Die kleine große Welt (8)

Monika Wrzosek-Müller

Italien, Apulien, Lecce

Schauen Sie sich die Bücher von Gianrico Carofiglio an, besonders die Krimis, in denen Giudo Gurrieri, ein Rechtsanwalt, den Schwachen und Verfolgten in der Hauptstadt von Apulien, Bari, hilft. Er beschreibt die Verhältnisse und zwischenmenschliche Beziehungen in der Region sehr einfühlsam und wahrheitsgemäß: Reise in die Nacht, Im freien Fall oder Das Gesetz der Ehre.

Dass Italien ihr Land war, wusste sie spätestens, seitdem sie aus Florenz nach Kleinmachnow, in den „Speckgürtel“ von Berlin, umgezogen waren. Wieviel unbeschwerter lebte es sich da in den Hügeln von Settignano, über Florenz, mit dem weitem Blicken auf den Duomo und den Arno, mit dem schönen Wetter, der Helligkeit und den Farben. Selbst wenn man die Sprache nicht so gut konnte und immer wieder bei den Konjunktiven stolperte – auch mit einer gewissen sprachlichen Oberflächlichkeit lebte sich einfach leichter, zugegeben: vielleicht nur für eine Zeitlang. Jetzt, in Deutschland, versuchte sie krampfhaft, sich an die Reisen nach Italien zu klammern und die Sonne, die Harmonie und die Ausgeglichenheit für sich zu tanken. Das gelang ihr eher mäßig; dafür aber lernte sie Italien Stück für Stück kennen, entdeckte immer neue, interessantere und schönere Orte für sich.

So kam es, dass sie Apulien für sich entdeckt haben; der Absatz und das Ende des Stiefels und die Zusammenkunft beider Meere: der Adria und des Ionischen Meeres, zog sie magisch an. Sie fuhren vier Jahre in Folge dahin, besuchten ausdauernd alle kleinen, großen und mittelgroßen Städte, Städtchen und Dörfer, lernten Leute kennen, auch hörten sie dem apulischen Dialekt zu, verstanden manchmal wenig – und stellten fest: auch da unten war Italien unbeschreiblich schön, lieblich, liebenswert. Die Menschen waren noch offener, zugänglicher, kontaktfreudiger als in der Toscana, die alten Städte manchmal noch älter als alt; die Kontraste zwischen dem Schmutz an den Straßen, Schnellstraßen und den oft schön erhaltenen alten Stadtkernen enorm, die Weine kräftiger, aber keinesfalls schlechter als in anderen Teilen von Italien. Und dann kamen die endlosen Olivenhaine, Wälder muss man fast sagen, ganze Hügel regelmäßig bepflanzt mit Olivenbäumen, kilometerlang, die im Wind mal silbrig-grau, mal dunkel grün waren; es gab Jahrhunderte alte Bäume und junge Neuanpflanzungen. Ganz Apulien schien im Takt dieser Bäume und des Windes sich zu bewegen und zu schwingen; die Winde kamen ab und zu sehr kräftig durch dieses flache, selten etwas gewellte Land und fegten alles weg, was sie auf ihrem Weg fanden.

Ein ganz anderes Grün hatten dann die Weinberge, sie waren eher klein, mit Netzen und dunklen Plastikfolien zugedeckt, wegen der Vögel oder der Sonne; irgendwie konnten sie das nicht herausfinden. Interessant fanden sie, dass der Rotwein manchmal in zwei Stärken angeboten wurde und zwar 14 und 18 Prozent; der 18-prozentige war ein ganz dunkler, schwerer Rotwein und nach einem Glas drehte sich alles im Kopf.

Apulien teilt sich in mehrere Regionen; die wildeste und am meisten beeindruckende für sie war Salento: ganz flaches Land mit geraden Straßen, auf denen man ganz schnell von einem Meer zum anderen gelangt. Auf dem Weg die Masserien, alte adlige Gutshöfe, die wie Festungen aussehen und das auch waren; sie dienten der Verteidigung gegen die Sarazenen, die arabischen Piraten, die vom Meer ins Land stürmten, dann auch gegen herumziehende Banditen. Zu einer Masseria gehörten neben dem Wohngebäude, den Ställen und den Scheunen auch ein Taubenturm, eine Kapelle und ein tiefer Brunnen. Bei einer Masseria gab es einen Gemüsegarten und einen weiteren, größeren Garten mit Mandel- und Johannisbrotbäumen, auch riesigen blühenden Oleanderbüschen. Manchmal lagen auch Olivenhaine innerhalb der Mauern, öfters aber schon außerhalb; ein Weinberg oder mehrere gehörten auch dazu. Ihr erschienen diese Masserien so, wie sie sich die Anwesen der polnischen Magnaten in den Kresy, den östlichen Ländern des alten Polen, vorstellte: Wehranlagen, fast Burgen, gegen die Feinde, die regelmäßig das Land überfielen – nur dass sie hier viel ärmlicher, manchmal ganz arm aussahen. Die Masserien hatten einen unwiderstehlichen Charme, zeugten von einer Verbindung der europäischen Architektur mit der arabischen; die Grenzen zwischen den Stilen waren fließend, es gab romanische Ornamente auf barocken Formen und umgekehrt, viele waren ganz weiß getüncht, manche aber auch dunkelrot. Dazu gab es griechisch-orthodoxe Kirchen in den Felsengrotten mit wunderbaren Fresken und Mosaiken. Das alles machte das Land geheimnisvoll, interessant und verlockend, eben exotisch und aber vertraut.

