Vergessene Texte

Ewa Maria Slaska

Selbstmord und andere Liebesgeschichten

– Komm rein, sagt die Frau. Du bist doch die Gewittertochter, oder?
Sie nickt, öffnet das Gartentor und kommt rein. Die Frau stellt den Korb mit Iris auf den Rasen.
– Ich bin Julia, sagt Julia.
– Julia, sagt die Frau. Ich bin Helga. Dein Vater hat heute Geburtstag. Hast gerade den richtigen Tag gewählt, um hierher zu kommen.
– Sie wissen also von mir? fragt Julia unsicher.
– Nein, nichts, aber… du wirst sehen.
Sie gehen ins Haus hinein.
– Dirk, ruft die Frau, komm mal her, wir haben Besuch.
Dirk kommt aus der Küche, mit einer großen Schürze um. Er schaut sie an.
– Es ist Julia, sagt Helga, deine Gewittertochter.
– Julia, sagt Dirk. Wir müssen wohl Julia holen.
Ich bin doch da, will Julia erwidern, schweigt aber, denn sie spricht auch sonst nie viel.
– Julia, ruft Dirk nach oben.
– Komme gleich, antwortet eine junge Frauenstimme, noch eine Sekunde.
Meine Schwester, denkt Julia. Und so ist es, Julia ist so alt wie sie. Und sieht wie sie aus. Ein bisschen pummelig, nach dem Vater halt, schwarzes Haar, rosa Gesicht, braune Augen. Wir sehen wie Schwestern aus, keine Frage. Dies erklärt natürlich schon viel, ohne dass man es erklären muss.
– Julia, sagt Dirk, das ist deine Schwester Julia.
– Kann man wohl sagen, sagt die andere Julia und schaut sie an. Wie alt bist du?
– Na, sagt Helga, fünfundzwanzig, oder? Zweiundachtzig geboren.
– Im Februar.
– Fische also, sagt die andere Julia. Ich bin Schütze, Aszendent Schütze. Einundachtzig geboren. Drei Monate älter als du.
– Ich weiß, murmelt Julia unsicher.
– Bin Schauspielerin, viel unterwegs, sagt die andere Julia, und selten anzutreffen. Heute aber, da Papa grad fünfundfünfzig wird, weile ich ausnahmsweise sozusagen im Schoß der Familie. Hast Glück gehabt, heute kommen alle.
– Und deine Mutter, fragt Helga, wollte sie nicht kommen?
– Sie lebt nicht mehr, sie hat sich vor zwei Monaten umgebracht. Bei einer Mondfinsternis. Schweigen, na klar, was sonst. Soll ich sie ihnen erzählen, die Geschichte von Klaudias Selbstmorden? Dass sie es immer wieder versucht hat. Dass es ihr so oft nicht gelungen ist, dass es schon lustig war. Selbst Klaudia tat es als lustig ab. Es war aber gar nicht lustig und hörte nie auf. Und dann, einmal, gelang es.
Vielleicht war jetzt nicht die richtige Zeit, sofort mit dieser Information bei diesen lautfremden Menschen reinzuplatzen, aber wann ist dann der richtige Augenblick? Wenn man bestimmte Sachen nicht sofort sagt, kann man sie womöglich nie mehr erzählen. Und dann ist es wie mit Grass, sechzig Jahre Schweigen.
Also Schweigen. Es dauert eine Weile bis Dirk seine Hand verlegen ausstreckt und Julia die Wange streichelt.
Sie war siebenundfünfzig, wäre im September achtundfünfzig geworden. Wird es nun nie werden.
– Eine Liebesgeschichte, sagt Julia und schweigt wieder.
Geschichte einer unwirklichen Liebe zu einem Dämon. Ach Mama. Und dabei hat Klaudia nie mit diesem Mann geschlafen. Mit einem Dämon schläft man nicht, behauptete sie immer. Das haben sich nur die Inquisitoren für die Hexen ausgedacht. Vielleicht erzählt sie es ihnen doch, sie müssen solche Sachen verstehen, wenn sie sie selbst Gewittertochter nennen. Plötzlich fiel ihr auf, dass sie alle gleich aussehen, sie selbst, die andere Julia, Dirk, der Dämon und fast alle Männer, die in Klaudias Leben eine Bedeutung hatten. Als ob sie überall nur diesen einen gesucht hätte, mit dem sie diese eine Gewitternacht verbracht hat. Den Dirk also. Einen schönen jungen Mann mit braunen Augen, grader Nase und einer Mähne dunkler, lockiger Haare.
– Selbstmord. Liebesgeschichte. Mondfinsternis, sagt die andere Julia. Hast es nicht leicht gehabt mit deiner Mama, oder?
– Nein, bejaht Julia. Sie war eine Polin, wusstet ihr das? Eine Jüdin aus Polen.
Dirk nickt mit dem Kopf.
– Oje, sagt Julia und nimmt Julia an die Hand. Wir gehen jetzt nach oben, ihr schafft es wohl ohne uns, da in der Küche.
Sie bekommt ein Zimmer im Dachgeschoß zugewiesen, ein kleines Zimmerchen mit winzigem Bad und einer Küche wie im Puppenhaus. Jetzt sitzen sie zusammen auf einem niedrigen Bett, trinken Tee und rauchen.
– Hast du auch Angst vor Gewittern? fragt die andere Julia.
– Nein, aber Mama…
– Ja, ja, klar, das wissen wir. Das Einzige, was wir immer wussten. Von dir wussten wir nicht, von ihr wenig, aber davon, dass sie Angst vor Gewittern hatte, das wussten wir immer. Papa hat es reumütig sofort Mama erzählt, als er von diesem Seminar zurück nach Hause kam. Und dann alle Jahre wieder. Diese Geschichte war immer ein Partyhit. Wirst sehen, heut Abend. Wie war sie?
– Strange. Der Liebe ausgeliefert. Liebesabhängig. Aber ich weiß nicht viel, ich wohnte lang woanders… Sie meinte, jede ihre Wohnungen in Berlin war mit einem Mann verbunden. Sie hatte in Berlin in sieben Wohnungen gelebt. Wenn ihr eine Liebe zu Ende ging, versuchte sie sich umzubringen.
Julia schweigt wieder. So viel auf einmal hat sie seit langem nicht gesagt. Eigentlich hat sie seit Klaudias Tod kaum mit jemandem geredet. Sieben Wohnungen, denkt sie jetzt, ja, sicher. Und sieben Männer. Manche Wohnungen waren für mehrere Jahre, manche für nur ein paar Wochen. So wie die Männer.
– Schrecklich.
– Ja und Nein. Sie war eine Dichterin und mystisch.
– New Age?
– Nein, irgendwie anders. Kein Esoterikkram. Alles nur im Kopf und erlebt. Ihr passierte immer Ungewöhnliches. Es übertrug sich auf mich. Irgendwie. Bei jedem Mann, der mit ihr zusammen war, hatte ich andere Träume, auch wenn ich nicht bei ihr war, sondern bei Oma.
– Glaubst du daran?
– Nein, aber es ist eine Tatsache. Ich träumte ihre Träume. Auch von Selbstmord.
– Gott, wie unglücklich sie war…
– Aus all dem wurde immer nichts. All diese Männer, alle für die Katz.
Julia war drei als sie nach Berlin umzogen. Nach einem Jahr kam ihre polnische Oma und nahm sie mit nach Polen. Und so blieb es die ganze Zeit. Mal hier, mal da, Schule in Berlin, jeder freier Tag in Posen. Zweiundzwanzig Jahre lebte Klaudia in Berlin, in sieben Wohnungen, mit sieben Männern und sieben Todesarten. Als Julia 16 wurde, starb die Oma und Julia blieb in Berlin. Sie wohnten eine Zeitlang zusammen, dann zog sie aus, in eine WG.
– Immer wollte sie sterben, sagt Julia, schon als Kind. Sie hat stets darüber Gedichte geschrieben.
– Wie hat sie es gemacht?
– Sie ist zur Zugspitze gefahren, dort bis nach Betriebsschluss geblieben, mit Schlaftabletten eingeschlafen und erfroren. Man hat sie zwar gesucht…
– Wieso?
– Wegen der Zugkarte. Bei der Zugabfahrt gibt es einen automatischen Fahrkartenzähler. Wie viele Karten nach oben befördert wurden, so viele müssen auch zurück nach unten. Und da die eine Karte fehlte… Aber es war zu spät. Sie starb im Krankenhaus. Außergewöhnlich.
– Wieso? Selbstmord ist Selbstmord.
– Naaa. Sie machte es ohne Wasser, sonst hat sie es immer mit Wasser versucht.
Sie schweigen.
– Ich würde gern ein Bisschen schlafen, sagt Julia.
– Ach je, klar, sorry, aber …
– Klar, sagt Julia.
Der erste Traum an einem neuen Platz soll sich erfüllen. So sagt man. Julia träumt von ihrer Mutter. Es ist sie selber in diesem, in jedem Traum, aber sie träumt von ihrer Mutter. Sie hat noch keine echte Liebesgeschichte erlebt, nur Liebeleien, Affären, kleine Dinge halt, und keinen Selbstmord. Bis jetzt.
Sie sitzen in einem Jazzclub zusammen, Rafal, den ihre Mutter Dämon genannt hat, und Julia, die ihre Mutter Klaudia ist. Ein alter, zahnloser Penner kommt vorbei und schaut sie an.
– Wieso verliebt ihr euch nicht ineinander? fragt er.
