Vergessener Genozid

2015 jährt sich zum hunderten Mal der Völkermord an den Armeniern – einer der ersten systematischen Genozide des 20. Jahrhunderts. Er geschah während des I WK unter Verantwortung der jungtürkischen, vom Komitee für Einheit und Fortschritt gebildeten Regierung des Osmanischen Reichs. Bei Massakern und Todesmärschen kamen je nach Schätzung zwischen 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode. Der 24. April, der Tag, an dem 1915 die Deportation der armenischen Elite aus Konstantinopel begann, wird in Armenien als „Genozid-Gedenktag“ begangen. In einem gesellschaftlichen Portal unter meinen fast 400 Facebook-Freunden hat niemand den Völkermord erwähnt.

Unsere neue Autorin, Esther Schulz-Goldstein ist Psychoanalytikerin und beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit der Gewaltproblematik in der türkischen Gesellschaft. Ihre Patienten aus Anatolien zwangen sie, die Geschichtslüge des türkischen Staates aufzuspüren, weil diese sich auch in der seelischen Struktur ihrer Patienten abbildete. In diesem Zusammenhang schrieb sie die vier Bände „Am Himmel blieb die Sonne stehen“ in der sie die Gewaltentbindung im Zusammenbruch des Osmanischen Reiches erforschte, die in den vier von den Türken verübten Völkermorden an den Armeniern Aramäern, Griechen aus dem Pontos und den Zaza aus Dersim in Ostanatolien mündeten. In Band drei verglich sie die Phantasmen der türkischen Henker mit denen der Deutschen der Nazizeit, die zu Auschwitz führten. In Band vier untersucht sie den Nahostkonflikt.

Wolfgang Gust war Redakteur beim Wochenmagazin des Spiegels und hat zusammen mit seiner Frau Sigrid Gust und etwas später mit dem IT-Ingenieur Vagharshak Lalayan alle Akten des Auswärtigen Amtes bezüglich der Völkermorde für das armenocide.net digitalisiert. Für Genozidforscher eine große Erleichterung ihrer Arbeit.

Esther Schulz-Goldstein

Laudatio

für Herrn Wolfgang Gust zu seinem 80. Geburtstag, in die seine Ehefrau Sigrid Gust eingeschlossen wird.

Mit Ossips Mandelstams Büchern „Die Reise nach Armenien“ unterm Arm fuhr ich 1975 in das von ihm so wunderbar beschriebene Bergland im Kaukasus. Als ich in Ēǰmiajin die im damaligen Sowjetreich übriggebliebene Kirche des „Papstes der Armenier“ besichtigte, wurde ich mit den Mitgliedern meiner Reisegruppe von seinem Sekretär zur Audienz gebeten.

Es stellte sich sehr schnell heraus, dass wir die falsche Delegation waren, weil sie verwechselt worden war mit einer aus der Kraftwerkunion des damaligen Westberlin, die wegen der Turbinen für den Sewansee erwartet wurde. Ich jedoch kam aus Westberlin aus einer psychotherapeutischen Beratungsstelle, in der ich auf die Traumata der II. Generation von Schoah-Überlebenden gestoßen war. Nach der Klärung dieses Missverständnisses fragte ich den Katholikos Vasgen, ob es besondere Rituale gäbe, die die armenische Kirche als Verarbeitungshilfe des Völkermords entwickelt habe. Auf das Mahnmal in Zizernakaberd hinweisend empfahl er, dass ich als künftige Psychoanalytikerin mich für die psychischen Schäden der Armenier interessieren sollte.

Sie, Herr und Frau Gust, haben in den neunziger Jahren, im Wochenmagazin der Spiegel eine Serie über Armenien und seine Literatur veröffentlicht. Seither haben die Armenier Sie auch nicht mehr losgelassen. Im Jahre 2000 beschäftigte ich mich mit den psychischen Spätfolgen der Massaker in Kleinasien und klickte im Internet auf die Dokumentensammlung aus dem Archiv des Deutschen Auswärtigen Amts zum Thema Völkermord an den Armeniern. Innerhalb von Minuten hatte ich das im Computer, was ein guter Freund im gleichen Archiv mühsam abgeschrieben hatte und sich schon zu 1/10 auf meiner Festplatte befand. Welche Erleichterung der eigenen Arbeit in der Wirklichkeitsrekonstruktion der damaligen Geschehnisse und welche Möglichkeit, die Völkermordleugnung der Türken ad absurdum zu führen. Dafür danke ich Ihnen beiden. Ihre gesamten Veröffentlichungen ermöglichten mir die Frage, warum die Türken bei einer solchen Quellenlage den Völkermord so vehement verleugnen können, sodass die Welt der Wissenschaft nur noch den Kopf schütteln kann?

Sie führte mich zu der Antwort, dass ihre Leugnung einen unbewussten Wunsch erfüllt die ihre Wahrnehmungs- und Denkidentität beeinflusst. D. h. wenn eine Wahrnehmung – real oder nicht –oder innerhalb der Konstrukte, die das Kollektiv anbietet, Bilder produziert, in der der Wunsch platziert werden kann, so wird er wenigstens vorübergehend erfüllt. Dieser Vorgang ist vergleichbar der Wunscherfüllung im Traum, die seinen latenten Inhalt mit Hilfe der Zensur so umformt, dass er das Gewissen passieren kann.

