Die kleine große Welt (6)

An den Anfang seines Romans Wem die Stunde schlägt stellte Ernest Hemingway ein Zitat des englischen Dichters John Donne, Ausschnitte des geistlichen Gedichtes Meditation Nr. 17 als Motto:

No Man is an Island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main; […] and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.

Kein Mensch ist eine Insel, in sich selbst vollständig; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinentes, ein Teil des Festlands; […] und darum verlange nie zu wissen, wem die [Toten-]Glocke schlägt; sie schlägt dir.

Monika Wrzosek-Müller

Bretagne

Nirgendwo schien ihr die Welt so harmonisch, vollkommen, rund, mit anderen verbunden, wie in der Bretagne. Waren das die alten Häuschen, die kleinen Kirchen mit ihren Calvaires, die Bars, wo die Einheimischen und besonders die Fischer ein Gläschen Wein schon morgens tranken, oder ging das auf die berauschende Natur zurück mit breiten, unendlichen Stränden und den Gezeiten, mit wechselnden Wolkengebilden am Himmel, mit Sturm, Regen, Sonne, Wind in einer enormen Intensität und dann gab´s da auch noch das Mirakel des Ozeans mit all dem Wasser, malbewegt, mal ruhig, unendlich weit bis hinter den Horizont, unfassbar lebendig und riesig, oft auch bedrohlich. Zwar lebte hier jeder für sich allein, doch irgendwie fühlte es sich an wie ein Puzzle, alles ein Teil vom Ganzen. Die Landschaft rundherum bildete oft ein Gemälde: die kleinen Häfen, die Fischkutter, die Jachten, die Boote, kleine Hügel, große Felder, Apfelbäume bewachsen mit Efeu und Misteln, die Hecken aus Hortensienbüschen in wunderbaren Farbtönen, manchmal Felsen und steile Klippen, Leuchttürme und die Leute mit ihren dunkelblauen Jacken, Pullovern, Mänteln und Mützen überhaupt die Farben; alles passte ins Bild.

Sie gingen stundenlang am Strand entlang, manchmal war das Meer weit, weit weg, dann stieg es wieder hoch, und man lief am Wasser entlang, manchmal musste man sich beeilen, um vor der Flut heil an einem bestimmten Ort anzukommen, sonst musste man schwimmen oder mehrere Stunden auf irgendwelchen Felsen die Ebbe abwarten. Der Sand war fest, glatt, man hinterließ Fußabdrücke, ganz präzise und deutliche, ab und zu gab es Häufchen dunklen Sandes von Würmen aufgeschüttet.

Diese Spaziergänge, fast Märsche, hatten etwas Beruhigendes, Tröstendes, schoben die dunklen Gedanken weg, beiseite, waren gut gegen Depressionen und gegen die innere Lähmung, die sie immer wieder überfiel. Der Strand war ganz breit, man konnte die Augen schließen und sich nach der Wärme der Sonne richten und vorankommen. Dann gab es Gruppen von Felsen über die man klettern musste, um in die nächste riesige Bucht zu gelangen. In den Felsen wimmelte es oft von Menschen, ganze Familien suchten nach Miesmuscheln, kleinen Krabben und Araigenées, den Meerspinnen, manchmal buddelten sie auch im Sand auf der Suche nach Bigourneaux und den Würmern, die sie als Köder zum Angeln benutzten. Es gab auch Buchten, die ganz abgeschlossen waren; man gelangte dorthin über steile Pfade, sehr mühsam. Dort lagen wunderbare runde Steine, die in hunderten von Jahren durch das Wasser, besonders bei Stürmen, zu riesigen runden Eiern oder sogar Bällen abgeschliffen wurden. Auch dahin gelangten sie und machten Anstalten einige von den Steinen mit nach oben zu nehmen.

An sonnigen, warmen Tagen gingen sie an den Strand, man blieb nicht lange, zwei Stunden reichten vollkommen. Rundum waren große Familien mit einem Reichtum an Kindern, an Plastikspielzeug und an Essen, transportiert in großen Kühltaschen; Sie setzten sich hin und fingen fast sofort an zu essen. Die Männer spielten mit den Drachen, rivalisierten heimlich untereinander und ließen selten die Kinder mitspielen. Die meisten Familien kamen mit drei Generationen; es gab sowohl Großmütter als auch Enkel, man konnte die Ähnlichkeiten in den Gesichtern sehen, die Großväter waren eher beim Angeln. Viel Kontakt zu den Familien hatte man nicht, es war äußerst selten, dass man mit jemandem ins Gespräch kam; jeder war für sich und doch bildeten sie alle zusammen das Bild einer großen Strandfamilie.

Es gab doch ein Paar, das immer wieder aufhorchte, als wir uns auf Polnisch unterhielten, oder zum Spaß einfach ein polnisches Wort fallen ließen, da schienen sie richtig aufzuwachen und mitzuhören. Wir achteten am Anfang nicht darauf. Irgendwann aber hörten wir, dass sie zueinander etwas auf Polnisch sagten. So grüßte ich sie am nächsten Tag auf Polnisch. Der Mann antwortete kurz aber mit starken französischem Akzent, so blieb die Konversation erst mal stecken. Als ich ins Wasser ging, war da auch die Frau, die ich auf Polnisch anzusprechen versuchte. Sie antwortete auch kurz angebunden, mit einem starken französischen Akzent. Die beiden weckten meine Neugier. Wir kamen jetzt regelmäßig an dieselbe Stelle am Strand, aber jegliche Versuche Kommunikation mit den beiden herzustellen, scheiterten.

Und wie das in der Bretagne häufig ist, änderte sich das Wetter plötzlich, so dass wir nicht mehr an den Strand gingen. An einem eher wolkigen Tag beschlossen wir dann, einen Ausflug zum Petit Mont Saint Michel zu machen; eine winzige Insel mit einer noch winzigeren Kapelle drauf. Bei der tiefsten Ebbe war die Insel zu Fuß zu erreichen, man musste alles gut planen, um trockenen Fußes zurückkehren zu können. Zu unserer Überraschung trafen wir auf der kleinen Insel ausgerechnet die beiden Strandnachbarn, die polnischen Franzosen, wie ich sie in Gedanken nannte. Wir grüßten uns, gingen in die Kapelle und setzten uns dann draußen zusammen auf eine steinerne Bank und schauten aufs offene Meer. Leider vergaßen wir dabei, dass wir eigentlich hätten sofort zurücklaufen müssen; das Wasser stieg jetzt sehr schnell, an Rückkehr war nicht mehr zu denken; und so saßen wir da und unterhielten uns, diesmal auf Französisch. Es stellte sich heraus, dass die beiden in Paris ein polnisches Ehepaar kennengelernt und sich mit ihnen angefreundet hatten – er konnte Polnisch wegen seines Berufes, Osteuropahistoriker an der Sorbonne, sie hat ihn bei den Archivreisen begleitet und immer wieder Polnisch Kurse belegt – die in zerfallenen Häusern wohnten, die der junge Mann renovierte, und dann mussten sie wieder umziehen, denn die renovierten Gebäude gingen an französische Käufer oder Mieter über. So zogen sie ständig um, und dabei waren es hoch gebildete Leute: sie Kunsthistorikerin und er Historiker. Da unterbrach ich sie unhöflich in meinem schlechten Französisch: „La dernière fois il ont abité à la Rue de la Roquette, n´est-ce pas?“

Wir verließen die Insel nach sechs Stunden, fast befreundet nach dem Motto:„die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“.

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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