zu haben.

Das Leben ist ein Spiel! Wie oft hat Ramses diesen Satz gerufen, dazu in die Hände geklatscht, als wollte er seine Lebensart auf Moses übertragen.

Ich saß auf einem Stein und wartete auf Naba… Irritiert schaut Moses hoch. Wieso möchte ich der Unbekannten von mir erzählen? Dann sagt er doch: „Ein Adler kreiste und kreiste, bis er im Dunst verschwand. Dann, wie aus dem Nichts, war er wieder da, glitt dahin, ohne mit den Flügeln zu schlagen. Es könnte aber auch sein, dass mir das gleißende Licht den Adler nur vorgegaukelt hat. Woran ich mich jedoch genau erinnern kann, war etwas Leuchtendes am Horizont, das sich auf mich zubewegte.”

Mehr

***

Go down, Moses, way down in Egypt land
Tell old Pharaoh
To let my people go.

Now when Israel was in Egypt land
(Let my people go)
Oppressed so hard they could not stand
(Let my people go)

So the Lord said:
Go down, Moses
way down in Egypt land
Tell old Pharaoh
To let my people go.

So Moses went to Egypt land
(Let my people go)
He made old Pharaoh understand
(Let my people go)

Yes the Lord said:
Go down, Moses
way down in Egypt land
Tell old Pharaoh
To let my people go.

Thus spoke the Lord, bold Moses said,
(Let my people go)
If not I’ll smite your firstborn dead
(Let my people go)

‚Cause the Lord said:
Go down Moses
Way down in Egypt land
Tell old Pharaoh
To let my people go

Tell old Pharaoh
To let my people go

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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Jedna odpowiedź na „Go down, Moses…

  1. ewamaria2013 pisze:

    Eine Freundin von Barbe Maria hat diesen Beitrag in einer Email kommentiert, sie hat es erlaubt, dass ich ihren Kommentar übernehme:

    Ach, Barbe, Du Dichterin, Du meine Wundertüte!
    Das ist so schön, so spannend, man kann sich darein verlieren.
    Und die Betrachtung des Textes – klug und differenziert.
    Glückwunsch dazu.
    Beim Genießen und Konsumieren stelle ich fest, ich mag gar nicht mehr im “Wettbewerb” sein, aber
    lesend teilnehmen – das ist (kann es sein) voller Wunder.
    Bei Dir ist das so.
    Du führst mich in eine Geschichte, AN Geschichte heran, die ich nicht kannte. Verführst mich.
    Das ist wie Tausendundeinenacht. Ich bin begierig nach dem Ganzen.
    Die liebe Barbe mit den Apfelbäckchen hat für mich vom Baum der Erkenntnis gepflückt!
    Ich beiße hinein, dass es kracht.-

    Umarmung – Anne.

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