Um das zu verdeutlichen möchte ich Phantasmen bezüglich des „Türke-Seins“ aufzeigen, die den Wunsch nach innerer Entlastung erfüllen. Denn die Wahrheit der Vergangenheit im Untergang des Osmanischen Reiches und in der Gründung der Türkei scheint für das Selbstbild der deutungsmächtigen Türken nicht aushaltbar zu sein, sodass sie sich in der Verleugnung des Genozids den Wunsch nach Entlastung von dieser furchtbaren Bürde erfüllten.

Dazu erfanden die damaligen Deutungsmächtigen Bilder, die diese Entlastung bewirken sollen. Hinzu kommt, dass es: „heute noch nicht üblich (ist), den gegenwärtigen sozialen und so auch den nationalen Habitus eines Volkes mit dessen ,Geschichte’, wie man es nennt, und besonders mit dessen Staatsentwicklung zu verknüpfen. … In Wirklichkeit aber sind die gegenwärtigen Probleme einer Gruppe entscheidend mitbestimmt durch ihr früheres Schicksal…“ Diese Überzeugung von Norbert Elias teile ich und deshalb stelle ich kurz die Geschichte des Antichristianismus im Desaster des Untergangs des Osmanischen Reiches dar. Ich tue dies unter dem Blickwinkel der Psychoanalyse als Theorie unbewusster Konflikte, die sich hinter der Genozidleugnung verbergen.

Die Lebensweise der „Ungläubigen“ wird von vielen in Anatolien des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts als relativ autonom und heterogen beschrieben.

Ich jedoch gehe davon aus, dass eine Reparatur des Narzissmus der Muslime in der Entwürdigung der „Ungläubigen“ angelegt war durch die Herrschaftspraxis des Islam im Dhimmitut. Letzterer ist Status der Nicht-Muslime unter islamischer Herrschaft. Dieser inferiore Status der Christen wurde uns von Bernhard Lewis in seinem Buch „Die Juden in der islamischen Welt“ folgendermaßen übermittelt: Weder du noch die Muslime an deiner Seite sollten die Ungläubigen als Kriegsbeute behandeln und sie (als Sklaven) verteilen … wenn du die Kopfsteuer erhebst, gibt dir das kein Anrecht auf sie und kein Recht über sie. Hast du dir überlegt, was für die Muslime nach uns bleiben wird, wenn wir die Ungläubigen gefangen nehmen und als Sklaven zuteilen würden? Bei Allah, die Muslime würden keinen Menschen finden, zu dem sie sprechen und aus dessen Arbeit sie Nutzen ziehen könnten. Die Muslime unserer Tage werden sich zeit ihres Lebens (von der Arbeit) dieser Leute ernähren, und nach unserem und ihrem Tod wird für unsere Söhne das gleiche getan von ihren Söhnen und so fort, denn sie sind Sklaven des Volkes der Gläubigen, solange die Religion des Islam vorherrschen wird. Deshalb erlege ihnen eine Kopfsteuer auf und versklave sie nicht und lasse es nicht zu, dass die Muslime sie unterdrücken oder ihnen Schaden zufügen oder sich über das Erlaubte hinaus an ihrem Eigentum vergehen, sondern halte dich getreulich an die Bedingungen, die du ihnen gewährst und an alles, was Du ihnen gestattet hast.”

In der Auflösung der Millets – d.h. der Selbstorganisation der Nichtmuslime – in der Verkündung einer Verfassung im 19. Jahrhundert bekamen alle Bürger gleiche Rechte. Damit war das Überlegenheitsphantasma der Muslime, über die Nichtmuslime, nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Verlust des Überlegenheitsgefühls über die Christen hätte zu einer Veränderung des Selbstbildes und der Wahrnehmungsidentität der Muslime führen können. Diese konnte erfolgreich abgewehrt werden, weil islamrechtlich die Gleichberechtigung ein grober Verstoß gegen die Anwendung der Rechtsdogmen der Scharia war. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich ein dem Antisemitismus vergleichbarer Antichristianismus.

In seiner Analyse verdeutlichte sich der tiefe abgrundhafte Hass im Antichristianismus vieler muslimischer Türken, der sich in den beginnenden Massakern 1885 an den Armeniern offenbarte. Ein Schreiber der Hohen Pforte in Istanbul 1886 notierte: „Die Armenier, seien besondere Wesen; um es offen zu sagen: eine schädliche Art von „nagenden Würmern”, die die Fundamente des Reiches untergraben. Wenn die Muselmanen die Armenier hart angefasst hätten, so sei das nur gerecht“. „Die Armenier seien notorisch raffgierige Wucherer, und die polnischen Juden“, schrieb er, „wirkten im Vergleich zu ihnen wie miserable Pfuscher“. „Der Hass, der die Muselmanen von den Armeniern trennt, hat keinen anderen Grund als diese maßlose Ausbeutung, die jener durch die Juden in Frankreich, England, Polen und Österreich-Ungarn gleicht. Die religiöse Frage hat damit nichts zu tun, dieser Kampf heißt in Europa Antisemitismus, in der Türkei heißt er die „Armenische Frage“ wie uns Philippe Videlier, in seiner „Türkische Nacht“ in Lettre übermittelte.