– Schon gehabt, spottet Julia, erschrocken, dass der Typ ihren inneren Gedanken so hervorholt und auf den Tisch knallt. Sie hofft, dass ihre Ironie diese schreckliche Tatsache wegkaschiert. Sie schämt sich ihrer Liebe. Zumal Rafal sichtlich genervt ist.
– Gehen sie, sagt er, lassen sie uns in Ruhe.
Der Mann bleibt aber stur bei ihrem Tisch stehen und schaut Julia an. Wer weiß wie ein Himmelsbote auszusehen hat. Vielleicht grad so.
– Du wirst ihn hinkriegen.
Julia im Traum sieht ganz anders aus als Julia im Leben. Im Leben kommt sie in allem nach ihrem Vater, im Traum sieht sie wie Klaudia aus, dichte, rotbraune Locken, graue Augen, Sommersprossen, Silberblick. Eine Hippiebraut.
Mit dem letzten Satz des Penners ist Julia wach. Wieso hast du dich also umgebracht? fragt sie wortlos, wieso? Er hat dir doch versprochen, dass du ihn bekommst.
– Nein, sagt Klaudia in ihrem Kopf, es hätte nie klappen können. Er war kein Mann, er war meine letzte Lebensprobe.
– Und ich? fragt Julia, schläft wieder ein und gelangt in einen ihr sehr gut bekannten Traum von einer Prinzessin, die in einem großen, leeren Palast wohnt, umgeben von einem großen, menschenleeren Garten. Julia steht am Teich, schaut auf die glatte Wasseroberfläche, wo im Teich ihre Mutter reglos liegt, von Blumen umgeben. Der Tod sollte mit dem Wasser verbunden sein, das sagte sie doch immer. Klar, sauber, viel Grün, weiße auf dem Wasser verstreute Blumen. Rosen oder so.
Und Tabletten. Tabletten und Wasser. Ein nie erreichtes Ideal. Aber vielleicht ist Schnee doch auch Wasser. Und er ist weiß, Klaudias Lieblingsfarbe.
Rafal ist ja auch wieder da, in Julias Traum. Ein schöner Mann. Groß, schlank, intelligent, nett und charmant. Ein schönes Wesen. Braune Augen, dunkles Haar. Eine große grade Nase. Ein Unheilsbote. Ein Erzengel, wie sein Name. Gott heilt, bedeutet sein Name. Gott heilt. Er gibt ihr ein Glas Orangensaft. Und sie trinkt.
– Was zum Trinken? fragt die andere Julia.
Es ist schon dunkel und es ist Julia, die ihr ein Glas Saft gibt.
– Davon habe ich geträumt. Von Orangensaft.
– Geht in Erfüllung und zwar sofort. Wir müssen nach unten. Die Gäste sind schon eingetroffen.
Julia schaut auf die Uhr.
– Es ist erst sieben.
– Auf sieben ist auch eingeladen worden.
– In Berlin wären sie dann um elf gekommen.
– Wir sind in der Provinz, merk dir das. Hast du überhaupt Klamotten mit, die zu einer Gesellschaft in der Provinz passen oder soll ich dir etwas leihen?
Julia zieht ihr blaues Kleid aus dem Rucksack. Bissl zerknittert, wird aber gehen. Und ein Geschenk. Sie holt ein Päckchen hervor, eingewickelt in gelbgoldenes Papier.
– Was ist das denn?
– Ihr letzter Text, per Hand geschrieben. Dirk kommt auch drin vor. Daher.
– Dünn, sagt die andere Julia.
– Ist ja auch kaum was drin, nur eine Auflistung: Liebe, Wohnung, Träume, Todesart.
– Gott, wie makaber!
Julia zieht sich um. – Weißt du, sagt sie aus dem Badezimmer, sie hat auch kein Grab. Wollte keins.
Keine Beerdigung, kein Sarg, kein Grab. Ein Pappbeutel sollte es sein. Ist aber in Deutschland verboten. Musste aus der Schweiz geliefert werden, so eine Pappmachebox, wie für Eier…
Sie kommt wieder ins Zimmer, setzt sich auf das Bett, seufzt.
– O Gott, wie müde ich bin, als ob es mein Leben wäre und nicht das ihre.
– Bist du deshalb hierher gekommen?
– Kann sein, weiß nicht so genau. Ich brauchte etwas hier, unsere Familie in Polen existiert kaum, Juden halt, sind seit dem Krieg nie große Stämme…
Sorgfältig malt sie sich die Augen, Kajal, blauer Lidschatten, weiße und schwarze Mascara.
– Schluss, sagt Julia, mehr brauchst du nicht. Jetzt wird gegessen, getrunken, geredet und gelacht. Träumen wirst du später, du kleine Träumerin. Du hast deine Augen mindestens dreimal geschminkt.
Julia schaut in den Spiegel.
– Gelacht, sagt sie.
– Aha, erwidert Julia, kluge Köpfe lachen nicht, ja? Na dann komm mal, mal sehen, ob dich die Gewitterstory á la Dirk amüsieren wird.
Sie gehen nach unten. Als sie fast unten sind, sagt Julia wie beiläufig:
– Übrigens, er war zwanzig Jahre jünger als Mama und sah wie dein Vater aus.
– Unser Vater, antwortet Julia mechanisch, Vater unser, bete für uns… Dann hielt sie plötzlich inne. – Was haste gesagt? Wer war zwanzig Jahre jünger?
– Der siebente Mann.
Sie schauen sich an. – O Gott, sagt Julia. – Ja, stimmt Julia zu, wie doof. Und dabei war sie so klug.
Sie kommen ins Zimmer ein, wo sie ein allgemeines „Ah“ begrüßt.
– Meine Damen und Herren, sagt Dirk, der ihnen, zwei Gläser Champagner auf einem kleinen Tablett, entgegen kommt, meine Damen und Herren, eine Geburtstagsüberraschung. Meine Töchter, Julia und Julia! Ein lauter Applaus! Julia und Julia! So ähnlich! So schön! Wer? Was? Ach ja, natürlich, die Tochter der Gewitterfrau! Du alter Schuft, doch geschafft! Doch wahr die Geschichte, keine Erfindung! Sieh mal einer an! Und auch Julia? Woher der Name? Ach, Romeo und Julia, sehr romantisch, jaja, ausgesprochen romantisch. Und wie bist du, wie sind Sie hierher gekommen?
Helga kommt zu ihnen, legt ihre Arme um beide Julias, als ob sie sie schützen wollte.
– Hab gesucht, antwortet Julia. Im Internet. Es waren drei.
Dirk nickt mit dem Kopf. Stimmt ja, da sind noch zwei andere Dirks, Geister im Netz, ein Fregattenkapitän und ein Fußballer.
– Ich hab halt gewählt, sagt Julia. Wollte unbedingt einen Prof.
Alle lachen. Julia hatte Recht. Es wurde viel gegessen, getrunken, geredet, gelacht, getanzt und gesungen.
Sie gehen in den Garten, setzen sich auf dem Gras. Der Vollmond steht klar am Himmel, silbern, kühl. Die Leute um sie herum sprechen leise miteinander. Sie weiß, dass manche von ihnen von Klaudias Selbstmord sprechen. Es kann nicht anders sein. Aber es stört sie nicht. So ist es halt im Leben, es gibt eben Leute, die sich umbringen.
Dirk setzt sich neben sie, holt das kleine Büchlein von Klaudia aus seiner Jackentasche heraus.
– Hast du es gelesen? Klar, sicher hast du es gelesen.
– Sie hatte mehrere Male versucht, sich umzubringen. Das wusste ich sowieso, auch ohne ihr Büchlein.
– Dass sie die anderen Selbstmorde überlebt hatte…
– Wegen des Instinkts, antwortet Julia.
– Die sieben Männer…
– Mama war symbolisch. Ich hätte wissen müssen, dass es beim siebenten Mal klappen wird. Ihr ganzes Leben war ein Symbol…
– Und die Männer bekamen ihre Nummer.
Der Dirk bekam die Null.
Um sie herum wird jetzt getanzt. So wie Julia es gesagt hatte. Zuerst wird gegessen und getrunken, zwischendurch gelacht und erzählt. Die Gewittergeschichte von Klaudia und Dirk war Der Partyknaller.
Sie haben nur eine Nacht miteinander verbracht, die Nacht des Gewitters. Sie waren in Merl in einem Bildungshotel des Innenministeriums. Zu dem Seminar: Die Situation der Migrantinnen. Na eben. Nachts nach der Abschiedsparty gab es ein fürchterliches Gewitter. Der ganze Himmel ergoss sich bei einem ohrenbetäubenden Gedonner. Blitze zuckten durch die dunklen Wolken wie flammende Schlangen. Im Park am Teich brannte ein alter Baum. Klaudia lief panisch über den langen grauen Flur und kam in das erste Zimmer, dessen Tür sich öffnen ließ. Sie sah wunderschön aus. Am nächsten Tag hatte Dirk sich entschuldigt und gesagt, es würde nichts daraus werden, er sei verheiratet. Glücklich. Seine Frau erwartete gerade ein Kind. Selbstverständlich, soll Klaudia gesagt haben. Der Rest war Julia. Und Schweigen.
Auch jetzt schweigen sie mehr als sie reden.
– Hat sie all die Männer so geliebt? fragt Dirk.
– Nein.
– Sieben Männer deiner Mutter, hat dich das gestört?
– Acht. Du bist auch da, sagt Julia, sich vom Gras erhebend.
Sie gehen tanzen.

