Die kleine große Welt (5)

„Im Winter 2002, als ich in Stockholm war, erhielt ich im Hotel einen Anruf aus Australien; am Apparat war ein älterer Herr namens Kucharski, der den Roman des neuesten Nobelpreisträgers für Literatur gelesen hatte und darin, mit großer Erregung, auf sich selbst gestoßen war: Er hatte damals im ‚Steppdecken-Revier‘ im Bett über mir gelegen und taucht zufällig in meinem Roman mit seinem Namen auf. Ich muss nicht sagen, welche freudige Überraschung dieser Anruf mir bereitete.“

Imre Kertész: Dossier K. Eine Ermittlung

Monika Wrzosek-Müller

Die polnische Ostsee

Jahrelang fuhr sie im Sommer für zwei Wochen an die polnische Ostsee; erst mal sollte das ihrem Sohn guttun, er lernte polnisch, und konnte die Großeltern und die Großtante und die Familie aus Schweden genießen oder eben näher kennenlernen. Außerdem war das für sie eine willkommene Erholung von der nicht gerade rosigen Wirklichkeit in dem Berliner Vorort- und Nobelviertel des Kleinmachnowers Großdorfes. Die Reise dauerte unendlich, die Straßen waren schlecht, sie fuhren meistens 8 bis 9 Stunden lang, mit kleinen Pausen fürs Essen von Pirogen oder ganzen aufwendigen polnischen Menüs mit Vorspeise, Suppe, zweitem Gericht und Nachspeise, oft waren es am Ende eben noch Pfannkuchen. Sie suchten immer ein schönes Lokal aus, gaben sich nicht mit irgendwelchen Buden entlang der Straße ab. Die Reise verlief in angenehmer Stimmung, sie erdachten Spiele, wie: Autos mit deutschen Kennzeichen zählen, oder die mit nur Berliner Schildern, oder Wörter auf verschiedene Anfangsbuchstaben auf Polnisch oder auf Deutsch schnell aufsagen müssen, oder auch reduzierte Version von „Stadt, Land, Fluss“ kamen oft vor. Manchmal sangen sie Lieder; die deutschen kamen aus dem Walldorfkindergarten und -schule, die polnischen aus ihrer Kindheit; mit den polnischen gab es oft Probleme, weil sie zu ernst, zu melancholisch und zu“ erwachsen“ waren. Sie zählten auch Storche auf den Dächern, Strommasten und Schornsteinen, oder auch andere Tiere, die sie unterwegs sahen. So verlief die Reise schneller und man hatte das Gefühl etwas Sinnvolles zu tun und sich nicht allzu sehr zu langweilen.

Die Landschaft blieb sowohl in Deutschland als auch in Polen gleich; lange Waldstücke wechselten mit Feldern und Wiesen ab, manchmal kamen kleine und größere Seen und es war hügelig schön, doch meistens ging es ziemlich platt und eher langweilig zu; oder je nach Laune empfanden sie die vorbeifliegende Landschaft schön oder eben monoton und uninteressant. In Polen führten die Straßen direkt mitten durch die Dörfer, man fuhr auch langsamer und konzentrierter. Wenn die Reise nun auf einen Sonntag ausfiel, mussten sie sich an den Schlangen von Menschen vorbei schlängeln, die in die Kirchen oder aus den Kirchen nach Hause gingen. Manchmal hielten sie abrupt an, um Blaubeeren, Pilze oder Honig von den Straßenjungen oder den alten Babcias [Omas] zu kaufen. Das sorgte für Abwechslung und hob die Stimmung. Besonders auf der Rückreise waren solche Einkäufe reizvoll, man verlängerte dann zu Hause den Urlaub mit dem polnischen Essen und hatte einige Mitbringsel.

