Heilige Drei Könige

Ewa Maria Slaska

Dreikönigstagsnachtsgeschichte frei nach Shakespeare

– Schönes Kleid, sagt ein Mann und setzt sich zu ihr. Es ist 2 Uhr nachts, sie sitzt in der Roten Rose und hat ein langes rotes Kleid an. Sie trinkt Tee aus einem Glas.
– Ach, sagt sie.
– Bist du vom Theater, oder was? Wer bist du eigentlich? bohrt der Mann. Ich habe dich noch nie hier gesehen. Und hier kommen immer dieselben Menschen.
– Ich kann nicht schlafen, dann wandere ich.
– Nachts? Allein?
– Weißt du, es stört meistens nachts, dass man nicht schlafen kann. Am Tag gilt es als OK. Und meistens ist man dann alleine, weil sonst es nicht so tragisch wäre.
– Und wieso bist du so angezogen?
– Weil… Ach, es ist zu viel, um ihm das alles zu erzählen. Weil ich auf dem Jakobsweg war. Und weil heute der Dreikönigstag ist.
– Ich sehe keinen Zusammenhang.
– Macht nichts. Kein Mensch hätte ihn gesehen.

helgairudaEs sind so viele Sachen in diesem einem Satz. Der Jakobsweg, Shakespeare, drei Könige, rotes Kleid für Hochzeit, weißes für Tod, eine Gewittertochter, eine Prinzessin, ein Mönch, eine Fantasy-Erzählung und eine griechische Tragödie, sieben Selbstmorde, alle für Katz, ein Sohn, eine Nichte, eine geheimnisvolle Mutter, Rotkäppchen, Verkleidung. Verkleidung als Lebensentwurf… Masken tragen, sich verstecken…

– Alles ist nur deshalb, dass wenn ich an Jakobsweg denke, bin ich eine mittelalterliche Prinzessin aus Schlesien, die als Junge verkleidet, nach Santiago geht.

Der Mann schaut sie schweigend an.

– Sorry, sagt er, geht zur Bar und bestellt sich einen großen Wodka auf Eis. Er trinkt ihn in einem Schluck auf Ex und sagt: – Na dann, jetzt erzähle…
– Viel zu erzählen, schon alleine die Auflistung macht müde, aber im Endeffekt nur Karneval, weil letztlich folgenlos, sagt sie. Das Leben ist so wie es ist, voll von Tragik, die sich als Komödie gibt. Langweilig und macht müde.

Sie sitzt in ihrem roten Kleid und zupft an den langen Ärmeln ihres Kleids, die bis zum Boden reichen.

– Erzähl trotzdem. Was zum Trinken, bevor du beginnst?
– Tee, bitte. Schwarzen.

okoJetzt erzählt sie.