Am nächsten Tag sitzen sie alle beim Frühstück im Garten. Klaudias goldenes Büchlein auf einem freien Gartenstuhl
Sie hatte es bei sich gehabt. Sie nannte es „Notizen aus dem Todesjahr“. Die letzte Notiz ist auf der Zugspitze eingetragen, ein paar Minuten bevor Klaudia herausging, um eine zu rauchen.
Die Zugspitze war der einzige Ort in Deutschland, wo es in diesem warmen Winter Minustemperaturen gab. Auf der Zugspitze lief alles schief. Von Anfang an. Sie wusste nicht, dass man von oben her sich nirgendwohin entfernen kann, weil man wie in einem Kessel eingesperrt ist. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Sonne, Winter, weißer Schnee. Sie geht spazieren, weit von dem Touristenpack, das da auf der Piste Ski fährt. Dann ist sie allein auf einer Alpenwiese, schluckt ihre unsterblichen Tabletten und erfriert romantisch. Dies war aber völlig unmöglich. OK, dann eine andere Version, viel weniger angenehm und romantisch. Sie wartete ab, bis sie irgendwann alleine dort oben zurückblieb. Als der letzte Zug nach unten fuhr, schlich sie aus dem Wartesaal nach Draußen. Es war schon dunkel, windig und kalt. Der Vollmond, der sich ein paar Stunden später während der Finsternis braun färben sollte, stand kalt und silbern am Himmel. Sie lief um die Gebäude herum und setzte sich hinter eine Hausecke.
Es war ein relativ kurzer Text. Jetzt haben ihn schon alle gelesen.
Die sieben Männer, die nach Dirk kamen, waren allesamt, meinte Klaudia, kaum was wert. Daher bekamen sie keine Namen. Nur Dirk hatte einen Namen. Und Klaudia. In ihrem Text schonte Klaudia ihre Männer nicht, sich selbst aber noch weniger. Als sie jung war, dachte sie, dass ihr in einer Beziehung die Intelligenz des Mannes fehlte, weil sie sich selber für intelligent, aber nicht schön hielt. So hatte es in ihrer Kindheit ihre Mutter bestimmt und so ist es geblieben. Als sie jung war, liebten die Männer schöne Frauen und die Welt war voll von ihnen. Nur sie alleine in der Welt war keine Schönheit. Jetzt, wo sie alt geworden war, lieben die Männer junge Frauen und die Welt ist voll mit jungen Frauen. Zuerst war sie also nicht schön, jetzt – nicht jung. Sonst ist alles ein und dasselbe. Nur die Haut zählt. „An meiner Haut bin ich gescheitert“, schrieb sie in ihrem Text.

