Metropolinnen zwischen Klamottenladen und Küche

Aśka & Reńka

UNSER WEIB

REŃKA: Weil das war so.

AŚKA: Reńka kommt nach Hause

REŃKA: und mit sofortiger Wirkung flieg ich zu Aśka,

AŚKA: die Miene lacht ihr und Reńka holt raus aus einer Schachtel

REŃKA: ein Paar wunderschöne Schühchen,

AŚKA: das Modell Sandaletten, auch Schraubstöcke für die Zehen genannt.

REŃKA: Aber Aśka sitzt in ihrem Sudelbett, in diesem ihren T-Shirt, mit Fleck und Loch direkt auf dem Bauch, und klopft wie bekloppt an sich rum: die Wange, das Kinn, die Stirn und die Nase noch dazu.

AŚKA: Reńka, ich lebe jetzt nach dieser neuen Klopfakupressur – nach der Technik der Emotionalen Freiheit. Weil ich bin doch Polin

REŃKA: und für unsere Freiheit und Unabhängigkeit sind wir doch bekannt.

AŚKA: Und die in diesem deutschen Land bombardieren uns jeden Tag mit diesen Frauen, wo die fressen zwei Äpfel am Tag,

REŃKA: und aussehen, wie Skelette extra dafür gezüchtet um auf diesen Laufstegen zu spazieren.

AŚKA: Und dazu noch haben die Kinder und diese Karriere,

REŃKA: wie diese ihre Heidi, dieses Deutschland-Superweib.

AŚKA: Und jetzt denke ich, wenn ich nicht so bin, bin ich weiblicher Abfall. Aber Reńka zwängt sich in ihre neuen Schuhe, und in dieses ihre Blümchenkleid, wie ausgeschnitten aus dem polnischen Folklore-Verein.

REŃKA: Aśka, geh nach dem polnischen Frauenideal, sogar im Kommunismus, wenn es in den Läden nichts gab – haben wir uns Blümchenkleider genäht – und zwar aus der Gardine die am Küchenfenster hang. Alles was du brauchst, ist ein geblümtes Kleid, und Schühchen, wie ich sie hab, und gleich wirst du dich lieben und akzeptieren, wie wir in der Heimat, als die hochwertigste Frau.

AŚKA: Und schon fahren wir mit diesen Fahrrädern, aber leicht, so langsam, um uns nicht müde zu fahren,

REŃKA: zu diesem Klamottenladen, diesem Markt der Eitelkeit.

AŚKA: Kaum drinnen, Reńka grast zwischen diesen Regalen und Kleiderständern,

REŃKA: und Aśka steht in der Ecke wie zur Strafe, und beobachtet ein Weib:

AŚKA: eine Deutschland-Mutter, komplett ausgestattet mit Babykram, schwanger und noch mit einem Kind auf dem Arm.

REŃKA: Und Aśka klopft sich mit Anteilnahme unter der Brust, und flüstert:

AŚKA: Ich muß mich gut durch klopfen, daß ich mich akzeptiere, daß ich in meinem Alter noch nicht schwanger war.
Aber Reńka wirft sich zu mir, der Arm von dem Kleiderhaufen fällt ihr fast ab:

REŃKA: Marsch, in die Kabine, guck die nicht an. Die packt die Mamilla raus und säugt mitten in der Öffentlichkeit. Würde das eine polnische Mutter machen? Nimmer und nie! Wo ist der Sinn für Anständigkeit? Und außerdem, Aśka, die Typen in diesem deutschen Lande zwingen diese Deutschlandfrauen zu dieser Schwangerheit, damit sie sich sicher fühlen weil so schnell kannst du nicht weglaufen, wenn du ein Kind im Bauch hast und das zweite am Arm.

AŚKA: Auf einmal aus der Kabine kommt die Kudamm-Hyäne, ein Kleiderbügel, dünn, ausgetrocknet, die Titten wie Ballons, garantiert dazu gemacht.

REŃKA: Aśka fängt an sich die Fingerspitzen abzuklopfen.

AŚKA: Reńka, ich hab Angst, wenn ich mich nicht klopfe, dann will ich auch so sein, wie die Deutschlandfrauen, die haben die Brille von einem Projektanten von diesen ihren Accessoires

REŃKA: und ein Paar Socken, das dazu paßt.

AŚKA: Aber Reńka flüstert, damit die Hyäne sie nicht hören kann:

REŃKA: Das ist nicht so ein Himmel, wie man denken kann – die hat n Typ, ist in einer Ehe, und das ist ein Druck, weil die liebt den nicht, und muß den immer begütigen, damit er ihr gibt, für die ganzen Accessoires. Und du willst doch unabhängig sein, wie das polnische Frauenideal?