– Ich bin eine Schriftstellerin. Das ist wichtig zu wissen, weil vielleicht du keinen meiner Worte glauben sollst. Die Geschichte habe ich vor 25 Jahren gelesen. Die Geschichte von einer mittelalterlichen Prinzessin, die als Junge verkleidet, nach Santiago geht. Sie ist nicht wahr, es ist eine historische Fantasy, von einer alten polnischen Schriftstellerin geschrieben. Trotzdem ist sie der Grund, weshalb auch ich nach Santiago gegangen bin. Sie ist nicht wahr, aber möglich, auch aus Polen gingen im Mittelalter Leute nach Santiago. In Allenstein stand im Regionalmuseum eine kleine hölzerne Figur eines Mönches mit der Jakobsmuschel. Stand, jetzt steht sie nicht mehr. Die Gestalt war grob geschnitten, sehr einfach, plump. Ein Werk eines einfachen Dorfschnitzers, das bezeugt, dass im 11. Jahrhundert Jemand aus dieser Wildnis bis nach Ende Spaniens gegangen ist. Und zurück.
Ich habe es mir immer vorgestellt, ich sei eine Prinzessin, so wie die Mädchen es halt tun. Als ich die Erzählung gelesen habe, war ich schon erwachsen, die Prinzessin habe ich vergessen, aber in diesem Buch kam sie zurück. Diese Autorin, sie heißt übrigens Jadwiga Żylińska, hat mich und meine Fantasien beschrieben. Ich bin diese Prinzessin, die in Begleitung eines Mönches aus Schlesien ausbricht und nach Santiago und Finisterre gelangt. Zuerst im roten Kleid, so wie es sich für eine Prinzessin ziemt, später als Junge verkleidet. Wie die Viola in der Shakespeares Komödie, Dreikönigstag oder Was ihr wollt. Dreikönigstag ist die zwölfte Nacht nach Weihnachten. Eine bizarre Nacht, wann alles passieren kann, denn im elisabethanischen England wurde die Welt am Tag zwölf nach Weihnachten auf den Kopf gestellt: Parodistische Prozessionen, Saufgelage und krudes Treiben ließen das Volk an Symbolen der Macht spielerisch teilhaben. Der Karneval als soziales Ventil und als uraltes, heidnisches Ritual. In Griechenland wirft man am Tag der Drei Könige Gold ins Meer. Die Männer springen dann ins Wasser und suchen das Gold.
– Kalt.
– Freilich, aber nicht so kalt, wie wir es um diese Zeit gewöhnt sind. Vor zehn Jahren war ich zu Weihnachten auf der Insel Rhodos. Am Tag der Drei Könige ist auf der Insel schon Frühling. Also, die Männer springen ins Wasser und versuchen, das Gold zu holen. Das bringt Glück. Dieses Jahr, als ich dort war, sind im Meer drei Männer ertrunken. Alle drei waren Ärzte. Stell dir vor!
– Bedeutet es was?
– Im Allgemeinen oder für mich?
– Oje, so ernst… Für dich.
– Für mich ging es um einen Mann. Am Dreikönigstag flog ich zurück nach Berlin, um seinen Geburtstag zu feiern. Dies über drei Ärzte habe ich von der jungen Pastorin erfahren, Julia. Sie war sehr aufgeregt, weil es ihr sehr symbolisch zu sein schien.
– War es?
– Sicher. Die drei Könige aus der Bibel waren keine Könige, sondern Magier. In den archaischen Kulturen waren Magier sowohl Vermittler zwischen Gott und den Menschen, als auch Heilmänner. Also Ärzte. So wie die Hexen auch Hebammen waren. Es scheint, als ob die Drei Könige an diesem Tag vor zehn Jahren gestorben sind. Erst jetzt? Vielleicht lebten sie und schlugen sich durch die Jahrhunderte, irgendwie, irgendwo und jetzt sind sie gestorben. Oder ganz umgekehrt. Vielleicht müssen jedes Jahr drei Könige sterben, damit die Welt weiter existiert.
– Mister Aufziehvogel?
– Wieder umgekehrt. Murakami nahm die Idee vom Aufziehvogel aus dem heidnischen Glauben. Fast überall auf der Welt muss einmal jährlich oder einmal zu jedem Vollmond, oder einmal zu Sonnenwenden oder einmal zu der Tag-und-Nacht-Gleiche etwas getan werden, damit die Welt richtig funktioniert. Bist du religiös?
– Nee, nicht richtig.
– Das heißt also, du lässt jetzt die Religion links liegen, aber wurdest katholisch oder evangelisch erzogen, oder?
– Katholisch. Ich bin aus Bayern.
– Na dann, kennst du es auch. Einmal im Jahr zum Frühlingsanfang beichten. Ein neuer Mensch werden. Blütenweiß, sauber. Frühlingsputz. Zur Pessah reinigen die Juden die ganze Wohnung. Früher war das einmalige Tun sehr oft blutig. Oder sexuell. Oder beides. Es wurden Menschen oder Tiere geopfert. Drei Ärzte, die im Meer ertrunken sind. So was war vorher durchaus gang und gäbe. In unseren Zeiten wurde das de-ritualisiert und dadurch unwichtig. Das kann sich rächen. Das sind objektive Tatsachen und es kann immer eine Strafe für Nicht-Beachtung der objektiven Tatsachen geben.
– Komm, bitte, zurück. Also am Tag der Drei Könige 2004 sind auf der griechischen Insel Rhodos drei Ärzte im Meer ertrunken, als sie dabei waren, bewusst oder unbewusst, den alten heidnischen Ritual durchzuziehen, nämlich das Gold aus dem Wasser zu holen, um der Welt noch ein Jahr Existenz zu bewahren. Habe ich es richtig zusammengefasst?
– Klug klug klug, Mister Aufziehvogel. Weißt du, mit dem Aufziehvogel passierte mir Mal so eine Geschichte. Fast am Ende des Romans gibt es so einen Kapitel – Töri Okada also Mister Aufziehvogel sitzt in seinem Brunnen und zugleich ist er in einem Hotel, wo sich vielleicht seine verschwundene Ehefrau befindet. Im Brunnen ist es sowieso stockdunkel, im Hotel erlischt plötzlich das Licht. Ich las gerade diese Stelle als das Licht in meiner Wohnung erlosch. Es war aber keine gewöhnliche Sicherungspanne, sondern eine Elektro-Havarie. Im ganzen Bergmann-Kiez und Umgebung ist plötzlich stockdunkel geworden. Erst nach zwei Stunden wurde die Havarie bewartet.
– Es ist nicht dein Ernst.
– Wieso soll ich eine gelogene Geschichte erzählen? Natürlich ist es so passiert.
– Das glaube ich dir. Aber es war ein Zufall, er hatte mit deiner Lektüre vom Murakamis Buch nicht zu tun.
– So so, nichts zu tun… Ja, sicher… Es war nur so. Genauso wie du.