Er war sich seiner Argumentation so sicher, dass er den Europäern prophezeite, dass wenn eine ähnliche Bewegung sich in Europa wie im Osmanischen Reich mit den Jungtürken etabliere, „es wahrscheinlich keine Macht auf der Welt gibt, die die Ausrottung der Juden als gerechte Vergeltung für die seit hundert Jahren angehäuften Verbrechen verhindert“.

Der Hass aus dem gesellschaftlichen Unbewussten der Türken ausgelöst durch den Verlust ihrer Privilegien gegenüber den „Ungläubigen“ und die Angst vor dem Untergang des Osmanischen Reiches verwandelte sich in eine Tötungsbereitschaft gegenüber den Armeniern. Vor den Augen der muslimischen Bevölkerung war es in den Städten zum wirtschaftlichen Aufstieg der armenischen Dhimmis gekommen, während die Türken als Sunniten in der Bürokratie eines scheiternden Staates und dem inzwischen erfolglosen Militär und im Bauernstand ihre „Aufstiegschancen“ wahrnehmen durften. Man stelle sich vor, wie die ehemals inferioren christlichen Dhimmis mit dem von ihnen erwirtschafteten Reichtum ein Bildungsbürgertum etablierten und auf die, auf der Scholle festsitzenden Muslime blickten und umgekehrt.

Zwischen 1878 und dem Ersten Weltkrieg hat das Osmanische Reich 85 Prozent seines Territoriums und 75 Prozent seiner Bevölkerung verloren um Sie, Herr Gust, zitieren zu dürfen.

Diese Tatsache stellte eine ungeheure Entwertung des muslimischen Herrenmenschenhabitus dar. Diese Entwertungserfahrung machten Sie in den veröffentlichten Aktenstücken aus dem Jahre 1909 für die von Muslimen angesteckten und geplünderten armenischen Dörfer und armenische Landgüter der Öffentlichkeit zugänglich: Konsul Tischendorf teilte mit, dass die Stimmung zwischen der mohammedanischen und armenischen Bevölkerung in der Umgegend von Alexandrette eine sehr gereizte sei, hervorgerufen durch das hochfahrende und anmaßende Benehmen der Armenier, und dass er Äußerungen von Mohammedanern vernommen habe, dass wenn die Armenier ihr Benehmen nicht ändern würden, keiner derselben am Leben gelassen werden würde.

Zusätzlich zur Entwertung kommt die Tatsache, dass die türkischen Eliten ihr einstürzendes Osmanisches Reich paranoid verarbeiteten. Sie erblickten in jeder Hand eines Armeniers einen Dolch, der den Rücken eines Türken zu suchen schien und begannen in ihrem Wunsch nach einer homogenen sunnitischen Türkei, die Christen Kleinasiens zu ermorden.

Zum tragischen Symbol dieses Zeitraums wurden die Armenier, weil die in ihrem Völkermord gemetzelten Aramäer und Griechen unter die „Armenische Frage“ subsummiert wurden. „Wenn die Türken sich selbst als den Phönix sehen, der aus der osmanischen Asche emporgestiegen ist, so stellen die Armenier die nicht willkommenen Spuren dieser Asche dar“, meint Taner Akcam ein Genozidforscher aus Amerika. Sie sind deshalb eine so unwillkommene Spur, weil in der Türkei die Schamkultur herrscht. Dominiert das psychische Scham- und nicht das Schuldsystem der Menschen innerhalb einer Gesellschaft, dann wird alles, was ein gutes Selbstbild eintrüben könnte, verleugnet, projiziert oder abgespalten, und ins gesellschaftliche Unbewusste verdrängt.

Auf diese Weise, Herr und Frau Gust, erschufen sich die Türken eine glorreiche Vergangenheit, die von keiner Blutspur durchzogen zu sein scheint. Dabei half eine nationale Identitätskonstruktion, die genozidale Vergangenheit ins gesellschaftliche Unbewusste der Türken zu verdrängen. Diese Identitätskonstruktion begann auf einer Tagung der türkischen Vereine, geleitet von Frau Afet, der Adoptivtochter Kemal Ata-Türks, am 23. April 1930.

Satzungsgemäß in §2 und 3 definierten sie sich als Bewusstseinsproduzenten über das „Türken-Sein“. Als politische Institution wollten sie das Selbstbewusstsein ihres durch den Untergang des Osmanischen Reiches schwer gebeutelten Volkes reparieren und verordneten als Therapeutikum eine gänzlich neue Theorie über das „Türke-Sein“.

Die Aktenstücke machen verständlich, dass die Türken ein neues Geschichtsbild brauchten. Die akademisch verbrämten Weihen in den „Türkischen Geschichtsthesen“, sind einer Selbstidealisierung geschuldet, die innerpsychisch scheinbar Not-wendig wurde. Es gründete sich auf der Tagung der Türkischen Vereine der Ausschuss zur Untersuchung dertürkischen Geschichte mit dem Zweck, die türkische Geschichte und Zivilisation mit wissenschaftlichen Methoden aufzuwerten. Das Prozedere war wie üblich, und seine 16 Mitglieder bildeten zugleich den Kern der noch heute existierenden Gesellschaft für türkische Geschichte.