Mann 1.
Mann 1. war fünf Jahre jünger. Sie waren alle jünger. Ein politischer Flüchtling und kluger Informatiker. Einmal sagte er ihr, sie hätten in ihrem Büro in Polen eine Mitarbeiterin gehabt, die sehr gut im Programmieren war. Für eine Frau erstaunlich gut. Sie sinnierten ein wenig darüber, bis sie entdeckten, dass ihre Beine stark behaart waren. Und dann war ihnen alles klar. Sie verstand es nicht. Was war euch klar? fragte sie. Was denn? Ist doch klar, sie war gar keine Frau, sie hatte viel zu viele männliche Hormone.
Sie wohnten in seiner kleinen Wohnung in Reinickendorf. Ein Zimmer, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Leer, alles eingepackt. Das war die Zeit, als Klaudias Mutter das erste Mal aus Polen zu Besuch kam und als sie weg fuhr, nahm sie Julia mit. Daher war es überhaupt möglich, dass Klaudia mit dem Mann 1. etwas hatte. Er war dabei, nach Amerika auszuwandern als sie sich kennen lernten. Seine Freundin war schon seit ein paar Monaten drüben. Sie war für ihn ein Lückenfüller, er für sie bloß ein Halt.
Die Träume, die sie bei ihm träumte, waren politisch. Man glaubt, man würde zwangsweise zurück in die Heimat gebracht, wo alles grau und politisch ist. Man wacht schweißgebadet auf. Alle Emigranten träumen davon. Manche schreien.
Sie schrie. Er schrieb darüber. Er war ein Schriftsteller, naja, so was in der Art. Sie waren alle in der Art schreibende Wesen gewesen, er arbeitete in einer polnischen Exilzeitschrift, wo auch sie angefangen hatte zu arbeiten.
Nach drei Monaten flog er nach New York.
Sie fühlte sich einsam und verlassen. Dem Leben ausgeliefert. Sie wollte nicht zurück, war aber auch nicht richtig da.
Daher.
Selbstmord á la Virginia Woolf. Steine in die Manteltaschen und ins Wasser gehen. Die Taschen unbedingt vorher zunähen, sonst spült das Wasser die Steine heraus. Und ohne Steine lässt sich der Körper nicht ertränken. Er kämpft, auch wenn er nicht schwimmen kann. Und gewinnt. Der Instinkt zu überleben lässt sich nicht so einfach überlisten.