sukienka
– Was habe ich damit zu tun? Ich höre dir nur zu. Wir kennen uns überhaupt nicht. Übrigens, wir heißt du eigentlich?
– Halka.
– Jakob, sagt der Mann. Daher wollte ich deine Geschichte hören. Du sagtest, du warst auf dem Jakobsweg. Bist du in deinem roten Kleid gegangen?
– Nein, wie ein Junge gekleidet.
– Griechenland, sagt er. Wieso erzählst du Stories über Berlin, Polen, Griechenland und Japan, wenn du eigentlich über Spanien berichten wolltest.
– Die Drei Könige sind sehr wichtig in dieser Geschichte. Er ist nämlich am Tag der Drei Könige geboren.
– Wer er?
– Er, der Mann, um den es ging. Er ist in einem polnischen Bergdorf geboren, von dem man her eine Bergkette sehen kann. Die Berge sind weit entfernt, den höchsten Gipfel sieht man nur, wenn man irgendwo nach oben klettert. Aber aus dem kleinen Fensterchen in seinem Kinderzimmer sieht man ihn sehr gut. Der Gipfel heißt Drei Kronen. Drei Kronen für Drei Könige. Ein Steinbock wie Jesus. Der dreifältige König, dazu noch im keltischen Jahre des weißen Hirsches geboren, was ein königliches Zeichen ist. König über die Könige.
– Ej, sagt Jakob. Du übertreibst wohl ein bisschen.
– Klar, schon, nimm alles nicht so ernst. Aber alles ist zugleich wahr, der Tag, der Gipfel, der Sternzeichen, der weiße Hirsch, der chinesische Drachen, alles ist da. Ich habe all diese Stückchen zusammen geklebt, habe ihn zu König gemacht. Und zum Dämon zugleich. Als wir uns kennen gelernt haben, hat mir jemand zum Geburtstag den Pilger, das Buch von Coelho geschenkt, der wahrlich von Dämonen durchdrängt ist. Schon damals wussten alle, dass ich nach Santiago zu Fuß will…
– Weshalb eigentlich? Nur wegen einer Erzählung?
– Nein, nicht nur, es sind viele Gründe gewesen. Wollte eigentlich immer. Eine andere Geschichte. Die hängt mit meiner Kindheit zusammen, mit dem griechischen Schicksal.

Sie schweigen. Sie hat ihren Tee schon längst getrunken. Vor ihm stehen drei leere Wodkagläser.

– Du erzählst viel von Magie. Gehörst du einer Sekte? Oder, was weiß ich, einer New-Age-Gruppe?
Ach was. Ich mach mir selber meine Ängste und meine Magie, sagt sie. Auf dem Jakobsweg habe ich regelrecht Magie getrieben. Ich wollte ihn zurück gewinnen.
– Wen? Den König?
– Ja. Er ist aber kein König. Das ist dir klar, oder? Mir leider auch. Ein gewöhnlicher Kerl, mit einem starken Hang zu schattigen Seiten des Lebens.

