Die kleine große Welt (3)

Es war lange vor der Globalisierung und vor den Handys, vor Skype, als das Telefonieren ins Ausland Stunden dauerte und man immer wieder nur Besetztzeichen hörte und es trotzdem weiter versuchte, bis zur Erschöpfung. Damals gab es auch Geschichten von der kleinen großen Welt.

Monika Wrzosek-Müller

Uppsala

Sie war bei ihrer Schwester in Uppsala zu Besuch. Es war das erste Mal in Schweden, das Land schien ihr unheimlich sauber, aufgeräumt, langweilig, aber zugleich sehr vertrauenerweckend, irgendwie sicher. Sogar die Natur gedieh dort besser, die Luft war sauber, frisch, vieles wirkte wie Miniatur: Städte wie Häuser; nur Kirchen und Schlösser waren imposant, überdurchschnittlich groß. Die Leute waren ganz hell angezogen und bei jedem Sonnenstrahl zogen sie ihre Mäntel aus und gingen in weißen T-Shirts spazieren, auch wenn die Temperaturen eher nicht dazu einluden.

Das rosafarbene Schloss (slott) in Uppsala ist riesig, massig, sieht eher aus wie ein großer Felsen. Aber es ist ein gutes Ziel für Spaziergänge, ringsherum gibt es Parks, ganz in der Nähe fließt der Fluss Frison. Das Gebäude selbst steht etwas erhöht auf einem Plateau, das rund um das Schloss sorgfältig angelegt ist. Von hier aus, kann man viel von Uppsala sehen, auch den Linné-Garten (Linnéträdgarden), den ältesten botanischen Garten Schwedens.

Dort, im Linné-Garten, starteten wir an einem sonnigen Nachmittag unseren Spaziergang, meine Schwester und ich. Wir wollten reden, allein sein ohne unsere Männer und Kinder (oder waren die Kinder damals noch gar nicht da?), erzählen, was in letzten Jahren alles passiert war. Wir hatten uns lange nicht mehr gesehen. Im Botanischen Garten umkreisten wir die Rabatten und die gepflegten Beete, ohne sie besonders zu beachten. Unser Gespräch kreiste um Polen, um die Umstände meiner Ausreise und mein jetziges Leben, in dem ich noch nicht angekommen war. Sie erzählte von ihrem Studium an der pädagogischen Musikhochschule in Stockholm. Wir besprachen, vielleicht tratschten wir ein bisschen, über alle unsere Bekannten und was mit ihnen in den letzten Jahren passiert war; wer in Polen geblieben war, wer emigriert… Ab und zu hatte ich das Gefühl, jemand würde uns folgen und als ich mich umdrehte, sah ich tatsächlich einen Mann, der uns zuzuhören schien. Da ich in Warschau vom Sicherheitsdienst überwacht worden war, machte mich der Mann nervös, und so entschieden wir zum Schloss zu laufen. Dort standen wir lange auf dem Plateau und schauten auf die Stadt und meine Schwester erklärte mir alle Sehenswürdigkeiten, die man erblicken konnte. Später kamen wir dann auf die Umstände meiner Entlassung als Mitarbeiterin des polnischen Fernsehens in Warschau zurück. Im polnischen Fernsehen hatten die sogenannten Verifizierungsgespräche am frühesten begonnen, gleich nach der Verhängung des Kriegsrechts, ich wurde 45 Minuten lang verhört und fast gezwungen zu sagen, dass meine Zugehörigkeit zur „Solidarność“ ein Irrtum gewesen sei und ich das jetzt alles ablehne. Da dem aber nicht so war, löcherten sie mich, ich solle andere Namen angeben – wer bei „Solidarność“ sonst noch mitgemacht hätte. Und dann erklärten sie mir: Wir haben sie so lange hier sitzen lassen, weil wir gehofft habe, dass sie Vernunft annehmen, bei Ihrem Namen (dem Namen meines Ex) hätte man das wohl erwarten können, aber leider sehe es nicht danach aus. Jetzt kamen sie mit Anschuldigungen: Sie haben bei der Intervision für Kubanerinnen Sachen eingekauft, die bei ihnen im Land verboten waren, Sie haben sich mit einer Tschechin angefreundet, die zu einer Dissidentengruppe gehört hat, Sie haben sich geweigert, die Tonbandaufnahmen der mitgeschnittenen Gespräche von westdeutschen Journalisten abzuhören und zu übersetzen… so ging es lange weiter. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mich zu erklären, sowieso hörten sie mir gar nicht richtig zu.

Jemand räusperte sich hinter meinem Rücken, ich erschrak. Es war derselbe Mann vom Linné-Garten. Groß war er nicht, eher untersetzt und rundlich, kräftig gebaut, er hatte blasse blaue Augen, die tief in den Augenhöhlen lagen, um die sich kleine Fältchen bildeten. Es war schwierig, sein Alter zu schätzen; er hätte genauso gut 35 oder fast 50 sein können, mit den wenigen blonden Haaren und dem runden bulligen Kopf.

Er stand jetzt neben uns und betrachtete mich eindringlich. Er sprach Englisch mit einem slawischen Akzent, aber eher keinem polnischen. Er redete jetzt wie ein Wasserfall, leider verstanden wir nur die Hälfte; es ging offenbar darum, dass seine Frau, Verlobte, Ex-Frau oder Freundin mich angeblich kennen würde. Was es damit auf sich hatte, verstand ich letztlich nicht. Er redete auch von Astrologie, Aszendenzen und irgendwelchen günstigen Planetenkonstellationen. Was das alles zu bedeuten hatte, vermochten wir nicht zu begreifen. Er fing an, mir meine Geschichte zu erzählen, warum ich aus Polen weggegangen war, wo ich jetzt lebte. Es war eine Mischung aus Wahrsagerei und Fetzen von Mitgehörtem. Meine Schwester versuchte mich wegzuziehen und nicht auf ihn zu hören. Er interessierte sich auch kaum für sie, war wie verhext auf mich fixiert. Mir schien, als wäre sehr viel Zeit vergangen, und dann stellte ich ihm Fragen: Was hatte er vorhin mit der Frau gemeint, wo war der Zusammenhang zu mir?

Wir schlugen vor, in ein Café zu gehen. Die Sonne sank langsam, und es wurde deutlich kühler. Das Licht war immer noch so scharf, frisch, alles war in einen rosafarbenen Schein gehüllt.

Wir setzten uns also in ein Café, und er fing sofort an zu erzählen. Seine Ex-Frau hatte in Polen an den Intervisionskonferenzen teilgenommen; da habe sie eine junge Polin kennengelernt, die in Warschau lebte und beim Fernsehen arbeitete, und die hieße Monika. Er war sich sicher, dass ich die Frau sei. Denn er beschäftige sich mit Astrologie, und ich passe genau in das Muster. In welches Muster? Ich erinnerte mich an eine Tschechin, war aber nicht mit ihr befreundet, wir hatten uns nur ein paar Mal unterhalten, ich fand sie interessant, aber von einer Freundschaft konnte keine Rede sein.

Er war sichtlich erregt und bewegt, ich konnte wenig helfen, um das Bild von seiner Frau zu vervollständigen. Es war schwierig, die ganze Situation aufzulösen. Wir tranken unseren Kaffee aus, und dann wollten meine Schwester und ich gehen. Er bestand aber darauf, mir seine Telefonnummer zu geben; zum Glück verlangte er meine nicht. Bis heute weiß ich nicht, was da geschehen war und worum es wirklich ging.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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