Die kleine große Welt (9)

Monika Wrzosek-Müller

Gaeta, Sperlonga,Terracina; die alten und neuen Römer

Irgendwann dachten sie, jetzt müssten sie doch ihre Reiseziele etwas verändern; nein, nicht gleich in die norwegischen Fjorde, in die schöne Kälte, aber doch Apulien vielleicht für einen Moment verlassen und trotzdem im geliebten Italien bleiben. Da kam ihnen ihr italienisch-deutsches Tandem im richtigen Moment zu Hilfe; man trifft sich und spricht abwechselnd Deutsch und Italienisch. Es war eine junge, bezaubernde Italienerin, zwar ausgerechnet aus Apulien, die aber längere Zeit in Rom, Barcelona, Neapel, New York und wo nicht noch gelebt hatte. Sie erzählte ihr, immer auf Italienisch, wahrscheinlich hatte sie von dem Tandem weniger profitiert, dass es eine wunderschöne, ausländerfreie, italienische Küste noch in Latium gäbe, mit langen Sandstränden, mit einer wunderschönen Vegetation, die schon mehr neapolitanisch als römisch wäre, mit einem weißen, perfekt renovierten, alten Städtchen Sperlonga auf dem halben Weg zwischen Rom und Neapel, in dem die Eltern ihres Freunds ein Hausbesaßen, in dem sie viele Wochen verbracht hätte.

Nach längerem Suchen fand sie dann ein Feriendomizil für uns, direkt an der steilen Küste, nahe beider kleinen Stadt Gaeta, die nicht so herausgeputzt und getüncht und schick war, dafür aber reich an echten einheimischen Festivitäten und Bräuchen. Eine verrückte Stadt mit einer großen Marina, einem großen Fischerhafen, einem echten Fischmarkt; mit Gassen, die an Neapel, das spanisches Viertel, erinnerten, wo die Wäscheleinen von Fenster zu Fenster und auch auf die gegenüberliegende Seite gespannt wurden und schöne Tischdecken und weniger schöne Unterhemden, allerlei Unterhosen im Wind baumelten; mit einer großen amerikanischen Navy-Basis, ganz in grau auch die Schiffe, sehr ernst und sehr Italien-fremd, die mit Stacheldraht und hohem Zaun umgeben; mit einer pittoresken Altstadt oben hin zur mittelalterlichen Burg, mit einem Park auf dem Monte Orlando auf dessen Spitze ein römisches Mausoleum steht; mit schönen Stränden und Grotten in den Felsen, die nur vom Meer aus zu erreichen waren; mit malerischem Hinterland: Hügel, Berge und tiefe Buchten, bei denen man nicht ersehen konnte, wo das Meer aufgehörte und das Land anfing; mit kleinen Inseln und auch größeren, die bei klarem Licht wunderbar thronend auf dem Wasser zu sehen waren, übrigens von allen drei Städten gleich gut.

Der E-Mail Verkehr mit dem Hausbesitzer war irritierend; noch nie hatte ein Italiener auf ihr Italienisch in Englisch geantwortet, knapp und fast unfreundlich, sehr von oben herab. Das begleitete sie in dem Urlaub schon ein bisschen; es gab keine Gespräche im Café, keine Freundlichkeiten und Nettigkeiten. Das salve wurde meistens schnell im Vorbeigehen hingeworfen, immer in Eile oder sie vortäuschend, halt beschäftigt in jeder Lebenslage. Dafür wurde der Müll sortiert, die Straßen waren sauber, Infrastruktur überall vorhanden.

Die Römer, stellte sie fest, kümmerten sich wenig um ihre Baudenkmäler, die alten Städte, die Städtchen waren meist vernachlässigt, vielleicht hatten sie einfach davon zu viel, zu wertvoll war ihnen ihre Zeit; auch wenn sie wunderschön waren, wie Terracina, wo man mit dem Blick auf die Reste vom römischen Kapitol auf dem original antiken Marmorpflaster, dem römischen Forum saß, umgeben von der zerfallenden mittelalterlichen Altstadt, bei der die alten Quadern der römischen Bauten als Unterbau für wackelige kleine Häuschen dienten, sie waren eben nicht Jahrtausende Alt sondern nur Jahrhunderte. Das Städtchen war voll von altertümlichen Preziosen und doch ganz natürlich, von Touristen fast vergessen. Das Leben ging langsam, der Kaffee wurde bedächtig serviert. Der Duomo, auch auf den Fundamenten eines alten römischen Tempels gebaut, mit wunderschönen Mosaiken und Fresken, meistens geschlossen. Das Leben ging seinem Rhythmus und nicht dem der Touristen nach. Ein Wunder, dachte sie, dass in dieser Stadt 1988 Polts Komödie „Man spricht deutsh“ gedreht worden war, wo sind denn der Rummel und die Deutschen geblieben?

