Schutzengel – Teil 1

Sieglinde Hocheisel

Dieses Jahr war es schon bald Herbst, als wir uns auf den Weg zu unserem umbrischen Ferienhaus aufmachten.
Der Morgen verhieß eine endlose Sicht auf die Alpen und eine freie Autobahn. Voller Glücksgefühl trat ich das Gaspedal noch ein bisschen herunter und den mißbilligenden Blicken des Ehemanns widerstehend, raste ich Richtung Garmisch.

Mein Herz war an diesem Morgen weit offen. Ich fühlte mich wie in der Camelreklame, Freiheit und Abenteuer. Doch da schon leuchteten die ersten Rücklichter vor mir auf Stau. „Gerade war eine Abfahrt. Die hättest du nehmen können“, kam der Vorwurf von der Beifahrerseite. „Aber die war doch schon weit vor dem Stau. Das hätte ich doch nicht wissen können.“ „Die Straße um den See ist sowieso schöner. Du weißt genau, dass ich die gerne fahre, aber du fragst ja nicht, Hauptsache du kannst rasen. So, da siehst du. Stau.“
Fest entschlossen, mich von der Nervosität meines Mannes nicht beeinflussen zu lassen, stellte ich meine Ohren auf Durchzug und versuchte bei Stop and Go meinen nächtlichen Traum ins Gedächtnis zu fischen. Solange man sich gedanklich mit etwas beschäftigt, dachte ich, ist auch im Stau stehen keine herausgeschmissene Zeit.
Nach zwei Stunden hatten wir dann die fünf Kilometer bis nach Garmisch geschafft.
Es war bereits Mittag. Ich überschlug die noch vor uns liegende Fahrzeit bis Umbrien und kam auf acht Uhr bis zur Ankunft. „Das wird heute Mitternacht“, ertönte der nicht abstellbare Kommentator neben mir. „Wenn du nicht überholen kannst, laß mich fahren.“
Also gut, damit die liebe Seele Ruhe hat, fuhr ich rechts ran und wurde dabei von fünf Lastwagen, die ich schon bewältigt hatte, wieder überholt.

Als wir schließlich ankamen, hatte mein pessimistischer Ehemann leider recht gehabt.
Es war Mitternacht und im Stockdunklen näherten wir uns dem Haus auf dem umbrischen Hügel. Im Licht der Scheinwerfer schwirrten Insektenschwärme. Hier im Süden war es noch warm. Die letzte Strecke Berg- und Talfahrt durch die abgelegene Finsternis ließ uns wieder munterer werden. Die Müdigkeit wich der Spannung, was wir wohl vorfinden würden.
Man musste auf schlechte Überraschungen gefasst sein. Obwohl ich wußte, dass Gott über solche Angelegenheiten nur ärgerlich würde, betete ich still in mich hinein, dass der Strom nicht abgeschaltet sein möge und bitte auch die Wasserpumpe funktioniere.
„Sicher ist die Pumpe wieder kaputt. Dann gib’s kein Wasser“, kam ungefragt die Überlegung zu diesem Thema, während der Wagen die schmale Schotterstrasse zum Haus emporklomm.
Wucherndes trockenes Gestrunke scheuerte und kratze das neue Auto auf.

Dann waren wir da.
Der Wagen stand im hohen Gras, das mir beim Öffnen der Tür dornig entgegenschlug.
Im ersten Moment fühlte ich mich, als ob die Zeit plötzlich still stünde. Endlose Stunden anstrengenster Konzentriertheit auf dicht befahrenen Straßen wichen, wie beim Filmschnitt,diesem einsamen Ort mit seinen ureigenen Gesetzen. Das alte Natursteinhaus schien all die Monate unserer Abwesenheit sein Eigenleben zu führen. So wirkte es, während ich unter dem mondlosen Himmel im trockenen Gras stehend, von geheimnisvollen Lichtern angestrahlt wurde.
Waren es die Sterne, die sich mit bläulichem Schimmer verständigen? Hüter der fremden Nacht. Wie auch die Hunde, deren erregtes Geheul auf- und abschwoll.
