Die kleine große Welt (7)

Monika Wrzosek-Müller

„Durch einen seltsamen Zufall – denn letztendlich liegt allem immer eine zufällige Begegnung zugrunde – durch eine merkwürdige Fügung wurde Albert mein Schicksal und ich seins.“

Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren, Kunstmann Verlag, München 2009, S. 449

Castiglione della Pescaia

Der Weg dahin war erst einmal eine Entscheidung; sie mussten eine Ferienwohnung suchen. Das taten sie bei der agenzia immobiliare „Casa Rossa“ und fanden fast immer etwas. Warum die meisten Wohnungen ausgesprochen hässlich waren, so dass man keine richtigen Lampen zum Lesen hatte und in der Küche auf einem Stuhl hockten musste, unbequem, beengt, mit Ausblick auf das nächste noch hässlichere Haus, selten mit einem Balkon versehen, vermag ich nicht zu beantworten. Vielleicht lag das an unseren finanziellen Mitteln, oder daran, dass die meisten Leute keinen so großen Wert darauf legten. Schließlich konnte man sich in der Mitte der schönsten Landschaft, in der Toskana, die Hässlichkeit der Unterkunft erlauben, man blieb sowieso sehr selten drin. Castiglione mit dem schönen Hafen und dem Fischmarkt, einem Castello, einer Pineta, dem ausgedehntem Pinienwald beiderseits des Orts, im Süden in Maremma übergehend, entschädigte für vieles.

Der Weg dahin ging durch die schönste Landschaft der Welt, wenn man es nicht eilig hatte und durch die Hügel des Chianti an Greve und den kleinen Ortschaften vorbei fuhr, nicht auf der super strada nach Siena. Die Anhöhen, meistens mit einem großen alten Haus darauf und einer Allee von Zypressen, die nach oben führte, reihten sich einer an den anderen. Manchmal waren die Zypressenreihen durch Pinien unterbrochen, das war eigentlich noch reizvoller, noch symmetrischer. Ein Strich horizontal, ein Strich vertikal, manchmal warfen sie auch bizarre Schatten auf die Erde, die mit der untergehenden Sonne länger wurden. Das Wunderbare an dieser Landschaft war die Verbindung des jahrhundertealten menschlichen Bemühens und der Natur, die mitspielte. Sie liebte diese sanften Hügel, die weiten Felder und Weinberge, die Olivenhaine, die vielen Schattierungen von Grün bis Silbergrau, die am Ende des Sommers zu Gelb, Braun, Rostfarben wurden; dazu im Frühling den Geruch von brennenden Olivenzweigen und die großen Wiesen voll von Anemonen, Mohnblumen, kleinen Krokussen und Schwertlilien, die die Wege säumten und sich zwischen den Steinen ihren Weg bahnten. Das alles war wie von Zauberhand gemalt oder gemeißelt. Die Häuser und jeglicher Art Gebäude waren nie perfekt restauriert, immer mit gewissem Gespür für das Alte und Heruntergekommene oder gar melancholisch Verfallende, aber immer malerisch und mit der Landschaft im Einklang. Sie fühlte sich hier geborgen, sicher, glücklich. Sie mochte auch die Menschen, ihre Direktheit, ihre Freundlichkeit; hier war sie keine Fremde, sie gehörte dazu. Die Menschen ließen einen an ihrem Leben, ihren kleinen Problemen teilhaben. Sie waren offen, freundlich, hilfsbereit aber keinesfalls aufdringlich.

Hinter Siena änderte sich die Landschaft; die Natur wurde wilder, es gab mehr Wälder: Eichenwälder auch mit Korkeichen, weniger menschlichen Einfluss, obwohl die Erde hier und da eine wunderbar rote Farbe hatte und sehr fruchtbar aussah. Es gab auch Reisfelder mit ihrem frischen Grün und doch ab und zu Weinberge aber viel weniger Ortschaften und Bebauung. Die Ebene am Fluss, Richtung Meer war von Kanälen durchschnitten, mit Schilf und Gemüseanbau, grün und sehr zugewachsen, man kam an dem Roten Haus vorbei und sah dann vom weiten den Felsen mit dem Castello in Castiglione. Man war angekommen.