Mann 2.
Mann 2. war zehn Jahre jünger. Ein Schriftsteller. Darüber hinaus ein romantischer. Das lag daran, dass er sehr jung war.
Bei ihm träumte sie sehr oft ihre typischen KZ-Träume. Sie faszinierten ihn und sie schrieb sie für ihn auf. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er diese Träume in einen seiner Texte einmontiert hatte. Ihre Texte wanderten immer wieder zu den anderen. Auch ihre Sachen, Bücher, Klamotten. Natürlich auch Geld. Alles war flüssig und spülte sich aus ihrem Leben in das Leben der Anderen. In diesen Träumen war es immer ihre Mutter, die sie ins KZ schickte. Ihre jüngere Schwester durfte mit Mama zu Hause bleiben, nur sie musste hin. Fast jede Nacht.
Du machst deine Mutter zur Kripo, sagte der Mann 2. Sie schaute ihn an. Quatsch, sagte sie, meine Mutter hat das schon alles durchgemacht, jetzt bin ich an der Reihe. Und deine Schwester? fragte er. Ja, meine Schwester, sagte sie. Ich weiß nicht, das betrifft nur mich. Weil du wie eine Jüdin aussiehst und sie nicht, sagt er.
So einfach ist das.
Daher.
Sie wohnte bei ihm, in seiner dunklen Wohnung in der Sonnenallee. Die Wohnung war so dunkel, dass man am Tage immer, sogar im Sommer, Lampenlicht brauchte.
Er betrog sie.
Dann vielleicht daher.
Mann 2. schlief. Sie stand auf und ging sehr leise aus der Wohnung aus. Zum Urbanhafen am Landwehrkanal. Sie wollte ins Wasser gehen, ihre Tabletten schlucken und beim Einschlafen ins Wasser fallen. Der Mann 2. ist von seinem Hund geweckt worden. Er zog sich an und lief los. Er hätte verschiedene Straßen durchsuchen können, hat aber gerade die als erste genommen, die ihn zum Urbanhafen brachte. Hat sie noch am Leben und gerade beim Tablettenschlucken erwischt, weil sie ziemlich langsam ging, und er lief, und außerdem wollte sie noch vorher eine Zigarette rauchen.
– Die Enten, sagte sie, als der Mann 2. und sein Hund sie gefunden haben. Sie stand schon im Wasser. Es war kalt, aber es machte ihr nichts aus. Sie wollten nicht, dass ich hineingehe, sagte sie noch. Und schlief ein.
Sie glaubte, sie habe ihn geliebt. Er verließ sie. Für eine jüngere Blondine. Zehn Jahre später wollte er zu ihr zurück. Auch zwanzig Jahre später. Sie wollte das nicht. Zehn Jahre später graute ihr vor der Vorstellung, mit ihm Liebe zu machen.