Erleichterung und Lust mischen sich in mir. Wir waren wieder einmal gut angekommen und hatten nun zwei Wochen vor uns. Auf diesem wilden Berg können wir uns gehen lassen. „Jetzt nimm doch auch eine Tasche und lass mich nicht alles alleine tragen“, kam schon wieder die störende Stimme und brachte mich zurück in den Reisestress. „Erstmal ausladen. Hoffentlich ist Strom da. Herumstehen kannst du später.“
Also zerrte ich wütend an einer Tasche, die sich auf dem Rücksitz verklemmt hatte und hörte schon Emanuels schwere Schritte die Treppe hochstapfen und dann das Suchen des Schlüssellochs ohne Taschenlampe.
„Was ist denn jetzt los? Hör dir das mal an.“
Wie erstarrt standen wir vor der offenen Tür. Aus der Finsternis im Inneren summte es wie im Umspannwerk. Das ganze Haus vibrierte. Aus der offenen Tür aus dem Dunklen heraus stürzten große schwarze Insekten auf uns zu. Ich erschauderte und wich zurück. Was waren das für schreckliche Ungeziefer? Dieses ohrenbetäubende Gebrumme. Aus der Ferne heulten wieder die Hunde in die endlose Nacht. Und wieder direkt auf mich zu, floh panisch ein riesiges Insekt aus dem schwarzen Raum in das blässliche Sternenlicht.
Angsterfüllt standen wir da und es verschlug uns die Sprache. Was machen? Tür zu und zurück ins Auto? Nein, dazu würde es nicht kommen. Nicht mit Emanuel. Das war mir klar.
Dann wurde Emanuel wieder aktiv und drückte den berüchtigten Stromschalter nach unten. „Also Licht ist da. Guck mal, das sind Hornissen, Tausende.“ Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Aber ja, das sah ich auch. Es schien wie ein Tierfilm im Fernsehen, aber leider in unserem Haus und wir beide plötzlich zwei Insektenforscher. Selbst die hatte ich noch nie ohne Spezialanzüge inmitten eines Hornissenschwarms gesehen. Wir beide jedoch standen fassungslos in unserer Küche umsummt von Tausenden großer roter Hornissen.
Wie bei allen Erlebnissen, wo Gefahr im Verzug war, schaltete mein Gehirn auf die Funktion jetzt ruhig bleiben. Sofort fiel mir ein Bericht über Hornissen ein, den ich unlängst meinem Neffen aus den Broschüren eines Naturschutzvereins vorgelesen hatte. Da stand, dass alle Menschen so große Angst vor Hornissen haben, weil sie im Irrglauben seien, dass drei Stiche dieser Tierchen schon ein Pferd töten können. Dabei sei das ein Ammenmärchen. Und im beflissenen Lehrton pädagogischer Aufklärung zeigte uns die Broschüre eine überraschend neue Wahrheit. Hornissen seien viel ungefährlicher als Bienen und wenn man sie nicht angreift auch völlig friedlich. Während mich normaler Weise solche Aufklärungswerke ziemlich kalt lassen, war ich bei dieser Darstellung hellwach geworden. Denn schließlich hatten wir in Italien schon öfter unfreiwilligen Kontakt mit diesen Tierchen gehabt. Schon das Summen einer, sich in einem Spinnennetz verfangenen einzelnen Hornisse versetzte uns in Todesangst. Zum ersten Mal glaubte ich sofort der neuen Wahrheit. Denn im Gegensatz zum menschlichen Verhalten, musste das Verhalten von Insekten doch eindeutig erforschbar sein. Ich hatte diese Tierchen also völlig falsch eingeschätzt. Voller Vorurteile und nur negativ.
Es war mir wichtig damals diese Broschüre mit nach Hause zu nehmen, um sie auch meinem Mann vorzulesen. Denn schließlich sollte auch er wissen, wie unbegründet unserer Hornissenangst war.
