Die kleine große Welt (4)

Mit der Spiritualität ist es kompliziert, wenn man sie sucht, findet man sie nicht. Entweder kommt sie von selbst, oder gar nicht. Manche brauchen sie, andere machen sich darüber lustig; doch irgendwann stellt sich jeder die Frage, wie es bei ihm damit steht.

Monika Wrzosek-Müller

Amritapuri-Kerala, Indien

Sie war im Aschram gelandet; ja gelandet eigentlich in Cochin, in Südindien, in Kerala, in God owns country, in einem permanenten Chaos, im Schmutz, in einem Lärm, der normale Kommunikation unmöglich machte; aber in einer bunten, lebendigen und faszinierenden Welt.

Der Weg zum Amritapuri-Aschram führte durch die Backwaters und war sehr exotisch; sie glitten in einem Hausboot an üppiger Vegetation vorbei: Palmen, riesige Mangobäume, manchmal Mangrovenwälder, Kletterpflanzen und wunderbar farbige Blumen, vor allem Wasserhyazinthen, die manchmal das Wasser fast vollkommen überwucherten, an den Dämmen der Reisfelder die Frauen in bunten Saris, wie bunte Vögel oder Blumen, die sich schnell bewegten, das Grün der Reisfelder und Blau des Wassers; alles in unheimlich intensiven Farben. Wären da nicht ein paar Kadaver von Kühen und Fäkalien im Wasser getrieben, hätte man es wie ein Paradies empfinden können. An manchen Stellen hingen riesige chinesische Fischernetze, sie schaukelten im Wind. Die Hausboote waren wunderschön, ursprünglich Kettuvallams genannt: lange, große Lastkähne aus Bambus, mit aus Kokosbast geflochtenen Kabinen, mit Küche, Schlafzimmer und Wohnzimmer, mit einer Terrasse bildeten sie wirklich schwimmende Häuser. Nah am Aschram wurde die Bebauung deutlich geordneter. Nach dem Tsunami waren hier mit der Hilfe ausländischer Organisationen neue Siedlungen entstanden, mit hunderten von identischen Häuschen, manchmal Doppelhäusern in verschiedenen Farben, sehr ordentlich, sehr westlich. Der Aschram war an den paar Hochhäusern, dem Ayurvedischen Krankenhaus und einer schönen Brücke von weitem zu erkennen, es lebten da ca. 2 000-3 000 Menschen aus der ganzen Welt zusammen.

Der Aschram; „Ort der Anstrengung“ präsentierte sich vor allem durch Stille und überwiegend weiße, helle Kleidung der Bewohner, wie eine Insel aus einer anderen Welt. Die peinlich sauber, von hunderten von indischen Witwen gefegte Wege, ordentlich abgestellten Schuhe vor den Tempeln, ordentlich gestapeltes Geschirr, überall Zettel mit Regeln, was, wann und wo zu erledigen oder zu befolgen sein sollte; alles erinnerte mich eher an sozialistische Sommerlager als an Indien. Auch die 9-stöckigen Wohnblocks, in denen die Gäste untergebracht wurden, hatten etwas von sozialistischer Bebauung an sich. Alles war sehr einfach, sehr primitiv aber doch funktional und vergleichsweise sauber.

Auch wenn inzwischen Gerüchte kursieren, dass Amma viel Geld von den Spenden auf verschiedenen ausländischen Konten für sich und ihre Familie geparkt hat, muss man ihr zugeben, dass sie auch sehr viel bewegte: dass sie für unzählige indische Witwen die letzte Hoffnung ist, für viele eine Ausbildung anbietet, nicht zu vergessen ein riesiges ayurvedisches Krankenhaus mit einer ayurvedischen Fabrik-Apotheke betreibt. Auch die Hilfe nach dem Tsunami, die durch ihre Organisation an die rundherum wohnende Bevölkerung kam, ist nicht zu verachten. Die Küste wurde mit riesigen Steinblöcken befestigt und neue Häuser errichtet.

Amma-Mata Amritanandamayi ist eine bäuerlich-kräftig aussehende Person, mit einer Kraft, die ihre Quelle irgendwo haben muss; wie sonst würde sie die stundenlangen Meetings mit Fragen und Antworten und anschließenden Umarmungen „embracing the world“ von hunderten von Menschen und zwar jeden einzelnen, durchhalten können.

Sie saß am Strand, der indische Ozean wütete gegen die riesigen Steinblöcke, die Sonne ging langsam unter in leicht rosa, lila und violetten Farben; die Leute rundherum, machten auf ihren Matten Yoga-Übungen, sprachen leise miteinander und warteten auf die Zusammenkunft mit Amma, auf ihre Umarmung.

Ich selbst habe diese Umarmung erlebt, und nach anfänglichen totalen Zweifeln, muss ich gestehen, dass sie eine ungeheuerliche Kraft, Trost und wirklich Gefühl von Liebe spendete. Es passierte mir in einem Moment, an dem ich daran gar nicht mehr geglaubt hatte, nicht glauben konnte, denn ich war von dem Chaos und dem Gedränge dermaßen genervt, dass ich fast aufgeben wollte. Danach saß ich völlig perplex und ruhig neben hunderten von anderen in einer riesigen Halle und sang stundenlang Mantras mit dem ungeheuren Gefühl der Zugehörigkeit und Gemeinsamkeit.

Vielleicht lag das an der Erschöpfung und Verwirrung durch so viele neue Eindrücke und Ereignisse.

Für den nächsten Tag musste ich mich für den Seva-Dienst (verschiedene Arten von Arbeiten für den Aschram und das Gemeinwohl) eintragen. Ohne lange zu überlegen entschied ich mich fürs Pizza backen, ohne an die Hitze der Öfen, in der Hitze des südindischen Himmels, und das Kneten und die Formen von Pizzateig zu denken. Die italienische Mannschaft war wunderbar; es gab einige, die schon seit Jahren mit dem Aschram verbunden waren, und Neuankömmlinge wie mich, allen gemeinsam war, dass man italienisch sprach. Wir haben wirklich wahnsinnig gearbeitet, geschuftet, um die hunderten von kleinen Pizzas herzustellen. Die Italiener sangen, lachten und sprachen dabei viel und durcheinander. Irgendwann fragte einer, wo denn die Giulia, die Toskanerin, heute abgeblieben wäre, sie müsste doch auch dabei sein. Zwar kannte ich eine Giulia aus der Toskana, dachte aber nicht im Mindesten daran, es könnte die Tochter unserer Freunde sein. Wir machten ab und zu Pausen und als ich draußen vor unserer Baracke stand, sah ich genau diese meine Giulia, mit ihren krausen, schwarzen, leuchtenden, langen Haaren kommen. Da sie mich an diesem Ort wirklich nicht erwartet hatte, ging sie an mir vorbei. Wir hatten uns auch jahrelang nicht gesehen, und aus dem kleinen Mädchen war fast eine Frau geworden, noch immer hübsch, liebenswürdig, lebendig. Ich lief hinter ihr her und stellte mich vor, unsere Freude war riesig. Wir gingen zu einem Café und schwelgten in Erinnerungen an meine Zeit in der Toskana und unsere Besuche bei ihren Eltern, in dem Haus, wo ich viel Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft erlebt hatte.

In dem Moment, in den Tagen im Aschram, passte alles; die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft schienen zusammen zu spielen, sich zu ergänzen und einen tiefen Sinn zu haben.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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