Mann 3.
Den Mann 3. hatte sie sich „zugelegt“ als sie sich von Mann 2. trennte. Er war sieben Jahre jünger. Ein Araber, der in ihr Leben die ganze Palette der Requisiten einbrachte, die zum Bild der romantischen Liebe, Ausgabe orientalisch, dazugehören. Dem ist schwer zu widerstehen. Sie wohnte in Wedding, in einer Hinterhof-Einraum-Ofenheizung-Wohnung, direkt an der Mauer. Vor der Mauer gab es S-Bahn-Gleise und dahinter Häuser. Sie wohnte dort zwei Jahre und hatte nie jemandem aus dem Fenster schauen gesehen. Manche Leute meinten, dort wohnte niemand, die Häuser stünden leer. Andere wiederum behaupteten, da wohnten Stasimitarbeiter und sie schauten sehr wohl aus dem Fenster, bloß heimlich. Für den Mann 3. war sie zu dünn, er fütterte sie mit Nutella und Sahne. Es war keine Liebe, sie brauchte Trost und er eine Aufenthaltserlaubnis, und da sie ihn nicht sofort heiraten konnte, suchte er zwischendurch andere Frauen. Einmal ging sie mit ihm in eine Araber-Afrikaner-Disco. Alle Frauen waren älter als ihre Tänzer. Manche sahen fürchterlich aus, dick, wabbelig, große weiße schwammartige Gesichter. Da machte sie Schluss. Sie warf ihn raus. Obwohl er meinte, sie würde es nicht aushalten, jetzt ohne ihn zu leben, weil er sie mit Sex verwöhnt habe, und es würde ihr fehlen. Ja, sagte sie, vielleicht haste Recht. Und jetzt geh. Beim Weggehen hat er sie noch beklaut. Sie ekelte sich von sich selbst.
Daher.
Eine Ausnahme. Ein Freitodversuch ohne Wasser. Dafür aber mit einem Ofen. Ein Versuch sich mit Kohlendioxid zu töten. Lächerlich. Gehört zur Literatur des 19. Jahrhunderts, als alle Wohnungen mit einem Ofen beheizt wurden. Mit richtigen Kohlen. Mit Braunkohlen aber… wie konnte sie so dumm gewesen sein? Nichts außer Kopfschmerzen und einen Text, den sie am nächsten Morgen in ihrer Schreibmaschine fand: „Der Ofen wurde in der Volkskultur europäischer Länder als Symbol der Verbindung zwischen Himmel und Hölle betrachtet…“ Eruditen bleiben also auch unter Wirkung von Kohlendioxid kluge Menschen.

Mann 4.
Sie wohnten ein paar Jahre zusammen in einer Wohnung in Moabit, in der Nähe vom Moabiter Gefängnis. Er war siebzehn Jahre jünger. Der Einzige ihrer Liebhaber, der kein Schriftsteller war. Dafür aber klug und intelligent. Er liebte sie. Wollte sie heiraten, ein Kind haben. Auf seine Art liebt er sie bis heute. An einem fürchterlich kalten Gründonnerstag entdeckte sie, dass er ein Homosexueller ist und dass sein bester Freund sein Liebhaber ist.
Er hat sie belogen. Jahrelang. Baute um sie herum eine Mauer aus Lügen, die von allen, die ihn kannten, aufrechterhalten wurde. Alle wussten, dass er ein Schwuler ist, nur sie nicht.
Daher.
Sie erzählte überall, dass sie zu Ostern wegfährt, schloss sich in ihrer Wohnung ein, schrieb ein paar Gedichte, schluckte 90 Tabletten, trank zwei Gläser Wein und verstreute weiße Rosen in der Badewanne – für diejenigen, die ihre Leiche entdecken. Zwei Tagen später wurde sie tatsächlich entdeckt, aber doch sie und nicht ihre Leiche. Sie lebte. Mit hundert Schlaftabletten lebte sie zwei Tage. Hatte sogar Hunger inzwischen, war aus der Badewanne rausgekrochen und hatte sich ein paar Brote geschmiert. Nicht aufgegessen jedoch. Sie lagen in der Küche auf dem Fußboden. Mann 4. hat sie und ihre Brote entdeckt, weil er sich aus ihrer Wohnung ein paar Bücher holen wollte. Er rief die Feuerwehr an. Ein großer Sanitäter trug sie in den Armen aus ihrer Wohnung. Sie wurde in die Psychoanalyse geschickt und träumte von Reisen weit weg, nach Tibet oder Venezuela, wo sie nie gewesen ist.

