Die kleine große Welt

Monika Wrzosek-Müller

Walauwa

Zwar bietet sich der Begriff Globalisierung bei dieser Art von Geschichten an, doch will ich sie nicht so erzählen. Globalisierung ist für mich etwas, das eher in Facebook und in der Wirtschaft passiert, bei den Banken und in der „ganz großen“ Welt. Als Facebook mir die Anfrage mit dem Namen des Bruders eines Bekannten aus Sri Lanka zuschickte, den ich vor 15 Jahren in Bentota kennengelernt habe, bedeutete das für mich Globalisierung. Sein jüngerer Bruder war der kluge, sollte lernen, sich weiterentwickeln, während der ältere nach dem Tod des Vaters den Unterhalt verdienen musste. Der Jüngere wurde auch Ingenieur, und offensichtlich trat er Facebook bei, wo der Kontakt an mich vermittelt wurde; das ist für mich beängstigende Globalisierung, wer hat das wie herausgefunden, wo war die Schnittstelle…?

Sie ging am Strand, entlang der Wasserlinie; das Meer schlug dumpf und schwer, die Wellen kamen langsam, majestätisch und brachen mit Getöse; das Wasser war trübe, gelblich und wie ölig, schwer und bedrohlich. Das Licht war weiß, die Sonne sah man kaum, aber irgendwo an den hellsten Stellen vermutete man sie, denn es war entsetzlich heiß, dazu kam erdrückende Schwüle, Feuchtigkeit und so etwas wie Nebel. Dadurch war der Sand nicht so glühend heiß, man konnte die Fußsohlen aufsetzen, ohne mit Verbrennungen rechnen zu müssen. Sie ging schnell, ohne sich umzuschauen; es waren auch nur wenige Menschen am Strand, nur verwilderte, halb verhungerte Hunde mit ihren Welpen, die an kleine Monster erinnerten. Im Hintergrund wedelten die Palmen mit ihren Kronen, Vögel flogen, manchmal schrien kleine Papageien, die immer zu zweit Streit suchten…

Ans Schwimmen oder Baden war nicht zu denken, denn das Wasser war viel zu aufgewühlt, es zog richtig rein, es nutzten auch die Wellenbrecher nichts, man konnte sich auf den Beinen nicht halten. Sie hielt den Kopf gesenkt, und doch wurde sie immer wieder von den beach boys angesprochen; how are you? Weiter ging die Konversation nicht, das waren ihre einzigen Vokabeln… man musste nur beharrlich schweigen, irgendwann gaben sie auf.

In der Ferne sah ich eine einsame weiße, junge Frau sich auf mich zu bewegen. Sie ging mit forschen Schritten, so als ob die Hitze, die Feuchtigkeit und all die anderen Widrigkeiten ihr nichts anhaben könnten. Sie antwortete auch nicht auf die plumpen Anmachversuche. Lachte dabei aber vergnügt und war auch nicht böse, es schien ihr vielleicht sogar zu gefallen, dass sie den anderen gefiel.

Bald stand sie vor mir; sie war sichtlich überrascht eine weiße Frau zu sehen und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie aus der Schweiz kam und in demselben Hotel/Villa in Walauwa wohnte wie ich. Wir gingen jetzt langsamer und erzählten uns voneinander, warum wir auf dieser kleinen Insel mitten im Indischen Ozean gelandet waren. Sie machte eine Ayurveda-Kur, ich nahm an einem Seminar über die Anwendung von Ayurveda teil. Nach und nach erzählten wir uns immer mehr Einzelheiten aus unserem Leben. Es stellte sich heraus, dass sie aus Lausanne stammte oder dort lebte und arbeitete, als Journalistin. Ganz spontan kam mir der Satz, ach da kenne ich einen jungen Journalisten, der bei „Hebdo“ arbeitet. Sie freute sich und erzählte mir, dass sie die ganze Redaktion des Lausanner „Hebdo“ kenne. Wir stießen irgendwann auf den kleinen Pfad, der durch den grünen Gürtel mit üppiger tropischen Vegetation, langstieligen Palmen mit feinen Palmenblättern und hängenden Kokosnüssen und dann über die Bahngleise zu unserem wunderschönen Hotel führte. Man musste dabei über den hohen Bahndamm klettern, der dann bei dem Tsunami völlig weggeschwemmt worden ist, und die chaotische Küstenstraße (übrigens die einzige) unbeschadet überqueren und schon trat man in den wunderschönen Garten der alten Kolonialvilla ein.

Wir verabredeten uns zum Abendessen, das in einer Stunde stattfinden sollte. Ich freute mich, dass ich eine Tischgenossin haben würde. Kurz nach 19.00 Uhr ging ich nach unten, sie saß schon unter dem Palmenblätterdach und trank ihren Tee. Sie hatte von den drei ayurvedischen Doshas zu viel Vata und musste auch bestimmte eine Diät einhalten; trotzdem war das Essen wunderbar, beide durften wir Fisch essen, was selten bei ayurvedischen Kuren erlaubt war, mit viel Gemüse, beide tranken wir dazu unsere Tees und lauwarmes abgekochtes Wasser. Inzwischen wurde es ganz dunkel, das passierte in den Breitengraden so schnell, von einem Augenblick zum anderen, dass man jedes Mal staunte.

Irgendwann fingen wir an uns unsere Lebensgeschichten zu erzählen. Sie vertraute mir an, dass sie lange Jahre mit einem Redakteur von „Hebdo“ liiert war, aber inzwischen hatten sie sich getrennt, sie würde der Beziehung immer noch nachtrauern, doch er war verheiratet, hatte zwei Kinder, und seine Frau würde leiden. Leichthin warf ich ein, dass ich nur von der Zeitungsleuten nur diesen Michel kenne, der aber schon ein Charmeur war… Sie wurde nachdenklich und eröffnete mir, dass ihr Freund tatsächlich Michel hieß. Da fing ich an ihr zu erzählen, wie ich ihren Michel in Paris eines späten Nachmittags in einer Wohnung unserer Freunde getroffen habe; er war nämlich gekommen, um seine ungarische Freundin zu besuchen, und sie hatten sich, wie sie ganz reizend erzählte, ein „bisschen geliebt“, aber nun sei alles vorbei… Wir zählten die Jahre hin und her, was war wann, vorher und danach; was herauskam war: just in dem Jahr hatte ihre Beziehung mit Michel angefangen, nach dem Sommer, im Frühherbst, und sie dauerte lange Jahre. Und wir saßen noch lange an diesem Abend staunend, bis sie dann unvermittelt fragte: warum bist du denn so traurig.

Informacje o ewamaria2013

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