Von Interesse ist noch, dass ein Großteil der Mitglieder des Ausschusses aus Parlamentsabgeordneten bestand, die zu dieser Zeit ‚par ordre du mufti’ von Mustafa Kemal zu Abgeordneten berufen wurden und mit dem Weltbild des Partei- und Staatschefs übereinstimmten. Deshalb repetierten sie die Auffassungen Mustafa Kemals von 1927 über das „Türke-Sein“, das er in seiner 7 Tage währenden Rede als Hobbyhistoriker mit frei flottierenden Größenwahn verkündet hatte.

Familie Gust, wir müssen festhalten, dass sich die türkische Geschichtsschreibung damals dem Weltbild Mustafa Kemals, dem späteren Atatürk, unterwarf. Wie die Kemalisten es geschafft haben, den in den Aktenstücken so gut dokumentierten Völkermord an den Armeniern in das gesellschaftliche Unbewusste der neuen Republik zu verdrängen, lehrt uns ihre neue Geschichtsschreibung. Dabei half der Ausschuss, als er Ende 1930 Die Grundzüge der türkischen Geschichte veröffentlichte. In dem 606 Seiten zählenden Buch nahmen die türkischen Geschichtsthesen Konturen an, die wie folgt zusammengefasst waren: „Von den früheren Zeiten der Geschichte an fanden aufgrund von Trockenheit und wirtschaftlicher Ursachen Wanderbewegung aus Zentralasien in Richtung Osten, Westen und Süden statt. Die Wanderer waren brachyzephalen und alpinen Typus’ und sprachen türkisch. Im Gepäck hatten sie eine fortgeschrittene Zivilisation. Sie, die Türken, waren es auch, die die Zivilisation in Mesopotamien, Ägypten, Anatolien, China, Kreta, Indien, Ägäis und Rom errichteten. Bei der Schaffung, Entwicklung und Verbreitung von Kulturen auf der Welt spielten diese türkisch sprechenden Menschen die Hauptrolle“.

Wie diese Thesen doch die eigenen Wurzeln vergolden, denn es gab in der damaligen Zeit keine Wanderer, sondern nur umherziehende Nomaden. Auch kommen die fortgeschrittenen Zivilisationen aus den Städten und nicht aus einem Nomadenzelt, doch das ist noch harmlos. Schwieriger wurde es mit den Verbrechen im Völkermord. Sie waren so unsagbar groß, dass sie hinter einer unsagbar großen Kulturleistung verborgen werden mussten. Hier wirkt ein psychischer Abwehrmechanismus,in der die Konstrukteure dieser Thesen unerträgliche affektive Bedeutungsinhalte in ihr Gegenteil verkehren. Damit sind sie ausgepolstert von den psychischen Abwehrmechanismen, im Besonderen der des ungeschehen Machens: Deshalb wirkt der Vortrag der Thesen wie ein magisches Abwehr Ritual, das den vom „Crimen Magnum“ ausgelösten Schamkonflikt verdecken muss. Konkret beseitigen die Geschichtsthesen vorangegangene Mordgedanken mit edlen Gedanken und kultivierten Handlungen.

In der Überschrift „Warum wurde dieses Buch verfasst?“ diktierte der Zeitgeist u. a. den Begriff einer Rasse:„Die türkische Rasse, die die größten historischen Strömungen herbeigeführt hat, hat, verglichen mit anderen Rassen, am meisten ihre Identität bewahren können. In den weiten Gebieten, die sie während ihrer Geschichte besetzt hat, sowie in Grenzgebieten hat sie die hier ansässigen Nachbarrassen geschützt. Da bei diesem Nachbarschaftsverhältnis im Hauptsächlichen kulturelle Beziehungen geknüpft wurden, hat sie ihre rassischen Besonderheiten bewahren können. Später jedoch integrierten sie sich in einige Mehrheitsgemeinschaften, sodass sie ihre Namen und Sprache nicht vor dem Verlust rettenkonnten. Die Sprache als das stärkste Geistesprodukt ging verloren“.

Auch hier ist die Verkehrung ins Gegenteil am Werke, denn die Türken hatten ihre Identität verloren, weil kaum ein Mensch in Anatolien des Jahres 1916 wusste, was ein Türke ist und in der Schule erstmals türkisch unterrichtet wurde. (…) „Wie man sieht, hat die türkische Rasse in der Geschichte stets eine Einheit dargestellt. Mit ihrer offenkundig organischen Eigenschaft, Sprachkultur und gemeinsamen Vergangenheit bildete sie eine große Gemeinschaft, die der heutigen Definition über die Nation entspricht. Es ist eine große Ehre, die vielen der gegenwärtigen Gesellschaften nicht zuteilwird, solch eine große Rasse auch als eine Nation zu erleben.“

Die Begriffe der Ehre, Gemeinschaft und Einheit werden hier wie ein Container benutzt. Sie bergen, die in ihr Gegenteil verkehrten gefürchteten, peinlichen und unangenehmen inneren Antworten auf die zerbrochene Außenwelt, die zerbrochenen Beziehungen, den zerbrochenen Lebensentwurf als hungernder Flüchtling in Istanbul.

