Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Paris

Sie saß in Paris, es war Sommer 1988. Die Wohnung lag im XI. Arrondissement, nicht gerade die schickste Gegend von Paris, doch die Wohnung entschädigte für die unmittelbare Umgebung. Sie bestand aus mehreren kleinen Appartements, die zusammengelegt wurden; mit unzähligen kleinen Zimmerchen, die ineinander übergingen, sie lagen alle im obersten Stockwerk oder unterm Dach. Es war ein Labyrinth aus Korridoren, Durchgangszimmern, Treppen, winzigen Treppchen, kleinen Winkeln und größeren Räumen auch unzähligen mini-Toiletten. Doch insgesamt war sie für Pariser Verhältnisse geräumig und luxuriös. Nach oben gelangte man erst mit einem schönen gusseisernen Lift und stieg dann auf winzigen Stufen in den fünften, nicht existierenden Stock hoch. Auf der einen Seite blickte man Richtung Straße auf der anderen in den tiefen engen Hof. Den ganzen Tag hörte man Gesänge und Gespräche oder auch Streitereien in verschiedensten Sprachen; alles mischte sich zu einem Gemurmel, das hochstieg und im fünften Stock nur als undefinierbares Rauschen wahrzunehmen war.

In der Wohnung lebten immer wieder wechselnde junge Leute, die von unseren Freunden dazu eingeladen waren. Die Freunde, die Besitzer der Wohnung, waren für ein halbes Jahr ins Ausland gegangen. So traf man an einem Tag irgendwelche Tschechen, die beim Frühstück waren, man trank zusammen einen Kaffee, sprach über den Tag, und nach ein paar Tagen verschwanden sie auf nimmer wiedersehen. An anderen Tagen waren es gerade Deutsche, die auf der Durchreise nach Spanien oder in die Bretagne waren. Und an einem sonnigen Tag im Juli kamen dann die Ungarn; er war ein Freund der Wohnungsbesitzer, eher der Besitzerin, und sie eine Polonistin aus Budapest, eine überaus reizende Person, die dazu noch Eva hieß.

Wir fingen an zusammen zu kochen, gingen zusammen auf dem Markt einkaufen; Miklos zeigte uns, wie man nach 14.00 Uhr alles viel billiger bekam. Wir kamen mit riesigen Körben zurück, gefüllt mit Gemüse, Obst und verschiedenen Käsesorten, wie: Fourme, Brillat-Savarin, Tomme de Savoie, Vacherin etc… Oft gab es wunderbaren Fisch, Austern und Muscheln aus der Bretagne fast umsonst. Dazu wählten wir immer besondere Weine; jeder bereitete das zu, was er am besten kochen konnte.

Eva erzählte von ihren zahlreichen Reisen nach Polen, genauer nach Warschau und ihrem letzten Aufenthalt dort, einem sechs monatigen Stipendium; Tag für Tag oder besser Abend für Abend wurde mir klarer, dass ich ihre Welt aus Warschau sehr gut kannte. Und nicht nur, weil ich aus Warschau stamme; ich kannte genau die Buslinie, mit der sie zur Uni fuhr, ich kannte die Läden, die Bushaltestelle und die wenigen Bäume im kleinen Park in der Gegend, in der sie offensichtlich in Warschau gewohnt hatte. An einem Abend kamen wir auch überein, dass sie in Grochow gewohnt hatte, also in dem Viertel, in dem ich früher in Warschau gelebt hatte. Wir brauchten noch drei ganze Abende bis es mir klar wurde, dass sie offensichtlich in meiner Wohnung in Warschau ein halbes Jahr verbracht hatte.

Und das ging so: Bei Marillenknödeln mit viel zerlassenen Butter, Zimt und Zucker erzählte sie mir, dass sie immer in der Küche gewohnt hätte; da gab es nämlich einen Sessel, der sich ausklappen ließ. Ich wurde hellhörig, dachte mir doch nichts Konkretes dabei. Beim Perlhuhn in Bier- Soße, Rosinen und Speck enthüllte sie dann noch so ein Detail, das unmissverständlich auf meine Wohnung hinwies, dass man nämlich beim Baden immer aufpassen musste, dass die Flamme beim Warmwassererhitzer an war. Sollte sie ausgehen, musste man sie sofort wieder anzünden, sonst drohte eine kleine Katastrophe in Gestalt einer Explosion der Warmwassertherme. Einmal war mir das Fenster zwischen der Küche und dem Badezimmer rausgeflogen, so stark war die Explosion.

Die Umstände meiner Ausreise aus Polen waren alles andere als einfach, ich musste alles aufgeben, bekam einen Pass Richtung Deutschland ohne Rückreiseticket. Meine Wohnung in Warschau musste ich meinem ex-Mann zurücklassen; doch habe ich ein halbes Jahr ausgehandelt, in dem eine Freundin von mir dort mit ihrem Freund wohnen konnte. In diesem halben Jahr hörte ich schon, sollten da verschiedene Leute übernachtet haben. Ich habe aber nicht gedacht, dass dort jemand fast halbes Jahr mitgewohnt hat; und das war die Tatsache, die ich mitten im Sommer, mitten in Paris entdeckt habe.

Zu meiner Sammlung von Ewas kam noch eine Eva dazu; die meisten stammen aus Polen und die aus Paris war eine Ungarin: meine Tante, und viele Freundinnen; der Name Ewa, Eva stammt aus dem Althebräischen und bedeutet „Leben“ und das stimmt, alle meine Ewas waren und sind sehr lebendig…

Damals vor 30 Jahren waren die Entfernungen groß; z.B. dauerte die Fahrt zwischen Warschau und Frankfurt/Main 18 Stunden, es waren auch viele Grenzen zu passieren und es existierten keine ICEs, Silberpfeile, TGVs oder Pendolinos…

Und doch gab es ein Gefühl größerer, gelebter Nähe zwischen den Menschen als jetzt im Zeitalter der Smartphones, der Netzwerke, Facebook, Twitter etc…

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
Ten wpis został opublikowany w kategorii Monika Wrzosek-Müller i oznaczony tagami . Dodaj zakładkę do bezpośredniego odnośnika.

Jedna odpowiedź na „Die kleine große Welt

  1. ewamaria2013 pisze:

    Vielleicht schreibt jemand was über seine kleine große Welt? Schreibt uns darüber.

    Wezwanie również do Czytelników, którzy nie znają niemieckiego. Rzecz o przypadkach. O tym, że świat jest wielki, a przecież taki mały. Piszcie do nas.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Log Out / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Log Out / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Log Out / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Log Out / Zmień )

Connecting to %s