In Terracina schiebt sich eine Bergkette direkt bis an die Küste vor, so dass sich die römische Via Appiaan einem Felsen ganz nahe am Wasser vorbei zwängen musste; die Stadt selbst erstreckte sich von 0 bis auf 864 Meter über dem Meer aufwärts. Ganz oben auf einem Berg mit einer atemberaubenden Aussicht auf die ganze Pontinische Ebene, mit dem Monte San Felice Circeo und den Inseln am Horizont auf der einen und den Felsen von Gaeta auf der anderen Seite, steht ein Tempel, eine Tempelanlage aus der vorrömischen Zeit, die aber von den antiken Römern auch benutzt wurde. Die Anlage ähnelt einer friedlichen Festung auf riesigem Areal, inmitten von Olivenhainen mit unheimlichen sakralen Bauten, die keinerlei Assoziationen in ihr weckten, nur von der Größe einer Kultur zeugten, die in ihren Dimensionen vielleicht der des antiken Rom glich. Auch wenn man sich für die antiken Kulturen und Völker wenig begeisterte, war der Ausblick einmalig.

Sie saßen mehrmals auf der kleinen Piazza, der mittleren Ebene von Terracina und hörten sich die schnellen und lauten Gespräche der Einheimischen zu, an der Bar, an den Treppen zur Kirche; manchmal verstanden sie nicht alles; es wurde im römischen Dialekt gesprochen. Kluge Untersuchungen der Linguisten haben ergeben, dass in Terracina das Verbreitungsgebiet des römischen Dialekts endete, doch in jüngster Zeit scheint eben auch noch der südlicher gelegene Ort Sperlonga von wohlhabenden, etwas versnobten, schönen und überkultivierten Römer bevölkert.

Wenn man die antike Villa von Kaiser Tiberius am Rand von Sperlonga besichtigt, kann man sich gut vorstellen, wie die reichen Römer ihrer Zeit gelebt haben. So eine Villa funktionierte eigentlich wie eine Art Farm, man musste autark sein, unabhängig und selbstgenügsam und das waren alle antiken Villen. Sie unterhielten Teiche mit Zierfischen, aber auch mit Karpfen, die sie essen konnten. Sie züchteten Schafe und Ziegen, hatten Oliven und Wein und natürlich Brunnen mit gutem Wasser aus den Bergen und für ihre Feste Grotten, wo es selbst bei größter Hitze im Sommer angenehm kühl war. In der Grotte der Tiberius-Villa sollen orgiastische Feste organisiert worden sein, die denen von dem ehemaligen Premier von Italien in nichts nachstanden. Daher kommt auch von dem Ortsnamen Sperlonga das deutsche Wort „Spelunke“. Während der Ausgrabungen fand man überdimensionale Skulpturen von Odysseus, der gegen Meeresungeheuer kämpft; sie werden dem Bildhauer Polydorosaus Rhodos und seinen Brüdern zugeschrieben, die auch die Laokoon Gruppe geschaffen haben sollen. Die antiken Römer mochten es eben übertrieben, alles war übergroß, ungewöhnlich und prachtvoll. Wie lange brauchte man eigentlich von Rom bis zu diesen Orten am Meer; kamen sie für ein Wochenende und kehrten dann nach Rom zurück? Die Straßen waren mit Steinen gepflastert, es gab die Via Appia und die Via Flacca; oder sie kamen per Schiff, die Küste entlang von Ostia; ein kleiner Hafen wurde an der Villa ebenfalls angelegt. Heute fährt der Zug aus Rom nach Gaeta eineinhalb Stunden, die Römer kommen immer noch für ein Wochenende dahin.

Sie saßen auf der Hauptpiazza von Sperlonga, oben in der Festung, mit vielen Cafés und Restaurants; inmitten von Italienern, meistens Römer, abgesehen von ein paar verlorenen Russen, die es komischerweise mit Busladungen in die Gegend verschlagen hat. Hinten ragten die kahlen, hohen Berge auf, etwas mehr unten gab es Pinienwälder, mit einem frischen Grün, wie es Teeplantagen haben. Sie hörten den Gesprächen zu über Essen, Kinder, Krankheiten und Politik; das Essen kam überdurchschnittlich oft vor; wo was wie viel kostete und am besten schmeckte. Nicht alles verstanden sie, es wurde eben römischer Dialekt gesprochen. Und auf einmal hörten sie ein Gespräch, in dem ganz oft das Wort Berlin vorkam. Es wäre dort grau und doch sehr kalt, aber sehr interessant und für junge Leute genau das richtige, genau, für junge Künstler wäre das eine richtige Stadt für den Anfang, auf jeden Fall, nicht wahr. Und sie traute sich zu fragen: I vostri bambini vivono li? Conoscete la citta?

Und wie oft schon stellte sich heraus, wie klein doch die große Welt war; es waren die Eltern von Andrea, dem jungen Künstler, der in Berlin zusammen mit der ragazza, dem Mädchen aus Foggia lebte, die mit mir deutsch-italienisches Tandem machte.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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