Die daraus resultierenden Konflikte oder Wünsche werden auf die vielen gegenwärtigen Gesellschaften projiziert – die damit ehrlos werden, ohne dass die Kommission merkt, dass sie sich selbst beschreibt. All dies geschieht unbewusst, d.h. im Unbewussten laufen seelische Vorgänge ab, von denen man keine direkte Kenntnis gewinnt, die man nicht in voller Bewusstseinshelle registriert oder kritisch hinterfragen kann. Der Wunsch nach Entlastung von einer großen Schande steuert diese innerseelischen Prozesse.

Aussagen über vorgeschichtliche Epochen werden gemacht, für die keine Quellen angegeben werden. Sie bezeugen eine Selbstbesoffenheit, die naturgemäß von keiner Realitätsprüfung eingeschränkt wird. Auf diese Weise dienen die Geschichtsthesen als Heiligungsrezept für die Nation.

Der zweite Abschnitt ist wie folgt zusammengefasst:„Die türkische Rasse, die die größten historischen Strömungen herbeigeführt hat, hat am meisten ihre Identität bewahrt. Die gegenwärtig denkende Menschheit kann bei der Erklärung ihrer dunklen und rätselhaften Seiten nicht umhin, die türkische Rasse in den Mittelpunkt zu rücken. (…) Unsere These beabsichtigt keine Geringschätzung oder Verachtung irgendeiner anderen Rasse oder Nation“.

Lieber Herr und Frau Gust, dass die Türken sich zu Kreatoren der Zivilisation der Menschheit stilisieren, ist auf dem Hintergrund des Völkermordes verstehbar. Wir können jedoch ihre Geschichtsschöpfungen gleich eines magischen Gegenzaubers zum Völkermord deuten. Diese dunkle Seite oder ihr Schatten bringen sie projektiv in der Menschheit unter, damit diese sie modellgleich in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stellen können. Zusätzlich wird der Verlust der türkischen Identität, während des 600 Jahre dauernden Osmanischen Reiches, durch die Selbstverliebtheit in die eigene Ethnie als ungeschehen erklärt.

Das Gleiche gilt auch für den Völkermord im folgenden Satz in den Grundzügen der türkischen Geschichte: „Die Liebe zur eigenen Nation und Respekt vor anderen Personen und Existenzen, das ist die Losung des Türken.“

Im dritten Abschnitt des Buches wird ein Selbstbild der Türken aus den Ländern China, Indien, über Ägypten, Anatolien, der Ägäis, Italien mit den Etruskern, dem Iran, Zentralasien über die Chaldäer, Elamiden und Assyrer extrapoliert, indem sie verkünden, dass deren Zivilisation und Kultur ursprünglich von ihnen erschaffen wurde. Auf diese Weise seien die Zivilisationen in China, Indien, Mesopotamien, Ägypten, Ägäis, Italien, Anatolien und Iran entstanden und von den dortigen Völkern weiterentwickelt worden.

Ein solches Geschichtsbild ist Ausdruck einer schweren Regression, in der es zu einer Wiederbelebung von Denkfiguren aus kindlichen Zeiten kommt. In ihnen hängte der Vater als Supermann auch schon mal den Mond an den Himmel, und auf diese Weise haben die türkischen Supermänner alle Kulturen der Welt erschaffen, in denen es harmonischer, vertrauter, und gemütvoller zugegangen ist.

In dem Kapitel der Betrachtung der türkischen Kulturgeschichte in Zentralasien geht es jedoch um die eigenen Wurzeln: Die Geschichte der türkischen Rasse ist ein Resultat der geografischen Bedingungen Zentralasiens. Die Vertrocknung dieses Gebietes hat für das historische Schicksal der türkischen Rasse zu einigen wichtigen Konsequenzen geführt:
1.   „Ein Teil wurde gezwungenermaßen zu Nomaden. So wurde das Nomadentum zu einer Notwendigkeit. Unter günstigen klimatischen Bedingungen zeigten die Türken niemals eine Neigung zu Nomadentum.
2.   Die Tatsache, dass das Land teilweise zur Steppe wurde, teilte die Türken in zwei Gruppen, die sich in lebenswichtigen wirtschaftlichen Interessen voneinander unterschieden.
3.   Die schwierigen Lebensbedingungen auf den Steppen und das im Gegensatz dazu stehende Bevölkerungswachstum der Türken führte zu der Tendenz, in Richtung Westen und Süden zu ziehen und so neue Heimatgebiete zu suchen.
4.   Für Wanderbewegungen musste man organisiert sein. Auf diese Weise entstand bei den Türken Militär- und Ordnungsgeist. Das Bedürfnis nach Ordnung verwandelte die Türken zu einer staatstreuen Nation.
5.   Während der Eroberungszüge in Richtung Westen und Süden stellten die Steppentürken die vor ihnen liegenden fruchtbaren türkischen Ländereien unter ihren Gehorsam.
6.   Sie zwangen andere Bevölkerungen zur Teilnahme an diesen Eroberungszügen. Für den Erfolg war es nötig, auch von technischen Kenntnissen und Fertigkeiten der bereits kultivierten Türken zu lernen.
7.   So sah sich die fruchtbare türkische Zivilisation den wellenartigen Zügen der aus dem Norden kommenden Türken ausgesetzt“.

