Kolędy oder…

Maria Gast Ciechomska

 …polnische Weihnachtslieder

Das Singen von Weihnachtslieder hat seine Quelle in der römischen Feier Calendae mensis januarius. Es handelte sich um die Feier am 1. Januar. Es war im alten Rom ein besonderer Tag, denn an diesem Tag haben Konsule ihren Amt übernommen. Irgendwann wurde dieser Tag ganz offiziell zum Jahresanfang erklärt. An diesem Feiertag haben Menschen in Rom einander besucht, gaben sich Geschenke und sangen Lieder. Das Christentum hat diesen Brauch übernommen, und zwar im Zusammenhang mit Weihnachten. So wurde die Weihnachtsgeschichte zum Thema dieser Lieder.

Zunächst hat man die Motive aus Evangelien benutzt, dann auch aus der volkstümlichen Frömmigkeit, Apokryphen und auch aus der Literatur des Mittelalters.

Nach der christlichen Tradition war der erste nachgewiesene Autor eines Weihnachtsliedes der heilige Franz von Assisi, der auch die Krippe erfunden haben sollte. Das berühmteste Weihnachtslied der Welt ist natürlich Stille Nacht, entstanden 1818 und bisher 300 Sprachen übersetzt.

Auf Polnisch heißt ein Weihnachtslied kolęda (etymologisch von Calendae). In der Liturgie der katholischen Kirche werden Weihnachtslieder von der Mitternachtsmesse am Heiligabend bis zum Tag der Taufe Christi (erster Sonntag nach dem 6. Januar) gesungen. In der polnischen Tradition werden die Weihnachtslieder jedoch bis zum 2. Februar (Mariä Lichtmess) gesungen. Das älteste überlieferte polnische Weihnachtslied ist Zdrów bądź królu anielski (Gegrüßet seist Du, Engelskönig) aus dem Jahre 1424.

Die Gattung wurde sehr populär im 17. und 18. Jahrhundert, in dieser Zeit sind die wichtigsten polnischen Weihnachtslieder entstanden. Bis heute wurden über 500 Weihnachtslieder überliefert.

Eine besondere Art des Weihnachtslieds ist pastorałka (die Pastorale). Es handelt sich um ein Lied, das zu Weihnachten gesungen wird, aber nicht in der Kirche, weil es einen eher weltlichen Charakter haben. Das Thema ist meistens die Geburtsgeschichte aus dem Blickwinkel der Hirten. Es entstehen natürlich auch moderne Weihnachtslieder.

Bóg się rodzi

Bóg się rodzi (Gott ist geboren) ist das wohl berühmteste polnische Weihnachtslied. Es ist fester Bestandteil der Mitternachtsmesse und gilt fast als nationale Weihnachtshymne. Einst wurde es sogar kurzzeitig als Nationalhymne in Erwägung gezogen. Der Text wurde 1792 von Franciszek Karpiński (1741-1825) verfasst. Die feierliche Melodie ist eine altbekannte Krönungspolonaise für polnische Könige, die sich bis zum 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt. Der Komponist ist jedoch vom Namen unbekannt.

Das Weihnachtslied wurde zum ersten Mal in der Basilika Mariae Himmelfahrt in Białystok öffentlich aufgeführt, wo Karpiński zwischen 1785 und 1818 lebte. An diese erste Aufführung erinnert heute eine Gedenktafel an der Kirchenmauer.

Dieses Lied wurde von verschiedenen berühmten polnischen Künstlern aufgenommen. Sie wurde auch von polnischen Gefangenen in Auschwitz gesungen. Ein Bericht des Häftlings Józef Jędrych beschreibt, wie „das Singen deutscher Weihnachtslieder begann und dann wie Wellen des Meeres die machtvollen Worte des polnischen Weihnachtsliedes kamen ‚Die Macht wird schwach, Gott wird geboren’.“

Bogsierodzi-Gottwirdgeboren

Der Text der Hymne (hier von Golec Orkiestra gesungen) zeichnet sich stilistisch dadurch, dass er starke sprachliche Gegensätze verwendet. Durch solche Redefiguren wird die Bedeutung des Wunders betont, das mit der Geburt von Jesus in einem Stall von Bethlehem stattfand. Papst Johannes Paul II bezog sich am 23. Dezember 1996 in der Vatikanischen Audienzhalle auf das Weihnachtslied „Bóg się rodzi”. Er zitierte die Worte und führte hierzu aus: „Der Dichter zeigt uns das Mysterium der Menschwerdung von Gottes Sohn, indem er Gegensätze benutzt, um das auszudrücken, was für das Mysterium wesentlich ist: Indem er die menschliche Gestalt einnahm, nahm der unendliche Gott gleichzeitig die Begrenzheit eines Geschöpfs an.”

Der Liedtext enthält auch ein Zitat aus dem Johannesevangelium (Johannes 1, 14). Darüber hinaus flocht Karpiński eine patriotische Aussage zu Beginn der fünften Strophe ein. Das Lied ist gar in die Popkultur übergegangen: Eine Instrumentalversion dieses Liedes hat das „Brave New World” Expansion Pack von Computerspiel Civilisation V.

