Die kleine große Welt (13)

Monika Wrzosek-Müller

Yoga Festival-Kladow

Wie jedes Jahr fuhr sie mit der Fähre nach Kladow; was wichtiger war: die Fahrt selbst oder das jährliche Event des Yoga-Festivals, wusste sie nicht. Leider war die Fähre modernisiert und die alte, die an ein Boot erinnerte – klein, mit ein paar Plätzen auf dem Dach – durch ein Monstrum aus geschlossenem Plexiglas ersetzt, das an eine breite S-Bahn erinnert. Vorbei damit, dass man den Wind spürte und auf dem Deck eng mit den anderen auf Yogamatten zusammen saß. Es war sauber, übersichtlich, mit Reihen von Sitzplätzen, wie im Kino, mit enorm viel Platz für wenige, die ihn nicht brauchten; doch sie fuhr damit.

Und wie immer war die Überfahrt ein Erlebnis für sich; sie war in ihrem Kopf noch Meilen von dem Yoga Event entfernt; schaute verträumt um sich herum, auf das Wasser, die vielen Boote, die bewaldeten Ufer des Wannsees; die schöne Seite von Berlin stimmte sie melancholisch. So lange kämpfte sie schon mit sich um ihren Platz in diesem Berlin und den Platz von Berlin in ihr; es war unendlich schwer das zu verbinden, sich zu finden als Mensch, als Ehefrau, als Mutter, als Fremde, als Germanistin, als Arbeitskraft, als Yogalehrerin, als Übersetzerin und als Deutschlehrerin. Immer wieder nagte das Gefühl an ihr, nicht dazu zu gehören, etwas verpasst zu haben; sich nicht einmischen zu wollen, das Leben von außen zu betrachten, nicht bemerkt zu werden und nicht das eigentliche Leben zu leben. Es lag an ihr, der langsame passive Gang ihres Lebens, sich vorwärts schaukeln, wie die Wellen nach vorne rollen und schnell wieder zurückkehren, sich zurücknehmen, was man schon erreicht hat, zerstören. Die Überfahrt war lang und doch kurz oder genau richtig, um nicht zu lange grübeln zu können.

Die jungen Leute um sie herum mit eingerollten Matten zogen sie an, gaben ihr den Vorwand, weiter zu machen, nicht stehen zu bleiben, lebendig zu sein. Und doch spürte sie, dass es für sie eine Außenseiterrolle im Leben war, sie war nicht drin, sondern verlor sich an den Rändern der gesellschaftlichen Aufgaben, auch um nicht allzu ernst genommen zu werden und sich nicht allzu ernst nehmen zu müssen. War das eine Art Flucht oder Ausweg aus ihrer immer wieder sich verknotenden Seele, aus der oft nicht stimmigen inneren und äußeren Welt? Mit diesen Gefühlen saß sie in der Fähre und ging dann den mit blühenden Linden gesäumten Weg zum Gutshaus Neukladow und den Park rundherum, den Abschnitt bewältigte sie mit schnellem und energischem Gang, um mit den jungen Leuten Schritt zu halten. Das Festival, fand sie, war stimmig für Yoga, für sie und für die jungen Leute mit ihren Rasta-Locken und bunten, langen Kleidern mit Tattoos, oft barfuß, aber immer nett und mit einem Lächeln auf den Lippen, es war ganz frei, ohne feste Vorgaben, wo wie und wie lange man bleiben, zuhören, mitmachen sollte. Jeder ging, übte mit, saß, sang, meditierte solange er wollte, konnte oder es ihm Spaß machte. Das fand sie gut, sogar sehr gut in der Welt der vielen Zwänge; meistens sprach sie mit völlig fremden Menschen über dieses und jenes, es waren selten die yogischen Themen, obwohl es irgendwo klar war, dass Yoga sie alle verband, als die Art, wie man das Leben verstand oder zu verstehen versuchte und sich ohne Druck im Leben voran bewegen mochte. Dieses ein bisschen verrückt sein gab ihr mehr Platz, mehr Raum und Freiheit, in der geordneten, sehr von außen gesteuerten Welt zu bestehen; sie verstand, warum so viele Immigranten Künstler waren, es blieb ihnen nichts anderes übrig, das war ihre Art mit der Außenwelt fertig zu werden, zu überleben, im Meer der Fremdheit zu schwimmen.

Sie lagen dann alle auf den bunten Matten auf der Wiese, mit ganz verschiedenen Meditationskissen oder ohne, die Reihen von Menschen, unheimlich viele: jung und älter und manchmal ganz alt, mit dem Wunsch und der Neugier sich zu bewegen oder zu spüren, wie es ist, bewegt zu sein, sich wahrzunehmen, bei sich zu bleiben. Manchen gelang das vielleicht, andere kämpften mühsam darum, entdeckten es gerade für sich; eine ganz andere Welt, emotional und sehr nah, körperlich und geistig, sehr anspruchsvoll aber für jeden erreichbar, tolerant und inspirierend. Sie beobachtete die anderen, wie weit gingen sie mit, was machten sie mit dem Atem, wie gut waren sie in den Stellungen. Es gab viele, die alle Übungen perfekt ausführen konnten, und einige, die gerade dabei waren sie zu erlernen; diejenigen schaute sie immer wieder neugierig an, heimlich aber fasziniert. An ihre Anfänge konnte sie sich nicht mehr erinnern; sie übte Yoga schon sehr lange, was nicht bedeutete, dass sie geübt war, wie immer fehlte ihr der Ehrgeiz perfekt zu sein.

Zu Mittag aß sie Falafel, seit vier Jahren an denselben Stand, mit wenig Soße, und trank dazu ihren Mango-Lassi; es schmeckte und stärkte wunderbar. Nebenan saßen zwei ältere Inder in ihren weißen Dhotis und Kurtas sehr yogisch und sehr indisch; sie erzählten, dass bei ihnen zu Hause, in der großen indischen Welt immer Männer zum Yoga kämen, sie würden lange sitzen und Pranayama üben und einige Mantras singen, manchmal meditieren, doch hier würden sie nur Frauen vor sich haben, die alle auf diese gymnastische Übungen aus wären und gar nicht zuhören wollten und ganz bestimmt nicht lange unbeweglich sitzen. Das wäre hier eine ganz andere Welt und das Yoga hätte ein ganz anderes Gesicht; und sie mischte sich ein: dass man auch hier in dieser Welt Mantras singen und zu meditieren versuchen würde, doch viele würden eben dem Körperlichen mehr Platz einräumen. Und sie waren ganz erfreut das zu hören und sagten: Yes madam, you are welcome in our class, please come and join us. Und so gingen sie in ein ganz kleines Zelt der kleinen Yoga Welt in Kladow und übten ihre Pranayama und tönten Om und kehrten irgendwann alle zufrieden nach Hause zurück.

Informacje o ewamaria2013

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