Nun, lieber Herr und Frau Gust, wir wissen aus der persischen Literatur von Firdausi und von den Orchoninschriften, dass die Türken ursprünglich Nomaden waren. Ein daraus sich entwickelnder Ordnungsgeist der Organisation einer Wanderbewegung entstammend, zeugt vom Unverständnis des Schreibers. Denn reichhaltige Viehweiden bestimmte das Nomadenleben und nicht ein abstraktes Ordnungsprinzip.

Da nach den türkischen Geschichtsthesen die Türken die Quelle aller Kulturen und Zivilisationen auf der Welt sind und alle Welt eigentlich türkischen Ursprungs ist, mussten die Türken selbst bei der Eroberung Armeniens „türkische Ländereien” besetzen. Wenn wir die alten Landkarten betrachten, sehen wir, das Ostanatolien das ursprüngliche Armenien ist. Dass sie Armenien zu türkischen Ländereien erklären, ist wiederum der Abwehr geschuldet. Sie radiert aus, dass einst Armenier dort gelebt haben, aber da, wo keine Armenier gelebt haben, können auch keine umgebracht worden sein.

Lieber Herr und liebe Frau Gust, wir sehen den Wunsch, ein edler, kultivierter, rücksichtsvoller, ordnungsliebender, staatstreuer, gehorsamer und ritterliche Türke zu sein, hat sich im neuen „Türke-Sein“ durchgesetzt, weil die türkische Massenregression im Dienste der Abwehr von Schuldgefühlen den Verstand und die Realitätsprüfung auf der Strecke ließen.

In jeder Nationen-Werdung sind vergleichbare Konstrukte zu finden. Schauen doch auch andere Völker, peinlich berührt, in die Kinderstube ihrer Nation, in denen es auch größenwahnsinnige Entgleisungen gab. Doch diese Entgleisungen haben die Völker in Europa überwunden, nur die Türken konnten mit ihrer institutionell abgesicherten Regression in der Militärdiktatur eine realitätsprüfende Selbsthistorisierung nicht erreichen.

Lieber Herr und Frau Gust, deshalb schlief der größenwahnsinnige Gestus, – in jeden Hinterhof Kreuzbergs einmal am Tag zu hören- dass „ein Türke mehr wert sei als tausend andere Menschen“, nicht ein.

Wenn sie die Website aus dem Jahre 2001 der türkischen Botschaft betrachten, dann stoßen sie in ihrer Selbstdarstellung auf eine 80 Jahre währende narzisstische Verzückung. Unter anderem werden dort die Türken als „ein 4000 Jahre altes Volk mit einer glänzenden Geschichte“ bezeichnet.

Man kann darüber streiten, ob sich hier nicht unbewusst die Pinkelolympiaden kleiner Jungens in den Text vorgedrängt haben. Es fehlen einfach 2600 Jahre, die dokumentarisch nicht belegt werden können, denn die heutigen Ursprünge der Türken lassen sich bis zum 6. Jahrhundert n u.Z. zurückverfolgen. In chinesischen Quellen tauchen die „T`u-küe” im Jahre 532 n.u.Z. das erste Mal auf.

Weiter heißt es auf der Website: „[…] Der türkische Gelehrte Ebu Reyhan el-Bīrūni machte diese Periode zu einer der wichtigen innerhalb der islamischen Kulturgeschichte und schrieb in dieser Zeit (1009) durch den Poeten Firdevsi das berühmte Werk Tehname.“

Abu I-Qasim Mansur Firdausi lebte um 940 in Tos bei Chorasan und später bis 1021 unter der Herrschaft der Buyiden, einem iranischen Herrschergeschlecht, deren Nachkommen die Zaza in Ostanatolien unter Befehl Atatürks 1937/38 in einem vierten Völkermord der Türken auszurotten versucht wurde.

Die persische Sprache war bereits seit dem 9. Jahrhundert zur dominierenden Kultursprache der Region geworden. Dazu gehört als eindrucksvolles Beispiel seine „Schahnama“. Es ist das persische Nationalepos mit 60.000 Doppelversen und das bedeutendste mittelpersische Werk. Firdausi ist unter dem Schutz der buyidischen Dynastie, als Retter der persischen Kultur, zum Retter der iranischen Sprache geworden. Er schreibt in einem Epos: „Im immerwährenden Kampf gegen den Erzfeind Turan kämpfen Heldengestalten unter Einsatz ihres eigenen Lebens für ihr Land.“

Sundermann übersetzte ins Deutsche:

Da lachte Nariman: Was schreist Du wie ein Narr?
Nicht Prahlerei gilt hier, hier gilt nur Kampfgeschick.
Ich werde Dein Gehirn, du Wicht von einem Feind
den Geiern in der Wüste werfen, vor zum Fraß.
Der Pfeil fand seinen Weg und schoss genau ins Ziel.
Er traf des Türken Haupt, der tot zu Boden fiel.