Am Strand trafen sie jedes Jahr dieselben Menschen wieder; die meisten kamen aus Siena und mussten irgendwann zum Palio und vorher üben, auf ungesattelten Pferden zu reiten, historische Kostüme zu nähen, und die Fahnen ihrer Contrada zu schwenken, und wenn sie nichts dergleichen taten, dann kümmerten sie sich ums Essen oder um die Pferde; überhaupt war dieses Fest erstaunlich präsent in den Köpfen der Menschen, man sprach Wochen vorher darüber und ereiferte sich über die Details; es war kein Event für die Touristen, sondern man spürte die emotionale Zugehörigkeit zu einzelnen Contraden und wie die Animositäten und Gegensätze mit dem sich nähernden Fest zunahmen. Ich musste immer wieder an das Buch von Carlo Fruttero und Franco Lucentini denken „Il palio delle contrade morte“ [„Der Palio der toten Reiter“]. Sie beschrieben in einem wunderbaren Krimi, wie sich die Stadt für und dann durch das Fest veränderte und welche Emotionen der Palio bei den Menschen weckte.

Jedes Jahr trafen sie am Strand dieselben Leute: Alessandro mit seinen Großeltern, Bernardo mit seiner Mutter und Mateo mit der Großmutter, es war wie in dem italienischen Lied aus den 60er Jahren „ogni anno, stessa spiaggia, stesso mare“ [jedes Jahr, derselbe Strand, dasselbe Meer], unter demselben Schirm, immer im demselben Zeitraum und im selben Quartier. Man begrüßte sich erfreut und herzlich aber nicht verwundert, als sei es die natürlichste Sache der Welt, von Mitte Juli bis Mitte August seine Zeit in Castiglione zu verbringen. Die einen hatten große Villen, die anderen wohnten wie sie in einem Appartement, wieder andere bevorzugten Hotels oder Pensionen. Auch musste man sich entscheiden, auf welchem Abschnitt des Strandes man sich niederließ; auf ausgedehnte private, teure Bagni (mit Sonnenschirmen und Liegen bestückte Strandabschnitte) folgten enge, voll belegte öffentliche Strandplätze, aber da konnte man sich ausbreiten wie man wollte, war nicht von der Liege des Nachbarn belästigt.

Etwas abseits von Castiglione, hinter einer Absperrung und einem Schlagbaum lag inmitten von einer Pineta ein Villenviertel genannt Roccamare mit eher modernen aber architektonisch anspruchsvollen Häusern und separatem Zugang zum Privatstrand. Da wohnte im Sommer Sylvia mit ihrem Sohn; sie hatte mich immer wieder in das Haus eingeladen; es waren oft mehrere Leute da, auch die Nachbarn, es war lebendig, fröhlich und interessant. Oft erzählten die Leute, wer denn hier alles nicht wohnen würde; das berühmte Paar, die Autoren von den vielen Krimis auch dem über dem Palio: Fruttero und Lucentini waren eben auch darunter. Manchmal konnte man ihre Silhouetten im Garten umhergehen sehen, oder wenn es im Sylvias Haus still war, hörte man sie sprechen. Die beiden sprachen sehr schönes Italienisch, es erinnerte mich an das Italienisch von meinem Freund aus Turin, der damals so wie wir in Florenz, in Settigniano, lebte und an der Universität von Florenz lehrte. Manchmal konnte man sie auch am Hafen, am Abend in Castiglione sehen. Sie waren in ihre Gespräche vertieft, ich folgte ihnen und zu meinen Ohren drang der schöne Klang des Italienischen aus dem Norden, denn die beiden, was ich damals nicht wusste, stammten ausgerechnet aus Turin.

 

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Jedna odpowiedź na „Die kleine große Welt (7)

  1. Anonim pisze:

    Habe Sehnsucht nach „unserem” Haus in der Maremma bekommen u. Lust auf das gen. Buch,

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