In Archiven und Museen

marbach6Dorota Cygan

Magie der vergilbten Papiere

Unser ausländisches Interesse an deutscher Kultur braucht eine Konkretisierung in etwas Fassbarem: Es erfreut sich an dem, was materiell ist und sinnlich erfahrbar. Da die generationenschweren Dachbodenschätze unserer Großeltern keine deutsche Signatur tragen, fühlen wir uns besonders wohl an einem Ort, wo das kulturelle Gedächtnis in besonderer Weise aufbewahrt, mit Signatur versehen und kultiviert wird – in Museen und Archiven. Zugegeben, das moderne…

Denkt nicht, dass das Leben eines
Archivbenutzers mit Rosen gesäumt ist.
Das ist der steile Weg zum Tageserfolg …

… Ausstellungswesen zeichnet heutzutage eine besondere Lebensnähe aus: Schillers Socken, Taufhemdchen von Thomas Mann, Kafkas auf Reisen verlorener Löffel oder Rechnungen mit Gedichtzeilen haben erfolgreich die Totenmasken und Fotos von Grabsteinen abgelöst. Ehrwürdige Museen oder Archive müssen sich freilich mit solchen Exponaten nicht schmücken, sieht der Bildungsbürger doch nach wie vor in der Pflicht, etwas für die Erhaltung der Kulturgüter zu tun und seine 100 Euro pro Jahr für Museumsbesuche auszugeben.

marbach1Marbach: Das Museum-Archiv-Komplex im Hintergrund; das ist eine optische Täuschung Schiller-Archiv thront nicht über der Stadt – eher liegt es vornehm-abseits und verlangt von den Besuchern, dass sie sich zu ihm bemühen.

Und wie ist es mit uns Ausländern? Was ist etwa an Handschriften so spannend, dass man freiwillig bei gutem Wetter in geschlossenen Räumen eines Literaturarchivs sitzt und die unmögliche Schrift eines längst verstorbenen Monomanen entziffert? Was ist spannend an diesen unzähligen Blättern rissigen Papiers mit Durchstreichungen, Altersflecken, vergilbten Rändern, überschriebenen Passagen, handschriftlichen Anmerkungen und flüchtigen Zeichnungen? Und was ist, wenn sie von den Autoren selbst verworfen wurden und nur durch die Böswilligkeit von Witwen oder ignoranten Kindern ans Archiv verkauft wurden und jetzt den Dichter kompromittieren? Wie weit soll man sich dem natürlichen Voyeurismus hingeben? Die Alltagslügen enttarnen? Randphänomene des Schreibprozesses studieren, um aus den Abfällen des kreativen Vorgangs eine revolutionäre These zu basteln? Assoziative Ketten zerlegen und mit der zeitgenössischen Logik neu begründen? Warum will man sich das antun? Um der Wahrheit willen? Na, eher um zu zeigen, dass die Literaturwissenschaft nicht bloß das Stiefkind der Literatur ist, sondern neben ihr ebenbürtig thronen kann. Niemandem ist es ja entgangen, dass sich die Germanistik seit Jahren Denkmäler setzt. Etwa mit der Geschichte ihres Faches.

marbach2Das Schiller-Nationalmuseum strahlt so viel Würde aus, wie ihm der Geist der Zeit um 1910 verlieh. Wir haben im Prinzip nichts dagegen, dass diese Würde nun auch auf uns ausstrahlt.

In der Tat kann man nur zu leicht der Versuchung erliegen, den Dichter vom Sockel zu zerren, sobald man seine Entwürfe schwarz aus weiß sieht. Nun, das trifft gleichermaßen Forscher im Inland wie im Ausland. Die Praxis beweist aber vielfach, dass ausgerechnet ausländische Germanisten gern quellenbezogen arbeiten, wenn sie diese Möglichkeit bekommen. Sonst, wer in entlegenen Ländern wohnt, ist auf die Sekundärliteratur angewiesen und seine Forschung orientiert sich mehr an der Theorie – und damit mehr an der Germanistik als an der Dichtkunst selbst. Der Umgang mit Rohmaterial wie Primärliteratur und Handschriften ist zunächst in dieser ungefilterten Form nicht so praktisch wie die Sekundärliteratur, wo die Zusammenhänge bereits hergestellt und Lücken mit entsprechendem Infomaterial geschlossen wurden und man sie nur noch mit eigenen Worten wiedergeben muss. Und doch beweist die Zahl der jährlich im Marbacher Literaturarchiv getätigten Recherchen ausländischer Forscher, dass diese Art von Arbeit als besonders intensiv und attraktiv empfunden wird.

marbach3Neckar, der Fluß der Dichter.
Man will es nicht glauben, aber vom Archiv läuft man bis hierher schon eine runde Stunde. Man weiß allerdings auch, wofür…

Warum sitzen sie also jetzt nicht alle in Marbach? Wohl, weil sie noch nicht wissen, was alles sie dort finden können, scheint mir. Ich habe dort einmal Briefe des polnischen Nobelpreisträgers an seine erste Übersetzerin gefunden. Gut versteckt im Nachlass ihres Mannes, der eine wichtige Figur im Zeitungswesen war. Im Grunde also sind es die Bestände selbst, die jede Argumentation überflüssig machen: Der ganze Berg unter dem Archiv beherbergt das Magazin mit Handschriften je nach Gusto – samt den dazugehörigen Werkausgaben, Widmungsexemplaren, Zeitungsausschnitten, Filmen, historischen Aufnahmen, Rundfunksendungen und sogar Hausrat. Alles in allem 800.000 Bücher, 200. 000 Kunstobjekte, 50 Mio. Blatt Papier, 11.000 Nachlässe von Schriftstellern und Gelehrten, die einen hierher verlocken. So hilfreich die historisch-kritischen Werkausgaben auch sind, sie ersetzen nicht den sinnlichen Umgang mit angegriffenem Papier. Hätten sonst gebückte Germanisten bei gutem Wetter hier gesessen? Sei es nur, um die Epoche zu verstehen: finanzielle Not des Autors, der auf billigstem Papier schreibt, Papierknappheit um 1945, Statusverbesserung durch eine Schreibmaschine oder demütigende Verhandlungen um das Zeilenhonorar für Rezensionen und sonstige Zeugnisse der Reibungen zwischen Verlegern und ihren Autoren – alles Bezüge, die sich einem viel besser erschließen, wenn man die Informationen nicht aus dritter Hand bekommt.

Nein, das ist weder Schillers Geburtshaus noch das seiner Mutter. Das müssen die Leser schon selber ergoogeln. Ich bekenne mich nicht zu irgendeinem Bildungsauftrag. Zumal ich noch in keinem von beiden drin war.

Einer Gesprächspartnerin habe ich daher gestern eröffnet, was mir als Krönung meiner eigenen Lebensleistung vorschwebt: Sollte ich doch meine längst überfällige, durch Jahrhunderte verschüttete Doktorarbeit jemals zu Ende schreiben, lasse ich sie auf gelblichem Papier drucken. Inhalt und Form werden so übereinstimmen. Und für mich wäre das ohnehin die kostbarste Archivalie. Was lacht Ihr mich aus? Perlen werden auch nur noch gezüchtet.

In einer Woche, nochmals Marbach
und ein Rätsel.
Fotos – Autorin

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