Sie denkt an eine kantige Figur, die sie für ihn während einer Mondnacht auf dem Berg Cruz de Ferro aufgebaut hat. Gerade an dieser magischen Nacht, als sie den heiligen Berg bestieg, hat er sich in einem Klub eine Junkie-Frau geholt, die seitdem bei ihm wohnte.

– Damals wusste ich es nicht. Jetzt weiß ich es. Ich habe gestern mit ihm Schluss gemacht.
– Gestern? Deshalb schlaffst du heute nicht. Warum eigentlich? Du wusstest doch, wie er ist. Und wie lange hast du es ausgehalten?
– Fünf Jahre. Ich habe viel dafür bezahlt, schon als ich auf den Jakobsweg ging, wusste ich, dass es schon unerträglich ist, so viel zu bezahlen. Es war aber Klacks im Vergleich dazu, was ich danach zu zahlen hatte.
Er bestellt sich noch einen Wodka.
– Hast du das Buch von Hape Kerkeling gelesen?
– Ja, sagt sie. Ein arroganter Schnösel.
– Wieso?
– Benimmt sich so und beschreibt es auch. Und jetzt hat er es bewirkt, dass so viele aus Deutschland den Weg gehen.
– Vielleicht ist es auch so, sagt Jakob. Ich wäre auch beinah hingegangen.
– Wegen eines Buches? fragt Halka. Eigentlich ist ja OK, jemand muss uns sagen, was wir tun wollen.
– Du bist letztendlich auch wegen eines Buches hingegangen.
– In einem gewissen Sinne schon. Aber im Grunde waren es meine Selbstzweifel und Verzweiflung.
– Selbstzweifel und Verzweiflung, wiederholt Jakob. Du hast aber einen schweren Wortschatz. Wir leben aber in den Zeiten, in denen man nicht so schwermutig denkt. Schuld. Was ist Schuld? Gar Ethiker und Juristen wissen nicht mehr, was wirklich Schuld ist. Alles lässt sich rationalisieren und erklären. Durch Gene oder Erziehung und Sozialisierung.
– Es ist unwichtig, sagt sie. Du musst gar nicht wirklich Schuld tragen. Für manche deine Taten wirst du trotzdem zahlen müssen. So war es in einer griechischen Tragödie. In jeder griechischen Tragödie. Du hast keine andere Wahl, außer das zu tun, was du tun musst. Du tust es und zahlst dafür.

Ihre Stimme ist ruhig. Ohne Gefühl, ohne Emotion.

– Das heißt, im Endeffekt ist es doch deine Schuld, sagt sie nach einer Weile. Wenn du nur tiefer geschaut hättest als das, was du getan hast, weil du dachtest, du kannst nicht anders.
– O du heiliger Jakob, sagt er, da machst du aber alles verdammt kompliziert. Verstehe ich es richtig, du hast nicht gesündigt und du wolltest gar nicht Böses, du hast getan, was du getan hast und dafür hast du die Strafe bezahlt. Und da es niemandem gab, der dir deine Strafe auferlegt hat, hast du sie dir selber auferlegt.
– Ja. Mehr oder weniger.
– Was hast du eigentlich getan?
– An die Liebe geglaubt. An Blicke, Küsse, Beteuerungen…
– O nee, Liebe… Wie eine sechzehnjährige…
– Allerdings. Ich sah es nicht als die Schuld, für die ich zahlen werde. Aber trotzdem… Ich habe die objektiven Tatsachen nicht beachtet. Dafür zahle ich. Für Nicht-Beachtung der objektiven Tatsachen.
– Ungerecht, sagt Jakob. Du bist nicht schuldig, das hast du selbst gesagt. Du hast ein Problem, sicher. Aber Schuld, nee, Schuld in diesem hohen Sinne, das ist zu hoch für einen normalen Menschen.
– Ich machte meine Sühne.
– Altmodischer Begriff und wie! Und woher soll man wissen, dass man am Ende wie ein blöder Sündiger barfuss und mit dem mit Asche bedeckten Haupt stehen würde?
– Es gibt Orakel. Und es gibt Klugheit. Intelligenz. Wissen. Intuition. Man hat schon davon gehört. Ich habe davon gehört. Man kennt doch all die Antigonas, Elektras, Ifigenias. Man ist weder unvoreingenommen noch unvorbereitet. So ist es doch seine Schuld, weil er dem Los nicht genügend Achtung geschenkt hat.
– Ach, das Los.
– Ach, das Los, faxt sie. Ja. Ich weiß, ihr Deutsche mag es nicht, das Los, das Schicksal, die Fortuna.

