Die kleine große Welt (12)

Monika Wrzosek-Müller

Die blühenden Landschaften der sachsenanhaltinischen Wüste

Sie fuhr an einem Sonntag in die sachsenanhaltinische Wüste, ohne Zwang, von selbst, am heißesten Tag des Sommers. Die schönen Landschaften mit den Seen ließ sie um Berlin und dann an der Elbe links liegen und steuerte direkt in die ausgetrockneten Rapsfelder, die, alle gelblich-grau, von weitem wie unendliche Sandflächen aussahen. Sie zogen sich in die Länge und Breite, fast ohne Unterbrechung, auf riesigen Feldern. Dazwischen lagen wie Oasen kleine Dörfer mit ein paar Bäumen und einigen Häuschen, manchmal um eine Kirche gruppiert, alle so klein, dass man sich wunderte, wie man da überhaupt rein- und rauskam, geschweige denn wohnen konnte. Die Oasen hätten inzwischen zu den versprochenen blühenden Landschaften sein sollen, doch im Sommer, in der Hitze stand das Blühen still, alles stand still, und das meiste war vertrocknet und leer; die Leute waren versteckt, in den Kellern, weil es da am kühlsten war, oder in den kleinen Puppenstuben. Und sie fuhr durch die Gegend auf der Suche nach etwas Essbarem, nach Menschen, die ihr den Weg weisen würden, und kurvte und wendete. An der Straße gab es Kirschenbäume mit vielen roten Kirschen und Felder voll von gelben Himbeeren, die auf die Selbstpflücker warteten, die aber doch lieber himbeerrote Himbeeren essen wollten, und so standen auch diese Felder leer und still; sie wünschte sich aber etwas Warmes, Gehaltvolles zum Essen, das gab es leider nicht, nicht am Sonntag, nicht um diese Uhrzeit und nicht in der Gegend.

Und dann kam sie zu einem Gut, einem alten Rittergut, schön im Park gelegen, mit einem Teich – und mit einer Initiative unglaublich engagierter Leute, die anderen helfen wollten und sich selbst dabei auch. Vor dem Café stand schon eine Viertelstunde vor der Öffnungszeit eine Schlange; das ganze Dorf strömte herbei und versammelte sich, mitsamt der jungen Leute von der Initiative, und alle verspeisten frisch gebackenen Kuchen und tranken Kaffee oder Bier und sprachen von diesem und jenem, die Jungen mit den Alten.

Das Gut gehörte einer reichen Familie aus dem Westen, und inzwischen, nach Jahren der unbeholfenen aber durchaus hilfreichen Verwaltung, wollte die es verkaufen, für eine eher symbolische Summe, aber jetzt konnte die Initiative hier keine Events mehr organisieren und die Büroraume mussten aufgeben werden; die Heizung hatte man ihnen abgedreht, das Wasser abgestellt. Nur den Garten konnten sie weiter betreiben, blühende Landschaften schaffen und pflegen.

Sie dachte bei sich, wie kompliziert die ganze große Welt doch sei: auch die Kleine hat nichts gelernt, ist nicht klüger geworden, hat nicht verstanden, dass man nicht alles durch Fortschritt und Sparen in blühende Landschaften verwandeln konnte und dass nicht alles für Geld, mit Konkurrenz und Wettbewerb, durch Werbung zu gewinnen ist. Im Radio machten gerade die Griechen ihre „Hausaufgaben“ nicht, sie entschieden sich, auf dem falschen Weg in die falsche Richtung zu gehen und verdienten keinen Applaus; nein, sie bereiteten allen Kopfschmerzen und niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Wer wem aus welchem Topf oder von welcher Bank Geld leihen und verzinsen und wo dieses Geld dann tatsächlich landen würde. Und sie dachte, die kleine Welt unterschied sich nicht mal so sehr von der großen; auch die wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Nach außen war alles geputzt und renoviert, dass aber gar kein Plan weiter dahinter steckte und die Leute damit nicht einverstanden waren, verschwand in der monströsen Hitze des Tages, floss mit dem Schweiß der Ärmsten weiter, ohne dass sich etwas änderte.

Es gab einige Gärtchen, die wie aus der Märchenwelt herausgeschnitten waren; auch mit den Zwergen und Fröschen und Fliegenpilzen und anderen Tieren, die still und unbeweglich, immer brav in ihrer Aufstellung, Positionen einnahmen und wie Stillleben von einer besseren Zukunft in der Märchenwelt zeugten. Manchmal hingen große Rosenbüsche über die Zäune oder verblühende Jasminsträucher standen in voller Pracht im Garten. Es blühten Gänseblümchen und Margeriten, Rittersporn und Kapuzinerkresse, beim näheren Hinsehen konnte man auch kleine Steingärten entdecken, in Terrassen angelegt und großen Steinen befestigt. Man sah die Mühe, den Aufwand von Zeit, Zuwendung und Hingabe, Geduld und Mühsal.

Bei der Initiative war alles groß: das Schloss, der Park, der Gemüsegarten, der Teich und es standen große hölzerne Skulpturen im Grass, vor dem Schloss, die man als Sitzangelegenheiten benutzen konnte oder doch eher bewundern sollte. Im Schlosswald gab es einen Erlebnispfad, wo man klettern konnte und balancieren in der Höhe, zwischen zwei riesigen Bäumen, auf einer Lücken-Brücke, die nur mit Absicherung zu begehen war und vielen anderen schwierigen Balanceakten in den Baumhäuschen wohnen konnte. Sie wunderte sich, wer um Gottes willen, in dieser Oase auf diese Bäume hoch klettern wollte, würde; wer sollte das alles unterhalten auch wenn es schwierigen Kindern helfen würde, war es doch sehr schwierig welche zu finden, um sie balancierend und abgesichert auf den Erlebnispfad hätte schicken können.

Und sie dachte bei sich; vielleicht war das wichtigste, die Initiative zu ergreifen und aufzubauen und mit anderen solche Pläne zu schmieden und sie doch auch irgendwie im Kleinen zu realisieren, ohne großen Ehrgeiz; aber sie war sich nicht sicher, ob sie hätte mitmachen können, denn es fehlte ihr der Glaube an den Erfolg und das Glück von solchen Initiativen. Und dann kamen ihr wieder die Griechen in den Sinn mit ihrem Nein zu den Forderungen und Sparprogrammen und sie dachte, ohne Initiative ist die ganze Sache nichts wert, aber ihr fehlte wiederum der Glaube auch an die Griechen und so fuhr sie weiter in die Wüste der Hitze des Sommertages und versuchte an nichts mehr zu denken und keine Initiativen zu ergreifen sondern für sich im Stillen zu sein.

Informacje o ewamaria2013

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