Die kleine große Welt (11)

Monika Wrzosek-Müller

Dolomiti-Bruneck-Schifahren

Langsam gingen ihr die Ziele, die Zufälle und ihre kleine aber auch große Welt aus. Es gab natürlich Städte, die sie immer wieder mit Begeisterung besichtigte, aber das rutschte zu sehr ins Fremdenführer-Programm; sie war unentschlossen, sollte sie alles erfinden oder noch mal genauer ihre Erinnerungen durchforsten und nach wichtigen, prägenden Momenten suchen.

Was sie fand, war wenig sommerlich, auf jeden Fall abkühlend und vielleicht für den ganz heißen, schwülen Sommerabend bestimmt.

Es gab viele Winterreisen; sie waren freilich immer vom Schifahren geprägt, von langen weißen Pisten, von Gondeln, Sesselliften, Schihütten, von Menschenmassen mit und ohne Schier, mit und ohne Schihelme, mit Sonnenbrillen – und das war in fast allen Regionen, wo sie Schi gefahren war, gleich. Na ja, der Zustand der Pisten variierte manchmal; sie waren besser oder schlechter präpariert. Abends sah man beleuchtete Pistenraupen, die sich in atemberaubenden Höhen bewegten, dabei den Schnee vor sich her wälzten, alle Loipen und Pisten ebneten, glatt und makellos. Was für eine Wonne war das dann, wenn man am morgen als erster Schiläufer durch glatte, unberührte Pisten fuhr, seine Spur als erster hinterließ, in Schwüngen, in Kurven, in einem Takt, den dein Körper und der Untergrund dir vorgaben, nach unten sauste. Das war fast allen Schigebieten gemeinsam, immer fuhr man nach oben, sah sich die Landschaft rundherum an, der erste Blick auf die Bergspitzen und Täler manchmal mit Nebelschwaden unten und der Schifahrer oben auf dem Gipfel, über den Wolken, schwebend in der Gondel oder dem Sessellift, oder stehend und staunend über so viel Freiheit und Weite, befreit. So ein Schiurlaub gab ihr Kraft und Zuversicht für mindestens die nächsten zwei, drei Monate; fütterte den Körper aber auch die Seele mit Licht, das nicht nur von der Sonne kam, sondern auch von den weißen Pisten. Wie wohlig und schön müde fühlte man sich dann am Abend nach einem Tag oben auf den Brettern, die gar nicht mehr aus Holz sind, sondern irgendwelche High-Tech-Erfindungen, immer neu; mal kurz und breit, dann wieder länger und schmaler. Das wunderbare Gefühl der körperlichen Müdigkeit verbunden mit intensiver Durchblutung in der Höhe versetzte einen manchmal in einen Rausch, den die einen in viel Alkohol zu ertränken versuchten, die anderen in gesundem, ruhigem Schlaf, der ihr wie etwas Heiliges vorkam.

Ihr schönstes Schigebiet war in der Alta Badia in den Dolomiten. Sie wohnten zwar sehr unromantisch am Plan de Corones auf ladinisch, oder ganz plump am Kronplatz. Südtirol liegt schon auf der anderen Seite des Brenners, die Sonne schien hier heller, das Essen war unvergleichlich gut und es funktionierte wirklich alles. Das schöne Städtchen Bruneck/ Brunico im Pustertal lag ganz nah, man konnte einkaufen gehen, das Schloss mit dem von Reinhard Messner gegründeten Mountain Museum über Bergvölker besichtigen, in vielen Cafés vorzüglichen Kaffee trinken aber auch sehr schmackhafte Apfel- oder Topfenstrudel essen; es war alles da: die italienische Lässigkeit und Leichtigkeit verbunden mit der germanischen Ordentlichkeit und Perfektionismus.

Der Dolomiti-Superskipass war zwar teuer, aber er erlaubte jeden Tag auf anderen Pisten zu fahren, manchmal mehr als 50 Km, ohne ein einziges Mal auf denselben Ort zu treffen. Die Landschaften um Armenterola, Pedraches und Cinque Torri waren so schön, oft leer mit ein paar verlorenen Schifahrern, mit super organisierten Schihütten und wunderbar präparierten Pisten. Die längste Abfahrt vom Lagazuoi mit ihren 8, 5 Km auf der langen Schleife der Route um die Schauplätze der Schlachten des Ersten Weltkriegs war eine der abwechslungsreichsten, an fantastischen Ausblicken reichen Touren. Auch die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum Berlin konnte ihr nicht erklären, warum sich Österreicher und Italiener ausgerechnet dort so erbittert bekämpft hatten, in die schwindelnder Höhe mit steilsten Anstiegen. Für die Schifahrer wurde dann eine Gondelbahn gebaut, die einen ganz steil nach oben befördert; an der Gebirgswand waren die Spuren des Stellungskriegs zu sehen. Die Skitour machten sie mehrfach mit Freunden, beginnend mit dem Schlange stehen für den Ski Bus zum Lagazuoi, endend mit einer wunderbarem Runde mit Aperol-Spritz oder Kaffee auf der Terrasse des Luxushotels Armenterola. Es gab immer Sonnenschein, nicht immer genug Schnee, so dass man das letzte, flache Stück nicht mehr auf den Skiern bewältigen konnte, die hier von Pferden gezogen wurden, sondern sich in ein Sammeltaxi zwängen musste. Auf jeden Fall waren diese Gegenden reine Naturschönheiten: die rosa Granitfelsen, die in der Sonne manchmal rötlich leuchteten, und dann die eingefrorenen Wasserfälle, die in türkis-bläulichen Tönen schimmerten. Am Nachmittag wurde der Schnee oft schwerer, manchmal sogar matschig, die Beine mussten arbeiten, damit man vorankam.

Oft kamen mehrere Schipisten zusammen, so dass man aufpassen musste, wer aus welcher Richtung kam und wer Vorfahrt hatte. Plötzlich stieß sie mit jemandem zusammen, unerwartet und unkontrolliert, taumelte, rollte nach unten, ein Schi lag oben, die Bindung war aufgegangen. Mehrere Schifahrer standen um sie und einen jungen Mann herum. Jemand beschimpfte sie, dass sie von links kommend hätte aufpassen müssen, und überhaupt wo wäre denn ihr Skihelm. Der Ton war brüsk, fast unfreundlich, sie war sich eigentlich keiner Schuld bewusst; derjenige, mit dem sie zusammengestoßen war, saß still am Boden, es ging ihm aber gut. Der schimpfende Mann wollte ihre Personalien aufnehmen, sie wäre die Schuldige gewesen, der junge Mann wehrte ab. Da kamen schon ihre Freunde und der schimpfende Mann verstummte; es stellte sich heraus, es war ihr Wirt, der Besitzer der Pension, in der sie jedes Jahr während der Schiwoche wohnten. Gleich wurde die Tonlage geändert, der junge Mann stand auf, sie auch und alle zusammen fuhren sie ganz langsam nach unten und tranken einen Kaffee zusammen. Von Schuld oder Unschuld wurde kein Wort mehr gesprochen.

Informacje o ewamaria2013

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