(…)
– Na, sagt er, was war dann mit diesem Mann?
– Objektive Tatsachen, sagte sie. Er war alles, was ich in einem Mann immer suchte. Nur dies alles war nicht für mich. Ich sollte es wissen. Eigentlich musste ich es wissen. Er war zu jung. Das war bis dem Zeitpunkt kein Problem, fast alle meine Männer waren jünger als ich. Wesentlich jünger sogar. Es war nie ein Hindernis. Diesmal aber schon.
– Und?
– Man wird für alles bestraft, für die Liebe muss man besonders viel bezahlen.
– Liebe ist nicht Schuld.
– Ach nein? Natürlich ist sie Die Schuld. In diesem griechischen Sinne ist sie die Schuld. Ich habe es nicht gewollt, ihn zu lieben. Die Liebe kam aus dem Nix. Ungebeten, uneingeladen. Sie kam und traf mich wie ein Blitz. Bis zu diesem Moment war es immer anders, immer waren es die Männer, die sich darum bemühten, mich zu erobern. Sie mussten mir beibringen, sie zu lieben. Diesmal war ich diejenige, die liebte. Ich könnte nicht anders, nur das zu tun, was ich tun musste: Lieben. Und Liebe… sie trägt ihre eigene Strafe inne. Ablehnung, Ausbeutung, Betrug, Bitterkeit, Einsamkeit, Entbehrung, Gleichgültigkeit, Lächerlichkeit, Lüge, Minderwertigkeit, Ungläubigkeit, Unglücklichsein, Unsicherheit, Selbstzweifel, Verachtung, Verlegenheit, Verzweiflung, Verrat, Verwirrtheit, Verständnislosigkeit, Zurückweisung… Alles ungewollt, uneingeladen, schmerzhaft.
– Alle Achtung, sagt er, alphabetisch geordnet.
– Ich habe noch nicht alle Buchstaben abgearbeitet, sorry. Beim nächsten Mann wird alles anders.
Aus allen möglichen Sorten der griechischen Schuld ist gerade die Liebe die Schrecklichste, weil sie eben auf das Beste, Gütigste, Selbstlose und Hingebungswilligste zielt.
– Oh, du heiliger Jakob, was für eine Katastrophe die Liebe ist, sagt er.
Sie lächelt.
– O ja, sagt sie, wie wahr.
Jakob geht wieder zur Bar und bestellt das Essen.
– So, Scheherezade, sagt er, ich zahle für das Abendbrot und Wein, auch wenn es der Zeit nach eh Frühstück und Tee ist, du erzählst weiter.
– Es gab einmal, sagt Halka, einen griechischen König. Ödipus. Er ist der Sohn des Laios gewesen, des Königs von Theben, dem das Orakel prophezeite: „Dein Sohn wird dich, seinen Vater, erschlagen und deine Frau, seine Mutter heiraten.“ Als er geboren wurde, ließen seine Eltern, um den Fluch umzugehen, seine Füße durchstechen, zusammenbinden und ihn von einem Hirten Gebirge aussetzen. Der Mann übergab ihn einem anderen vorbeiziehenden Hirten. So gelangte Ödipus zum König Polybos von Korinth und wurde von ihm adoptiert. Dann erfährt auch er von dem Orakel: Er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Somit brach er sofort in die Ferne auf, damit sich die Prophezeiung an seinen vermeintlichen Eltern in Korinth nicht bewahrheite. Unterwegs tötet er in einem Handgemenge zwei Männer. Einer davon ist der Laios, sein leiblicher Vater. Er geht weiter, kommt nach Theben, das von grausamer Sphinx heimgesucht ist, antwortet die Rätsel des Monsters, befreit die Stadt und darf als Belohnung die Witwe des gerade gestorbenen Königs, Iokaste, und damit seine eigene Mutter, zur Ehefrau nehmen. Erst später erfährt Ödipus, dass Iokaste und Laios seine leiblichen Eltern sind. Wie es vom Orakel vorausgesagt wurde, beging Ödipus also sowohl Vatermord als auch Inzest.
– Ej, sagt Jakob, deine Erzählkunst lässt nach, diese Geschichte kennt doch jeder.
Halka nickt.