Nach dieser Faktenlage ist es zulässig zu behaupten, dass die Türkischen Geschichtsthesen die Selbstdarstellung der türkischen Botschaft beeinflussten, als sie den persischen Schriftsteller Firdausi und den persischen Wissenschaftlers El Bīrūni türkten. Dass das türkische Konsulat sich im Jahre 2001 auf eine Quelle bezog, in der die Türken als Inbegriff des dummen und großmäuligen Feindes gekennzeichnet werden, lässt vermuten, dass sie das Nationalepos nicht kennen.

Liebe Familie Gust, die türkische Botschaft offenbarte weiter ihr besonderes Geschichtsverständnis:

Die Herrschaft der Gökturken wurde im Jahre 745 durch die Uyguren beendet, die demselben ethnischen Stamm entsprangen. Auf diese Weise zerstreuten sich all jene Türken, die unter dem Banner der Gökturken zusammenströmten, unter dem der Uyguren. Das landwirtschaftliche Becken, in dem sie lebten, wurde als Turkestan bekannt. Im Jahre 1229 beendeten die Mongolen die Herrschaft der Uyguren; jedoch wurden die Uyguren ihre kulturellen und politischen Mentoren.

Der große Orientalist Joseph Hammer Purgstall schrieb in seiner „Geschichte des Osmanischen Reiches auf Seite 51, über das Jahr 1229.” Als Dschengis – Chan verheerend in das Land jenseits und diesseits des Oxus einfiel, flüchteten die Gelehrten aus den rauchenden Trümmern ihrer Bibliotheken und Akademien nach dem äußersten Westen Asiens zu Keikobad, bey ihm den Unterstand und Schutz suchend, den ihnen Chuaresm – Schah nicht mehr gewähren konnte, und die Literatur wanderte von den Ufern des Oxus an die des Ionischen Meer aus…

Martin – zitiert nach Gunnar Heinsohn, in seinem „Lexikon der Völkermorde“- beschreibt den Vorgang so: „In diesem Eroberungskrieg von Dschingis Khan spricht die Geschichtswissenschaft von 10 bis 15 Millionen Ermordeten… Seine Regel, nach einem Sieg niemals einen Feind in seinem Rücken zu belassen, führt zu einer ungeheuren Ausmordung auf seinem Einigungs- und Eroberungszug. Die Eliten der Gegner – und vormaligen Alliierten – wurden grundsätzlich umgebracht“.

Dass die Elite der Uyguren beim türkischen Botschafter 2001 zu den politischen und kulturellen Mentoren des Volkes seiner Mörder aufsteigen kann, geht auf das Konto der Verkehrung in ein Gegenteil und die Verwandlung des Türken in ein Opfer. Denn in der Wiederkehr des Verdrängten verwandeln sich die Opfer in einer Verschiebung in geistig Überlegene, was die Armenier auf Grund ihres Bildungsgrads ja auch waren. Gleichzeitig wird in der Darstellung der Botschaft die moralische Erbärmlichkeit der Täter in ihrer Grausamkeitsarbeit verharmlost.

Das bis dahin existierende Geschichtsbild in der Selbstdarstellung der türkischen Botschaft in Berlin verdeutlicht, dass die Türken den Zugang zur eigenen Geschichte verloren haben. Deshalb bietet Ihre Arbeit, Herr und Frau Gust, einen realistischen, wenn auch beschämenden Zugang, weil mit dem osmanischen Sprachentod der Weg zu den eigenen Wurzeln nicht mehr gefunden werden kann.

Dieser Sprachentod, seit der Sprachreform 1928, vom türkischen Militär überwacht, stand im Dienste der Verleugnung der Grausamkeitsarbeit der Hamidiye-Regimenter im Völkermord. Doch auch im – in Ankara entwickelten – Curriculum für den muttersprachlichen Unterricht türkischer Kinder in Berlin Kreuzberg oder Bottrop dominieren Grandiositätsphantasmen noch heute. Sie lernen, dass der große Sultan, den Griechen, den Bulgaren, Serben und Ungarn ein Land schenkte, als ob es keine Balkankriege, keinen Wiener Kongress, kein zusammengebrochenes Osmanisches Reich, keine Völkermorde und keinen verjagten Sultan gegeben hätte.

Deshalb konnte Präsident Erdogan unlängst einer staunenden Welt verkünden, dass die Türken die Entdecker Amerikas seien. Er bezog sich dabei auf den Kartographen Piri Reis, der 1521 eine Karte der Welt anfertigte, die das auf osmanisch beschriftete Kartenmaterial über Südamerika, das „Cülümbüs“ auf seiner Fahrt benutzte, mit einbezog. Diese hatte sein Vater als Pirat in einem geenterten Schiff des „Entdeckers Amerikas“ gefunden. Man könnte einfach sagen, dass der Stichwortgeber des Präsidenten der Türkei einen Bock geschossen hat. Jedoch der Präsident als reinkarnierter Sultan und damit „Beherrscher der Welt“ sich vorführend, konnte dies nicht kritisch hinterfragen, als er die türkische Entdeckung der „Neuen Welt“ verkündete, weil er in der Schule lernte und deshalb davon überzeugt ist, dass alle entscheidenden Kulturleistungen türkischen Ursprungs seien.