AŚKA: Und Reńka fischt raus, aus dem Textilienberg, ein Kleid,

REŃKA: Wunder-Honig: mit Mohnblumen auf grünem Material,

AŚKA: wie eine Wiese in der masowischen Landschaft.

REŃKA: Los, zieh das an. Aber Aśka hört nicht zu, starrt durch das Schaufenster, weil da, auf der Strasse, schmiert ein Weib,

AŚKA: normal eine Businesswoman, auf Maximal, direkt aus dem Potsdamerplatz, gut erhalten, gepflegt, mit Aktentasche und Kostümchen in Mäuse-grau, in Stöckelschuhen, und stolpert nicht ein halbes Mal,

REŃKA: und Aśka fängt an sich zu klopfen. Aśka, hör auf, du weißt es noch nicht, aber du willst nicht so sein! Schau die doch an – die ist uniformiert, wie eine Soldateneinheit, die hat kein Eigenstil und keinen Sinn für wahre Weiblichkeit. Weil nämlich, Aśka, diese Deutschland-Manager in diesem post-industriellen Deutschland-Staat, zwingen diese Frauen in diese Uniform, und das, weil sie Angst haben, daß die Deutschlandfrau ist im Vormarsch, und sagen ihr ständig diese Komplimente, daß sie hat in diesen hohen Stöckelschuhen Waden wie ein Stossgebet, aber in Wirklichkeit wollen die doch, daß ihr die Knochen kaputtgehen, damit sie nicht mehr konkurrieren kann.

AŚKA: Und Reńka pellt mich aus meinem T-Shirt raus,

REŃKA: Aśka läßt geschehen, weil sie glotzt wie verzaubert, und klopft sich nicht mehr einmal, weil in der Tür steht ein Weib,

AŚKA: aber was für eins: im Holzfäller-Stil, Haare auf Igel, ¾-Wattjacke, Null Maquillage,

REŃKA: und ausgeleiertes T-Shirt, Modell Unisex, um nicht eine Kurve zu zeigen aus Versehen.

AŚKA: Reńka, guck, das ist eine polnische Seele, das ist das Ideal der Unabhängigkeit – die schämt sich nicht, die ist doch ein Wunder der Selbstakzeptanz.

REŃKA: Aha, polnische Seele – so ziehe ich mich nicht mal an, wenn ich in den Keller geh.

AŚKA: Und Reńka zwängt mich in das Blumenkleid. .

REŃKA: Aśka, in diesem neuen Kleid siehst du aus wie der polnische Frühling – ich höre die Musik von Chopin, fühlst du dich jetzt wie diese hochwertige Frau?

AŚKA: Guck, die Wattjackenfrau, die schaut mich an, und zwar mit Mitleid.

REŃKA: Aśka, die hat unter ihrer Wattjacke einen Taillenmangel, die würde sich auch hübsch anziehen, nur daß sie keine Konditionen hat. Und noch arbeitet sie diese ihre Ideologie dazu, als wäre sie so befreit, aber in Wirklichkeit, Aśka: so aussehen wie du in diesem Kleid, romantisch, wie die polnische Wiese, das will doch jede Frau!
Aber Aśka, stolz, mit ihrem T-Shirt

AŚKA: mit dem Loch und dem Fleck am Bauch,

REŃKA: schießt aus dem Laden raus.

AŚKA: Und Reńka schmiert hinter mir her,

REŃKA: mit demolierter Miene,

AŚKA: hinkend wie ein angeschossener Hund,

REŃKA: weil mein Fuß in dem neuen Schühchen schwimmt, wie im roten Meer, im Blut.

AŚKA: Reńka, deine Hacke, abgewetzt, bis zum Knochen, bis zum Fleisch, bis zur Sehne. Du solltest dich auch klopfen, und zwar in die Mitte deines Kopfes. Du machst ein Krüppel aus dir und das im Namen des polnischen Frauenideals?

REŃKA: Und Aśka schmiert in den nächsten Haushaltswaren-Shop, kommt raus, und normal,

AŚKA: ziehe ich Reńka an:

REŃKA: Latschen a la deutsche Oma,

AŚKA: gesund, grob geschnitten und aus Flausch. Und auf einmal Reńka fühlt, daß ihre Füße, haben es geräumig und haben so viel Luft, normal, als ob sie fliegt.

REŃKA: Aśka, ich hab schon ganz vergessen, wie es ist, auf den eigenen Füssen zu gehen.

AŚKA: Und Reńka, erleichtert,

REŃKA: weil von den Schraubstöcken endlich befreit,

AŚKA: mit erhobenem Haupt, geht sie durch die Strasse der Eitelkeit.

REŃKA & AŚKA:
UND SO HAT AŚKA REŃKA BEIGEBRACHT, SICH SELBST ZU AKZEPTIEREN, ALS UNABHÄNGIGE FRAU.

Informacje o ewamaria2013

Polska pisarka w Berlinie
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