Jacek Kaczmarski, Przemysław Gintrowski und Zbigniew Łapiński waren ein legendäres Trio, eine der wichtigsten Musikgruppe in Polen in den 80er und 90er, die den Kultstatus hatte. Die Band hatte keinen Namen, trug nur die Namen der Mitglieder.

Diese drei Songschreiber, Musiker und Sänger gelten bis heute als Barden von Solidarność, weil sie sich politisch eindeutig positioniert und für demokratische Veränderungen in Polen eingesetzt haben. Viele ihre Lieder hatten zum Thema die polnische Geschichte und auch die Weltgeschichte, dabei setzten sie sich oft mit der polnischen Traditionen sehr kritisch auseinander. Das Leitmotiv war immer, die polnischen Erfahrungen aus der Zeit der Solidarność in einer historischen Perspektive darzustellen, so dass der Hörer begreift, dass es sich hier um einen Prozess, nicht um ein isoliertes Ereignis handelt. Anfang 1981 entstand das Konzertalbum Muzeum. Die Lieder dieses Albums beschreiben ausgewählte Werke der polnischen und Welt Malerei, darunter auch das Bild Heiligabend in Sibirien, ein Werk von Jacek Malczewski (1854-1929).

In seinem Bild hat der Künstler diesen wohl am meisten familienorientierten polnischen Feiertag dargestellt. Es geht um Menschen, die als Verbannte in Sibirien von ihren Familien getrennt sind. Es ist ein Bild der Einsamkeit und des Leidens, symbolisch für Polnischen Kampf um Freiheit und Souveränität, der immer leidvoll bestraft wurde. Von den acht Verbannten scheint jeder anders zu reagieren, einer betet, der andere verbirgt sein Gesicht im Teller, der dritte schaut auf die Flamme der Kerze… Durch deutliche Anspielungen an die Darstellungen des Letzten Abendmahls ist die Atmosphäre ernst und feierlich, man spürt die Stille und Erwartung. Das Lied des Trios ist die eigene Interpretation des Bildes. Es werden darin originale Weihnachtslieder zitiert und einige polnische Sitten und Bräuche zum Heiligabend sowie typische Gerichte erwähnt.

Wigilianasyberii

Beata Rybotycka, Schauspielerin und Sängerin aus Kraków, singt ein Weihnachtslied in dem es um den Brauch geht, auf dem Tisch ein zusätzliches Gedeck und am Tisch ein zusätzlicher Stuhl stehen soll. Die gängige Erklärung ist, man denkt an arme und einsame Menschen oder an einen unerwarteten Gast. Es geht aber um viel mehr. Dieser Brauch ist viel älter als das Christentum. Denn dieses Abendessen ist eine gemeinsame Mahlzeit von Lebenden und von Verstorbenen, der leere Stuhl ist der Stuhl der Verstorbenen. Ich musste immer dabei denken an einen Zitat aus dem Dialog „Phaidon” von Plato: „Die Lebenden entstehen aus den Toten nicht weniger als die Toten aus den Lebenden”. Am Heiligabend handelt es sich um diese Verbindung, diese Kette von Verstorbenen und von Lebenden, die wiederhergestellt wird. Das Lied bedient sich dieses Motivs, ist in diesem Sinne immer aktuell und ansprechend, denn in jeder Familie fehlt jemand hin und wieder am Tisch. Es bringt aber auch die christlich geprägte Hoffnung zum Ausdruck, dass wir uns alle irgendwann wieder treffen, an einem Tisch, der noch reicher gedeckt ist.

Wigiliadlanieobecnych

In diesem Blog findet man oft meine Familie. Auch hier, in diesem Beitrag, ist sie da. Das Weihnachtslied Gott wird geboren wurde vom Ur-Ur-Ur-Großonkel meiner Ur-Großmutter, Jadwiga Krynicka, geboren Karpińska, geschrieben.🙂

Unten, nur für diejenige, die Polnisch kennen, noch zwei moderne, patriotische Versionen dieses Liedes, beide geschrieben in der Zeit des Kriegsrechtes in Polen dh. im Jahre 1981.

zalezebialoleka Und noch eins – heute beginnt die Hannukah, also:

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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2 odpowiedzi na „Kolędy oder…

  1. Anne Schmidt pisze:

     

    Liebe Ewa,

    danke für deinen interessanten Exkurs in polnische Weihnachtslieder. 

    Folker u. ich haben in Malta diesen Kitschrummel um Weihnachten bis zu einer lebenden Krippenszene, so gut wie möglich ignoriert. Eigentlich hatte ich dem Rummel hier in Berlin entfliehen wollen, aber ich fürchte, dafür muss man heute weit fliehen oder auch nur bis nach Syrien. In Maria-Pfarr haben wir vor Jahren die Kirche vom Schöpfer des berühmtesten Weihnachtsliedes täglich vor Augen gehabt u. seine traurige Geschichte gehört. Die Geschichte der jüdischen Komponisten von Schneeliedern finde ich auch sehr traurig u. ich hasse den Kitsch, der um alles gewoben wird.   Merry Chanucca

    vielleicht bis bald

    deine Anne

  2. ewamaria2013 pisze:

    Liebe Anne, du hast den Kommentar Nr. 1000 verfasst! Alles gute und vielen vielen dank!

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