All diese misslungenen Todesfälle. Und immer von neuem Tabletten sammeln. Das ist eine mühsame Aufgabe. Man muss neue Ärzte suchen, sich neue Geschichten einfallen lassen. Man bekommt höchstens 20 Tabletten im Monat. Um an einem vernünftigen Vorrat von circa 100 Tabletten zu gelangen, muss man sich schon ein halbes Jahr bemühen. Die Ärzte immer wieder anlügen, sie sehr klug und lebensfreudig anlächeln, sonst schöpfen sie Verdacht und ade du romantischer Tod mit Wasser und Tabletten.
Man kann natürlich auch ohne Tabletten und Wasser ist immer da. Aber auch dabei kann sich das Schicksal einmischen.

Mann 5.
Den Mann 4. hat sie also rausgeworfen. Ein paar Wochen danach kam der Mann 5. unerwartet aus Polen nach Berlin. Er war sieben Jahre jünger, sah wie Hugh Grant aus und war ein Schriftsteller. Und er war Jesus. Das glaubte er und sie glaubte ihm. Obwohl sie selber dachte, er sei Thanathos, der junge griechische Todesgott. Sie hatten sich vor Jahren in Polen kennen gelernt. Es war nichts daraus. Sie hatten sich jahrelang nicht gesehen und sie hat eigentlich nie erfahren, wie und wozu er sie nach all diesen Jahren suchte und in Berlin fand. Es sei denn, er kam, Hermes Psychopompos, um ihre Mutter auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Nach ihrem Tod kam Julia für immer zurück nach Berlin und Klaudia trennte sich von dem Mann 5. Er war der schönste Mann, mit dem sie je zusammen gewesen war. Alle Frauen schauten ihn mit geöffnetem Mund und geöffneten Beinen an. Sie wohnten zusammen bei ihr in der Wohnung am Chamissoplatz oder bei ihm in einem alten Dorfhaus in den Sudeten. Er war ein typischer Intellektueller, der sich aus Warschau in die Natur zurückzog. Sie fuhr fast jede Woche mit dem Zug nach Görlitz, ging mit einem kleinen Köfferchen zu Fuß über die Grenze und nahm einen Bus zu einem Dorf, von dem man zwei Stunden über die Berge gehen musste, um zu ihm zu gelangen. Als sie das erste Mal dorthin kam, war es Mai, überall blühten weiß die Obstbäume und nachts kamen in Garten die Rehe. Sie liebten sich im Obstgarten und im Wald, sie schaute in die Sterne, die viel größer waren, als in Berlin. So waren auch ihre Träume, wie von Mozart. Fantastische Nachtlandschaften. Der Mann 5. hatte noch eine Wohnung in Warszawa und dort eine andere Freundin, die eine Jungfrau war. Das war ihm plötzlich sehr wichtig. Total altmodisch, sagte sie. Ich kann nichts dafür, erwiderte er. Du bist intelligent und begabt, das ist mir schier wichtig, aber ich brauche eine Ehefrau, eine Mutter meiner Kinder und… Er wollte sie beiden haben, diese Jungfrau in Warszawa und sie in Berlin. Nein, daraus wird nichts, sagte sie.
Daher.
Pulsadern in der Badewanne. Man muss aber wissen, wie man schneidet. Und vor allem ist das Wasser später rot. Sieht nicht so aus, wie es aussehen sollte. Es hat doch klar, sauber und durchsichtig zu sein. So oder so. Einmal ausprobiert. Falsch geschnitten. Quer statt längs. Dauerte lange bis sie in der Badewanne ohnmächtig wurde. Und dann hat sich ihr ohnmächtiger Körper aus der Badewanne rausgeschleppt und sich die Wunden verbunden. Der Instinkt zu überleben… usw.
Das ist eben das größte Problem, dass ab einem gewissen Moment, wenn der Wille und der Verstand ausgeschaltet werden, der Körper selber die Initiative ergreift und das Seine tut. Eigentlich hat sie das immer gerettet. Der Instinkt, den sie nicht auszuschalten wusste.
Julia war gerade bei einer Kanufahrt mit ihrer Klasse. Als sie zurückkam, war alles schon längst vorbei. Nur, dass Klaudia jetzt an beiden Handgelenken frische Narben hatte.