„Erinnerst du dich noch an diese Tierschutzbroschüre? Da stand doch, dass Hornissen ungefährlich sind. Sie stechen nur, wenn man sie angreift, “ erklärte ich in beschwichtigendem Tonfall. „Aber hier sind Tausende“, kam wieder der negative Kommentar, während um uns herum mit ohrenbetäubendem Gebrumme der gesamte Hornissenstock zur Begrüßung erschienen war. Ich für meinen Teil beschloss, trotzdem keine Vorurteile zu haben und stellte gelassen die Tasche in unser Schlafzimmer. Das Licht lockte mehr und mehr dieser bedrohlich aussehenden Rieseninsekten herbei. Sie knallten an die Fensterscheiben und kreisten in spiralförmigen Trauben um die Lampe. Das Licht flackerte und Schatten von Hornissenschwärmen huschten über die weiß getünchten Wände. Schon ziemlich absurd das Ganze, dachte ich. Doch, was kann man jetzt machen? Sie sind da. Falls es so etwas wie einen gesunden Menschenverstand gibt, müssten wir schnellstens das Weite suchen. Aber nein, ich hatte im Grunde keine Panik. In mir war eine seltsame Gewissheit, dass dieser Bericht aus der Tierschutzbroschüre der Wahrheit entsprach, denn ich stellte fest, dass die Hornissen uns nichts antaten.
Ja, es schien zu stimmen, keine stach uns. Sie waren uns gegenüber friedlich. So, wie es aussah, war ich hier zu Gast in einem Hornissennest.
Auch Emanuel schien der Erklärung aus der Broschüre zu vertrauen und schleppte gelassen eine Tasche nach der anderen ins Hornissenhaus. Überall, auf dem Boden auf Tischen und Regalen lagen ihre toten Artgenossen, die einen schmutzigen Anblick boten.

So konnte man allerdings nicht zu Bett gehen. Ein wenig fegen müsste man mindestens, dachte ich, holte Feger und Schaufel und fing an zu putzen, während um meine Ohren monotones Gesumm toste.
Ab und zu verfing sich eine in meinen Haaren. Ich schnippte sie weg. Auch Emanuel hatte sich entschlossen noch ein wenig zu putzen, und hantierte mit dem Besen umher. Vielleicht mochten sie seine schnellen Bewegungen oder seine Locken oder einen Mann, jedenfalls stießen sie an ihn mehr als an mich. „Das ist der Horror. Gerade habe ich mir eine aus dem Kragen geholt. Ein Wunder, dass sie mich nicht gestochen hat.“ Dabei strich er sich hastig durch die Haare. Um seinen Kopf schwirrte es kreiselförmig. Die Lampe war inzwischen nahezu verdunkelt, weil sich mehr und mehr ansammeln. „Ich halte das nicht mehr aus. Gerade war wieder eine in meinem Kragen. Selbst wenn ein Stich nicht tödlich ist, reicht es doch schon, wenn sie dich in den Hals oder ins Gesicht stechen.“ „Nein, da stand doch, dass die Stiche nicht mal so schlimm wie ein Wespenstich seien. Und außerdem stechen sie dich doch nicht“, entgegnete ich, denn ich hatte den Eindruck, er geriet in Panik und das wiederum machte die Hornissen nervös und würde unser ganzes Konzept zerstören.