– Die Frage ist, sagt sie, ob sich die Orakel bewahrheitet hätte, wenn Laios und Iokaste gesagt hätten, ihr könnt uns mal, liebe Götter, wir wollten immer einen Sohn haben, er bleibt bei uns. Das Sich-Erfüllen der Prophezeiung passierte nur, weil man versuchte seine Wirkung auszumerzen. Für mich wurde auch ein Orakel aufgehängt, sagt sie. Es musste so sein, ich bin mir sicher. Dieser sagte vor, dass ich niemand werde, nie wer werde, nie zur Ruhm und Ehre gelange. Zum Glück, Wohlstand und Sicherheit nebenbei gesagt auch nicht. Ich sollte nie etwas erreichen, ich war als ein Niemand geboren und werde als ein Niemand sterben.
– Wer hat es getan?
– Mama? Sie waren alle Künstler, meine Mutter, mein Vater, meine Schwester. Nur ich nicht. Ich wollte. Ich wollte malen, Gitarre spielen. Mir wurde sofort gesagt, nein, du nicht, du bist keine Künstlerin. Hast kein Talent, keine Gabe, keinen Daimonion. Deshalb konnte man mir die Aufgaben aufbürden, die den Künstler nicht würdig waren. Die sie ganz einfach keine Lust hatten, zu erledigen. Einkaufen, kochen, saubermachen, waschen, abwaschen, bügeln. Ich ackerte. Ich wusste, dass es so ewig sein wird. Sie werden immer größere Künstler sein, ich werde sie bekochen. Ich bin geflohen. Mit 18 machte ich mich vom Sand und ging. Ich wollte auch wer werden, und dies konnte ich zuhause nie im Leben erreichen. Zuerst bin ich in die andere Stadt geflohen, sie holten mich nach zehn Jahren zurück. Ein paar Jahre später flüchtete ich das zweite Mal, diesmal in einen anderen Staat. Ich versuchte mit meiner ganzen Kraft, wer werden. Umsonst. Jetzt ist mein Leben um. Ich bin Niemand und ich werde als Niemand sterben. Kein Geld, keine Arbeit, keine Sicherheit, kein Ruhm und Ehre. Allein, ohne Ehemann, ohne Partner. Einziges was ich erreicht habe, ist meine verbissene Unabhängigkeit, für die ich wie eine Wahnsinnige bezahle. Kein Mensch musste mich je aushalten, ich hielt mich immer selber aus. Nur, es ist nicht zu aushalten.
– Du bist doch eine Schriftstellerin.
– Ohne jeglichen Erfolg.
– Du kannst gut erzählen.
– Und du hast gut reden. Ich bin Ödipus. Ich versuchte meinem Schicksal zu entgehen, um am Ende genau das zu erreichen, was für mich vorgeplant wurde. Ich habe dafür 40 Jahre hart gearbeitet.

Er versucht ihre Hand in die seine zu nehmen, sie zu trösten. Barsch zieht sie ihre Hand zurück.

– Lass das, sagt sie. Wage nicht, mich zu trösten. Es ist schwierig genug, selber hart zu bleiben, um damit fertig zu werden. Mit dem Mitleid wird es unerträglich. Man kann der Bestimmung nicht entgehen. Das ist das Fazit meines Lebens.

Fotos Krzysztof Pukański

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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2 odpowiedzi na „Heilige Drei Könige

  1. Pharlap pisze:

    My knowledge of German lasted only a part of this entry, until the mention of Greek Orthodox tradition – Blessing of the waters. It is alive in Melbourne (and the waters are warm) – look here – http://www.onlymelbourne.com.au/blessing-of-the-waters#.VK0UcbDMTIU

  2. ewamaria2013 pisze:

    O, I did not know all of that, I thought only, there you see the rest of pagan cult and for sure it´s there, but of course, it was adopted by the church. It happended always. Thank you for sharing those informations wit us!

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