Die Türkei macht sich auf diese Weise in der Welt ungeheuer lächerlich und beschämt ihre eigenen Bürger. Deshalb ist die Arbeit über den Völkermord an den Armeniern von Ihnen, Wolfgang und Sigrid Gust, so kostbar. Weil die Aktenstücke des Auswärtigen Amtes – inzwischen auf Türkisch erschienen –, von den Türken selbst gelesen werden können. Auf diese Weise kann die entsetzliche Blutspur des eigenen Volkes in den psychischen Haushalt integriert werden, und deren Verleugnung mit all den daraus resultierenden Kuriositäten aufgegeben werden. Damit können die Türken sich von den von mir dargestellten Phantasmen befreien, und Ihre Arbeit kann ihnen dabei behilflich sein.Auch die Großmütter helfen dabei, wenn sie auf ihrem Totenbett den Enkeln ihre armenische Identität offenbaren. Beide brauchen diese Wahrheit. Sie brauchen sie deshalb, weil das Trauma ihrer Großmütter unbewusst weitergegeben auch in ihrer Psyche haust und so tragen sie die Unerträglichkeit eines Völkermords in sich, der in der türkischen Gesellschaft geleugnet wird. Diese Leugnung stigmatisierte sie zu Verrückten. Dieser innerpsychische Spagat zwischen dem Gefühl der Minderwertigkeit, ohne Lebensrecht existieren zu müssen, und dem Grandiositätswahn in der Identitätspolitik der Kemalisten konnte von den Nachkommen der über einhunderttausend Großmütter nur neurotisch verarbeitet werden. Derzeit entsteht in der türkischen Gesellschaft ein schmerzlicher Prozess, an Stelle des alten Schmerzes. Er dient jedoch diesmal der Heilung der Spannung zwischen einer transgenerationell unbewusst weiter gegebenen armenischen, aramäischen und griechischen Identität und dem Konstrukt aus der türkischen Identitätspolitik. Dazu haben Sie, Wolfgang und Sigrid Gust, beigetragen und es wird ihnen gedankt werden, dass sie das ermöglicht haben.

Die Aktenstücke zu lesen war für mich schauderhaft, weil sie mich traumatisierten, mir bis heute den Schlaf rauben und mich bis in die Träume verfolgten. Ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen nicht leichter von der Hand gegangen ist, sie zu lesen, um sie in den Einführungen zu den Aktenstücken richtig einordnen zu können. In diesen Abgrund der Barbarei zu schauen, verletzt die eigene Seele. Trotzdem diese Unterlagen der Forschung zugänglich gemacht zu haben, ist Ihr großer Verdienst. Denn sie erleichtern das Ringen um Anerkennung der armenischen Katastrophe als Völkermord. In der Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes aus dem Jahre 1948 wurde Völkermord als eigenständiges Verbrechenskategorie eingeführt und damit verkündet, dass jedes Volk ein Lebensrecht besitzt. Sie haben entschieden, dass Völkermord ein so großes Verbrechen ist, dass es die Weltgemeinschaft zwinge, das bedrohte Lebensrecht eines Volkes zu verteidigen. Die Deutschen als Verbündete, die Franzosen, die Italiener, die Engländer als Besatzungsmächte im Rumpfland der Osmanen, wie aus den von Ihnen digitalisierten Unterlagen des Auswärtigen Amtes hervorgeht, haben zugelassen, dass im Osmanischen Reich und in der Türkischen Republik Völkermorde geschahen. Damit konnten die Völker sich mit der genozidalen Politik in der türkischen Nationenwerdung identifizieren. Sie sind heute – moralisch durch die Konvention – gezwungen, die Verbrechen als Völkermord anzuerkennen. Sie müssen es deshalb tun, weil die Konvention keine Gültigkeit für die Zeit des Völkermordes an den Armeniern haben kann. Deshalb müssen die Parlamente der nationalen Gruppen das Lebensrecht der Armenier in der Anerkennung als Völkermord den Nachfahren zurückgeben. Die deutschen Parlamentarier verwiesen zwar 2005 in ihrer Resolution auf „zahlreiche unabhängige Historiker, Parlamente und internationale Organisationen, die Vertreibung und Vernichtung der Armenier als Völkermord“ bezeichnen, lehnten es aber selbst ab, ihn als solchen anzuerkennen.

Sie haben sich, vermutlich in Unkenntnis der Brisanz des Lebensrechts der Armenier, das sich hinter der Anerkennung verbirgt, Verhandlungsmöglichkeiten mit der türkischen Regierung nicht erschweren wollen. Für die Armenier ist ihr Lebensrecht nicht verhandelbar. Solange sie dies von den Nationen nicht gespiegelt bekommen, müssen sie fürchten, dass sich diese Geschehnisse wiederholen. Alle Völker, die das Lebensrecht durch die Anerkennung der armenischen Katastrophe als Völkermord nicht zurückgeben, binden die Nachkommen der Überlebenden zwanghaft an eine quälende Vergangenheit.

Jedoch haben Sie, Wolfgang und Sigrid Gust, diesen zwanghaften Mechanismus zumindest für die Deutschen mit Ihrem Lebenswerk durchbrochen. Dafür danke nicht nur ich Ihnen.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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