„Je länger wir das Licht anhaben desto mehr werden es. Guck mal sie kommen alle aus dem dunklen Kaminzimmer unter der Tür durchgekrabbelt“, schrie Emanuel verzweifelt. „Das hat keinen Sinn. Wir müssen hier abhauen.“ „Jetzt verlier mal nicht gleich die Nerven“, wandte ich ein, obwohl mir das Ganze auch nicht mehr geheuer war. Doch allem Gesumme zum Trotz hatte ich keine richtige Angst und noch dazu war ich müde und hatte keine Lust mitten in der Nacht loszufahren und ein Hotel zu suchen. „Wir gehen jetzt ins Bett“, beschloss ich und hoffte er würde sich beruhigen, wenn ich nur auf ruhig machte. „Willst du dich hier etwa mitten in das Hornissennest legen und sie auf dir herumkrabbeln lassen?“ Emanuel begann wild vor der Tür herumzutrampeln. „Hier kommen sie weiter alle durch“, er zeigte fuchtelnd auf den Spalt zwischen Tür und Fußboden. „Die hier kann ich erlegen“, schrie er, einen wilden Trappeltanz aufführend, der eine Matschspur auf dem Boden hinterließ. „Wenn du willst, dass sie uns angreifen, mach schön so weiter“, befand ich verärgert. Sie lassen uns nur in Ruhe, wenn sie sich nicht bedroht fühlen.“ „Ich hole jetzt das Moskitonetz raus. Wenn wir das über unser Bett hängen, kann eigentlich nichts passieren.“ Ein dumpfer Aufprall auf meinem Kopf ließ mich erschaudern. In meinem Haar brummte ein monotoner Motor. Ich bückte mich, schüttelte kräftig, doch es brummte weiter und hatte sich offenbar verfangen. „Mach mir das raus“, schrie ich, „siehst du nicht, da hängt eine in meinen Haaren.“ Wütend schüttelte ich weiter meinen Kopf, bis Emanuel mit der Fliegenklatsche kam und das brummende Insekt herausstrich. Eine Mumie in einem Kokon aus Spinnennetz eingewickelt, lag vor meinen Füssen. Lustvoll trat auch ich zu, und genoss das leise Knacken. Um meinen Kopf herum schwirrten besessen dunkle Trauben. Ein monotoner Bass vibrierte die schwüle Luft, begleitet von einem manischen Schattenspiel an den Wänden.
Und gleich wieder brummte es in meinen Haaren.
„Mach das raus aus. Sie sind schon wieder in meinen Haaren“. Empört schüttelte ich wieder meinen Kopf und schnippte mit meinem Finger herum, bis eine zu Boden fiel. Doch schon prallte die Nächste an meine Stirn und auch aus meinen Haaren drang wieder bedrohliches Brummen. „Jetzt sind sie sauer, weil Du welche zertreten hast“, schrie ich gespielt wütend, denn im Grunde waren wir immer noch völlig unversehrt. Nicht einmal die, die wir aus den Haaren holten, stachen uns. Der Glaube an den Wahrheitsgehalt unserer Hornissenlektüre wirkte und in diesem Fall schien es mir kein Wunder, sondern einfach das Ergebnis unseres Verhaltens zu sein.
„Das ist doch der helle Wahnsinn. Das glaubt uns niemand. Und fast glaube ich es selbst nicht. Wie wir hier inmitten tausender Hornissen unser Haus putzen und keine sticht uns,“ stellte ich noch einmal mit einer gewissen Genugtuung fest.
Wenn ich mich nicht bewegte und das ganze für Außenstehende surreale Schauspiel einfach nur betrachtete, konnte mir nichts passieren. Soviel war ich mir schon längst gewiss und empfand inzwischen eine Sicherheit. Wären sie gefährlich, hätten sie uns doch schon gestochen, als wir uns bewegten. Falls es nicht doch eine Außenseiterin gibt, die sich daneben benimmt und uns angreift, waren wir in einem Zustand der Harmonie mit den tausend Hornissen um uns herum. Vermutlich glauben mir das nicht einmal die Insektenforscher, die diesen Aufklärungsartikel geschrieben haben. Diese Art der Begegnung mit den Hornissen, in die wir hier hineingeraten waren, war einfach unglaublich.
Auch Emanuel fingerte plötzlich seelenruhig das Moskitonetz aus seiner Hülle und ließ sich von nichts mehr beeindrucken. „Ich geh jetzt mit deinen netten Hornissen schlafen.“ „Na sieh mal einer an, wenn ich in Panik gerate, wirst du wohl ruhig“, kommentierte meine innere Stimme diesen Anblick von Ruhe und Gelassenheit.
Emanuel stand inmitten eines schwarzen surrenden Schwarms in unserem Schlafzimmer, hängte das Netz über unser Bett und fing an das Bettzeug aus dem Schrank zu holen.