Eine Institution für sich waren die „obiady domowe“ [Hausmannskost Mittagessen]; jeder freute sich auf das Mittagessen und spekulierte, was es denn geben würde. Die Zahl der Suppen war auch schier unendlich, so dass sie in den zwei Wochen nie die gleiche Suppe gegessen hatten. Unter den Badegästen ging immer ein Gerücht, wo denn die besten „obiady domowe“ wären; mal war das u pani Krysi [bei Frau Krysia], die anderen schworen auf Herrn Stach.

Sie lief am Strand unten, oben war der Kliff mit Kiefern- und Buchenwälder, steile Treppe führte nach unten, es waren 219 bis 232 Stufen. Oben sah man weit aufs Meer hinaus, bis zum Horizont; die Farbabstufung zwischen Meer und Himmel war manchmal minimal; es gab aber eine Linie die das eine von dem anderen trennte. Das Wasser war nie azurblau sondern eher grau bis grünlich, dafür war der Sand schön hell gelb mit Steinen und Muscheln und manchmal nach dem Sturm, konnte man auch winzige Bernsteinchen finden. Es gingen auch viele Sammler umher; die einen sammelten alles, die anderen spezialisierten sich auf besondere Muscheln, noch andere suchten nur vom Wasser geschliffenes Holz. Sie fand manchmal sowohl schöne Steine als auch ausgefallene Muschel, die sie mitnahm; meistens ging sie barfuß, gedankenverloren, entspannt und fast glücklich am Wasser entlang, egal wie warm oder kalt es war. Sie fühlte sich frei, frei von den Rollen, die sie zu Hause spielte und in denen man in Deutschland perfekt sein sollte und frei von den Alltagssorgen.

Irgendwann wollte sie dann etwas trinken und kam an einen Bierstand am Strand, mit riesigen Sonnenschirmen und bequemen Sitzgelegenheiten, sie holte sich einen Tee und setzte sich geschützt in die Sonne. Der Stimmengewirr kam an sie heran, getragen vom Wind, auch wenn sie nicht zuhören mochte, klangen die Worte so nah, so präzise und deutlich, als ob sie an sie direkt gerichtet wären. Es war eine Gruppe von jungen Erwachsenen, ungefähr in ihrem Alter und sie erzählten von einer Familie, offensichtlich ihren Freunden, oder guten Bekannten, vielleicht war da auch Tratsch im Spiel, das konnte sie nicht beurteilen. Es ging um ein Ehepaar, das zwei kleine Söhne hätte und das sich jetzt endlich und endgültig getrennt hätte; sie hätten sich doch sowieso immer wieder bis aufs Blut gestritten und gezankt und sie wäre die Fleißige, Arbeitsfähige und Leidende und er ein Halunke und Nichtstuer und Schmarotzer, obwohl liebenswürdig, sehr liebenswürdig. Und er hätte ihr immer wieder große Blumensträuße und schöne Fotos von ihr, von altem Zoppot, vom Meer und Sonnenuntergängen gebracht und sie wären dadurch doch immer wieder zusammengekommen aber was für eine Ehe wäre das, wo die Frau alles verdienen müsste… usw.

Ich stand auf und offensichtlich durch dieses bedrückende Getratsche oder kam da schon eine Vorahnung hoch, ging ich schleppenden Schrittes zurück; es war auch Zeit, denn die Sonne war ganz unten und auf dem Strand lagen lange Schatten des Kliffs. In der Ferienwohnung angekommen fand ich auf meinem Handy eine Nachricht; es war eine Freundin von mir aus Zoppot, sie bat um einen Rückruf. Erst nach dem Abendessen hatte ich Zeit und rief sie an; sie fragte mich gleich, ob sie zu mir kommen könnte für ein paar Tage mit dem Kleinen, der Größere wäre im Sommerlager…ich war mehr als zufrieden und hieß sie willkommen. Sie hätten sich nämlich getrennt, jetzt wirklich und endgültig, sagte sie schnell, und mir entkam ganz leise: „ich weiß es“… “wie weißt du es?“ „Ich habe es eben auf dem Strand beim Sonnenuntergang erfahren…“

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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