Die kleine große Welt (10)

Monika Wrzosek-Müller

Villa Meleto

Nach Meleto fuhr sie immer in Eile, wollte schnell ankommen; doch das ging wegen der Entfernung nicht, es waren immerhin 1264 km, und die Pausen, die sie einlegen mussten, waren manchmal auch gut und wichtig. Meistens kamen sie von Berlin aus mit dem Auto in einem Tag bis nach Sterzing/Vipiteno; gingen da, glücklich auf der ersten Station jenseits des Brenners, gut essen; doch sie wollte vor allem schnell da, in Meleto, sein. Manchmal flog sie auch nach Pisa, das war natürlich der schnellste Weg, und jemand holte sie am Flughafen ab; da wurde ihr bewusst, was Luxus bedeutet. Noch im Flugzeug, von oben, sah sie die Brennerautobahn, wenn das Wetter es erlaubte, genau; sie sah wie ein Fluss oder wie ein langes ausgerolltes Band aus, verlief den größten Teil am echten Fluss entlang, führte wirklich vom Norden in den Süden. Hinter dem Brenner war plötzlich das Grün nicht mehr so saftig, meistens eher gelblich, denn sie flog oft im Sommer. Und dann am Flughafen war es draußen schon warm, so warm, und sonnig und immer sonniger; und die Leute lachten, stritten und rempelten dich manchmal an, aber sie fühlte sich leicht und spürte Bewegung und Leben und Lust dazu.

Die Villa Meleto liegt majestätisch oben auf einem Hügel, mit so einer Allee von gleichmäßigen, schlanken aber riesigen Zypressen, die man auf den üblichen Toskana-Bildern sehen kann und die fast an Kitsch grenzen, nur in der Realität sind sie immer viel rumpeliger, verstaubt, ausgetrocknet; angerostet, und die Einfahrt alt. Ein Schotterweg führt nach oben, steil und kurvig, an manchen Stellen war er ziemlich zerfurcht, und das Auto hinterließ große Staubwolken. Die Villa thronte auf der Spitze, von unten sah sie noch größer aus, obwohl man, oben angekommen, erst die Dimensionen der ganzen Anlage entdeckte, die sich auch zu den Seiten und nach hinten ausbreitete. Es gab viele Nebengebäude, Schuppen, eine Mühle, ein Frantoio, wo einst die Oliven ausgepresst wurden, eine riesige Halle, wo früher Traktoren untergebracht waren, heute standen da auch die Quads, die Motorroller und Autos der Besitzerfamilie; es gab auch noch Überbleibsel von einem Fleischereianlage, die man wegen der Jagd betrieb; am schönsten war die verwunschene, ganz versteckte, kleine Kapelle…, die leider immer noch auf eine Restaurierung, auf Zufluss von größeren Geldmitteln dafür warten musste.

Sie liebte diese Gegend, die Villa, die Ausblicke von der Terrasse, vom Turm ganz oben auf die Hügel, auf die Ebene Richtung San Miniato und den Arno – Weltlandschaft, auf die weiteren Hügel, ganz in der Ferne, mit San Gimignano, auf der anderen Seite Vinci, das man nicht sehen, aber, wenn man es kannte, erahnen konnte; oder ganz in der Nähe der Blick auf die hauseigene barocke Parkanlage, wunderschön, mit exakt geschnittenen Buchsbaumhecken, mit weißen Pfauen, die immer weniger wurden, verdrängt durch ihre bunten Rivalen, bis sie ganz ausgestorben waren. Sie liebte die Villa nicht nur der Schönheit wegen; im Laufe der Jahre kamen immer mehr Erinnerungen zusammen, sie sah ihren Sohn und die Söhne der Besitzerfamilie jedes Jahr größer, erwachsener werden; die Erinnerungen waren mit diesem Ort verschmolzen, sie hingen wie auf einer Leine und man konnte auf sie immer wieder zurückgreifen. Sie liebte das wenig perfekte und doch sehr sorgsam organisierte Leben in der Villa, die Stunden der Muße wegen der Hitze, die man mit Lesen fühlen musste, denn alles andere erforderte zu viel Anstrengung und Energie.

Sie hatte die Villa zu allen Jahreszeiten gesehen: mit frischen Grün, blühenden Mimosen und unzähligen kleinen wilden Blumen, fast mit Schnee und doch mit viel Grün, mit kahlen Feldern rundherum, mit Sonnenblumenfeldern, mit etwas bunterem Laub im Herbst; viele der Bäume waren aber immergrün; mit Pilzen, Trüffeln und Esskastanien. Sie nahm die Veränderungen in der nächsten Umgebung wahr; die neue Wohnanlage auf dem Weg nach unten, die renovierten Häuser auf dem Wandertrakt Richtung San Miniato. Die neue automatische Einfahrt in das Gut, die wunderschönen Pflanzen und Blumen in den riesigen Terrakotta-Töpfen, die neuen Hunde und die kleinen und großen Katzen, eine Eule im Käfig und vieles mehr.

Die Wiederherstellung der Via Francigena, eines Fuß-Pilgerwegs von Canterbury nach Rom, der zufälliger- aber glücklicherweise ganz in der Nähe der Villa Meleto verläuft, war eine Wohltat für sie. Die langen Märsche, Wanderungen oben auf den Hügeln, die sich aneinander reihten, bei denen man genau sehen konnte, wo man in zwanzig, dreißig Minuten sein würde, waren für sie wie geschaffen. Diese Wanderungen, die den Kreis der Gedanken in ihrem Kopf zu unterbrechen vermochten, liebte sie besonders; ja, es war eine große Hilfe für sie auf dem Weg sein, bei der Befreiung vom Rattern der wiederkehrenden Gedanken. Sie ging bis zur Erschöpfung, stundenlang, unermüdlich, manchmal auch in der Hitze, dann legte sie sich hin und schlief ein, ohne denken zu müssen; in einem der Himmelbetten mit schweren samtenen Vorhängen, abgeschottet von der ganzen Welt draußen, in der ruhigen, behaglichen Dunkelheit der Belle-Etage der Villa.

Dann war da Charlotte, wunderbare Charly. Sie hat die Villa natürlich nicht gebaut, aber sie war und ist auf jeden Fall die Schöpferin und Ausführerin des Unternehmens Villa Meleto. Bedächtig, klug, ohne Firlefanz, richtete sie alle Appartements der Villa ein, ließ den Swimmingpool bauen, schuf die ungezwungene und doch professionelle Atmosphäre der Villa, und sie war ihr auch eine gute Freundin geworden; direkt, herzlich, kein bisschen zickig (und dazu hätte sie doch allen Grund gehabt als Ehefrau von einem Marquis mit so vielen Titeln und großartigen Vorfahren…), verständnisvoll und hilfsbereit.

Sie lief den Weg entlang, eine gut angelegte Strecke, oben auf den Hügeln mit weiten Ausblicken und leichtem Wind, die Via Francigena; sie sah von weiten Gruppen von Pilgern, Menschen auf sich zukommen. Sie pilgerten wirklich, mit Rucksäcken und schweren Schuhen, mit Bärten und ausgeblichenen T-Shirts, etwas müde und unausgeschlafen, schweigsam und doch voll Energie. Manche hatten einen Stock, fast alle trugen Hüte. Als sie näher kamen erkannte sie unter ihnen ihre Freunde aus Turin, die notorischen Wanderer, die während sie in Settigniano gewohnt hatten, auch dort lebten und an der Uni von Florenz lehrten. Das überraschende dabei war, dass keiner von ihnen wusste, wo sich die anderen aufhalten würden.

 

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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