Wie von seiner seltsamen Ignoranz angesteckt, überfiel auch mich wie auf Knopfdruck eine innere Gelassenheit, die auch vor der Hölle nicht zurückzuschrecken schien.
Als könnte uns keine Macht der Welt mehr daran hindern die Nacht mit den Hornissen zu verbringen, zogen wir uns aus und legten uns unter das Moskitonetz schlafen.
Ab und zu ein weicher Schlag an die gespannte Netzwand im Dunkeln dann umfing mich ein tiefer Schlaf, weit weg der Hornissenwelt.

Beim Aufwachen drangen ferne Traktorengeräusche in mein Ohr. Ich lag in einem lichtdurchfluteten Zimmer unter einem weißen Vorhang, wie eine Prinzessin auf dem Zauberberg. Neben mir die dunklen Locken eines männlichen Kopfes, der in süße Träume versunken schien. Das orangene Morgenlicht erfüllte den Raum mit göttlicher Ruhe.
Ich sah mich um, doch ein Alptraum überschattete meine freudigen Gefühle.
Ich war eingeschlossen in einen Turm mit riesigen bösartigen Insekten. Sie hatten sich in Schwärmen um mich herumgruppiert, Fenster und Türen verriegelt und summten ohrenbetäubend einen elektrisierenden Schall.
Mit Erschrecken dämmerte mir, dass dieser wunderbare Morgenfriede trügerisch und der Alptraum hingegen nächtliche Realität war.
Ängstlich schaute ich mich im Raum um, aber die Hornissen waren spurlos verschwunden. Nur auf dem Boden lagen noch ein paar ihrer toten Artgenossen, die Emanuel nachts wütend zertreten hatte. Jetzt im klaren Licht des Morgens schienen mir die nächtlichen Szenen absurd, wie in einem Roman Franz Kafkas. Am absurdesten waren wir. Was war denn da in uns gefahren. Diese Naivität, mit der wir dieser Broschüre glaubten. Das war doch sonst nicht unsere Sache. Aber wohl gerade deshalb war uns nichts passiert. Die Hornissen hatten unsere guten Absichten gespürt und irgendwie dadurch hatte sich ein geheimnisvoller Vorgang abgespielt.
Ich hob den weißen Schleier des Moskitonetzes, schlüpfte in meine Sandalen und unternahm einen ersten vorsichtigen Erkundungsgang durch unser Haus. Es war still. Kein Gesumme.
Das kühle Morgenlicht hatte den nächtlichen Spuk verscheucht. Wie war das möglich? Wohin waren sie alle verschwunden? Schliefen sie tagsüber?
Diese Fragen konnte auch Emanuel nicht beantworten. Denn schließlich war er auch kein Hornissenkenner.
Erleichtert atmeten wir die aromatisch duftende Sommerluft, und genossen mit jeder Pore die Befreiung von den Hornissen. Klar war uns aber, dass sie nachts wiederkehren würden.
Und so schön es im Nachhinein war, die Genugtuung und sogar den Stolz eine solche Situation auf diese Art gemeistert zu haben, zu genießen, so Furcht erregend ja geradezu Horror auslösend wirkte schon ein einziger Gedanke an eine Wiederholung. Nein, welche Geister sich in der letzten Nacht auch immer uns schützend zusammengetan hatten, sie würden es sich beim zweiten Mal schwer überlegen. Wir hatten jetzt den ganzen Tag zur Verfügung, um uns von dem Hornissennest zu befreien.
Aber was sollten wir tun? Emanuel, der in handwerkliche Hinsicht gern ein Allroundmacher war, hatte sofort eine Idee. Obwohl er im Reich der Tiere noch keine einschlägigen Erfahrungen gesammelt hatte, fühlte er sich nach dem guten Ausgang unseres nächtlichen Abenteuers inspiriert auch diese Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen.
„Ich werde sie heute Abend ausräuchern. Ich frage Giovanni, ob er mir dabei hilft“.