Mann 6.
Bei dem Mann 6. hatte Klaudia sehr farbige Träume. Oft träumte sie, dass sie ein Auto fährt, was sie im Leben nicht kannte. Sie führ mit ihrem Auto durch grüne Landschaften an große blaue Seen heran, und überall blühten große bunte Blumen. Sie wohnten in einer Altbauwohnung in der Nähe vom Hermannplatz. Mann 6. war der erste, der ausnahmsweise zwei Jahre älter und nicht zig Jahre jünger war als sie. Er war ein Versager, ein Melancholiker, ein Philosoph, und ein Nachttaxifahrer. Er sah gut aus. Ein wirrer Philosoph mit wirrem grauem Lockenhaar. Wie Einstein ungefähr, nur besser. Sonst aber war alles wie gehabt: Er schrieb und hatte einen sehr schwierigen Charakter. Daher war Klaudia sicher, dass sie ewig zusammen bleiben würden. Wie zwei alte Schildkröten. Alt und klug, und treu. Sie waren lange zusammen. Am längsten eigentlich. Und doch unterschätzte sie seinen Charakter. Oder den ihren. Sie hielt es nicht aus. Acht Jahre mit einer schwer depressiven, unzufriedenen Schildkröte wuchsen ihr über den Kopf. Als sie erklärt hatte, weshalb sie meint, sie sollten sich trennen, hoffte sie, dass er es als Warnung nähme und sich ändert. Er warf ihr aber ihre Schlüssel auf den Tisch und ging.
Sie weinte fürchterlich, als er ging. Julia wohnte schon in einer WG in Friedrichshain.
Daher.
Klaudia saß in der Badewanne voll warmem Wasser und zog einen Elektroheizlüfter in die Badewanne hinein. Es war eine schneevolle Silvesternacht, sie blieb am Leben, verursachte nur einen Kurzschluss und zwang das ganze Haus, ohne Strom auszuharren. Sie wusste nicht, dass in Deutschland die Badewannen geerdet sind.

Sie ließ alle rettenden Zufälle geschehen, aber der Lebenswille fehlte ihr nach wie vor. Sie lernte zu ironisieren. Sie nahm mit Bitterkeit wahr, dass sie wahrscheinlich unsterblich sei. Aber Ironie ersetzt das Gefühl der Wertlosigkeit nicht. Und man ist auch nicht schöner durch sie. Und nicht jünger.

Mann 7.
Dann lernte sie den 7. Mann kennen. Für drei Jahre. Nach drei Jahren trennten sie sich, freundlich, aber für immer. Er war 20 Jahre jünger und konnte sie nicht lieben. Er hätte sich nicht dazu zwingen können. Das waren seine Worte und das war der Grund, weshalb Klaudia diesen Satz über die Haut schrieb. Sie wusste: Er kann sich nicht zwingen, weil ein Mann eine junge Haut braucht. Sie bekam einen Hautausschlag, als sie den Satz geschrieben hatte. „Bei mir werden alle Symbole sofort Realität“, schrieb sie. Aber sonst war er eigentlich besser als alle anderen. Trug sie in den Armen, bewarf mit Blumen und Geschenken, schwärmte von ihrem Stil und Charakter, von ihrer Schönheit und Klugheit, meinte, sie sei die wichtigste Person in seinem Leben und weinte, wenn sie ab und zu sagte, ihre Beziehung habe keinen Sinn, sie sollten beide damit aufhören, sich gegenseitig zu belügen, die Sache sei sowieso nicht von Dauer.
War sie auch nicht. Klar. Er ging mit einer Frau weg, die mehr als 30 Jahre jünger war als Klaudia. Es war übrigens auch nicht von Dauer, aber danach kam eine neue, die noch jünger war als die erste. Klaudia saß in ihrer schönen großen weißen Wohnung in Kreuzberg und wusste, dass sie hilflos ausgeliefert war. Mit ihm ging nicht nur ihr Lebenssinn verloren. Sie verlor ihre Arbeit, hatte kein Geld, wurde plötzlich von allen möglichen Krankheiten befallen. „Ich bin jetzt alt“, schrieb sie. „Alt und zerbrechlich. Man kann mich so einfach verletzen und damit umbringen“. Als er ging, träumte sie von ihrer gestorbenen Mutter und anderen, die gestorben waren. Sie riefen sie zu sich.
Daher.
– Daher, sagte Dirk, als er das goldene Heft wieder ablegte.
– Nein, sagte Julia. Das ist ein falsches Wort.
– Wieso?
– Weil das bedeuten würde, dass diese Männer daran schuldig waren. Und sie waren es nicht.
– Sondern? fragte Helga.
– Sie selber. Sie konnte nicht leben. Die Männer, so lange sie sie liebten, schützten sie vor dem Tod. Als sie allein war, entstand in ihr eine Leere. Sie musste geliebt werden. Sonst hatte sie keinen Halt.
– Liebe, sagt die andere Julia, staunend. Sie wurde doch geliebt.
– Aber nicht bedingungslos und nicht ohne Abstriche.
– Platon, sagt Dirk. Ein Ideal der Liebe, das es nie und nirgendwo gibt.
– Und jetzt gibt sie es auch nicht mehr, sagt Julia. Daher. Sie nimmt wieder Klaudias Buch in die Hand.
Das letzte, was sie gesehen hatte, war der zahnlose Penner. Du wirst ihn hinkriegen, sagte er. Zu spät, erwiderte Klaudia, ich möchte schon niemand mehr kriegen.

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Polska pisarka w Berlinie
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2 odpowiedzi na „Vergessene Texte

  1. Anne Schmidt pisze:

    Ist mein Komentar angekommen? Finde den Text poetisch, traurig, interessant, spannend,…

    Anne

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