Bei jeder Apulien-Reise wechselten sie ein Bisschen den Standort und zogen um ihren jeweiligen Wohnort immer größere Kreise mit den Besichtigungen, so dass am Ende nicht ein einziger Ort blieb, an dem sie nicht gewesen wären, kein Café auf einer Piazza oder Piazzetta, wo sie nicht einen Kaffee getrunken hätten. Sie sprachen auch immer wieder mit den Menschen; die Kellner erzählten von ihrer Zeit in Deutschland, die Fremdenführer von ihren Versuchen, woanders Arbeit zu finden. In vielen Ortschaften wurden auch aus verschiedenen Anlässen Feste veranstaltet, an denen sie auch teilnahmen, und sie stellten erstaunt fest: die meisten Teilnehmer dieser Feste waren schon in ihren jungen Jahren weit gereist, viel weiter, als sie gedacht hätten, sei es durch den Job, wegen des Kriegs oder wegen Familienangelegenheiten. Immer wieder fiel ihnen ihre Offenheit und Bereitschaft auf, über alles Mögliche zu sprechen.

Ein etwas anderes Publikum erlebten sie allerdings in einer märchenhaften Stadt – einer Stadt, die jedem im Gedächtnis bleiben musste. Sie ist aus einem besonderen Stein gebaut, Tuffstein, der nach dem Abbau ganz weich und formbar ist und dann erst erstarrt. Daher war die Stadt geschmückt mit steinernen Girlanden, Blumenkörben voll von Obst, unheimlichen Figuren, Säulen, allen möglichen Ornamenten. Lecce, die Hauptstadt der Provinz Salento, mit ihren barrocken Fassaden zog Touristen aus aller Welt an, auch Studenten in ihre Universität. Die Gesichter der Menschen waren hier ganz anders, nachdenklich, oft verschlossen, manchmal unausgeschlafen und unzufrieden, eben westeuropäisch. Sie schlenderten verschiedene Male durch die Altstadt, aßen die berühmten pasticciotti, ganz köstliche, feine, süße Küchlein mit einer leichten weißen Creme darin, die dunklen nannte man, nach der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten eben obama; sie tranken wunderbaren Kaffee und bewunderten erstaunt die übertrieben geschmückten Fassaden. Man lief mit den Augen nach oben gerichtet, um alles zu sehen, aufzunehmen, noch bizarrere Formen zu entdecken.

Man konnte sich in dieser Vielfalt verlieren, unsichtbar machen; es war übertrieben, aber es hob die Stimmung, der Stein war ganz hell, die Formen meistens friedlich ruhend, rundlich; die Stadt schien wie aus einem Guss gebaut, hell auch die Straßen und die Plätze, die Trottoire und die Häuser auch die Kirchen, Klöster und Repräsentationsgebäude.

Wir saßen gerne in den Cafés, auch länger, und sprachen über dieses und jenes, meistens ohne auf die Menschen rundherum zu achten. Und irgendwann hörte ich Deutsch mit Italienisch gemischt, die Stimme kam mir bekannt vor, aber wenn man die Person gar nicht an dem Ort erwartet, oder man sie aus ganz anderen Umständen kennt, ist es ganz schwer die Tatsachen zu verbinden. Hinter uns saß ein Paar, sie sprachen abwechselnd italienisch und deutsch, beide Sprachen perfekt, und… ich kannte ihn, ich erkannte ihn; es war mein Italienischlehrer aus Berlin; und ich erinnerte mich, er hatte uns, der Italienisch-Klasse, auch erzählt, dass er eine Wohnung in Lecce hatte und eine italienische Frau, die aber perfekt deutsch sprach. Irgendwie dachte ich mir, es gibt kein Entkommen, deine deutsche Wirklichkeit holt dich ein, du musst dich mit ihr versöhnen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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