Der Bauer Giovanni war unser Nachbar, der schon einmal mit einem Besucher unseres Hauses ein Hornissennest ausgeräuchert hatte, als wir nicht da waren. Giovanni galt jetzt als Experte und war immer hilfsbereit. Mit ihm zusammen würden wir das hinkriegen.
Das schien auch mir plausibel. Der einzige Haken war, dass Giovanni kaum Zeit hatte.
Das Nest musste jedoch noch heute beseitigt werden, sonst wären wir gezwungen in ein Hotel umziehen.
Da wir sowieso unseren Nachbarn begrüßen wollten, beschlossen wir, uns gleich auf den Weg zu machen und ihn bei der Gelegenheit vorsichtig darauf anzusprechen.
Giovanni stand vor seinem Traktor, war gut gelaunt und freute sich, uns wiederzusehen.
Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, stimmten wir erst einmal einen kleinen Small Talk über die Ernte und über das Jagen an und kamen unserem Thema schon näher, bis auch Giovanni fragte, wie wir denn unser Haus vorgefunden haben. „Tutto a posto?“
„Ja im Großen und Ganzen schon. Nur leider haben wir wieder ein Hornissennest im Kamin“, rückte ich mit der Sprache heraus, ohne auch nur mit einem Wort unsere Wahnsinnsnacht zu erwähnen, denn er sollte nicht denken wir seien verrückt.
Und unser Hilfegesuch sollte auch möglichst harmlos klingen. „Du hast doch vor ein paar Jahren mal mit dem Peter so ein Nest abgefackelt. Wie macht man das denn?“ Wie ich Giovanni einschätzte, könnte sein leidenschaftliches Jagdfieber auch beim Ausräuchern der Hornissen Funken schlagen. Doch da hatte ich mich diesmal restlos getäuscht.
„Calabrone? Questi grandi rossi?“ „Si questi rossi” bestätigte ich mit möglichst
harmlosem Tonfall und merkte schon seine Angst. „Abbiamo cinque morti.“
„Was für Tote?“ Wollte ich erst einmal nüchtern nachfragen, denn diese angeblichen Toten gehören ja zur Hornissenhysterie. Darauf wollte ich nicht gleich hereinfallen.
Aber Giovanni gehörte nicht zu diesen Hysterikern. Eher zum Gegenteil. Wenn er sagte, dass fünf Leute an den Stichen von Calabrone gestorben seien, war es glaubhaft. Wir waren schockiert, ließen uns jedoch nichts anmerken. Er sollte ruhig glauben, wir seien nur ein paar dieser Tierchen begegnet. Von dem absurden Geschehen kein Wort. Bloß nicht.
Wer unter diesen Unständen eigenständig ein Hornissennest abfackeln wollte, galt jetzt in Giovannis Augen als lebensmüde oder dumm und beides war er nicht. Damals hatte er nicht gewusst, wie gefährlich diese Insekten waren und hatte einfach Glück gehabt, dass er mit heiler Haut davongekommen war.
„Jetzt müsst ihr sofort die Feuerwehr alarmieren, denn sie sind für die Entfernung von Hornissennestern zuständig.“ Das schien uns nun doch mehrere Nummern zu dramatisch, aber Giovanni rannte kurz entschlossen sofort zum Telefon, um diese Lebensgefahr schnell aus der Welt zu schaffen.
Ein riesiger Feuerwehrwagen zu unserem kleinen Haus auf dem Hügel? Trotz Giovannis Schreckensszenario mit den Toten war ich im Grunde immer noch ziemlich entspannt und eine Stimme in mir sagte; das ist ja wie mit Kanonen auf Spatzen schießen.
Aber es war schon abgemacht. Giovannis gradlinige Denkweise hatte kurzerhand die Feuerwehr alarmiert. Nun gab es keine andere Alternative mehr.
Auf dem Nachhauseweg in der brütenden Hitze, schien mir die Vorstellung von der Feuerwehr bedrohlicher als unser Hornissennest.

Fortsetzung morgen

Informacje o ewamaria2013

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